Craft Conference in Viljandi

Netzwerktreffen, Tag der Tracht, Konferenzen - ich komme mit vielen interessanten Menschen und deren Themen zusammen. Letztes Jahr nahm ich am "Nordic Knitting Symposium" der Kulturakademie Viljandi teil, und dieses Jahr veranstaltete die Akademie neben dem alljährlichen CraftCamp die Konferenz Studying Traditional Crafts: Goals and Methods in Higher Education.

Die Ankündigung der Konferenz ließ mich aufhorchen, obwohl ich ja selbst nicht in "Higher Education", also an einer Hochschule oder ähnlich gearteten Institution, arbeite.
Ich zähle mich aber zum avisierten Teilnehmerkreis der Veranstaltung:

"We invite to participate scholars, teachers, students, and practitioners. Cultural workers such as artists, craftsmen, and designers interested in developing knowledge in native crafts and its position in today’s society will find models and inspiration at this conference."

Also hatte ich mich angemeldet, denn mich interessieren die Ergebnisse, Methoden und Curricula eines solchen Themas.

  • Wie unterrichtet man traditionelles Handwerk mit welchen Lernzielen in den verschiedensten Institionen?
  • Wo wird immaterielles Kulturgut unterrichtet, wo nicht, wo ist es vergessen?

So wie es den Begriff  "endangered breeds" in der Tierwelt gibt, gibt es auch den Begriff "endangered craft" . Während die gefährdeten Tierrassen aber immer mehr wahrgenommen werden, steht es um die gefährdeten Handwerke und -techniken wahrscheinlich schlechter aus, mir ist keine Liste der endangered crafts bekannt.

Zwei interessante Tage mit Vorträgen, Gesprächen, einem abendlichen Diner und am letzten Abend ein Abendessen im "Felin"-Restaurant (sehr zu empfehlen) mit fröhlichen und animierten Unterhaltungen, ich genieße den Austausch mit interessanten und engagierten Menschen und höre ihnen gerne zu wenn sie über ihr Spezialgebiet sprechen. Mir wird dann oft deutlich, daß gerade dieses Thema gar nicht so randständig ist wie gedacht sondern durchaus mit mir zu tun hat.

Die Konferenz fand im Zentrum für traditionelle Musik auf dem Burgberg statt und es war nur ein kurzer Spaziergang durch die gemütlichen kleinen Straßen Viljandis von der Unterkunft zum Tagungsort.

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Strahlendes Wetter, klare Luft, blauer Himmel und wunderbar gefärbte Bäume - fast noch Oktober und noch nicht November - so kam es mir vor. Direkt am Burgberg liegt auch die schöne St. Johannis-Kirche, deren Glockenspiel am Abend nach dem 18:00-Uhr Läuten die Seele wärmen kann (Guten Abend, gut Nacht...)

Tacit Knowledge - Implizites Wissen - dieser von Michael Polyani geprägte Begriff umschreibt ein Wissen, das man nicht ausdrücken kann - für das man keine Worte hat, das aber trotzdem zur Verfügung steht und zwar nicht kognitiv sondern mental.

Und daraus ergibt sich die Frage wie man dieses Wissen im Bildungsprozeß wecken, nutzen und ausbilden kann.

Hochinteressant.

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In der Wikipedia:

Empirisch wird implizites Wissen ...  in der Regel als Differenzgröße zwischen Können und explizitem Wissen aufgefasst und auch entsprechend gemessen. Es wird einerseits erfasst, was eine Person kann, und andererseits gemessen, was sie berichtbar weiß; gleichsam als Differenz ergibt sich dann, was (nur) implizit „gewusst“ wird. Das artikulierte Wissen muss freilich noch daraufhin geprüft werden, ob es auch tatsächlich handlungssteuernd wirkt oder aber nur in der Befragungssituation geäußert wird.

Alle Vorträge waren sehr "nah an der Praxis" und zeigten Fragestellungen und Herangehensweisen auf. Sollen im Curriculum für die allgemeine Schule weiterhin "Werken" und "Textilunterricht" als Einzelfächer oder als synthetisches Fach festgeschrieben werden, wie vermittelt man Kenntnisse über die verwendeten Handarbeitstechniken an angehende Kulturhistorikern Kuratoren o.ä., die selbst nicht handarbeiten können? Und auf was müssen Schatzsucher auf Shetland über die Funde, die sie mittels ihrer Metalldetektoren aufspüren, wissen, auf was sollten sie achten? Wieviel tacit knowledge findet sich in den Arbeiten lettischer Kunststudenten, obwohl an der Akademie die traditionellen Handwerke gar nicht unterrichtet werden?

Solchen Vorträgen könnte ich ewig zuhören, nur auf einen Vortrag hätte ich gerne verzichtet, den Vortrag über Fischleder und seine Verwendung in der Modebranche, manisch schnell und laut vorgetragen von Elisa Palomino, (Central Saint Martins, University of the Arts, UK), deren Wortschatz zu 25% aus important oder interesting bestand. Mir taten die Ohren weh und die Mode-Industrie ist sowieso nicht mein Ding.
Sehr zugesagt hat mir der Vortrag The specialized vocabulary of craftsvon Marja-Leena Jaanus (University of Tartu, Estonia), die die Ergebnisse Archaeo-linguistischer Forschung auf dem Feld der Handwerks-Termini vorstellte. Mehr zu ihrer Arbeit fand ich auf den Seiten der Kulturakademie, das werde ich noch weiter studieren.

Erstaunlich, daß ich in Estland dieses Jahr mehrfach mit Sprachforschung in Berührung kam, im Jui in Töstamaa und jetzt hier auf der Konferenz.

Ach ja, fast hätte ich es vergessen: Hier noch das komplette Programm der Konferenz.

Und zum Schluß noch ein Schmankerl: Am zweiten Abend wurde im Kondas-Zentrum für Naive Kunst die Ausstellung "In search of National" der Kulturakademie eröffnet und im Eingangsbereich auf einem Tisch lagen zu meiner Freude zwei estnische Hüte und zwei Strickmützen von der Insel Saaremaa zur Anprobe und als Selfie-Kostümierung aus!

Die Strickmütze von der Insel Saaremaa

Kondas Centre for Naive Art

In Riga und nach Viljandi

Ein Wochenende in Riga, dafür bin ich immer zu haben, ich sitze gerne in den schönen Cafés, notiere mir Ideen oder stricke vor mich hin.

Oder ich treffe mich mit Freunden und Bekannten in meinen Lieblingscafé oder in einem Restaurant. Und wie schon öfter erwähnt, eine Pavlova, ein Traum aus Sahne, Baiser und Obst, muß einfach sein!

So saß ich denn wieder im Café Rigensis in der Tirgonu Iela / Marktstraße und traf mich wieder einmal mit Jana Dargune. Jana ist eine eifrige Strickerin, entwirft Mützen und Handschuhe, Acessoires mit den schönen baltischen Garnen und hat diese Garne auch mit einem Online-Shop exportiert.
Mit ihr habe ich die Möglichkeiten besprochen, für "meine" Pottmütze das Garn, die notwendigen Nadeln und die Anleitungen in einem "Kit" zusammenzustellen und bei Vorträgen oder Workshops dann auch gleich verkaufen zu können. Es ist ja nicht so einfach das richtige Garn für diese Mütze zu finden, in der richtigen Stärke und mit der richtigen "Natur-Wolligkeit".
Vielleicht klappt es ja und ich kann demnächst diese Sets anbieten.

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Und dann fragte Mary Germain per Mail an, ob ich für einen anstehenden Workshop ein Bild mit allen Ausgaben des Handschuhbuches von Maruta Grasmane hätte. Eben in allen sieben Sprachen (lettisch, englisch, deutsch, norwegisch, japanisch, estnisch, französisch). Ein ganz aktuelles Bild hatte ich auch nicht und so habe ich dann mit Montas HIlfe in Sena Klets diese Bücher arrangieren und fotografieren können.

Das Bild zeigt schon die Vorbereitungen für die für den 15. November angesetzte Ausstellung der wunderbaren Arbeiten der Meisterin Ilze Kopmane. Eine erste Hängung und das Plakat... Über diese Ausstellung werde ich in einem späteren Beitrag berichten.

Den schönen Tag beschloß ich zusammen mit Maruta und Bruno Grasmane bei einem leckeren Abendessen im Restaurant Neiburgs in der Altstadt. Wer wirklich gut essen gehen möchte in Riga, der sollte hier speisen!

Für den nächsten Tag steht die Fahrt nach VIljandi in Estland an, zur Teilnahme an der Konferenz "Studying Traditional Crafts: Goals and Methods in Higher Education", auf deren Programm ich schon sehr gespannt bin.

Ich erwarte mir von dieser Veranstaltung viel: Input, Ideen, neue Bekanntschaften.

Themen aus vielen Bereichen stehen auf dem Programm, Vorträge und Präsentationen. Darüber im nächsten Beitrag.

In Riga: World of Hats und Ritums

Nun habe ich es endlich geschafft, das Museum "World of Hat" in der Vilandes Strasse in RIga zu besuchen. Eine großartige Sammlung einzigartiger Kopfbedeckungen, zusammengetragen auf der ganzen Welt von dem russischen Sammler, Philanthropen und Mäzen, Kirill Babaev.

Jedes Exponat besitzt auch eine Tafel mit einer Erklärung in 3 Sprachen, und so habe ich einen abenteuerlichen Holztier-Hut der Dogon in Westafrika, einen schwarzen  Kopfreifen aus Wolle von einem chinesischen Bergstamm mit den runden bunten Scheiben bewundert, Kopfbdeckungen aus Menshenhaar, Leder, Stoff, vielfarbig bunt oder trauerschwarz. Schwerpunkte der Sammlung sind Hüte aus Südosteuropa, Russland, Asien, Afrika, Südamerika - der Norden Europas kommt schlecht weg, nur ein nicht so besonders schöner Tam-o'Shanter aus Schottland - da werde ich wohl bald mal eine Pottmütze spendieren.

Im Museum gibt es auch Sonderausstellungen (zur Zeit Papierkunst) und Schulkassen können praktisch lernen und ihre eigenen Kopfbedeckungen gestalten. Gegen einen kleinen Obolus kann der Museumsbesucher selbst Hüte aufprobieren - es ist unterhaltsam und anregend hier.

My location
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The World of Hat - Ethnic Museum

Öffnungszeiten; täglich von Mittwoch bis Sonntag 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr
7 Vilandes, Riga, Latvia

Eingang über den Hof - am Klingelschild die Zahl "12" eintippen und das Klingelsymbol drücken!
Das Museum ist im Hochparterre

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Es gibt noch einen Ort, den ich in Riga immer wieder aufsuche und hier auch schon vorgestellt habe: Das Zentrum Ritums gleich in der Nähe von Sena Klets. Zu meinem Glück wurde die Ausstelllung "60 dzirkstis" um 2 Tage verlängert und so konnte ich die Ausstellung der zwei Volksksunststudios Kalvis und Draudziba genießen.

Kultūras un tautas mākslas centrs "Ritums"

Jauniela 29a, Rīga (Altstadt)

Die Arbeiten von Draudziba konnten wir ja letztes Jahr in Greifswald für 4 Wochen im Koeppenhaus zeigen, nun sah ich die wunderbaren Arbeiten wieder hier an Ort und Stelle.

Und ich muss gestehen, der Strumpf und der mit Goldmetall verzierte Hut, in archäologischer Manier, versöhnte mich mit der von mir nicht so geliebten Handarbeitstechnik des Nadelbindens. Einige der Handschuhmuster kannte ich bisher nicht, da werde ich wohl demnächst wieder ein paar Muster auszählen...

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in Riga: Kalenderpräsentation und Pfannkuchen

Was mache ich bei der Ankunft in Riga zuerst? Na erstmal im Café eine Pavlova-Schlemmerei genießen und dann SENA KLETS aufsuchen. Das ist immer wie ein Nachhausekommen.

Und gestern hatte ich noch ganz besonderes Glück: Die unermüdliche Linda Rubena vom Kulturinstitut Lettlands hatte zur Päsentation des Kalenders für das Jahr 2020 geladen. Das Thema: Kinder in Trachten.

Und so bekamen wir ein Video von den Photoshootings gezeigt, das die Phantasie und das Können des Aufnahmeteams, aber vor allem die wunderhübschen Kinder in ihrem Trachten zeigt. Leider hat ein Monatskalender nur 12 Blätter und die Motivauswahl muss recht schwergefallen sein.

Die Aufnahmen waren das Jahr über im  Freilichtmuseum Riga gemacht worden, mit Trachten aus den verschiedenen Trachtenregionen Lettlands, stolze Mädchen in Suiti-Tracht und Jungs in schönen blauen Jackets und gelbgemusterten Strümpfen. Alle waren stolz, als sie Taschen mit dem Kalender überreicht bekamen, es gab Applaus und Blumen.

Und die Einladung zu Pfannkuchen und Kakao nahmen nicht nur die Kinder gerne an!

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Zwei der obigen Photos stammen aus Linda Rubenas Beitrag auf Facebook , danke, paldies!

Vortrag beim Lieper Klöntreff

Der Vortrag beim Lieper Klöntreff in Rankwitz auf Usedom am Sonnabend hat nicht nur mir Freude gemacht; bei Kaffee und Kuchen lauschten die Gäste aufmerksam und der Applaus zum Schluß zeigte dann auch, daß  der Reisebericht gut angekommen ist. Auf einem separaten Tisch hatte ich einige Strickstücke und auch die wichtigen Bücher ausgelegt und natürlich lagen an prominenter Stelle die Pottmützen.

Die Flyer mit den Anleitungen zur Pottmütze waren schnell verteilt und die vielen interessierten Fragen brachten uns auf neue Ideen.
Ja, wenn alles klappt, wird es wohl im nächsten Jahr Stricktreffen im Rankwitzer Heimathof zum Thema "Pottmütze" geben und die feine Wolle für die Mütze kommt dann vielleicht sogar von den Spinnrädern der Spinnerinnen des Heimathofs.

Ich freue mich.

Warten auf den Götterboten

Manchmal kommt alles so gut zusammen und dann hakt es nur an einer Stelle...
In Demmin, nicht weit von Gribow, hat sich das Aktionsbündnis 8. Mai zu einer Strickaktion entschlossen: Stricken gegen Rechts.
Demmin hat eine schlimme Geschichte und wird jedes Jahr von Nazis heimgesucht, die am 8. Mai durch die Stadt marschieren.
Dagegen formiert sich seit Jahren starker Widerstand und für nächstes Jahr hat sich das Aktionsbündnis eine ganz besondere Aktion vorgenommen, sie möchten die Stadt einstricken.

Und für so ein Vorhaben braucht es natürlich viel Wolle. Da kam es gerade recht, daß im "Deutschen Stricktreff" im Strickernetzwerk Ravelry die Frage "wohin mit 30kg Acrylgarn" aufkam. LanArta hatte die Vorräte einer verstorbenen Bekannten übernommen und festgestellt, daß es sich um Unmengen Synthetikgarn handelt. Nun, was macht man mit solch einem Vorrat?

Mir fiel die Demminer Aktion ein,wir haben in Ravelry beratschlagt und so kommt es, daß nun 25kg gewaschene und gelüftete Wolle in zwei Umzugskartons auf dem Weg von Freiburg in den Nordosten ist. Alles ein wenig zeitlich knapp, denn morgen, am 1.11., trifft sich die Runde in Demmin zum ersten Strickmarathon und ich wollte die Pakete überbringen, hab selber auch noch ein wenig Stash aussortiert...
Da ich aber nächste Woche erstmal für 10 Tage verreisen werde, sollte das schon vorher übergeben werden. Wie gesagt, es wird knapp.

Und? Der liebe Hermes, Götterbote, läßt sich nicht in die Karten schauen. Seit gestern mittag meldet die Sendungsverfolgung, daß die Sendung im Logistikzentrum sortiert würde. Von der Einlierung bis ins Logistikzentrum hat es einen Tag gebraucht (!) und nun? Wenn das Logistikzentrum in Süddeutschland liegt, könnte die Sendung heute noch weiterkommen, morgen ist dort Feiertag - wenn das Logistikzentrum im Norden liegt, bleibt die Sendung heute wohl liegen, denn heute haben wir Feiertag - es wird also eng.

Vielleicht läßt sich Hermes ja doch noch aus der Ruhe bringen und liefert die Sendung ab? Drückt die Daumen!

Demminer Geschichte
In der Wikipedia werden die tragischen Ereignisse zum Kriegsende in Demmin knapp erzählt.

Ebenfalls dort: das Manuskript eines Radio-Features des WDR, 24. April 2005 (PDF; 120 kB)

Und beim NDR: “Am Sinn des Lebens irre geworden” – Massenselbstmord in Demmin”