Save the date – einige Termine

Was ist los? In dieser Zeit ohne Festivals, Großveranstaltungen und Feten? Ich möchte gerne einige kleine, aber feine Veranstaltungen ankündigen, die hier in meiner Nähe, in meiner Region stattfinden, an denen ich beteiligt bin oder die ich organisiere.
Ob sie alle stattfinden werden? Das kann ich aber nicht für alle Termine garantieren.

  • Kirche St. Marien, Behrenhoff in Vorpommern

    Am kommenden Freitag, den 7. August,  zeige ich ab 19.00 Uhr im Rahmen der OFFENEN KIRCHE in Behrenhoff, Kreis Vorpommern-Greifswald, in der Kirche St. Marien  einen Vortrag mit Bildern, Erläuterungen und Gegenständlichem zum Thema “Das Baltikum: Landschaften, Kulturen und Traditionen”, zusammen mit Patrick Uhlig, der musikalische Intermezzi beiträgt.
    Der Eintritt ist frei. Abstand wird gehalten, Atemschutzmasken sind nötig, wir haben einige Einweg-Atemmasken als Vorrat dabei.
    Bildnachweis: Klugschnacker / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

  • Am 23. und 24. Oktober veranstaltet der der Heimatverband MV zwei eintägige Workshops mit Riina Tomberg aus Estland zum Thema: "Immaterielles Kulturerbe - wie finden, wie erhalten, wie ausüben". Riina Tomberg wird aufzeigen, wie in Estland das textile immaterielle Kulturerbe erforscht, ausgeübt und weitergegeben wird. Als praktische Übung wird sie den Teilnehmern einige estnische Stricktechniken beibringen. Ich organisiere diese Workshops und freue mich ganz besonders!
    Geplanter Veranstaltungsort: St. Spiritus, Greifswald.
    Genauere Informationen werden wir beizeiten auf der Webseite des Heimatverbandes MV und hier auf der Wockensolle bekanntgeben.
    Und wir hoffen so sehr, daß dieser Termin möglich sein wird!
  • Das Kulturhistorische Museum Rostock zeigt vom 13. November 2020 bis zum 14. Februar 2021 100 Zeichnungen von mecklenburgischen Trachten des mecklenburger Malers und Illustrators Wolfgang Bergenroth.
    Am 5. Dezember 2020 werde ich im Rahmenprogramm zu dieser Ausstellung einen ganztägigen Workshop zum Thema "Pottmütze" geben. Nach einem Vortrag zur Geschichte der Mütze und einer Einführung in die Materialkunde und die Stricktechniken wird dann mit dem Stricken der Mütze begonnen.
    Auch diese Veranstaltung wird auf der Webseite des Heimatverbandes MV und hier auf der Wockensolle.de angekündigt werden, die Informationen zur Anmeldung werden rechtzeitig bekanntgegeben.

Ich freue mich auf diese kommenden Termine. Der Termin am Freitag in Behrenhoff findet auf jeden Fall statt, für die anderen Termine heißt es Daumen drücken!

Nun bin ich eine Alt-68erin …

Ich hatte wieder einmal Geburtstag und dieses Mal war ich auch zuhause und nicht auf Reisen. Umsomehr bemerkte ich wie schwer es Heinz fiel, ein passendes Geburtstagsgeschenk für mich zu finden. Ich konnte ihm auch nichts einflüstern, denn mir fiel auch kein Wunsch ein.

Also hat Heinz in Hamburg bei der renommieren Kunstbuchhandlung Sauter & Lackmann das Stichwort "Tracht" gegeben und nach langer Suche fand die Verkäuferin dann ein geeignetes Buch. Das Hessische Trachtenbuch von Ferdinand Justi. Ein Volltreffer!

Ferdinand Justi - Hessisches Trachtenbuch

1899 erschien dann sein Werk, das "Hessische Trachtenbuch", dessen Reprint man heute mit Glück und ein paar Groschen noch erwerben kann. 

 

In Hessen, in Südhessen, habe ich lange gelebt und als typisches Kind der 68er-Zeit auch nicht viel von Trachten gehalten. Das war reaktionär, pfui-bäh!
Und jetzt lerne ich daß Hessen das trachtenreichste Bundesland Deutschlands ist und daß sich in Mittelhessen ganz besonders viele Trachten erhalten haben. Der Marburger Gelehrte Ferdinand Justi hat die Trachten des Marburger Landes erforscht und gemalt. 

 

 

Justi Hessisches Trachtenbuch

Ferdinand Justi: Hessisches Trachtenbuch
Hrsg. Günther Hampel, Dr. Wolfram Hitzeroth Verlag, Marburg 1989
(Nachdruck d. Ausg. Elwert Verlag, Marburg 1899–1905)

Ein langer, ausführlicher Textteil und dann 32 stattliche Bildtafeln, es ist eine Freude. Bevor ich einige Abbildungen aus dem Buch hier einbinde, noch etwas zum Autor:

Ferdinand Justi war ein deutscher Orientalist, der auch als Darsteller und Erforscher ländlich-bäuerlicher Kultur in Hessen im ausgehenden 19. Jahrhundert bekannt wurde. Er lehrte in Marburg und hat unendlich viele Bücher geschrieben, Grammatiken vieler Sprachen des Nahen Osten erarbeitet und publiziert. Die Wikipedia schreibt: 1861 habilitierte er sich in Marburg, wo er 1865 außerordentlicher und 1869 ordentlicher Professor für vergleichende Grammatik und germanistische Philologie wurde.

Da kommt doch mal wieder Vieles in meinem Leben zusammen. Ich habe Germanistik und auch einige Semester Orientalistik studiert, einer meiner Vorfahren, Herrmann Osthoff,  war Philologe und gehörte zu den Junggrammatikern (habe ich schon im Bericht über Pöltsamaa in Estland erwähnt), und jetzt beschäftige ich mich mit textilen Traditionen. Alles, was dieser Herr, vielleicht sogar ein Lehrer meines Groß-Groß-Onkels, schon vor langer Zeit  in einer Person vereinte....

Aus der Wikipedia:

Neben seiner Hochschultätigkeit studierte er [Ferdinand Justi] akribisch das Leben der hessischen Landbevölkerung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, insbesondere im näheren und weiteren Umkreis von Marburg, schrieb seine Beobachtungen auf und hielt sie in unzähligen Skizzen und Aquarellen fest. Zu seinen Hauptmotiven zählten Gebäude, Einrichtungsgegenstände, landwirtschaftliche Geräte und vor allem Hinterländer Trachten mit ihrer Farbigkeit, ihren Feinheiten und dem Zubehör.

Hinterländer Sonntagstracht aus Caldern
Sonntagstracht in weiß, Elnhausen

Was für schöne Zipfelmützen entdecke ich da! Aber diesmal keine Pottmützen, sondern hessische Schlabbekappen... Jetzt versuche ich herauszufinden ob es noch Strickanleitungen gibt... Wolle habe ich ja genug

Ausschnitt: Sonntagstracht in Caldern

Diese Trachten stammen aus dem sog. Hinterland und das Hinterlandmuseum in Biedenkopf besitzt eine stattliche Trachtensammlung (aber keine Webseite, leider).
Die Wikipedia erläutert dazu:

Im Dachgeschoss ist ein Teil der umfangreichen Sammlung Hinterländer Trachten des Museums ausgestellt. Zusammen mit Haushaltsgegenständen und Möbelstücken wird hier die historische Wohn- und Alltagskultur anschaulich dargestellt.

Da muss ich dann wohl auch mal hinfahren. Denn solch eine Mütze lasse ich mir nicht entgehen.

Freude und Trauer an einem Tag

Es liegt alles so Nahe beeinander in diesen Zeiten. Am Samstag trafen wir uns mit Freundinnen zu einem guten Abendessen und ich bekam unerwartet ein wunderbares Geschenk: Mechthild hatte einen großformatigen Muster-Atlas gefunden.

Auf einem kleinen Geburtstagsfest danach erfuhr ich daß eine liebe Freundin gestorben ist.
Wir leben in schlimmen Zeiten. Menschen leigen im Krankenhaus und dürfen nicht besucht werden, wir erhielten keine Auskunft, bekamen keinen Kontakt und nun ist sie ohne Abschied nehmen zu können gegangen.

Gestern nun hätte das diesjährige CraftCamp in Viljandi begonnen. Das ist aufgeschoben, wir hoffen alle auf nächstes Jahr.

Albanische Volksmotive bei Textilien und Strickwaren
Albanische Volksmotive auf Textilien und Strickwaren
albanische Ausgabe
Tirana, 1959

Ab und an tauchen unerwartete Bücher auf. So fand ich ja einmal in einer Bücher-Krabbelkiste einen Ozeanografischen Atlas des Indischen Ozeans im Riesenformat, und jetzt schenkte mir meine Freundin Mechthild den Band АЛБАНСКЕ НАРОДНЫЕ МОТИВЫ ТЕКСТИЛЯ И ТРИКОТАЖА (Albanische Volksmotive der Textilien und Strickwaren).
Auch dieses Buch war, wie mein Ozean-Atlas, ein Gastgeschenk anläßlich einer sozialistischen Freundschaftsreise gewesen und sie hatte es für mich ergattert, bevor es zum Altpapier kam.

АЛБАНСКЕ НАРОДНЫЕ МОТИВЫ ТЕКСТИЛЯ И ТРИКОТАЖА

АЛБАНСКЕ НАРОДНЫЕ МОТИВЫ ТЕКСТИЛЯ И ТРИКОТАЖА
russisch-sprachige Ausgabe, Tirana, 1959

Dieses Buch wurde 1959 in der albanischen Hauptstadt Tirana von der Ethnographischen Abteilung des Historisch-Philologischen Instituts  der Staatlichen Universität Tirana herausgegeben. Die Illustrationen stammen von Mustafa Ikbal. Und "meine" Ausgabe ist komplett in russischer Sprache gehalten. Eine Websuche brachte einen kleinen Artikel über dieses Buch in dem schon lange nicht mehr aktualisierten Blog WorkEven zutage und eine Bildersuche lieferte auch den Umschlag der englischen Ausgabe aus dem gleichen Jahr. Das Werk ist also wohl dreisprachig herausgegeben worden.
Besonders schön ist die Gestaltung des Inhaltes, 158 Grafiken auf 50 Tafeln, die mit einem Kordelband zusammengehalten werden.

Ein Vorwort und kurze Vorstellungen der einzelnen Textiltechniken (Weben, Stricken...), dann folgen die Tafeln mit den Musterzeichnungen; das Werk enthält nur Zeichnungen, keine Fotografien.

Die meisten Abbildungen zeigen Web- und Stickmuster, 30 Grafiken zeigen Strickmuster und dann gibt es noch "Schnurmuster", Muster bei denen Schnüre auf der Stoffunterlage aufgebracht werden.
Dieses Buch ist eine Wundertüte und ich werde die Muster sicher noch ausgiebig studieren.

Ein kurzer Blick auf die Strickmuster zeigt, daß mehrfarbig gestrickt wird, oft mit drei Farben in einer Runde. Einige wenige Muster scheinen mit der Intarsientechnik gearbeitet zu sein, z. B. das Muster Nr. 124.
Bis auf ein Flächenmuster (Nr. 143) handelt es sich um Bördüren. und Bandmuster. 

 

für eine größere Ansicht: aufs Bild klicken!

Und schon wieder habe ich ein Thema für den nächsten Muster-Sampler...

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PS: Wer jetzt neugierig ist auf dieses Buch: bei ebay.de gibt es gerade ein Exemplar der albanischen Ausgabe zu ersteigern, zu einem stolzen Preis.

Die Pottmütze in der Herbstausgabe der Piecework

Die Pommersche Pottmütze gehört zu meine Lieblingsprojekten, denn es lag mir auf der Seele, daß es hier im Nordosten Deutschlands nur so wenig Gestricktes aus vergangener Zeit geben soll, daß keine überkommenen gestrickten Muster oder Kleidungsstücke heute noch getragen werden. Und als ich dann die Pottmütze nach den wenigen Exemplaren, die es in Museen noch gibt, nacharbeitete, startete ich damit ein kleines Revival.
Die Mütze stieß auf angeregtes Interesse, der Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern druckte die Anleitung der Mütze aus Gager, die im Museum von Goehren aufbewahrt wird, und die Anleitung wurde auch hier von der Webseite vielfach heruntergeladen.  Die Anleitung für die Mütze aus dem Stralsunder Museum ist jetzt auch erschienen, und zwar als Begleitprojekt zu meinem Artikel über die Wiederentdeckte Mütze der Fischer von der Insel Rügen, in der amerikanischen Zeitschrift Piecework. Zu dem Artikel Pomeranian Pottmütz - A Knitted Cap from the Island of Rügen gehört auch die Strickanleitung Pottmütz:  Re-creating a Forgotten Cap.

Pommersche Pottmütz

Piecework ist eine amerikanische Zeitschrift. die seit rund 30 Jahren Artikel und dazugehörende Anleitungen über traditionelle Handarbeitstechniken aus aller Welt veröffentlicht. Es wrd über neu-entdeckte vergessene Techniken berichtet, über Erbstücke amerikanischer Einwanderer ebenso wie über die strickenden Männer vom Titicaca-See. Autorinnen wie Beth Brown-Reinsel, Riina Tomberg, Nancy Bush, Angharad Thomas (to name a few) schreiben in diesem Magazin und ich konnte eine ganze Menge lernen.

Zu meinem Glück gibt es die Ausgaben in Druck- und in PDF-Format, und vergangene Jahrgänge oder einzelne ältere Ausgaben  kann man als PDF-Dateien  herunterladen. Auf diese Weise habe ich einen großen Bestand der Hefte seit 1993 und lese immer wieder und wieder in ihnen. In den rund 30 Jahren ist eine einzigartige Enzyklopädie zusammengekommen. 
Longthread Media LLC übernahm 2019 drei Magazine (Spin Off, PieceWork, and Handwoven) von der insolventen Firma F+W Media und sicherte so zu unserem Glück deren Fortbestehen.

Ich nahm also meinen ganzen Mut zusammen und schlug die Mütze zur Veröffentlichung vor. Und bekam den Auftrag, den Artikel und die Anleitung zu schreiben. Das hat mich sehr beschäftigt und mir Freude gemacht, es gab aber auch etliche Hürden zu überwinden. Natürlich habe ich den Aufsatz ersteinmal auf deutsch verfaßt und dann ins Englische übersetzt, meine Freundin Pat hat dann "kontroll-gelesen" und es zeigte sich, daß die amerikanische Zeichensetzung sehr von unserer deutschen abweicht. Ich habe auf den Rat gehört und die Zeichensetzung den amerikanischen Lektorinnen überlassen.

 

 

Piecework Herbst 2020

Nun also ist die Herbstausgabe 2020 erschienen und mein Aufsatz hat 4 Seiten bekommen, die dazugehörende Anleitung (samt Strickschriften) dann auch noch einmal 4 Seiten. Das macht mich stolz!
Mit der Empfehlung für ein Garn ist es ja immer so eine Sache, einerseits wollte ich möglichst authentische Wolle verwenden und vorschlagen, andererseits ist die Wolle des Pommerschen Rauhwollschafes ja nicht so einfach zu finden. Deshalb habe ich die Mütze mit der lettischen Wolle aus der Wollfabrik in Limbazi gearbeitet, eine sehr natürliche rauhe Wolle mit einer großen Farbauswahl und habe Farben verwendet, die denen der Originalmütze so nahe wie möglich kommen. Ich denke, das ist gelungen.

Und ich habe schon wieder neue Ideen für weitere Artikel, dazu muss ich aber noch ein wenig forschen.

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Nun noch ein paar Details:
Die Ausgaben der Piecework kann man auf der Webseite von Longthread Media kaufen, entweder als Druck- oder als digitale Ausgabe.

Das hier vorgestellte Herbstheft ist auf dieser Seite für 9,99$ zu bestellen.

Aber viel lohnender ist ein Abonnement des Magazins, das eine ganze Menge Vorteile bietet: Der Preis ist günstig und man erhält zusätzlich noch Zugang zu allen bisherigen Ausgaben! und weiteren unveröffentlichten Artikeln.
25$ für 4 Ausgaben / Jahresabo oder 45$ für ein Zweijahres-Abo, das kann ich nur empfehlen!

Piecework Herbst 2020 Titelbild

ich WOLLte nach Berlin!

Nach der ruhigen Zeit auf dem Dorf gab ich den Lockrufen der Berliner Strickfreundinnen nach und machte mich auf den Weg nach Berlin. Treff- und Zeitpunkt zu vereinbaren war ein wenig aufwendig, aber dann klappte es. Am ersten Tag verabredeten wir uns bei Yarn Over Berlin in der Oranienburger Straße. Was taugt eine Woll-Diät, wenn schon ein Strang TukuWool-Sockenwolle (handmade in Finland - for the love of wool) alle guten Vorsätze zunichte macht? Claudia und Cornelia hatten mir kürzlich schon einige Stränge dieses finnischen Garns besorgt und auch geschenkt und das steigerte meine Begierde umso mehr.

Jetzt also noch einmal 3 Stränge davon, die wanderten in den Beute-Beutel, alle anderen wunderhübschen Garne (Frieda Fuchs zum Beispiel, in handelsüblicher Menge oder als knusprig-verlockende Klein-Stränge) blieben wo sie waren oder wurden von meinen Freundinnen aufgekauft.

Yarn Over Berlin
im Kunsthof
Oranienburger Str. 27
10117 Berlin
Öffnungszeiten: Montag, Dienstag und Samstag 11.00 bis 16.00 Uhr, Mittwoch und Freitag 12.00 bis 19.00 Uhr
Donnerstag und Sonntag geschlossen.
www.yarnoverberlin.de

Wie schön wenn man an einem der ersten heißen Junitage einen so wunderschönen Platz wie bei der Tadschikischen Teestube im Kunsthof an der Oranienburger Straße findet! Wir konnten im Schatten sitzen, herrlichen Tee genießen und unsere Beute bestaunen. Und da YarnOverBerlin ja auch im Kunsthof residiert, blieb immer noch die Möglichkeit zu weiteren Beutezügen.

wie immer: aufs Bild klicken und die Galerie-Ansicht wird geladen!

Meine zwei Berliner Neffen kamen abends dazu und ließen sich von mir zu einem Abendessen auf dem Hof verführen. Pelmeni, Plov und andere leckere russische und zentralasiatische Speisen tischen die Köche der Tadschikischen Teestube auf und dazu gibt es sehr sehr frische, fruchtige Weine oder gewürzten Tee.

Am zweiten Tag trafen wir uns nicht "in Mitte" sondern in Charlottenburg. Rund um die Kantstraße und in den Nebenstraßen gibt es viele kleine verlockende Läden, aber nicht nur; den Kultur-Hunger stillt man im im  Käthe-Kollwitz-Museum oder im Literaturhaus. In dieser Gegend fühle ich mich immer ein wenig zuhause, auch wenn ich nie in Berlin gelebt habe. Ein Wiesbadener Musiker hatte einst in der Kantstraße ein Saxophongeschäft gegründet, ob es heute noch besteht weiß ich nicht. Und am legendären Savigny-Platz steht immer noch die Tür der Kneipe "Dicke Wirtin" offen. Bei einem meiner ersten Kreta-Urlaube in den 70ern trafen wir Hagen, einen Hardcore-Alkoholiker, Stammgast der Dicken Wirtin, der erschröckliche Geschichten aus dem Kneipenalltag von sich gab und dabei zum Frühstück ein rohes Ei in das Glas Retsina rührte....

Genug der Erinnerungen. Bei diesem Besuch entdeckte ich die Saxonia-Drogerie in der Knesebeckstraße, Berlins älteste Drogerie und ließ mich von provenzalischen Düften verführen, dabei wollte ich eigentlich nur eine neue Atemschutzmaske besorgen. Und gegenüber, Ecke Knesebeck- / Goethestraße, steht das Haus, in dem Hedwig Courths-Mahler lange lebte, eine durchaus umstrittene Autorin trivialster Romane, mit deren Werken ich mich in meiner Uni-Zeit bei der Beschäftigung mit Trivialliteratur immer wieder auseinandersetzte. Aber das sind auch Erinnerungen.

In diesem Haus residiert Margit Mickinn im Wollschlößchen und residiert ist das richtige Wort. Schön bemalte Decken, bunte Kronleuchter und an den Wänden in den Regalen und auch sonst überall die herrlichsten Garne. Garne von insgesamt 17 Firmen sind im Angebot, neben vielen Garnen aus Margits scheinbar unendlichen Wollvorräten - Garne, die es heute auf dem Markt sonst nicht mehr gibt. Wer schon einmal bei ihr Wolle oder Garn gekauft hat, tut gut daran ihr die fertigen Strickstücke zu zeigen, das wird regelrecht eingefordert.
Wir gaben einen  Entzückensschrei nach dem anderen von uns, staunten über besondere Mischungen und wundervolle Färbungen, überlegten was man damit stricken könne oder ob "Allgemeine Woll-Sammelwut" als Kaufgrund durchginge...

Auch lettische Landwolle hat Margit im Angebot, von einem durchreisenden Händler angeliefert, wohl von Hobbywool aus Riga. Ich konnte mich nicht sattsehen und weiß nun genau: Dies ist mein Woll-Geschäft in Berlin! Hier will ich wieder hin!

Ich habe noch kein Wollgeschäft kennengelernt, in dem ich mich gleich so wohl fühlte, in dem so eine begeisterte Stimmung herrscht; im Gegensatz zu YarnOverBerlin, wo der Ton freundlich-distanziert ist, habe ich hier das Gefühl als sei ich schon immer hier gewesen, als hätte ich mein ganzes Strickerinnen-Leben über immer wieder hier hereingeschaut.Als hätte Margit mich mit ihren Garnen immer wieder glücklich gemacht!

Nachstehend der Beweis: Wollschlößchen macht wirklich glücklich!

 

Wollschlößchen Berlin
Wollschlößchen macht glücklich

Wollschlößchen - Ein kunterbunter Fundus -
Knesebeckstraße 12, Eingang : Goethestraße!
10623 Berlin
📞 030 / 526 73 999 |  @ : margit1a@yahoo.de

Öffnungszeiten:
Mo: optional, ab 11.00 - 14.00
Di - Fr: 11.00 - 18.30
Samstag: 12.00 - 15.00

Der Nachmittag klang im Garten des Literaturhauses an der Fasanenstraße aus.Leckere Torten, schönes Essen und spritzige Weine, und wir mittendrin - ein herrlicher Tag.

Wieder einmal beweit es sich: Stricken macht schön, gesellig und glücklich!

Bekannte Gesichter

Die lettische Zeitschrift "Praktiskie Rokdarbi" ist ein sehr spezielles Magazin. Es geht um Handarbeiten, um Stricken, Häkeln, Rüschen, Nähen. Trachten, Perlen, Kleister... die bunteste Anleitungsmischung die mir je unter die FInger gekommen ist.
Viele Anleitungen darin haben noch ein wenig sowjetischen Chic und manche Dinge sind einfach nur unvorstellbar kitschig.
Dazwischen dann finden sich Berichte über Traditionen, Trachten, es gibt Porträts von engagierten Handarbeitsmeisterinnen und kurze Berichte über Veranstaltungen. Ab und an werden auch Nähmaschinen verlost.
Ich habe diese Zetschrft digital abonniert, kann zwar immer noch kein Lettisch aber sehr oft bekomme ich doch heraus worum es in dem Artikel geht. Und Musterzeichnungen oder Schritt-für-Schritt-Foto-Anleitungen sind ja meistens recht verständlich.

Heute nun sehe ich bei Facebook die Ankündigung des neuesten Heftes (herunterladen kann ich noch nicht, der Server dort streikt gerade), und freue mich. Auf dem Titelbild ein Porträt von Ziedite Muse, der guten Seele von SENA KLETS in Riga, eine ausgewiesene Trachtenexpertin und Organisatorin. Und dann stehen auf dem Titelbild noch 2 weitere bekannte Namen: Ilze Komane und Jette Uzane. Jette Uzane war eine legendäre Handschuhstrickerin und ihre Anleitungen werden immer noch umgesetzt, bei SENA KLETS ist ihr Tagebuch erschienen.

Ilze Kopmane habe ich im letzten Jahr bei der Eröffnung ihrer Handschuh-Ausstellung kennengelernt und ihre Künste bewundert. Es gibt hier auch einen Artikel über dieses Ereignis.Nun bin ich gespannt auf den Artikel im neuen Heft, wenn der Server wieder in die Hufe gekommen ist.
Die letzte Ausgabe von "Praktiskie Rokdarbi" trug das Porträt von Dagne Kupce aus Cesis, der Leiterin des Weberstudios, auf dem Titelbild. Darüber habe ich hier auf der Wockensolle auch schon berichtet.

Wenn wir schon nicht reisen sollen/können /dürfen im Moment, ein Wiedersehen auf diese Art ist auch schön!