Mecklenburger Strumpfbund

Tanja Boukal. Große Kunst.

Ich finde gar keinen richtigen Titel für diesen Beitrag, denn alles was ich schreiben könnte, wird der Arbeit der in Wien lebenden Künstlerin Tanja Boukal nicht gerecht. Das Spektrum ihrer Arbeiten ist weitgefaßt, aber ganz nah am Leben. Am Leben, wie es ist und nicht, wie wir es oft so leichtfertig wahrnehmen. Sie kennt den Punkt, auf den sie uns dann bringt.

Tanja Boukal: unfinished

©Tanja Boukal

Im November bekam ich von Teresa Schinwald (danke!) den Hinweis auf die Ausstellung Political Correctness der Künstlerin Tanja Boukal im Museum der Moderne Mönchsberg in Salzburg. Die Webseite des Museum zeigt zwei Arbeiten von ihr und auf ihrer Webseite finden sich noch mehr Informationen zu dieser Ausstellung.

Teresa Schinwald wies mich auf die hohe Emotionalität der Ausstellung hin, schrieb mir wie stark die Exponate auf Ausstellungsbesucher wirkten, und ich wurde neugierig.
Ich habe einige Male in meinem Leben die starke Wirkung der Kunst spüren und erleben können, dürfen (Barnett Newmann, Walter de Maria). Kunst hat mein Leben verändert indem sie meine Wahrnehmung bereichert hat. Aber daß sogar Kunst-Abbildungen auf Webseiten stark wirken können, hatte ich nicht vermutet.

Nachdem ich aber die Webseite www.boukal.at durchstöbert hatte, blieb ich ersteinmal stumm sitzen, war beeindruckt, gerührt und berührt. Und ebenfalls den Tränen nahe.

Sie bringt die Dinge auf den Punkt (sagt sich so salopp) und der Punkt schmerzt. Durch die Verbindung kurzlebiger Nachrichtenbilder und zeitfordernder Arbeitstechnik hält sie fest, was wir / die Betrachter sonst vorbeirauschen ließen.

So zwingt uns das Foto einer protestierenden jungen Frau, eine Momentaufnahmen aus dem arabischen Frühling, zum Hinschauen. Durch das "Nach-Stricken" der Protagonistinnen der Fotos, durch die Konzentration, mit der sie arbeitet, sehen wir die Menschen.

Schattengestricktes verhüllt und enthüllt. Ihre Serie "Die im Dunkeln sieht man nicht" zeigt Frauen im Kampf, in der Revolte. Aktive Frauen, die nur selten als handelnde Individuen gesehen werden, aber als WIderstandskämpferinnen, Soldatinnen,  Attentäterinnen, ... die Geschichte vorangetrieben haben. Phoolan Devi kämpfte gegen ihre Vergewaltiger und das indische Patriarchat, Simone Segouin gegen die deutschen Faschisten, Comandante Maria und Comandante Ramona  für die Befreiung Mittel- und Südamerikas.

Phoolan Devi

Phoolan Devi
©Tanja Boukal

Phoolan Devi

Phoolan Devi
©Tanja Boukal



Tanja Boukal stellt diese Frauen  in einen Zusammenhang, gibt Ihnen das Licht, das ihnen zusteht, damit wir sie sehen.

Es ist mir nicht möglich, in einem einzigen Beitrag das alles zu zeigen, was mich beeindruckt, was ich wichtig finde. Ich werde Tanja Boukal fragen, ob ich noch mehr Arbeiten von ihr hier vorstellen darf.


Aber schon einmal die Links, zusammengefaßt, und vielleicht schaffe ich es doch nach Salzburg zu reisen:

Tanja Boukals Webseite, www.boukal.at
Tanja Boukal bei ravelry: http://www.ravelry.com/people/Tanja7301
Political Correctness im Museum der Moderne, Salzburg, MdM Mönchsberg, 9.11.2013 - 2.3.2014 http://www.museumdermoderne.at/de/ausstellungen/aktuell/details/mdm/tanja-boukal/

 

 

 

 

“Bestrickend” – eine Einladung zur Ausstellungsbeteiligung

Die Handwerkskammer Hannover hat Großes, Bestrickendes vor: Eine Ausstellung zum Thema "Modernes Strickdesign" und dazu gibt es eine Ausschreibung.
Ich poste hier mal den Ausschreibungstext:

Handwerkskammer Hannover2014 plant die Handwerksform Hannover eine Fortsetzung ihrer Ausstellungsreihe zu Themen der Textilgestaltung. Nach "Stoffe zum Träumen" und "Körperhüllen" wollen wir die Jahresauftaktausstellung 2014 dem modernen Strickdesign widmen und laden hiermit zur Ausstellungsbeteiligung ein.

Wir suchen Exponate aus den Bereichen Mode (Bekleidung und Accessoires), Wohnen (Teppiche, Decken, Kissen etc.) und Objekt. Die Arbeiten sollten sich durch eine zeitgemäße, innovative oder ungewöhnliche Gestaltung und Materialwahl auszeichnen.

Die Ausschreibung ist international. Sie richtet sich an professionell arbeitende Kunsthandwerker und Designer, die über einen qualifizierten Abschluss verfügen (Gesellenprüfung, Meisterprüfung, Diplom). In Ausnahmefällen ermöglichen wir auch Autodidakten eine Teilnahme, wenn sie eine langjährige Berufserfahrung, die Teilnahme an jurierten nationalen oder internationalen Ausstellungen oder eine Mitgliedschaft im Bundesverband Kunsthandwerk nachweisen können. Die Auswahl zur Teilnahme erfolgt durch eine Fachjury.

Die Bewerbung erfolgt anhand des beiliegenden Anmeldeformulars und des eingereichten Bildmaterials. Bitte verwenden Sie nur professionelle, aussagekräftige Aufnahmen von maximal fünf Arbeiten. Diese Arbeiten sollen repräsentativ für das derzeitige Schaffen stehen und möglichst Bestandteil der späteren Ausstellungspräsentation sein. Wir begrüßen es, wenn Sie uns Ihre Bewerbung auf digitalem Weg zukommen lassen. Alle weiteren Details finden Sie in den Teilnahmebedingungen, die hier zum Download bereit stehen.

Die Ausstellung findet vom 25. Januar 2014 bis zum 22. Februar 2014 in der Handwerksform Hannover statt. Bewerbungsschluss ist der 16. September 2013. Es gilt das Datum des Poststempels bzw. der Eingangsvermerk der Mailzusendungen.

Download: Anmeldeformular und Teilnahmebedingungen

nachgestrickt

Bei der Lektüre meines alltäglichen ArtDaily-Newsletters stieß ich auf die Ausstellungsankündigung "Craft Tech/Coded Media: Women, Art and Technology" im Boulder-Museum of Contemporary Art. Nun ist Craft ja ein englisches Wort für Handwerk, wird aber heute gerne von den Trend-Predigern für alles verwendet, was nur irgendwie durch Fingerbewegung entstehen könnte (s.a. die "Craftistas", welche Handarbeit als Aktionismus predigen und eben bewußt radikal häkeln). Aber das ist eine andere Geschichte.

In der Boulder-Ausstellung geht es mehr um Künstlerinnen und deren Aneignung und Nutzung von Technik, visuellen Medien etc. und es werden die Schnittstellen zwischen Geschlecht, Technik und Macht untersucht.

Instead of the cold, dehumanizing qualities frequently associated with technology, many of the works adopt Do-It-Yourself (DIY)  processes, from weaving to programming. In each work, technology represents a set of tools that are coded meaningfully by humans.

Die Arbeit von Beryl Korotheißt es da im Pressetext. Eine der beteiligten Künsterinnen nimmt auch an der aktuellen Ausstellung TEXTILES: OPEN LETTER / Abstraktionen, Textilien, Kunst im Museum Abteiberg, Mönchengladbach, teil: Beryl Korot. 

Und so schaute ich mir dann die Mönchengladbacher Ausstellung auf der Museums-Webseite an.

Anhand einer Konstellation von historischen und aktuellen Arbeiten reflektiert TEXTILES: OPEN LETTER den wechselseitigen Einfluss zwischen Textilien und zeitgenössischer Kunst. Die Ausstellung geht der Frage nach, wie Textilien aufgrund ihres Formenvokabulars, ihrer Materialität und Kulturgeschichte sowohl historisch als auch aktuell eine künstlerische Sprache und Forschung mit geformt haben und vice versa Textilien und „Textilkunst“ in einer engen Beziehung zu formalen und konzeptuellen Fragestellungen in der Bildenden Kunst stehen und sich entlang dieser entwickelten.

heißt es da in der Einleitung zur Ausstellung. Das finde ich spannend.  Interessante Architektur, die die Ausstellung mitgestaltet und ein weiter Bogen: Über koptische Textilien bis zur zeitgenössischen Kunst reicht das Feld.  Viele viele Künstler nehmen hier teil, nur Franz Erhard Walther scheint nicht dabei zu sein.

Als Rahmenprogramm gibt es Konferenzen, Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen. Fast schon packe ich im Geiste die Koffer, um nach Mönchengladbach zu reisen und mir das alles anzuschauen, Ich klicke mich durch die Bildergalerie und finde wie erwartet auch  Arbeiten von Rosemarie Trockel. Ihre Arbeiten haben mich schon je verwundert und ich sehe die Ironie in der Banalität nicht immer. Die Beschreibung dieses Werkes in der Ausstellungsbroschüre allerdings hat es in sich:

Die weiße Fläche ist direkt auf den Holzrahmen gespannt und um die äußeren Ecken geschlagen –  Rosemarie Trockel: Eisbergdabei negiert sie eine Leinwand und jegliche Art von Motiv. Diese 30 x 30 cm kleine, gestrickte Arbeit behauptet sich selbst und stellt sie gleichsam in die Tradition der (v.a. deutschen) Landschaftsmalerei, genau wie die Gitterbilder von Agnes Martin, die Titel wie River, Mountain oder Cliff tragen. Das Gitter zeichnet sich in Trockels Arbeit sanft ab und wird erst bei genauer Betrachtung sichtbar. Dabei lässt sich das Gitter als Symbol und formales Mittel vor allem im vornehmlich männlich dominierten Kanon moderner Kunst erkennen.

Sehen Sie das auch so? Ich jedenfalls las diesen Text einem Kunstkenner vor und bat ihn dann, das Werk ohne es gesehen zu haben, zu beschreiben. Er beschrieb eine Holzplatte mit weißem Gestrick bespannt. Da hatte er richtig ins Weiße getroffen.

Es entspann sich infolge ein längeres Gespräch über zeitgenössische Kunst und was sie zu sagen hat, welches dann zum Duktus der Kunstwissenschaftler umschwenkte. Die zitierte Beschreibung funktioniert mal wieder nach dem Motto "des Kaisers neue Kleider" und man kann sich schon wundern, was alles in diese Arbeit hineingesehen wird. Die Arbeit negiert, verweigert sich, reiht sich ein in Landschaftsmalerei (hat Caspar David Friedrich auch gestrickt? Oder Philipp Otto Runge? Oder Claude Lorrain?) und und und.

Es fehlt nur der offenkundigste Vergleich; der zum Schwarzen Quadrat des Herrn Malewitsch und wenn wir wieder die Ironie der Frau Trockel suchen wollen, dann kommen wir einfach zu dem Schluß:

Der Eisberg ist ein nachgestricktes Schwarzes Quadrat!,

was immer auch die Damen und Herren Kunstkritiker sonst noch von sich geben und herumdrucksen.

Die Ausstellung ist noch zu sehen bis zum 10. November 2013.
STÄDTISCHES MUSEUM ABTEIBERG
Abteistrasse. 27, 41061 Mönchengladbach

Links:

PS: Die Bilder aus der Ausstellung stammen von der Presseseite des Museums und stehen dort zum Download.

Fibremen – eine Ausstellung nur für Männer

Da hab ich doch eine bemerkenswerte Ausstellungsankündigung gefunden:

Scythia Textile. Fibremen 2FIBREMEN 3

Vom 23. Oktober bis zum 23. November 2013 findet in Kherson in der Ukraine die 

“Fibremen 3” International Fibre Art Exhibition restricted only for men. Juried. Open to all professional male artists, working in fibre. Digital submissions “ only. Contemporary and innovative works are welcome.

statt. Ein ganz besonderes Vorhaben, nun schon zum dritten Mal. FIBREMEN 2 im Jahre 2012 wird auf der Webseite von scythiatextile.com dokumentiert. Ludmila Egorova, die Kuratorin, beschreibt die Schwierigkeiten bei der Suche nach Teilnehmern: It’s not an easy task to find fibremen who work creatively worldwide. Letztendlich hat sie dann Teilnehmer im Alter von 26 bis 70 Jahren gefunden,  und Arbeiten von 3 Zentimetern bis 3 Metern ausstellen können.

Zwei deutsche Teilnehmer habe ich ausmachen können: Johan Söhl und Wolfgang Raetz. Eine Slideshow der ausgestellten Werke gibt es auf der Webseite zu sehen.

Im nächsten Jahr findet vom18. bis 22.  Juni 2014 in Kherson, Ukraine, "Scythia 10", die 10. Internationale Biennale der zeitgenössischen Textilkunst mit Ausstellungen und Konferenz statt.

Ben Cuevas: Fiber of Our Being

Ben Cuevas

Ben Cuevas

 

Ben Cuevas: Gestrickte Venen

Ben Cuevas: Gestrickte Venen

Die Fasern unseres Lebens betitelt der us-amerikanische Künstler Ben Cuevas seine Arbeit. Mit dieser Arbeit beteiligt er sich an der Gruppenausstellung Fiber 2 Form der Galerie Salem Artworks Ben Cuevas: Venen, von: https://twitter.com/Ben_Cuevas/status/358298718195294208/photo/1Ben Cuevas: Venen, von: https://twitter.com/Ben_Cuevas/status/358298718195294208/photo/1

Sein gestricktes Gehirn war hier ja schon mal vorgestellt. Die neue Ausstellung zeigt eine Wand, die mit roten und blauen Adern, Venen, überzogen ist.

Dieser Künstler ist besessen vom anatomischen Stricken, so scheint mir. Der Grund hierfür liegt in seinen Fragen:

  • what does it mean to have a body
  • to inhabit a body,
  • to be a body incarnated in, and interacting with, this world?

Aber das ist nicht alles. In einer seiner Performances sitzt er in nackt in einem Umkleideraum und strickt ein Suspensorium.Dabei läßt er sich über die den Gegensatz weibliche Arbeit versus männliche Arbeit aus und über den Geschlechter-Definitionen angepaßtes Verhalten.
Der Erfolg scheint nicht groß gewesen zu sein, denn er wünscht sich eine Wiederholung dieser Performance und auch reagierendes Publikum und er möchte das dort gefertigte nächste Suspensorium dann auch tragen.

Körperwelten 4 - MusclesBen Cuevas: Skeleton:

Ein recht männlicher Künstler also, der die Strickerei von jedem weiblichem Kontext befreit. Er provoziert. Mich auch. Aber nur so wie der Herr Gunter von Hagen. Dessen plasitifzierten Körperwelten setzt er seine gestrickten Körperwelten entgegen. (oder dazu?)

Wie auch immer. Mein Urteil? Eher Effekthascherei denn ästhetischer, visueller oder gesellschaftlich-philosophischer Stimulus. Dazu wohl noch Coming-Out-Kunst.

Ben Cuevas Homepage || Ben Cuevas Performance: Jock Strap (a work in progress) || Suspensorium => in der Wikipedia || Bildersammlung bei Google Images

Auf der Suche nach Perfektion

Freddie Robins ist eine Textilkünstlerin aus Großbritannien, die in ihrer Arbeit Kunst, Handwerk und Design zusammenbringt. Sie erforscht das Bedeutungsfeld "Stricken" in allen Facetten, sei es in Hinblick auf geschlechtsspezifische oder historische oder technische Facetten. Und das macht sie mit Humor und Grusel.

Freddie Robins: Knit a work of art!

Die Conrad-Handschuhe von Freddie Robins, Screenshot von der Museums-Seite

Ihre Arbeiten werden in so  bedeutenden Museen  und Galerien wie das Victoria- and - Albert Museum oder der Saatchi-Galerie gezeigt. Im Kunstmuseum Wolfsburg beteiligte sie sich an der Ausstellung mit dem schönen Titel "Zwischen Haut und Kleid". Hier auf der Wockensolle habe ich schon ihre Daumenlutscher-Handschuhe vorgestellt. 

Mich fasziniert ihr Projekt "The Perfect". Sie leidet nach eigener Aussage an ihrer Sucht nach Perfektion. Im Projekt "The Perfect" geht es genau darum: Sie setzt Technologie ein, die mit größtmöglicher Perfektion Kleidungsstücke mit geringstmöglichem Abfall, Verschnitt und ohne manuelle Eingriffe verfertigen kann. Ihre gestrickten Multiples wurden mit einer japanischen Industrie-Strickmaschine erstellt, die dreidimensionale nahtlose Kleidungsstücke produziert.

Tja, und so erstellt sie diese erschreckenden oder erschreckten Strickmenschen. Einer trägt auch eine Losung auf dem Bauch:  Craft kills / Handwerk tötet.

Fast als ob man einem alten Indianer ins Gesicht schaute ;=)


Vorschläge für eine Reise zu Freddie Robins Arbeiten im Netz: