Blaudruck, manufactured by Farbwerke vorm. Meister Lucius and Brüning

Eine sehr sehr ruhige Zeit. Mein Studienaufenthalt in Schönberg im Museum kann nicht stattfinden, der jährliche große Martinsmarkt in Tallinn (Mardilaat) ist in den virtuellen Raum verschoben worden, die Krankheit weitet sich weiter rasend schnell aus und die unselige Mischung aus Corona-Leugnern und Rechtsradikalen verheert die politische Landschaft.
Den mangelnden Respekt vor dem Leben und der Freiheit haben sie wohl von dem amerikanischen (Ex-)Präsidenten mit dem toten Tier auf dem Kopf übernommen. Am Tag der Reichskristallnacht, dem Tag des Gedenkens an die Opfer der deutschen Nazi-Herrschaft, will Pegida demonstrieren.
Die unheilige Allianz des Aserbeidschanischen Regimes mit dem Möchtegern-Sultan vom Bosporus bringt Krieg und Vernichtung nach Artsakh und Armenien, eine Region, die mir sehr am Herzen liegt und unsere Außenpolitik? Die schweigt dazu.

Es erscheint mir als ob alle bösen Geister entfesselt sind, als ob die Dummheit, Ignoranz und Aggression sich nunmehr ungehemmt ausbreitet, alle schlechten Eigenschaften der Menschen zu Tage treten können. Schon immer waren in Seuchenzeiten entfesselte Scharlatane, Kriegslüsterne und, ja auch, Frauenfeinde unterwegs, griffen Verschwörungstheorien um sich und verloren die Menschen alle Hemmungen. Kultur ist anscheinend nur eine dünne Schicht und verdeckt nur schwerlich Wahn und Agressionen, Wissenschaftsleugnung und Zynismus - ich empfinde diese Zeit gerade als Zivilisationsbruch.

Wir alle vermissen den Kontakt mit Freunden und Gleichgesinnten und ich muss mitansehen, wie einige Freundinnen in Depression fallen. Aber ich denke es geht nicht anders. Wir müssen vorsichtig sein, Corona ist eine schlimme Krankheit und wenn wir sie in unserer Umgebung angeblich nicht wahrnehmen dann ist das doch nur ein Zeichen dafür wie gut wir (im Gegensatz zu anderen Ländern und Regionen) bisher durch die mißliche Pandemie gekommen sind.  Wir müssen die Krankheit verhindern und bekämpfen und dürfen sie nicht leugnen! Ich bitte Sie von Herzen, seien Sie vorsichtig und besonnen, passen Sie auf sich und auch auf die Menschen in ihrer Umgebung auf und bleiben Sie gesund!

nun aber zu Erfreulicherem!

Der Artikel über den Pottmützenworkshop in der Ostseezeitung hat große Wellen geschlagen, Ich erhielt viele viele Anfragen. Ob ich nicht eine Mütze verkaufen könne  - oder eine Mütze stricken - das waren die häufigsten Fragen.
Und diese habe ich verneint. Ich habe die Anleitung erstellt und der Heimatverband MV stellt sie zusammen mit mir kostenlos zur Verfügung, ich möchte ja nicht den Rest meines Lebens ununterbrochen Mützen stricken, dazu habe ich noch zu viel vor! Aber es macht mich auch ein wenig traurig. Immer wieder bekomme ich zu hören, daß man eben leider nicht selbst stricken könne - ein Argument, das ich so nicht stehen lassen möchte.

Stricken kann man lernen. Es gab mal Handarbeitsunterricht, es gibt Kurse in den Volkshochschulen etc., die Buchläden sind voll mit Anleitungsbüchern für Anfänger und Fortgeschrittene, im Internet findet man Tausende Tutorials und Anleitungsvideos -  also warum nicht sich hinsetzen und es versuchen? Neugierde ist eine gute Lehrerin! Und Selbstgestricktes ist allemal nachhaltiger als Zusammengekauftes! Warum sind so viele Menschen so zögerlich und nicht bereit, mal etwas auszuprobieren?
Ich wäre nicht so glücklich wie ich heute bin (trotz aktueller Eintrübungen), wenn ich nie etwas dazugelernt hätte, wenn ich nie neugierig gewesen wäre und mit Geduld geübt hätte.

Piecework Herbst 2020

Es gab aber auch wirklich wunderbare positive Rückmeldungen und Anrufe. Ich bin mit Spinnerinnen von der Insel Rügen ins Gespräch gekommen und Kontakte verfestigen sich. Und es gibt schon Anmeldungen für den nächsten Workshop in Rostock am 5. Dezember! Auf der Seite des Heimatverbandes MV gibt es dazu Informationen und ein Anmeldeformular. Wenn Sie sich dort anmelden, beantworten Sie bitte auch die Fragen. Der Workshop setzt einige Strickkenntnisse voraus!

So. Und eine kleine Neuigkeit noch: Aus Jux habe ich eine neue Domain eingerichtet: https://www.pottmuetze.de! Das ist aber zur Zeit noch nur eine Weiterleitung auf die Pottmützen-Seite hier bei der Wockensolle, vielleicht kann ich den Inhalt ja irgendwann weiter ausbauen.

Ich habe zu Anfangs schon geschrieben, daß der alljährliche Martinsmarkt in Tallinn dieses Jahr nur virtuell stattfinden konnte. Die Veranstalter haben eine Webseite gestaltet, auf der die Teilnehmer und Aussteller vorgestellt werden und auch Neuigkeiten veröffentlicht wurden. Diese Seite ist noch für einige Zeit online und wenn Sie sie in einem Browser öffnen, der Webseiten schnell und gut übersetzen kann (also z:B. Chrome), dann muss man auch kein Estnisch können um sich an dem interessanten Inhalt zu erfreuen.

In der  Übersicht und den Vorstellungen der Aussteller, in dem Abschnitt "kudumit - knitwear" trifft man auf Külli Jacobson aus Setomaa und auf Riina Tomberg, die Handarbeitsvereinigung aus Haapsalu mit einer wunderhübschen Kaidi-Kätlyn auf dem Foto  - ich kann sie nicht alle aufzählen!

Die unglaubliche Vielfalt des estnischen Kunsthandwerks diesmal also online - immerhin!

Haapsalu Handarbeitsorgansiation

Kaidi-Kätlyn mit einem Schal aus Haapsalu!

Und jetzt einige Mardilaat-Videos, die mir besonders gut gefallen!

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EIn Besuch in Riina Tombergs Geschäft im historischen Gewölbe des Hauses Pikk 22, dem Sitz der Estnischen Handarbeitsvereinigung!

Ich bin immer wieder bezaubert von ihren wunderschönen Kreationen!

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Anu Randmaa aus Töstamaa stellt die estnische Stricktechnik "Roosimine" vor, eine Technik, bei der Faden der Kontrastfarbe nicht mitgestrickt wird sondern vor dem Strickstück quasi mitgewebt wird.
Ich hatte das Glück, beim Nordic Knitting Symposium 2018 einen Workshop mit Anu besuchen zu können und im letzten Sommer besuchte ich mit einer Gruppe des Craft Camps das Handarbeitszentrum in Töstamaa.
Dort sollten Sie unbedingt vorbeischauen wenn Sie in der Gegend sind!

Morgen binde ich noch weitere Videos ein, sie sind einfach zu interessant.

Ich habe es in meinem Jubiläumsartikel ja schon erwähnt: ich habe einen ganzen Satz Photos eines Glockenbetzels, einer Männermütze der Marburger Tracht, geschenkt bekommen und daran habe ich meine Freude. Diese Mütze fasziniert mich seit ich im Juli zum Geburtstag das großartige Buch mit den Trachtenbildern des hessischen Forschers Ferdinand Justi geschenkt bekommen habe. Und natürlich bin ich neugierig auf Männermützen, seit ich mich mit der pommerschen Pottmütze beschäftige.
Auch wenn es mir zur Zeit nicht möglich ist, wie geplant eine mehrtägige Reise nach Nordhessen zu unternehmen, um in Biedenkopf, der Marburger Gegend und im Kasseler Museum die Männerkopfbedeckungen zu studieren, sind die Mützen ja nicht aus dem Sinn. Und die Bilder, die ich gerade geschenkt bekommen habe, zeigen soviele Details, enthalten soviel Informationen dieser traditionellen Mütze - also, kurz und gut, die Neugierde bleibt angeheizt und diese Mütze stricke ich bestimmt demnächst nach.

Glockenbetzel

Das ist die Mütze in ihrer ganzen Pracht. Sie wurde, wie im oberen Teil ersichtlich, 1939 gestrickt, und zeigt die Initialien des Träges, U. E. Das Material ist dünnes Baumwollgarn, also keine Wolle, und sie ist fast "bis oben hin" gefüttert.

Die Rippe im breiten einfarbigen Streifen ist wohl die Reihe, an der Innenfutter und Außenseite zusammengestrickt wurden.

Das Innenfutter ist das gleiche Blau wie die Hauptfarbe der Mütze, es wurde also nicht wie sonst oft ein vielleicht billigeres, helles Garn verwendet. Das untere und das obere Musterband sind identisch und dadurch wirkt die Mütze so vollendet und symetrisch.

Solche Mützen sind auch in der Objektdatenbank der Kasseler Museumslandschaft zu finden, und deshalb zeige ich hier zum Abschluß des heutigen kurzen Beitrags ein Bild von Ferdinand Justi und einige der Mützen aus dem Museumsbestand.

Hinterländer Sonntagstracht aus Caldern

Hinterländer Sonntagstracht
Ferdinand Justi

Glockenbetzel Marburger Tracht

Glatt rechts flachgewirkte Mütze
Link zum Museumsobjekt

Glockenmütze aus dem Ebsdorfer Grund

Mütze aus dem Ebsdorfer Grund
Link zum Museumsobjekt

Baumwollmütze

diesmal keine blaue, sondern eine braune Mütze
Link zum Objekt im Museum

Jede dieser Mützen hat ihre Eigenheiten und die Beschreibung der Objekte irritiert mich. Die Mützen werden immer als "flachgewirkt" beschrieben:

Glatt rechts flachgewirkte Mütze, im oberen Drittel verschiedene Musterstreifen,
dazwischen eingewirkte Jahreszahl "1886" zwischen Kronen, ganz oben Stern. In 45 cm
Abstand von oben ein 12,5 cm breiter eingesetzter Musterstreifen in größerem Muster.
Mit der Hand zusammengenäht; oben Quast (Glocke).

Sie scheinen also nicht handgestrickt zu sein, sondern maschinell gefertigt? Die Wikipedia informiert:

Abgrenzung von Wirkware gegenüber Strickware, Webware und Bildwirkerei

Bei den Maschenwaren wird je eine Fadenschlinge in eine andere geschlungen, und so die miteinander verbindende Masche gebildet. Beim Stricken oder Häkeln wird eine Masche nach der anderen hergestellt, die Maschen liegen jeweils nebeneinander und der Faden verläuft horizontal entlang einer Maschenreihe; eine derart hergestellte Maschenware heißt Strickware, gleich ob manuell oder maschinell erzeugt. Bei Wirkwaren wird eine Vielzahl von Maschen in einem Schritt gebildet, indem zahlreiche Nadeln gleichzeitig den Faden vielfach ergreifen und je in Schleifen durch Schlaufen schlingen. Ein solches Verfahren wird nur maschinell durchgeführt, wobei die Nadeln und Platinen als Gesamtheit bewegt und in bestimmten Bewegungsmustern geführt werden.

Eine solche Fertigung kann ich mir nicht bei allen Museumsmützen vorstellen und die schöne Mütze aus dem Jahre 1939 ist nicht gewirkt sondern mit der Hand gestrickt.
Sind die blauen Mützen tatsächlich gewirkt? Bei der hellen Mütze kann ich das glauben, sie wird so beschrieben:

Glatt rechts flachgewirkte Mütze, im oberen Drittel grafische Musterstreifen, unterer
Rand mit Innenteil in Frotteetechnik gewirkt und grafisch gemustert, innen im oberen
Teil glatt gewirkt und von Hand beutelartig zusammengenäht; oben Quast (Glocke).

Und die Frotteetechnik ist ja nun mal eine Maschinentechnik, aber die anderen Mützen? Ich stehe noch ganz am Anfang.

Ich habe ja schon über die schöne Ausstellung im Nationalmuseum in Tartu berichtet, in dem alle Strickerinnen mit ihren wunderbaren Strümpfen vorgestellt werden. Hier noch ein Film vom estnischen TV, in dem auch Anu Pink, die Initiatorin dieser Aktion, vorgestellt wird.

Der komplette Artikel zu diesem Film findet sich auf der estnischen Webseite kultur.err.ee und wenn man diese Seite im Chrome-Browser öffnet, kann man sich den Text automatisch in gutes Deutsch übersetzen lassen.

Ein Auszug:

Im Estnischen Nationalmuseum können Sie die weltweit größte Ausstellung von Muhu-Socken sehen, die 70 historische Socken zeigt, die in Museen gefunden wurden. Für diese Ausstellung wurden jedoch auch 84 völlig neue Paar Socken hergestellt.

PS: Den Katalog zur Ausstellung kann man bei Saara.ee bestellen! Jetzt ist er auch auf der englischsprachigen Shop-Seite zu finden.
Der Katalog ist wunderschön, und ich habe auch einige Freundinnen unter den Strickerinnen entdeckt...

Ich kann diesen Sommer zwar nicht nach Estland fahren, aber ganz ohne Estland geht es nicht.
Da kommt eine Postkarte angeflattert mit dem Gruß "Liebe Frau Wockensolle"....

Rosaalie Karjam aka Kihnu Roosi

Eine Postkarte von der Insel Kihnu, die Vertrautes zeigt: zwei Frauen aus Kihnu, die sich beim Stricken unterhalten, eine davon ist Rosaalie Karjam, auch als Kihnu Roosi bekannt.
Ja, diese Szene ist mir nicht fremd und ich kann sogar sagen, daß dieses Bild im Kihnu Museum aufgenommen worden ist. Ein Ort, den ich sehr mag.
Der Kartengruß kam von zwei Damen, die ich bei einem Vortrag im letzten Winter kennengelernt habe. Und die jetzt eine schöne Reise durch Lettland und Estland unternahmen.
Danke!

Ein schönes Beispiel dafür, daß meine Begeisterung für die baltischen Länder, die Menschen dort und die Traditionen dort, ein Echo findet.

Eine ganz besondere Art, die eigenen Traditionen zu pflegen und wunderschön zu stricken, hat der "Kudujate Koopiaklubi" gefunden: Anu Pink hatte eingeladen, ein oder mehrere Paare der wunderbaren Muhu-Strümpfe zu stricken und viele Frauen meldeten sich für die Teilnahme an diesem Knit-A-Long an. Das Unternehmen nennt sich "Kudujate's Copy Club", Strickerinnen die entweder alte Vorlagen kopieren / nachstricken oder nach den überkommenen Regeln mit neuen Ideen und Mustern stricken.

Das Ergebnis: 84 strahlende, farbenfrohe Strumpfpaare, die in einer eigenwilligen und fröhlichen Weise im Estnischen Nationalmuseum in Tartu präsentiert werden. Die Ausstellung und der Katalog wurden von Anu's Verlag "Saara Publishing"  erarbeitet. Ein Fest für die Augen und ein Juckreiz für die Finger!
Mehr Infos zu der Ausstellung gibt es beim Estnischen Nationalmuseum und eine bezaubernde Bildstrecke bei FaceBook.

Der Katalog kann bei Saara.ee bestellt werden, ist aber im englischsprachigen Webshop nicht zu finden. Macht aber nichts, denn wenn man diese Seite im Chrome-Browser öffnet, kann man sich alles übersetzen lassen.
Zu den 12,80€, die der Katalog kostet, kommen noch die recht happischen estnischen Postgebühren hinzu, es lohnt sich also eine Sammelbestellung aufzugeben, dann wirds preiswerter.

Die Ausstellung wird bis zum 31. Dezember 2021 gezeigt, wir haben also eine Chance!

Letzte Woche habe ich endlich den Weg nach Schönberg ins dortige Volkskundemuseum gefunden, um eine erste Auswahl Mecklenburger Bauernstrümpfe zu studieren. Seit dem Trachtentag im letzten Oktober hatte ich diesen Ausflug ja vor, denn der Museumsdirektor, Herr Both, hatte versichert, daß es etliche Strümpfe im Bestand des Museums gäbe.
Ich habe für den Landesteil Vorpommern die Pottmütze rekonstruiert, da ist es nur gerecht und verfassungkonform, denn wie heißt es in Artikel 16 der Verfassung von Mecklenburg-Vorpommern?

(1) Land, Gemeinden und Kreise schützen und fördern Kultur, Sport, Kunst und Wissenschaft. Dabei werden die besonderen Belange der beiden Landesteile Mecklenburg und Vorpommern berücksichtigt.

Und da sollte ich dann Mecklenburg auch nicht benachteiligen.

Volkskundemuseum Schönberg
Volkskundemuseum Schönberg

Seit 2017 ist das Museum im Kochschen Haus im Zentrum Schönbergs untergebracht: zu den Sammlungen hier im Haus und im Freilichtmuseum "Bechelsdorfer Schulzenhof" gehören rund 17.00 Objekte. Wohl 30 davon sind Strümpfe.

Die Trachtensammlung sucht ihresgleichen!

Ich habe also Strümüfe studiert. Herr Both hatte mir einige Strümpfe aus dem Fundus ausgesucht, Männerstrümpfe und Frauenstrümpfe. Bevor ich ganz genau die Details studiere, wollte ich mir erst einmal einen Überblick verschaffen. Und da mir beim Trachtentag gesagt wurde, daß ein großer Mangel an "echten Männerstrümpfen" herrsche, die Trachtenträger aus Nordwestmecklenburg zum Teil ihre weißen gestrickten Strümpfe beim Urlaub in Bayern erstehen mußten, konzentriere ich mich erst einmal auf die Männerstrümpfe.

Drei weiße Männerstrümpfe lagen in dem Korb, und jedes Exemplar hat so seine Eigenheiten. Ich stelle sie erst einmal vor.

wie immer: für eine größere Ansicht aufs Bild klicken!

Was kann man schon bei einer ersten Sichtung feststellen?

Die Männerstrümpfe sind aus Wolle gefertigt, und zwar aus Wolle in unterschiedlichen Qualitäten. Der oberste Teil eines Strumpfes ist oft aus besserem Garn als der Rest gearbeitet. Es scheint, als sei nicht ausreichend "schöne" Wolle zur Hand gewesen, denn beide Exemplare eines Modells zeigen den Wechsel zu einem anderen Garn deutlich.

Das Bild rechts zeigt einen Strumpf mit einem Rippenbündchen und einer kleinen Lochmusterblende. Darunter wird dann glatt rechts gestrickt.
Eine linke Masche bildet eine Pseudo-Naht auf der hinteren Wade.

Garnwechsel

Die beiden Strümpfe nebeneinander gelegt zeigen auch, daß Abnahmen vom Bündchen zur Wade unterschiedlich gesetzt wurden.

Das Maschenbild ab der Wade wirkt aufgerauht, ungleichmässig und flockig. Vielleicht wurden die Strümpfe in einem Stiefel getragen und scheuerten am Innenleder?

Unterschiedliche Oberteile

Alle Strümpfe, die ich betrachten konnte. zeigten die gleiche Ferse: Mit Käppchen und einem dreieckigen Fersenboden.
Die Spitzen waren als Schneckenspitzen gearbeitet, mit 6 oder 8 Abnahmen, und nicht alle gleichmässig.Alle haben kleinere Stopfstellen und auch mal ein kleines Loch.

Auch wenn die Strümpfe Schmuckelemente im oberen Bereich zeigen, so sind sie doch nicht alle akkurat gestrickt. Keine Feiertags- oder Hochzeitsstrümpfe, vielleicht eher für den Gang zum Markt oder für den sonntäglichen Kirchgang?
Das Garn ist fein und die Maschenzahl ist hoch. Beim Strumpf mit dem breiten Lochmusterbündchen zählte ich 38 Maschen auf 10 cm.

Als erstes untersuche ich den Strumpf mit der Inventarnummer 10682 genauer.
Das Bündchen beginnt ohne Rippenmuster mit einem 7cm hohen seitlich geneigtem Lochmuster, dem nach einigen wenigen Runden glattgestrickt nocheinmal eine Lochmusterreihe folgt.

Das große Lochmuster habe ich mir schon aufgezeichnetund probegestrickt, schwieriger war es ein Garn zu finden, daß auf 38 Maschen / 10 cm kommt. Wenn ich die Anleitung fertig habe, soll der Strumpf ja mit leicht erhältlichen Stricknadeln und einem handelsüblichen Sockengarn gestrickt werden können.

Die ersten Versuche mit einer 2fädigen Wolle vom Skuddenschaf schlugen fehl, das Garn ist sehr hart, selbst nach mehrmaligem Waschen mit edlem Wollwaschmittel, und außerdem nicht so einfach zu beschaffen.
Ein Versuch mit einem ungefärbten Wollgarn mit einer Lauflänge von 500m/100g war auch nicht von Erfolg gekrönt, denn das Gestrick war zu fein.
Letzendlich habe ich es mit ungefärbtem 4fachem Sockengarn von der Firma Supergarne mit einer Lauflänge von 420m/100g und der Nadelstärke 2.0 versucht und ich denke, dabei bleibt es. Handelsübliche 4fache Sockenwolle hat eine Lauflänge von 400m/100g, ist also ein wenig gröber.

Da dieser Strumpf ein durchgängiges Muster hat, kommt es später sicherlich nicht unbedingt darauf an, ob nun 112 Maschen oder 98 Maschen angeschlagen werden, mit Nadeln Nummer 2.0 oder 2.5, aber fein sollten sie schon werden!

noch ein Hinweis

In Schönberg gibt es übrigens ein schönes Geschäft, in dem man tolle Wolle und schöne Stoffe kaufen oder an Kursen teilnehmen kann. Ein kleines nettes Straßencafé bietet es auch. Und alles in einer wunderbar hergerichteten alten Apotheke, mit den Apothekerschränken, Borden und Schubladen:

Verstrickt und Zugenäht - das Wollgeschäft im Norden heißt das Geschäft. Und da ich einen mehrtägigen Studienaufenthalt im Museum plane, werde ich dort sicherlich auch immer wieder hereinschauen.
(Bei Facebook: https://www.facebook.com/verstricktundzugenaeht.schoenberg)
 

Es liegt alles so Nahe beeinander in diesen Zeiten. Am Samstag trafen wir uns mit Freundinnen zu einem guten Abendessen und ich bekam unerwartet ein wunderbares Geschenk: Mechthild hatte einen großformatigen Muster-Atlas gefunden.

Auf einem kleinen Geburtstagsfest danach erfuhr ich daß eine liebe Freundin gestorben ist.
Wir leben in schlimmen Zeiten. Menschen leigen im Krankenhaus und dürfen nicht besucht werden, wir erhielten keine Auskunft, bekamen keinen Kontakt und nun ist sie ohne Abschied nehmen zu können gegangen.

Gestern nun hätte das diesjährige CraftCamp in Viljandi begonnen. Das ist aufgeschoben, wir hoffen alle auf nächstes Jahr.

Albanische Volksmotive bei Textilien und Strickwaren
Albanische Volksmotive auf Textilien und Strickwaren
albanische Ausgabe
Tirana, 1959

Ab und an tauchen unerwartete Bücher auf. So fand ich ja einmal in einer Bücher-Krabbelkiste einen Ozeanografischen Atlas des Indischen Ozeans im Riesenformat, und jetzt schenkte mir meine Freundin Mechthild den Band АЛБАНСКЕ НАРОДНЫЕ МОТИВЫ ТЕКСТИЛЯ И ТРИКОТАЖА (Albanische Volksmotive der Textilien und Strickwaren).
Auch dieses Buch war, wie mein Ozean-Atlas, ein Gastgeschenk anläßlich einer sozialistischen Freundschaftsreise gewesen und sie hatte es für mich ergattert, bevor es zum Altpapier kam.

АЛБАНСКЕ НАРОДНЫЕ МОТИВЫ ТЕКСТИЛЯ И ТРИКОТАЖА

АЛБАНСКЕ НАРОДНЫЕ МОТИВЫ ТЕКСТИЛЯ И ТРИКОТАЖА
russisch-sprachige Ausgabe, Tirana, 1959

Dieses Buch wurde 1959 in der albanischen Hauptstadt Tirana von der Ethnographischen Abteilung des Historisch-Philologischen Instituts  der Staatlichen Universität Tirana herausgegeben. Die Illustrationen stammen von Mustafa Ikbal. Und "meine" Ausgabe ist komplett in russischer Sprache gehalten. Eine Websuche brachte einen kleinen Artikel über dieses Buch in dem schon lange nicht mehr aktualisierten Blog WorkEven zutage und eine Bildersuche lieferte auch den Umschlag der englischen Ausgabe aus dem gleichen Jahr. Das Werk ist also wohl dreisprachig herausgegeben worden.
Besonders schön ist die Gestaltung des Inhaltes, 158 Grafiken auf 50 Tafeln, die mit einem Kordelband zusammengehalten werden.

Ein Vorwort und kurze Vorstellungen der einzelnen Textiltechniken (Weben, Stricken...), dann folgen die Tafeln mit den Musterzeichnungen; das Werk enthält nur Zeichnungen, keine Fotografien.

Die meisten Abbildungen zeigen Web- und Stickmuster, 30 Grafiken zeigen Strickmuster und dann gibt es noch "Schnurmuster", Muster bei denen Schnüre auf der Stoffunterlage aufgebracht werden.
Dieses Buch ist eine Wundertüte und ich werde die Muster sicher noch ausgiebig studieren.

Ein kurzer Blick auf die Strickmuster zeigt, daß mehrfarbig gestrickt wird, oft mit drei Farben in einer Runde. Einige wenige Muster scheinen mit der Intarsientechnik gearbeitet zu sein, z. B. das Muster Nr. 124.
Bis auf ein Flächenmuster (Nr. 143) handelt es sich um Bördüren. und Bandmuster. 

 

für eine größere Ansicht: aufs Bild klicken!

Und schon wieder habe ich ein Thema für den nächsten Muster-Sampler...

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PS: Wer jetzt neugierig ist auf dieses Buch: bei ebay.de gibt es gerade ein Exemplar der albanischen Ausgabe zu ersteigern, zu einem stolzen Preis.