Charlotte Leander, Anweisungen zur Kunststrickerei, 1843

Ich bin begeistert von einem Strickbuch:

Norwegian Knitting Designs - 90 years later -
A New Look at the Classic Collection of Scandinavian Motifs and Patterns

welches 2019 auf  Norwegisch und 2020 auf Englisch erschien. Autoren des Buches sind Wenche Roald und Annichen Sibbern Bøhn.

Ich habe immer schon, seit ich wieder stricke, jedes Strickbuch, das mir interessant erschien, gekauft und so sammeln sich in meinem Buchregal die schönsten Bände. Mit vielen dieser Bücher verbinden sich auch oftmals ganz persönliche Geschichten.
So geht es mir auch mit diesem Buch. Es ist für mich die vollkommene Umsetzung alter, traditioneller, überlieferter Muster in zeitgemäße und tragbare, dabei auch wunderschöne, Modelle.
Aber der Reihe nach.

 

Dieses Buch hat zwei Autorinnen, Wenche Roald und Annichen Sibbern Bøhn. Annichen Sibbern Bøhn (1905 bis 1978) war eine Pionierin. Sie trug aus allen norwegischen Provinzen traditionelle Strickwaren und Muster zusammen und veröffentlichte 1929, mit 24 Jahren, das richtungsweisende Werk "Norske Strikkemonstre", in welchem sie Photos und Musterzeichnungen der wichtigsten Vertreter norwegischer Strickereien zusammenstellte. Zu dieser Zeit arbeitete sie für das Norske Folkemuseum und die von ihr dokumentierten Muster sind der Grundstock aller Strickmuster, die heute in Norwegen gestrckt, getragen und geliebt werden.


Norwegian Knitting Designs - 90 Years Later:
A New Look at the Classic Collection of Scandinavian Motifs and Patterns

Autoren: Wenche Roald + Annichen Sibbern Bøhn
Herausgeber ‏ : ‎ TRAFALGAR SQUARE (16. Juni 2020)
Sprache ‏ : ‎ Englisch
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 1570769893
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-1570769894

In der Winterausgabe 2011 des Magazins Piecework las ich zum ersten Male über Norwegens zweifarbene Strickmuster, in einem Aufsatz von Nancy Bush (Two Colour Knitting of Norway). Norwegische Muster kannte ich natürlich bereits, in Deutschland wurde ja jede zweifarbige Strickerei als "Norwegermuster" bezeichnet und ich trug in den 70er Jahren eine alte Strickjacke, die mein Schwiegervater aus Norwegen mitgebracht hatte. Das ist aber eine andere Geschichte, die ich hier auch schon geschildert habe.
In der gleichen Aufgabe findet sich auch der Aufsatz "Annichen Sibbern Bøhn: Preserver of Norway’s Knitting History & Wartime Resistance Fighter" von Terri Shea, und sogar eine Anleitung für ein Paar Kniestrümpfe, von der gleichen Autorin, gearbeitet nach einem der Strümpfe aus dem Buch Norske Strikkemonstre.

Link zum Artikel Vintage-Modern Style: Norwegian Knee-High Stockings - When you knit a pair of traditional Norwegian knee-high stockings, it’s like taking a step back in time, but the look is anything but old fashioned. auf der Webseite des Piecework-Magazins.
Und der Link zum Download der Anleitung und zu einem Porträt von Annichen Sibbern Bøhn: Download the free instructions and charts 

Norwegian Knitting Designs - Terri Shea 2011

Seit seinem Erscheinen hat das Buch viele Auflagen erlebt: 1929. 1933. 1942, 1947 und auf englisch 1952. 1965, 1966 und 1976. Dabei wurden aber auch einige Anleitungen entfernt oder wieder aufgenommen. So enthielt die englischsprachige Ausgabe von 1965 etliche Pullover-Muster, für die andere Muster weichen mussten.

Ich besitze eine norwegishsprachige Ausgabe, die ich in einem secondhand-Laden fand, die englischsprachige, von Terri Shea (der Herausgeberin von "Selbu Votter") editierte Ausgabe aus dem Jahr 2011 und nun das neue Buch von Wenche Roald.

Und dieses Buch enthält, das finde ich ganz besonders toll, einen Reprint der Ausgabe von 1929! Was eine tolle editorische Idee!

Das neue Buch von Wenche Roald mit den Mustern aus dem alten Buch fasziniert mich aus mehreren Gründen: Es enthält Anleitungen, die im Gegensatz zu den Anleitungen in der Serie "Knit like a Latvian" von Ieva Ozolina (nur ein Beispiel), nicht auf "Dickes-Garn-und-dicke-Nadeln-Niveau" heruntergebrochen sind, sondern wirklich schon einiges Strickkönnen erfordern. Die neuen Anleitungen sind allesamt wunderschön und noch dazu auf eine sehr menschliche, lebensfrohe Weise fotografiert (Sara Johannessen). Zudem enthält es im einleitenden Teil eine ausführliche Würdigung von Annichen Sibbern Bøhn neben dem eher technischen Abschnitt "Before you start knitting".
Die Anleitungen umfassen Pullover für Erwachsene, Pullover für Kinder und "andere gute Dinge" wie z.B. einen Halswärmer für einen eleganten Hund und die Anleitung für den berühmten "Eskimo-Pullover", den A.S.B. 1930 entwarf, und der ausnahmswiese nicht aus ihrem Grundlagenbuch stammt, einem Grönland-Pullover mit Rundpasse, inspiriert von dem Tonfilm "Eskimo". Dieser Pullover hat sich, wie auch der "Marius-Pullover", ins kollektive Strickgedächtnis der Norweger eingeschrieben!

Der Klick auf den roten Punkt im untenstehenden Fenster lädt eine Vorschau auf das Buch, mit norwegischem Text. Sie erhalten einen Einblick in das außergewöhnlich schöne Buch mit bezaubernden Fotografien!

Norwegian Knitting Designs

Die Pommersche Pottmütze gehört zu meine Lieblingsprojekten, denn es lag mir auf der Seele, daß es hier im Nordosten Deutschlands nur so wenig Gestricktes aus vergangener Zeit geben soll, daß keine überkommenen gestrickten Muster oder Kleidungsstücke heute noch getragen werden. Und als ich dann die Pottmütze nach den wenigen Exemplaren, die es in Museen noch gibt, nacharbeitete, startete ich damit ein kleines Revival.
Die Mütze stieß auf angeregtes Interesse, der Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern druckte die Anleitung der Mütze aus Gager, die im Museum von Goehren aufbewahrt wird, und die Anleitung wurde auch hier von der Webseite vielfach heruntergeladen.  Die Anleitung für die Mütze aus dem Stralsunder Museum ist jetzt auch erschienen, und zwar als Begleitprojekt zu meinem Artikel über die Wiederentdeckte Mütze der Fischer von der Insel Rügen, in der amerikanischen Zeitschrift Piecework. Zu dem Artikel Pomeranian Pottmütz - A Knitted Cap from the Island of Rügen gehört auch die Strickanleitung Pottmütz:  Re-creating a Forgotten Cap.

Pommersche Pottmütz

Piecework ist eine amerikanische Zeitschrift. die seit rund 30 Jahren Artikel und dazugehörende Anleitungen über traditionelle Handarbeitstechniken aus aller Welt veröffentlicht. Es wrd über neu-entdeckte vergessene Techniken berichtet, über Erbstücke amerikanischer Einwanderer ebenso wie über die strickenden Männer vom Titicaca-See. Autorinnen wie Beth Brown-Reinsel, Riina Tomberg, Nancy Bush, Angharad Thomas (to name a few) schreiben in diesem Magazin und ich konnte eine ganze Menge lernen.

Zu meinem Glück gibt es die Ausgaben in Druck- und in PDF-Format, und vergangene Jahrgänge oder einzelne ältere Ausgaben  kann man als PDF-Dateien  herunterladen. Auf diese Weise habe ich einen großen Bestand der Hefte seit 1993 und lese immer wieder und wieder in ihnen. In den rund 30 Jahren ist eine einzigartige Enzyklopädie zusammengekommen. 
Longthread Media LLC übernahm 2019 drei Magazine (Spin Off, PieceWork, and Handwoven) von der insolventen Firma F+W Media und sicherte so zu unserem Glück deren Fortbestehen.

Ich nahm also meinen ganzen Mut zusammen und schlug die Mütze zur Veröffentlichung vor. Und bekam den Auftrag, den Artikel und die Anleitung zu schreiben. Das hat mich sehr beschäftigt und mir Freude gemacht, es gab aber auch etliche Hürden zu überwinden. Natürlich habe ich den Aufsatz ersteinmal auf deutsch verfaßt und dann ins Englische übersetzt, meine Freundin Pat hat dann "kontroll-gelesen" und es zeigte sich, daß die amerikanische Zeichensetzung sehr von unserer deutschen abweicht. Ich habe auf den Rat gehört und die Zeichensetzung den amerikanischen Lektorinnen überlassen.

 

 

Piecework Herbst 2020

Nun also ist die Herbstausgabe 2020 erschienen und mein Aufsatz hat 4 Seiten bekommen, die dazugehörende Anleitung (samt Strickschriften) dann auch noch einmal 4 Seiten. Das macht mich stolz!
Mit der Empfehlung für ein Garn ist es ja immer so eine Sache, einerseits wollte ich möglichst authentische Wolle verwenden und vorschlagen, andererseits ist die Wolle des Pommerschen Rauhwollschafes ja nicht so einfach zu finden. Deshalb habe ich die Mütze mit der lettischen Wolle aus der Wollfabrik in Limbazi gearbeitet, eine sehr natürliche rauhe Wolle mit einer großen Farbauswahl und habe Farben verwendet, die denen der Originalmütze so nahe wie möglich kommen. Ich denke, das ist gelungen.

Und ich habe schon wieder neue Ideen für weitere Artikel, dazu muss ich aber noch ein wenig forschen.

Nun noch ein paar Details:
Die Ausgaben der Piecework kann man auf der Webseite von Longthread Media kaufen, entweder als Druck- oder als digitale Ausgabe.

Das hier vorgestellte Herbstheft ist auf dieser Seite für 9,99$ zu bestellen.

Aber viel lohnender ist ein Abonnement des Magazins, das eine ganze Menge Vorteile bietet: Der Preis ist günstig und man erhält zusätzlich noch Zugang zu allen bisherigen Ausgaben! und weiteren unveröffentlichten Artikeln.
25$ für 4 Ausgaben / Jahresabo oder 45$ für ein Zweijahres-Abo, das kann ich nur empfehlen!

Piecework Herbst 2020 Titelbild

In der ersten Ausgabe 2019  veröffentlichte die amerikanische Zeitschrift Piecework den Artikel The Exceptional knitting of Ruhnu von Riina Tomberg und Nancy Bush und die Anleitung Ruhnu Mitts to Knit.

Und die habe ich dann auch gleich gestrickt. Die Muster der estnischen Insel Ruhnu (eine Insel, an deren Existenz ich mittlerweise zweifle) und travelling stitches im Allgemeinen beschäftigen mich ja schon eine ganze Weile. Ich hatte 2 unfertige Projekte auf den Nadeln (einmal die Runö-Handschuhe von Anu Pink und einmal die Ruhnu-Handschuhe von Riina Tomberg, ein Thema des Craft Camp 2018). Da ich nicht so recht weitergekommen war mit diesen Projekten und die Anleitung in der Piecework mit weniger Maschen und etwas dickeren Nadeln daherkam, habe ich diese Anleitung sofort umgesetzt.

Und diese Arbeit hat es nun in die Kolumne "From Our Reader's Hands" in der Piecework -Herbstausgabe geschafft,

Darauf bin ich schon stolz.

Und deshalb zeige ich auch den Ausschnitt aus der Zeitschrift hier.

Und ich gebe nicht auf.

Diese "travelling stitches" haben es mir angetan, sei es als Strukturmuster für Sockenbündchen, als Flächenmuster oder als komplexes Muster für einen Handschuh. Ob die Muster nun von Ruhnu, Muhu oder Vormsi stammen, alle reizen mich.

Die komplexen Muster erfordern auf jeden Fall starke Konzentration. Im Moment stricke ich das Muster vom Craft Camp 2018 zum dritten Mal und immer scheitere ich an der gleichen Stelle, an der plötzlich eine Masche zuviel auftraucht. Das spornt aber meinen Ehrgeiz nur noch mehr an,

PS:  Mein Projekt und die Anmerkungen dazu sind bei Ravelry eingetragen.