100 zu 1 – ein guter Tausch

100 zu 1 – ein guter Tausch

Ravelry.com  eine Zaubertüte - voller Möglichkeiten. Anleitungen finden, Fragen stellen oder beantworten, Freunde finden die man dann im "real life" auch trifft, Neues erkunden, den Wollvorrat verkleinern durch Tauschen oder Verkaufen - wie gesagt, es ist eine Zaubertüte. Auch zum Speichern der eigenen Strickarbeiten samt Anmerkungen eignet sich diese Plattform ganz ausgezeichnet.

Ich stöbere gerne in den Foren wie "Ende Neu" oder"Wolle Wolle? Suchen / Tauschen / Verkaufen", wo überflüssige Wolle zum Tausch oder Kauf angeboten wird. (Und lasse mich auch oft verführen, noch ein nettes Garn zu erwerben,..) Es wird aber nicht nur Garn angeboten, auch Zeitschriften, Bücher oder fertige Handarbeitsprojekte.
Ja, und dann stolperte ich über ein Angebot, das eher nebenbei aufgeführt wurde: LisaLila bot ein Exemplar des Strickmagazins "Neue Strickmoden" aus grauer Vorzeit an.

Das Titelbild war mir auf eine merkwürdige Art vertraut. Als ob ich das Heft schon in den Händen gehalten hätte. Denn als Kind, so erinnere ich mich gut, habe ich mich oft in das Zimmer meiner Mutter verkrochen, aus der Kredenz eine Süßigkeit aus einer kleinen Dose gemopst (meine Mutter hat das angeblich nie bemerkt) und in den Handarbeits- und Frauenzeitschriften meiner Mutter geschmökert. Da gab es Constanze, Film und Welt und etliche Strickzeitschriften. Und die Strickhefte habe ich lange Jahre aufbewahrt, konnte / mochte mich nicht von ihnen trennen und gab sie erst weg, als ich fast vierzigjährig in Hamburg meine Freundin Anja traf, die Modedesign studiert hatte und auch etliche Strickpullover entworfen hatte (das war die Zeit der Bilderpullover). Zu der Zeit strickte ich nicht, ich musste mir ein neues Berufsfeld erarbeiten und eine neue Existenz schaffen, nachdem ich in Wiesbaden so wunderbar-alternativ mit meinem Café Morgenröte gescheitert war.
Ich las zu der Zeit Computerzeitschriften wie die PC WELT und hatte so gar kein Interesse für Anderes.

Ja, und als ich dann später, vor so 10 Jahren, wieder zu Nadel und Garn zurückfand, vermißte ich diese Zeitschriften. Denn viele Abbildungen sind mir immer noch vor Augen, vor allem die Wintermode aus einer Constanze. Und so kaufte ich bei ebay oder woanders alte Hefte wieder auf, auch die Weihnachts-Sonderausgaben der Brigitte, die in meiner Schulzeit so en vogue waren. Ariadnes Faden hat mich ein Stück zurück in meine Vergangenheit gebracht.

Nun also die Neue Strickmoden.

Es war klar, daß dieses Heft aus den 50ern des vergangenen Jahrhunderts stammte, aber aus welchem Jahr, das wußte LisaLila auch nicht. Ich tauschte das Heft gegen eine schöne Anleitung aus dem Ravelry-Anleitungsfundus und stöberte dann durch das Heft.

Kannte ich es wirklich?
War etwas daraus für mich gestrickt worden?

Ich habe keine konkrete Erinnerung an dieses Heft, stellte ich fest, aber an eine Anleitung aus diesem Heft. Meine Großmutter hatte den Pullover auf der Seite 12 gestrickt, aber nicht für mich sondern für meinen Bruder.

Es ist also wahrscheinlich, daß ich dieses Heft doch irgendwann einmal gesehen hatte, entweder zuhause oder bei meiner Großmutter.

Aber aus welchem Jahr stammt diese Ausgabe? Nirgends ist eine Datumsangabe zu finden, nur der Ladenpreis ist aufgedruckt. Aber damit läßt sich das Alter gut eingrenzen.

Das Heft wurde, wie auf dem Eindruck ersichtlich (s. links) in Deutschland,Österreich, dem Saargebiet und Frankreich verkauft. Für Österreich ist der Preis ausradiert, vielleicht war das Heft ja ein Geschenk.
Aber warum "Saar u. Frankreich" ? Warum wurde das Heft im Saargebiet für französische Francs angeboten?

Neue Strickmoden behaglich warm
Preisauszeichnung

Die Wikipedia weiß wie immer Rat:

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Saarland Teil der französischen Besatzungszone. Frankreich gliederte es daraus aus und entzog es der Zuständigkeit des Alliierten Kontrollrates. Eine eigene Saarregierung und die Annahme einer saarländischen Verfassung am 8. November 1947 sollten ein formell selbständiges (autonomes) Staatsgebilde schaffen, das von den Saarländern als Saarstaat bezeichnet wurde. Nach einer weiteren Volksabstimmung im Jahr 1955 trat das Saarland jedoch 1957 der Bundesrepublik politisch bei („kleine Wiedervereinigung“). Der wirtschaftliche Anschluss durch Übernahme der D-Mark (im Volksmund „Tag X“) ...erfolgte am 6. Juli 1959  

Wäre dieses Heft nicht mit "Saar u. Frankreich" ausgepreist, wäre es jünger als 1959. Es muß also älter sein.
Wieder die Wikipedia:

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte das Saarland zunächst zur Französischen Besatzungszone, bevor es im Januar 1946 aus dem Zuständigkeitsbereich des Alliierten Kontrollrates herausgelöst wurde. Im Jahr 1947 wurden eine eigene Verfassung und eine eigene Staatsbürgerschaft geschaffen. Das Saarland erhielt am 16. Juni 1947 aus währungspolitischen Gründen kurzzeitig eine eigene Währung, die Saar-Mark. Sie wurde am 20. November 1947 durch den französischen Franc ersetzt. Es wurden auch eigene Münzen mit deutscher Aufschrift und saarlandbezogenen Motiven geprägt, die aber auf französische Franken lauteten (siehe Abbildung). Erneut hatten die Saarländer über ein Jahrzehnt lang eine Sonderstellung inne. Diesmal nahmen sie auch mit eigenen Mannschaften an den Olympischen Sommerspielen 1952 sowie an der Qualifikation zur Fußball-WM 1954 teil.

Der Preis ist mit 60 Franc angegeben, für das Saargebiet und Frankreich gemeinsam. Also muss das Heft aus der Zeit zwischen dem 20.November 1947 und der kleinen Wiedervereinigung am 1.Januar 1957 stammen,

Kommt das hin? Mit der zeitlichen Einordnung sicherlich, aber der Jungspullover ist für 12jährige Jungen deklariert und das kommt dann doch nicht hin.Im Januar 1957 war mein Bruder noch keine 6 Jahre alt.
Meine Großmutter war aber sehr geschickt, konnte schneidern, Schnitte ändern und so hat sie vielleicht diese Anleitung als Anregung genommen.

Denn wie gesagt, an den Pullover mit diesem Muster kann ich mich gut erinnern. Vielleicht aber wurde der Pulli viel später nach dieser Anleitung gestrickt, denn man warf ja nichts weg, diese Strickhefte wurden jahrelang aufgehoben.

Creme Mouson

Mit Creme Mouson ist Hausarbeit sehr schnell vergessen und In welchem gefalle ich "ihm" am besten? Die Frauenzeitschriften jener Zeit waren doch recht rollen-traditionell ausgerichtet und das fällt mir immer wieder ins Auge. 
Aber darf ich darüber schimpfen, mich mokieren? Diese Texte zeugen von dem Wunsch nach der Rückkehr zu einer gefühlten Normalität nach den WIrren und Schrecken der vergangenen Kriegs-Jahrzehnte, aber auch von dem Wunsch die vielleicht durch die Ereignisse dieser Jahre zu selbständig gewordenen Frauen wieder ans Haus und die Familie zu binden.
Sind wir denn heute schon weiter? NEIN. Frauen verdienen immer noch weniger, erhalten eine beschämend niedrige Rente, schneiden in Mecklenburg-Vorpommern keine roten Bänder durch oder stechen symbolisch mit dem Spaten bei der Eröffnung von Schwimmbadbaustellen, und und und. Die Privilegien stehen immer noch den Schlipsträgern zu, da hat sich nicht sehr viel geändert. Wir sind nicht viel weitergekommen, aber in manchem primitiver als damals, jedenfalls wenn ich an den peinlichen Aufmacher auf der Brigitte-Webseite denke, über den ich hier auf der Wockensolle schon geschimpft habe.

Es ist doch immer wieder spannend, welche Themen sich auftun (oder aufdrängen), wenn man einem Gedankengang nachgeht...

Wenn Sie das hier lesen,

Wenn Sie das hier lesen,

liebe Sibylle H, dann melden Sie sich doch bitte noch einmal bei mir.

Sie hatten um Tipps zum Woll-Einkauf in Marokko gebeten und ich habe Ihnen ausführlich an Ihre Mail-Adresse geantwortet.
Diese Antwort kam als unzustellbar zurück.
Dann habe ich versucht, Sie in FB zu finden und habe dort auch eine Nachricht hinterlassen, keine Reaktion,

Wenn Sie also noch an den Tipps interessiert sind, melden Sie sich bitte und teilen mir Ihre korrekte, funktionierende eMail-Adresse mit, z.B. per Kontaktformular.
Dann schick ich die Antwort noch einmal los.

Tristan da Cunha – hier wird gestrickt und geliebt

Tristan da Cunha – hier wird gestrickt und geliebt

Die Stricktradition fremder Länder und Regionen interessieren mich ja nun sehr, da verrate ich kein Geheimnis. Und mein Interesse an dieser Insel wurde ja durch einen Hinweis in einer Strickzeitschrift geweckt.
Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, seit 1817,  siedeln Menschen auf dieser Insel dauerhaft, und das karge Land eignet sich für Schafzucht und Kartoffelanbau. Und bei dem Klima ist es ja kein Wunder, daß das Schafs-Vlies auch genutzt wird.
Und daß sich dabei spezielle Muster und Techniken durchsetzen.
Ich erwartete, wenn ich an das rauhe Klima und die langen Wintermonate denke, daß es, ähnlich wie im Baltikum, ausgefeilte Muster gäbe. Aber dem ist nicht so.
Handfest ist angesagt.

Creative Knitting Spring 2017

Auf der offiziellen Webseite der Insel findet man dazu Informationen und man kann auch gleich online bestellen, falls man nicht sowieso demnächst dort vorbeikommt.

Im Angebot sind

TdC - WolleMein Favorit ist das Garn, das in wunderschönen Naturtönen angeboten wird.

Tristan Island Wool Skeins
Sheared, carded and spun by Islanders From Tristan sheep
and available for you to make your own knitted garments.
Skeins are in units of 220 gms (290 gm with packing)

Ich habe mich schon verguckt und am liebsten würde ich sofort bestellen. Auch wenn ich gerade dabei bin meine Wollvorräte zu dezimieren / abzuarbeiten, lauert die Verführung doch überall ..

27 £ für einen Strang erscheint erstmal viel Geld, aber jeder Strang wiegt 220g, 100g kosten also umgerechnet 15€ (inclusive Versand), und das ist für solch ein weitgereistes Garn doch ein guter Preis.  Ein weiterer Vorteil: aufgrund der sicherlich langen Lieferzeit muss ich dann ja auch nicht sofort damit etwas stricken - das hat sicherlich Zeit bis in den Herbst!

Die Strickwaren finde ich nicht unbedingt attraktiv. Da gibt es Herrenpullover (Ganseys), Socken, ärmellose Pullunder, Schals, Jacken, Handschuhe, Mützen -  alles recht standard-british Knitwear.
Aber: diese Stücke werden auf Bestellung gefertigt, der Käufer wählt die Farben, gibt die Maße an und kann noch weitere Extrawünsche äußern, und alles zu einem sehr fairen Preis.

Das Besondere aber: Tristan da Cunha hat ein eigenes Label für Strickwaren, 37 Degrees South Knitwear from Tristan. und 51 Damen stricken dabei.
Dawn Repetto hat das Projekt organisiert. Jeweils ein Etikett für auf der Insel erstandene Strickwaren und ein Etikett für online-bestellte Waren gibt es, auf die Idee muss man erstmal kommen.
Und jeder Bestellung wird ein Zertifikat beigelegt, das die Echtheit des Produktes bezeugt.

Ich bin ja angetan von den "LoveSocks", die als Spezialität der Insel Tristan da Cunha vermarktet werden, als Socken, Schlüsselanhänger, Handytasche und was einem sonst noch so einfällt wenn man nach Marketing-Ideen sucht.

Diese Socken werden mit importierter bunter Wolle gestrickt, auf Bestellung und nach Angabe der Maße und Wünsche, ein Ursprungszertifikat ist auch wieder bei jedem Paar dabei und eine Information, was es mit den Streifen auf sich hat.

Ich habe einen Sampler mit allen Varianten gestrickt um das zu verdeutlichen.

Tristan da Cunha - Lovesockstreifen
Lovesocks

Ich habe mich in der letzten Woche mal mit den Streifen und deren geheimer Bedeutung beschäftigt. Auf der Webseite wird die Anordnung der Streifen ja folgendermaßen beschrieben:

Fondness Zuneigung 2 breite Streifen
Loyalty Treue 2 breite und 2 schmale Streifen
Friends Forever
Immerwährende Freundschaft 2 breite und 3 schmale Streifen
Great Affection
Starke Zuneigung 2 breite und 4 schmale Streifen
Head over Heels in Love HalsüberKopf verliebt 2 breite und 5 schmale Streifen
Will you be Mine? Willst Du Mein sein? 2 breite und 6 schmale Streifen

Ja, was hat es nun damit auf sich?
Daß in manchen Stricksachen geheime Botschaften (nicht nur Wünsche) eingestrickt werden oder wurden, das ist ja oft erwähntes Thema.
So erzählt Charles Dickens in seiner Erzählung Eine Geschichte von zwei Städten von den französischen Tricoteuses, Frauen, welche den Hinrichtungen der französischen Revolution beiwohnten und angeblich Denunziationen in ihre Muster strickten, wie, das erklärt der Herr Dickens nicht. Und Agatha Christie übernimmt den Plot in ihrem Krimi Sie kamen bis Bagdad und läßt ihre Protagonistin geheime Botschaften in ihren Schal stricken. Wie, das erklärt auch sie nicht. Das soll ja geheim bleiben..

Aber solchen geheimen Botschaften ist gemeinsam, daß nur, ausschließlich Sender und Empfänger die Botschaft wahrnehmen und ihre Bedeutung entziffern können. Bei den LoveSocks hier aber wird die Bedeutung des Streifencodes ja ausdrücklich aufgelistet, damit man nur ja die richtige Variante wählt und nicht aus Versehen einen Heiratsantrag verschenkt hat. Wie das?

Die LoveSocks-Strickerinnen und die Love-Socks-Empfänger kennen also die Botschaft? Was ist denn dann geheim?

Auf der Seite über die Geschichte dieser Socken findet sich eine Erklärung dafür:

In the old days the community of Tristan was rather shy and so were people of few words. Love and affection was often shown by gestures and one particular gesture was the knitting of socks, which held a special significance.

Man sprach also nicht über Gefühle, sondern verständigte sich über Gesten und Rituale. Eine Verlobung z.B. ging so vonstatten und da kommen die Socken ins Spiel:

  1. der heiratswillige junge Mann besucht die Familie seiner Auserwählten, bringt ein kleines Geschenk mit und sitzt mit den Eltern in der Küche Der Vater ahnt also daß eine seiner Töchter (so er denn mehrere unverheiratete hat), diesem jungen Mann besonders gefällt.
  2. die Auserwählte erscheint und überreicht dem Freier ein Paar Socken.
  3. der junge Mann weiß nun, was die junge Frau von ihm hält, wie sehr sie ihn mag.
  4. wenn er nun mit der Sockenbotschaft einverstanden ist und weiter um die Erwählte werben möchte, schustert er ein Paar Mokassins für sie
  5. Danach bietet die junge Frau an, ihm in Zukunft die Wäsche zu waschen und damit steht der Verlobung nichts mehr im Wege.

Das Alles erscheint mir recht bodenständig, aber Brautwerbung ist ja in vielen Gesellschaften stark ritualisiert und kommt sehr oft ohne Worte aus.
Es sind also keine geheimen Botschaften, die da camoufliert gestrickt werden. Es ist einfach eine Sache der Schüchternheit.

Und einen Vorteil hat die Anordnung der Streifen: Zwei breite Streifen werden für jede Variante gestrickt. Und wenn ein Mädchen sich gar zu sehr wünscht endlich zu heiraten, wird sie Paare mit etlichen schmalen Streifen stricken, entwickelt sich aber während des Strickens eine zarte Zuneigung, kann sie ja immer noch einen Streifen mehr stricken...

Die heimische Wolle wird nicht gefärbt, also brauchte man für die Streifen importierte Wolle. Und so hatte jede Familie mit heiratsfähigen Töchtern immer einen Vorrat bunten Garns im Stash, um auf alles vorbereitet zu sein.
Es gab Zeiten, in denen jahrelang keine Schiffe vorbeikamen, aber die Kinder auf der Insel wuchsen trotzdem zu jungen Leuten heran, da ist es besser, wenn alle Farben vorrätig sind und jede Variante des Einverständnisses gestrickt werden kann. 

Also?

Wer mit einer Brautwerbung rechnet, sollte entweder solche Socken stricken oder sich einen Vorrat im Online-Store von Tristan de Cunha bestellen!

Tag der Befreiung

Tag der Befreiung

Der 8. Mai 1945 ist ein wichtiges Datum der deutschen Geschichte und es hat lange gedauert bis er als Tag der Befreiung und nicht als Tag des Zusammenbruchs erinnert wurde. Die Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches war eine mit unzähligen Leben, mit Millionen Toten teuer erkaufte Befreiung vom Faschismus, der von Deutschland ausging. Es war zwar auch ein Zusammenbruch, aber ein Zusammenbruch des Faschismus und kein Zusammenbruch Deutschlands. Mit dieser Sichtweise tun sich immer noch sehr viele Menschen in unserem Land schwer und immer wieder schlimm ist es für mich, mitansehen zu müssen wie immer mehr Rechtsextreme diesen Tag für ihre Zwecke mißbrauchen.
Bitter ist es in Demmin, ganz besonders, wo ungezählte Menschen in Panik Selbstmord begingen, weil die kampflose Übergabe der Stadt blutig verhindert wurde und Tausende von Menschen, Flüchtlinge und Demminer in panischer Angst lebten, bis sie es nicht mehr aushielten und in den Tod gingen.
Diese Menschen sind Opfer des Faschismus und es ist widerwärtig wenn rechtsextreme Nazis Trauermärsche zu ihrem Gedenken veranstalten, die Geschichte und die Opfer damit verhöhnen.

Da tut es gut, daß dieses Jahr der 8. Mai in Demmin ganz anders gefeiert werden konnte. Keine Trauermärsche, aber ein besonnenes Bürgerfest. Das Aktionsbündnis hat es geschafft, einige der Strickstücke im Stadtbild anzubringen und so unseren Strickbeitrag aus dem Regal zu holen. Auf Bilder davon bin ich gespannt. Infos gibt es auf der Seite tagderbefreiung.info

Ich war nicht in Demmin, wir waren im Nachbardorf Ranzin auf dem Friedhof und haben dort Blumen auf dem Grab von sieben sowjetischen Zwangsarbeitern, die in Ranzin in den Jahren 1941 bis 1942 umgekommen sind, niedergelegt.
Der älteste unter ihnen war 38 Jahre alt, alle anderen um die 20 Jahre. Welch schreckliches Ende haben sie gefunden. Sie dürfen nicht vergessen werden.
Es tut gut und erleichtert daß die Gräber auf dem Friedhof so liebevoll gepflegt sind und deshalb ein Gedenken und Erinnern möglich ist.

Blumen auf dem Grab
Grab der Zwangsarbeiter auf dem Friedhof in Ranzin
Wie nähert man sich einer Insel?

Wie nähert man sich einer Insel?

Es heißt, man käme auf diese Insel, die mich gerade so fasziniert, nur mit dem Schiff. Das stimmt wohl, auf der offiziellen Webseite des Archipels findet sich in den allgemeinen Reisehinweisen nur diese Reisemöglichkeit. gleich mit einer Warnung:

An early warning -
You can't just turn up in Cape Town and jump on a ship to Tristan da Cunha.

All visitors need the prior approval of the Administrator / Island Council,

Das hat ja auch seine Berechtigung, ich sehe das ein und wenn ich  mich dann tatsächlich auf den Weg mache, halte ich mich auch an diesen Rat. Bis dahin werde ich mir diese Vorschläge notieren.
Aber es gibt auch andere Möglichkeiten der Annäherung, über die Literatur (Jules Verne - Die Kinder des Kapitän Grant, Johann Gottfried Schnabel -Die Insel Felsenburg, Arno Schmidt in seinen Notizen, Raoul Schrott - Tristan da Cunha), mittels Atlas und Bing- oder Google-Map, nicht per Facebook (habe ich ja schon geschrieben), aber auch per Briefmarke! Denn die kleine Gemeinschaft finanziert sich zu einem guten Teil über die Sammelleidenschaft der Briefmarkensammler.

Seit ich mich mit der Pottmütze beschäftigt habe, weiß ich daß historische Ansichtskarten reichlich angeboten werden und deshalb stöberte ich beim Ansichtskartenversand und bei Ebay nach Postkarten mit Motiven aus TdC.  Karten fand ich keine, aber dafür tauchten Briefmarken auf. Viele viele Briefmarken, die von dieser überseeischen Besitzung herausgegeben werden, zu vielen vielen Anläßen. Ganz gleich ob einem der britischen Royals eine Warze entfernt wurde oder irgendwo ein anderer Rekord erreicht wurde, TdC gab eine Briefmarke heraus. Und auch heimatliche Motive wurden umgesetzt. Motive aus der Geschichte und aus der Gegenwart.

Diese Marke mit der Frauengruppe gehört zu einem Satz aus dem Jahre 1984, den ich mir gerade geleistet habe.

Tristan da Cunha - 45 Pence
Tristan da Cunha - Briefmarken scheren - kardieren - spinnen - stricken

Scheren - Kardieren - Spinnen - Stricken = so werden die Vliese der heimischen Schafe verarbeitet. Auf dem Block steht noch zu lesen:

"The production of warm and attractive woollens on the remote South Atlantic island of Tristan da Cunha is a fine example of a traditional cottage industry. Wool from the island's 1000 sheep is washed, picked, lightly-oiled and carded before being spun into hanks on hand-made spinning wheels. The end products of a process that has changed little since the island was first settled in the early 19th century are expertly knitted socks, jerseys and other woollens."

Tristan da Cunhas Wollproduktion

Die besten Informationen über die Insel, ihre Bewohner und deren Beschäftigungen findet man auf der offiziellen Webseite https://www.tristandc.com/ Dort habe ich natürlich auch herumgestöbert und gleich im Hauptmenü den Menüpunkt "Online store" angestgeuert.

TdC Online Shop

Zwischenbemerkung: Wie fand ich die Webseite der Insel und den Online-Store?

Ich hatte einige Strickmagazine durchgeblättert und war in der Creative Knitting vom Frühjahr 2017 auf den kleinen Schnipsel in der Rubrik "This just in - Stay in the loop in all things knitterly" aufmerksam geworden. Das Satellitenbild ist ja nun wirklich ein EyeCatcher und der Titel? "Love Socks knit on a Volcano" - wäre das Bild nicht gewesen, ich hätte an die Katze auf dem heißen Blechdach gedacht.... aber ich folgte dem Link. Dieser kleine Hinweis war wirklich der Trigger für die meine Gedankenreise.

Und so werde ich heute nachmittag die Infos auf der Webseite weiter durchstöbern und vielleicht auch ein paar Streifen stricken (nur als Sampler, nicht als Socke) um dann mehr berichten zu können.

Creative Knitting Spring 2017
Von Schafen und Menschen

Von Schafen und Menschen

Es soll ja ab und an behauptet werden, Schafe seien dumm, und dem widerspreche ich. Zum Einen sind diese Tiere sehr gesellig, zum Anderen lieben sie die Freiheit. Es gibt Herdentiere unter ihnen und freiheitsliebende Individualisten.

So kommt aus Australien immer wieder die Kunde von entlaufenen, zurückgekehrten oder eingefangenen Schafen, die während ihres Alleingangs heftig viel Vlies angesetzt haben. Immer wieder erfreuen uns solche Riesenwollknäuel. So brachte ein australisches Schaf, das ausgebüxt war und im September 2015 zum ersten Mal geschoren wurde, 40kg Wolle auf die Waage! Das entspräche 30 Wollpullovern... meinte man.
Und jetzt wurde gerade wieder die Heimkehr eines Schafes berichtet. Es war 2013 als Lamm bei einem Buschfeuer in Australien ausgebüxt und dann wieder zurückgekehrt.

Australisches Riesenschaf

Dieses Schaf brachte 2015 40,5kg Merino-Vlies auf die Waage und wog selber 44kg, trug also mehr als sein eigenes Gewicht.

Hut ab!

Prickles (c)Alice Gray

Prickles paßte gerademal auf die Ladefläche eines Kombis...
Photo: ©Alice Gray

Daß es nicht soviel Vlies trüge wie das erstgenannte, war offensichtlich, aber wieviel Kilogramm werden es wohl sein? Die Farmerfamilie startete einen Wettbewerb, ließ die Teilnehmer die Menge schätzen und sammelte Geld ein. So kamen in weniger als 2 Wochen 12.000 australische Dollar zusammen (rund 7000€) und dann konnte das Schaf geschoren werden. Das Vlies wird als außerordentlich gut bewertet.

Der gesammelte  Betrag wurde nun dem UN Flüchtlingswerk gespendet, eine kluge Entscheidung.
Daß das Schaf letztendlich doch nicht ungeschoren davon  kam, auch wenn es sich klug sieben Jahre hatte allein durchschlagen können, zeigt das nachstehende Video.

Wer könnte also behaupten, Schafe seien dumm?
Daß hingegen Menschen dumm sind, beweist nicht nur der amerikanische Präsident mit dem toten Tier auf dem Kopf, überall begegnet uns soviel Dummheit daß es geradezu zum Heulen ist.
Nur ein paar Beispiele:

Ich beschäftige mich ja zur Zeit sehr gerne mit der Geschichte und den Geschichten der Insel Tristan da Cunha und habe deshalb auch bei Facebook geschaut, was sich dort dazu findet. (Die  offizielle Webseite der Insel und weitere Informationen stelle ich morgen vor).
Und selbstverständlich gibt es eine FB-Gruppe zu diesem Thema. Ich bin ihr beigetreten und trete auch wieder aus. Denn das, was dort so gepostet wird, ist wirklich zum Heulen.
Zur Zeit ist "social distancing" bekanntermaßen das  Gebot der Stunde, auch im o.g. Video über das Scahf Prickles fiel dieser Begriff, und das sind natürlich viele Facebooker gespannt, wie man das auf der Insel denn so mit dem "Social Distancing" hält. Es wurde also gefragt, ob den Bewohnern das Distanzieren leicht fiele, ob es Internet gäbe und ob dieses stark genug sei um während des Hausarrests Netflix zu schauen..

Wie bitte?? Die Insel liegt 2800 km von jeder anderen menschlichen Siedlung entfernt, man braucht rund eine Woche mit dem Schiff um dorthin zu gelangen und die 270 Bewohner dieses Islands leben ja nun wirklich schon immer ziemlich isoliert - Wenn eine Bevölkerung kein Social Distancing braucht, dann doch sicherlich die Bewohner der Vulkaninsel... Und die offizielle Verlautbarung der Inselverwaltung betont auch daß Tristan da Cunha corona-frei sei (so wie das Amt Züssow, in dem ich lebe, auch hier keine Infektionen, keine Krankheits- und keine Todesfälle, Ostvorpommern ist im gewissen Maße auch eine Insel).

Wie dumm kann man sein, um überhaupt auf solche blöden Fragen zu kommen?

Und jetzt schlage ich den Bogen, warum ich eigentlich diese abgelegene Insel so thematisiere. Das hat einen Grund. Dort gibt es Schafe (Merino-Schafe), es wird Wolle produziert und es gibt auch so etwas wie eine Stricktradition. Morgen dann mehr dazu, erstmal einen guten restlichen Ersten Mai!