Im Juni am längsten Tag des Jahres wird "Mittsommer" gefeiert, ganz besonders im Norden. Je nördlicher wir kommen desto kürzer wird die Nacht.

Ich habe die wunderbaren Mittsommer-Tage und die berühmten "Weißen Nächte" schon mehrfach in Puschkin / Carskoe Selo bei Petersburg erlebt, bis 2:00 Uhr morgens ist es taghell, dann wird der Himmel nachtblau und nach kurzer Zeit ist es wieder hell.

Ich war Gast beim lettischen Mittsommer-Fest "Ligo", an dem dem Gott Janis gehuldigt wird mit Bier, Käse, Blumenkränzen, Gesängen, großen Lagerfeuern; durfte mit der Familie Grasmane und ihrem Freundeskreis mitfeiern, am Ufer der Daugava.. auch für dieses Erlebnis bin ich heute noch dankbar und denke mit Freude daran.

Dieses Jahr nun, am Mittsommer-Wochenende, öffnen in Mecklenburg-Vorpommern wieder etliche Gutshäuser ihre Häuser und Parks im Rahmen der Mittsommer-Remise.
Und die Entscheidung für eine Veranstaltung fällt schwer, es gibt ja soviele Gutshäuser hier im Lande.
Uns fällt die Wahl leicht:

WIr fahren zum Schloß Kummerow!

Denn dort wird Einiges geboten.

Mittsommer-Remise im Schloß Kummerow

13:00 Uhr: Eröffnung im Hotel Raketa

15: 00 Performance, Musik, Konzeptstricken im Hotel Raketa

17:00 ebenso

Was ist da los?
Nun, das Schloß Kummerow beherbergt eine der größten privaten Kunstsammlungen, eine großartige Sammlung künstlerischer Photografie.
In einer der beiden Remisen erwartet Sie das Hotel Raketa, eine obskure Herberge für die Geschöpfe des eigenwilligen Künstlers und Tausendsassas Uwe Schloen.
Dort wird es um 15:00 Uhr und um 17:00 eine Performance des Künstlers und Musikers Heinz-Erich Gödecke geben.
Und weil ich als Groupie mitdabei sein werde bei diesem "Fast-Familienfest" (denn Uwe gehört seit langem zum engen Freundeskreis, nicht nur hier in Deutschland, auch in Estland!) , kann es sein daß Sie mich irgendwo im Hotel Raketa antreffen, in einer skurrilen Zauberwelt, mit Wolle auf den Nadeln und im Korb!

Dauerausstellung Hotel Raketa von Uwe Schloen
Eine Kunstinstallationen aus Holz und Silikon von  Uwe Schloen: Das Hotel Raketa
Der Name bezieht sich auf ein legendäres Hotel in Prag, mittlerweile abgerissen. Dort verkehrten Leute, die wenig Geld hatten und am Rande der Gesellschaft standen. Artisten, Prostituierte, Outsider, Trinker und all die anderen Freaks, die für wenig Geld ein Dach über dem Kopf brauchten.
Hier in diesen 12 Räumen des Kunstprojektes „Hotel Raketa“ sind ca. 300 Holz -und Silikonfiguren installiert, die damit ein neues Obdach gefunden haben.

Das wird sicher ein guter Tag!

Und dann noch ein kleiner Tipp: Vor dem Haupthaus, am rechten Rand der Wiese befindet sich der Friedhof der Literarischen Gestalten!
Ein Grab allerdings ist nach Gribow umgebettet worden: das Grab der "Dame mit dem Hündchen, ihrem Liebhaber und ihrem Hündchen"°

Nun war ich gestern in Demmin und habe im 3K Café die Wollspende überbracht. Zwei große Umzugskartons voller Strickstücke und auch noch einige Knäuel.

Es ist inzwischen eine große Menge Garn zusammengekommen, die bis zum 8. Mai, der Aktion "Stricken für Vielfalt und Toleranz - Demmin wird bunt", verstrickt sein will.
So sind aus Greifswald (Danke, Ilona!) noch einmal 6 Säcke mit Garn dazugekommen!
Die Kisten enthalten ja auch schon bereits fertiggestrickte, aber nicht fertiggestellte Strickteile, Jacken-Vorder- und -Rückenteile und vieles andere, manches stellte uns vor Rätsel, manche kann man so wie sie sind gebrauchen, manche wird man zerschneiden oder einarbeiten...

Und gestern wurde dann auch fröhlich gestrickt, gehäkelt und geschnackt. Wer stricken oder häkeln konnte, legte los, andere Teilnehmerinnen machten ihre ersten “Schritte” mit der Strick- oder Häkelnadel.

Am 17. Januar ist der nächste Strickmarathon geplant.Und den Flyer der Demminer Aktion "Stricken für Vielfalt und Toleranz"   Demmin - Stricken für Vielfalt können Sie mit diesem Link herunterladen.

Nun habe ich ja schon im letzten Beitrag einen Beleg für unser Qualitätsfernsehprogramm (angeblich eines der besten der Welt, jedenfalls laut Selbstpreisung der Öffentlich-Rechtlichen, wenn Sie uns zum Gebührenzahlen nötigen) gebracht, aber was der BR neulich sendete, ist auch nicht von Pappe.

In einer zusammengestoppelten Sendung mit dem euphemistischen Titel "Heimat der Rekorde" (haben die jetzt Seehofer als Programmchef?) wurde über einen bereits stattgefunden habenden Strickrekord berichtet. Auch wenn die Anmoderation zu Beginn des Filmchens noch recht ordentlich daherkommt, ohne jede Großmutter etc., läßt die Moderatorin dann nichts unversucht, jeden Dümmlichkeitsrekord zu brechen.

Was so gut beginnt: "wartet ein Rekord, der mit einem sehr alten und nach wie vor beliebten Handwerk verbunden ist"... endet dann wirklich schlimm.

Tja, Wo Claudia der Faden wohl hinführen wird?

Die Moderation aus dem Off nennt zwar die Rote-Faden-Metapher, aber dann hörts auch schon auf mit der Bildung. Zwei Metaphern werden vermengt ("Roter Faden" und der "Faden der Ariadne"), und die Moderatorin zerknüllt den Faden unsensibel und deppert zu einem Wollklumpen.

Sehen Sie selbst.

Der ganze Beitrag hat keinerlei Informationswert, ist nur eine Vorlage fürs Fremdschämen.

  • Weshalb müssen Frauen in solch  lebensnahen Reportagen immer derart hysterisch rumkichern?
  • Und warum kokettieren Moderator(inn)en immer mit ihrer Trampeligkeit?
  • Muß diese unselige Claudia denn auch mal das Spinnrad ausprobieren?
  • Dafür bin ich nicht zeit meines Lebens für Gleichberechtigung und Frauenrechte auf die Straße gegangen

Wir hätten doch alle mehr davon wenn das Spinnen mit dem Spinnrad kompetent demonstriert würde.

Wenn Sie sich den ganzen Beitrag antun möchten, bitte sehr: "Heimat der Rekorde - beim BR"

Ich war ja letzte Woche in Hamburg und habe mich dort im MyLys mit meinen Strickfreundinnen Betta und Lizzy getroffen. Hab ja auch darüber geschrieben.

Nun war bei der Stricknacht das Fernsehen dort vor Ort und in der NDR-Mediathek ist der Film auch zu finden. Man kann ihn aber auch gleich anschauen;=)

Die Menschheit besteht zur Hälfte aus Frauen und zur Hälfte aus Männern. Jeder Mensch hat einen Körper. Also gibt es zur Hälfte weibliche und zur Hälfte männliche Körper.
Eine Gesellschaft vereinbart, welche Körperteile zu welchem Zwecke gezeigt werden und welche verhüllt bleiben. Die meisten Zeige-Tabus bestehen für den weiblichen Körper:

Gesicht, Hals, Busen, Oberkörper, Unterkörper - diese Körperpartien werden je nach kultureller oder sozialer (oder anderer) Prägung oder wirtschaftlichem Interesse (Sex sells) gezeigt oder verhüllt. Ein weiblicher Körperteil jedoch wird immer verhüllt, derjenige, dem wir Menschen, die wir hier auf Erden sind, unser "Auf die Welt Kommen" verdanken: die Vagina.

Immer wieder wird die Vagina jedoch zum Objekt künstlerischer Provokation. Gustave Courbets Ursprung der Welt  erregte und provozierte, wurd heftig geschmäht und angefeindet.
Origin-of-the-World

„Der Ursprung der Welt“ als Bildbezeichnung verweist auf die Doppelnatur des weiblichen Geschlechtsorgans: einerseits als Objekt der sexuellen Begierde und Eingang der Vereinigung, andererseits als Ausgang der Geburt, von wo aus jedes Kind zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt. Insofern ist der Unterleib der Frau der Ursprungsort des Menschen, der jegliche Welterfahrung erst möglich macht. In diesem übertragenen Sinn stellt das Bild den „Ursprung“ alles Existierens, Wahrnehmens und Gestaltens der menschlichen Welt dar. 

So bringt die Wikipedia  Bild und Titel in Relation. Das Bild zeigt nicht den Kopf der Frau, und deshalb wird es auch als pornographisch bezeichnet (denn Pornographie ignoriere Persönlichkeit und Charakter, reduziert allein auf den Körper oder Körperteile). Viele Künstler bezogen und beziehen sich  mit ihren Werken auf dieses Bild, auf Enthüllung und Verhüllung, auf Provokation.

Feministinnen bekämpfen seit jeher die Reduzierung der weiblichen Vagina auf ihre Funktion als Lustobjekt, In meiner Jugend, in den Jahren zwischen 1965 und 1975, untersuchten "wir" in Frauengruppen unsere Körper, suchten  "wir" uraltes Vagina-Wissen wieder zu finden (die Petersilie erlebte eine ungeahnte Renaissance!), provozierten Yoko Ono oder Marina Abramovic.

in heutiger Zeit verfolgt Jamie McCartney mit seiner Arbeit "400 Vaginas on the Wall" auch aufklärerische Ziele: er macht die Scheinheiligkeit deutlich (auf der einen Seite wird die Zwangsbeschneidung in meistens islamischen Ländern angeprangert, auf der anderen Seite gehört die Schamlippen-Verkleinerung zum Portfolio der westlichen Schönheitschirurgen) und er möchte das Selbstbewußtsein von Frauen allen Alters, jeder Herkunft stärken.

So. Das war ein langer Vorspann. Was hat das mit Stricken zu tun?

EIne Menge, nicht nur daß "wir" in den damaligen Frauengruppen auch strickten, nein heute schwappt wieder einer Welle von Kunstprovokationen durchs Land, durch die Zeitungen und über die Bildschirme.  Und auch heute wieder provoziert die künstlerische, performative Darstellung der Weiblichkeit, und so ist es kein Wunder, daß Textilien als künstlerisches Material genutzt werden, daß Stricken zum Ausdrucksmittel der Craftivists gehört, die traditionelle Handarbeitstechniken für politische oder sozial-aktivistische Zwecke einsetzen, auch wenn in unseren Breiten trotz einiger politischer Aktionen eher die harmlos-ehrpusselige Variante vertreten ist: hilflose Bäume oder verträumte Poller in ätzend-farbiges Acryl zu wickeln regt nicht auf, macht aber angeblich fröhlich.

Nun, da geht Casey Jenkins aus Australien doch entschlossener und kontroverser vor. Ähnlich wie Carolee Schneemann, die in den 70ern Papierrollen aus ihrer Vagina zog und den daraufstehenden Text vorlas, setzt Casey Jenkins ihren Unterleib als Speicher, als Ursprung ein, aus dem sie 28 Tage lang Wolle hervorholt, mit der sie dann strickt. Jeden Tag ein kleines Knäuel hineinstecken und dieses dann abstricken, 28 Tage lang, einen ganzen weiblichen Zyklus umspannend, auch die Tage der Menstruation.  Und gerade damit provoziert sie.

Nicht nur, daß feuchte Wolle schlecht zu verstricken sei, Menstruationsblut ist ein starkes Tabu und dieses Tabu bricht Casey Jenkins mit ihrer Arbeit "Casting Off My Womb",  "Casting off shame through vagina knitting" nennt das Emma Rees in der  Online-Zeitung "The Conversation":  "die Scham mittels vaginal-Stricken abketten"...

Eine solche Aktion wird wahrgenommen, wirft zum Teil auch nicht so relevante Fragen auf ("tut das weh?") und wird umfassendst kommentiert, auf allen intellektuellen Ebenen und rund um die Welt, dank viraler Medien, dank Internet.

Ich habe natürlich auch so meine Gedanken dazu:

- auf solch eine Idee muß man erstmal kommen - Selbstverständliches in nicht-selbstverständlichem Kontext irritiert und bekommt Aufmerksamkeit - ich war nie so stark um mich derart zu exponieren und bin stolz daß die jungen Frauen (in den verschiedenen Generationen) so stark sind - diese Aktion bringt mich zum Nachdenken und macht Zusammenhänge deutlich, die mir vorher nicht bewußt waren- beim Stöbern im Netz habe ich wieder einmal erlebt, wieviel Interessantes es gibt und wieviel ich lernen kann.

Hier noch ein paar Links:

Der RBB (Radio Berlin-Brandenburg) brachte gestern eine Dokumentation zum Thema "Die große Woll-Lust" in seinem dritten Programm. Wie so oft, war das mal wieder eine bunte Mischung: da wurden Pfosten-Stricker, Woll-Laden-Inhaber, Woll-Süchtige gezeigt.

Die rbb Reporter begleiten Menschen aus Berlin und Brandenburg, für die Stricken eine Sucht und Wolle alles ist - wie bei Nina. Ihr Leben verläuft im Wollrausch.

Am besten. mir am sympathischsten,  kam der strickende, plattenauflegende Woll-Verkäufer Sascha rüber, unaufgeregt und nett. Und die Frau vom Strick-Café hatte eine Engelsgeduld. Aber sonst?

Wie üblich werden wieder hilflose Leute gezeigt, die stolz sind, wenn sie drei Maschen auf einen Sushi-Spieß bekommen, die äußerst beredt vorzeigen wie sie mit Riesennadeln in gepflegtem Yuppie-Ambiente  häßliche Strickwürste produzieren oder buntes Acrylgarn um die hilflosen Baum-Stämme wickeln,  Das kennen wir ja alle schon.

Auf die Nerven ging mir die aufgebrachte, dicke Strick-Schraube, die mit überkandideltem Getue  meinte, die Aussage der Sendung: Niemand schämt sich mehr: Stricken in der Öffentlichkeit ist sexy. könne ihr irgendwie weiterhelfen. Das war nur noch peinlich. Wie sie ihre Strickgefährtin vor gespielter Wiedersehensfreue fast erdrückt oder mit einem hässlichen Tuch (wieder mal Farbverlauf PLUS Muster) bei Ikea durch die Kantine watschelt, nein, das gefällt mir nicht.
DIese Frau wurde vorgeführt, oder führte sich selbst vor.

Eigentlich ist das Strickleben doch ganz anders, hat viel mehr zu bieten. Und es wird langsam mal an der Zeit, daß  nicht nur hilflose Selbstdarsteller dem Fremdschämen ausgeliefert werden, man kann das Thema auch mit mehr Respekt und Kenntnis behandeln.

Wer den ganzen Streifen ansehen möchte: in der RBB-Mediathek
Und der Begleittext zur Sendung: hier