Zaun in Heimtali

Handarbeiten und Lesen

Ja, Handarbeiten und Lesen, bei beidem kann man Fehler machen: falsche Maschen stricken oder das falsche Buch lesen..

Ich habe im Beitrag über die hessische Glockenkappe einen Fehler gemacht: ich hielt die Jahreszahl im oberen Teil der Mütze für das Jahr, in dem die Mütze gestrickt wurde. Das ist natürlich grundfalsch: diese Angaben zeigen das Geburtsjahr und die Initialen des Trägers an!

Der Träger ist im Jahre 1939 geboren und seine Namens-Anfangsbuchstaben sind "U" und "E".

Für diesen leichtfertigen Fehler entschuldige ich mich.

Oberteil der Glockenkappe: Geburtsjahr und Initialen

Da hatte ich also nicht richtig aufgepaßt. Ich lasse mich oft ablenken oder denke nicht genug nach. Und oft, wenn ich mich eigentlich konzentrieren sollte, langweile ich mich. (Zum Beispiel beim Strumpfstricken...). Lesen, meine zweite bevorzugte Tätigkeit, kann ich beim Stricken nicht, aber Soap Opera im Fernsehen schauen, das geht. Da weiß ich sowieso meistens, wie es weitergeht, nicht umsonst habe ich während meines Studiums viel Trivialliteratur gelesen (Courths-Mahler z.B.) und auch Groschenromane geschrieben, und zum anderen sind die Schauspieler so schlecht, daß ich mir deren hinterhältigen oder überraschten Gesichtsausdruck auch ohne Hinsehen vorstellen kann..

EIne Ablenkung aber geht immer: Radio hören / Hörbuch hören. Einen leibhaftigen Vorleser hat man nicht immer zur Hand, aber gutgesprochene Hörbücher gibt es inzwischen schon.  Und so wie ich beim Stricken die Langeweile mit Zuhören überbrücken kann, so sollte man auch Langeweile beim Zuhören mit Stricken (oder anderer Handarbeit) überbrücken. Meint jedenfalls Julius Deutschbauer, ein äußerst interessanter österreichischer Künstler,  der mit einem einzigartigen Kunstprojekt nomadisiert:

Er leitet die Bibliothek der Ungelesenen Bücher. Jawohl, der ungelesenen! Er befragt Menschen nach einem Buch, welches sie noch nicht gelesen haben und besorgt dieses Buch dann und fügt es der Bibliothek hinzu, die nach den Namen der Befragten und nicht nach den Autoren geordnet ist.

In den Räumen dieser Bibliothek veranstaltet er auch Lesungen, lädt dazu Autorinnen und Autoren ein und bietet dem Publikum an, während des Vortrags zu handarbeiten, die Utensilien dazu liegen bereit. Denn:

So überbrückt man oder überstrickt man auch langweilige Stellen in Büchern und steht nicht auf und geht..

Wolfgang Tischer stellte neulich im Literatur-Café den Künstler vor: Mit Julius Deutschbauer im Herz der ungelesenen Bücher, ein lesenswerter Beitrag! Und den Handarbeit betreffenden Abschhnitt binde ich hier ein, zum Nachhören, das ganze Interview ist auf der genannten Seite des Literatur-Cafés zu finden.

Julius Deutschbauer

Mit Julius Deutschbauer im Herzen der Bibliothek der Ungelesenen Bücher

Und mir stellt sich jetzt die Frage: Was wäre mein ungelesenes Buch? Selbstverständlich ist mir bewußt daß es Millionen von Büchern gibt, die es wert sind gelesen zu werden, ebenso wie Miilionen Bücher die es eben nicht wert sind.
Aber kämen auch nicht zu Ende gelesene Bücher in diese Auswahl?

Da hätte ich eins:  Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman von Laurence Sterne. Und zwar nicht, weil es langweilig, dumm oder plump ist, sondern weil es so schön und wunderbar ist, daß ich es nicht zu Ende lesen möchte. Ich möchte mich weiter überraschen lassen... es darf noch nicht zu Ende sein!

Die Muhustrumpf-Ausstellung im Estnischen Nationalmuseum

Ich habe ja schon über die schöne Ausstellung im Nationalmuseum in Tartu berichtet, in dem alle Strickerinnen mit ihren wunderbaren Strümpfen vorgestellt werden. Hier noch ein Film vom estnischen TV, in dem auch Anu Pink, die Initiatorin dieser Aktion, vorgestellt wird.

Der komplette Artikel zu diesem Film findet sich auf der estnischen Webseite kultur.err.ee und wenn man diese Seite im Chrome-Browser öffnet, kann man sich den Text automatisch in gutes Deutsch übersetzen lassen.

Ein Auszug:

Im Estnischen Nationalmuseum können Sie die weltweit größte Ausstellung von Muhu-Socken sehen, die 70 historische Socken zeigt, die in Museen gefunden wurden. Für diese Ausstellung wurden jedoch auch 84 völlig neue Paar Socken hergestellt.

PS: Den Katalog zur Ausstellung kann man bei Saara.ee bestellen! Jetzt ist er auch auf der englischsprachigen Shop-Seite zu finden.
Der Katalog ist wunderschön, und ich habe auch einige Freundinnen unter den Strickerinnen entdeckt...

Nordic Craft Week und andere Themen

Am 1. September begann die Nordische Handwerkswoche - Nordic CraftWeek -, bereits zum zweiten Mal. Sieben nordische Länder haben sich dafür zusammengeschlossen - Estland, Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark, Island und die Färöer - und als Themenschwerpunkt Nationale Handschuhmuster ausgewählt. Die Webseite dieser Veranstaltung listet die teilnehmenden Organisationen auf und verweist dann auf Facebookseiten, eine schlechte Entscheidung, finde ich.

Der Estnische Handwerks- und Volkskunstverband Eesti Rahvakunsti ja Käsitöö Liit nimmt teil und auf dessen Webseite kann man sich die jeweiligen Handschuhe ansehen und die Anleitungen dafür herunterladen. Die vorgestellten Handschuhe zeigen die jeweiligen nationalen Besonderheiten recht deutlich, und auch die Qualitätsunterschiede....

P.S.: Lettland ist kein nordisches Land, deshalb ist es nicht dabei. Estland ist eigentlich auch kein nordisches Land, hat aber sehr enge Bindungen zu Finnland, deshalb wohl.

Und nun noch ein paar Fundstücke aus den Tiefen der TV-Archive:

  • Xenius: Merino-Wolle
    Das Leid der Schafe für die tolle Wolle
    Ein Beitrag über die Zucht der Merino-Schafe und das Mulesing, etwas naiv, aber trotzdem informativ, bei arte in der Mediathek, noch bis zum 1.12.2019 online verfügbar
  • Der NDR brachte in der Reihe "Nordseereport" einen Bericht über die Orkney-Insel North Ronaldsay, wo die berühmten algenfressenden Schafe leben, In der NDR-Mediathek ist der Bericht noch online (wie lange ist nicht herauszufinden).
    Ab Minute 30:56 beginnt der Bericht.
    Interessant die Aussage des Wollmühlenbetreibers, daß sogar Touristen kämen die mit der Wolle stricken möchten... Das kann ich nur bestätigen...
  • Heute abend bringt der NDR eine Sendung von Mare.tv über Estlands verwunschene Inseln. Dieser Beitrag ist schon öfter gesendet worden, aber wer sie noch nicht kennt, es lohnt sich!
    Man kann den Beitrag aber auch online ansehen...

Klimapullover

EIgentlich wollte ich einen lange geplanten Artikel über Cashmere-Wolle schreiben, aber dann kam mir dieses Thema unter die Augen und das ist ja nun wirklich sehr aktuell.

Ich habe mich letztes Wochenende wieder zu einem Wollkauf verführen lassen, klintawolle.de lockte wieder mit einem Nachtverkauf. Und es gibt neue Qualitäten, also habe ich mir von der neuen Qualität "4/1" einige wunderschöne Knäuel in Rot-Tönen und ein Probepaket der "Nordie"-Wolle bestellt.

Und dann sah ich heute bei heise online diesen Artikel:

Climate Sweater: ein Pullover visualisiert die globale Erwärmung

Nun ist Datenvisualisierung eine wichtige Aufgabe, um bestimmte Sachverhältnisse endlich in bestimmte Köpfe zu bekommen und Anja Kollmuss hatte eine bestrickende Idee: Ein Pullover wärmt - die Erde erwärmt sich - warum nicht die globale Erwärmung per Pullover visualisieren?

Der Klimawissenschaftler Ed. Hawkins hat die durchschnittlichen globalen Temperaturen seit 1850 grafisch aufbearbeitet und Anja Kollmus hat diese in ihrem Strickprojekt umgesetzt und auf ihrer Webseite beschrieben:

Er (der Klimapulli) zeigt die globalen Temperaturen von 1850 bis 2017, basieren(d) auf den global warming stripes von Ed Hawkins, welche auf diesen Daten basieren. Genau genommen zeigt der Pulli die Temperaturabweichungen von der globalen Durchschnittstemperatur von 1961-1990. Alle Blautöne sind kälter als dieser Durchschnitt, alle Rottöne sind wärmer. Jede Reihe repräsentiert ein Jahr (ausser die Bündchen). Der Unterschied von einer Farbe zur nächsten ist 0.1 Grad Celsius. Die Temperaturspannweite ist 1.4 Grad.

Das Bild links zeigt den Klimapulli, gelbe Postits markieren bedeutsame Jahre.

Hier also nun Jahres-Streifen statt Jahres-Ringen ;=)

WIe Frau Kollmuss den Pullover geplant und gestrickt hat zeigt sie auf ihrer Webseite in zwei Bildergalerien.
Ich könnte diesen Pullover mit meinen neuen Garnen nachstricken, habe ja nun ausreichend Blau- und Rot-Töne.

Nachstehend noch ein paar Farbvorschläge, alle von Ed. Hawkins' Seite "Warming Stripes":

Jahrestemperaturen in Zentral-England von 1772-2017

Grafik: Warming Stripes

Jahrestemperaturen in Deutschland von 1881-2017

Grafik: Warming Stripes

Jahrestemperaturen in Wien von 1775-2017

Grafik: Warming Stripes

Ed Hawkins's Grafiken sind veröffentlicht auf seiner Webseite Climate-Lab-Book (open climate science) unter einer Attribution-ShareAlike 4.0 International- Lizenz. und wurden von mir unverändert übernommen.

Die Pullover-Bilder stammen von Anja Kollmuss, welt retten & improvisieren
Ich habe sie über den Beitrag auf meiner Seite informiert.

Jetzt brauchen wir nur noch Strickkurse für Physik-Lehrerinnen und Physik-Lehrer und alle Klima-Aktivisten!

Ein Jahr auf Kihnu – ein wunderbarer Bericht

Arte.tv brachte am Wochenende eine Dokumentation "Estland: Ein Jahr auf Kihnu / Leben zwischen Leichtigkeit und Schwermut" der Regisseurin Julia Finkernagel.
Eine Langzeitbeobachtung ohne Klisches und Kitsch, ich habe mich sehr darüber gefreut. Als wir letztes Jahr im Sommer einige viel zu wenige Tage auf der Insel sein konnten sind wir dem Filmteam auch begegnet. Das aber nur am Rande.

 

Dieses Video ist bei youtube.com zu finden und auch bei arte.tv.

In der Arte-Mediathek ist der Film bis zum 26.10.2018 vrfügbar, er wird aber noch einmal auf Arte am Sonntag, den 4. November um 11:45 Uhr wiederholt!

Ich freue mich sehr darüber, viele schöne Begegnungen kommen mir wieder ins Gedächtnis und fröhliche Momente. Sehenswert!

Ein Auszug aus dem Puppenheim

Mit Auszug meine ich nicht den Exodus, sondern einen Text-Ausschnitt und ich bin gerade, angeregt durch einen Artikel im Norwegian Textile Letter, auf Henrik Ibsens Nora oder Ein Puppenheim gestossen. Ein interessantes Statement des Advokaten Helmer, das ich hier wiedergeben möchte:

So eingestreut zwischen Banalitäten, die die eigentliche Tragik verdecken, gibt der Herr des Hauses seine Meinung von sich. Diese Meinung überrascht uns nicht, ist er doch ein Chauvinist ersten Grades, aber das Chinesische, das verwundert schon..

Nun, dies zur Einführung in den Artikel Between Knit and Purl von Espen Søbye, im Norwegian Textile Letter, den ich ja schon einmal zitiert habe hier auf der Wockensolle und der immer sehr lesenswert ist.

Die Autorin bespricht den aktuellen Hype der Strickbücher (Klompelompe, Arne und Carlos und und und) und steltl dabei auch ein Buch vor, welches sich gegen das Stricken ausspricht und die gesellschaftliche Rolle des Strickens untersucht (im Gegensatz zu den anderen Büchern, in denen das perfekte Befolgen detailliertester Anweisungen als Kreativität verherrlicht wird),
Dieser Abschnitt steckt voller Denkanstöße und deshalb zitiere ich ihn hier. Und was das verehrte Paar Alva und Gunnar Myrdal da postuliert, sollten wir alle überdenken. Stimmt das?

Knitting and crochet were enterprise gone wrong. This energy should be used for something more practical for society and the individual.

Nachstehend der Auszug aus dem Artikel und Informationen zu dem Werk von A. und G. Myrdal findet man bei wikibooks..

Helmer.
Ach was, schon?... – Gehört Ihnen das Strickzeug da?

Frau Linde (nimmt es.)
Ja, danke schön. Beinahe hätte ich es vergessen.

Helmer.
Also, Sie stricken?

Frau Linde.
Ja freilich.

Helmer.
Wissen Sie was, Sie sollten lieber sticken.

Frau Linde.
So? Und weshalb?

Helmer.
Weil es viel hübscher aussieht. Sehen Sie nur: man hält die Stickerei mit der linken Hand, – so –, und mit der rechten führt man die Nadel – so – in leichtem, langgestrecktem Bogen; nicht wahr –?

Frau Linde.
Ja, das mag schon sein –

Helmer.
Das Stricken hingegen, – das kann nur unschön sein. Sehen Sie her: die zusammengeklemmten Arme, – die Stricknadeln, die auf und ab fahren, – das hat so was Chinesisches an sich. – Es war wirklich ein glänzender Champagner, den man uns vorgesetzt hat.

In dem Artikel springt mir noch eine Klassifizierung ins Auge:

 Sweden, Alva and Gunnar’s homeland of anti-knitting

Ich bin gespannt wie die aktuellen Wahlen in Schweden ausgehen, mit dem Untergang der Sozialdemokratie dort wird Stricken vielleicht noch stärker instrumentalisiert im Sinne von zurück an die Nadeln - zurück an den Herd!

Resistance against knitting. One of the books, Rett på tråden [Right on the Thread] differs from the others, not only with its slightly impudent title. In the introduction, sisters Birte and Margareth Sandvik quote the exchange of lines in A Doll’s House, where Torvald Helmer advises Mrs. Linde to set aside her knitting and take up embroidery instead, because knitting “can never be anything but ugly, “ “there’s something Chinese about it.”

Knitting has had several vocal opponents since Ibsen’s Torvald. In their book Crisis in the Population Question (1934), the married couple Alva and Gunnar Myrdal—both tone-setting Swedish social democrats, she winning the Nobel Peace Prize, he the Nobel prize for economics—were angered by the exaggerated petit bourgeois habits that had spread among the working class and minor civil servants. Family life in these classes was, according to the Myrdals, characterized by a fussy desire to entertain, an overly-ambitious interest in food and homemaking, with a penchant for public display. But it was, above all, women’s handwork that paid the price: “All this embroidery, this knitting, sewing, and lacemaking that has filled the walls and sofas, tables and shelves.”

Knitting became equated with a confined active mind and connected to married women’s having no right to work and the two-child family having become the norm.

Staying home with one or two children resulted in women’s having lots of free time—and presto, this is how Alva and Gunnar Myrdal explained the then-current knitting wave: Knitting and crochet were enterprise gone wrong. This energy should be used for something more practical for society and the individual.

At the end of the 20th and beginning of the 21st centuries, women are having even fewer children than did their grandmothers in the 1930s, and men’s and women’s lives have become almost exactly identical. The reduction in the number of childbirths is a major reason why the buxom female with broad hips and heaving breasts is no longer the ideal woman, instead the athletic, androgynous female body that exudes health and sex appeal is. The anorexic, boyish body has become the woman’s dream physiology, and she dresses accordingly.