Ein Auszug aus dem Puppenheim

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Mit Auszug meine ich nicht den Exodus, sondern einen Text-Ausschnitt und ich bin gerade, angeregt durch einen Artikel im Norwegian Textile Letter, auf Henrik Ibsens Nora oder Ein Puppenheim gestossen. Ein interessantes Statement des Advokaten Helmer, das ich hier wiedergeben möchte:

So eingestreut zwischen Banalitäten, die die eigentliche Tragik verdecken, gibt der Herr des Hauses seine Meinung von sich. Diese Meinung überrascht uns nicht, ist er doch ein Chauvinist ersten Grades, aber das Chinesische, das verwundert schon..

Nun, dies zur Einführung in den Artikel Between Knit and Purl von Espen Søbye, im Norwegian Textile Letter, den ich ja schon einmal zitiert habe hier auf der Wockensolle und der immer sehr lesenswert ist.

Die Autorin bespricht den aktuellen Hype der Strickbücher (Klompelompe, Arne und Carlos und und und) und steltl dabei auch ein Buch vor, welches sich gegen das Stricken ausspricht und die gesellschaftliche Rolle des Strickens untersucht (im Gegensatz zu den anderen Büchern, in denen das perfekte Befolgen detailliertester Anweisungen als Kreativität verherrlicht wird),
Dieser Abschnitt steckt voller Denkanstöße und deshalb zitiere ich ihn hier. Und was das verehrte Paar Alva und Gunnar Myrdal da postuliert, sollten wir alle überdenken. Stimmt das?

Knitting and crochet were enterprise gone wrong. This energy should be used for something more practical for society and the individual.

Nachstehend der Auszug aus dem Artikel und Informationen zu dem Werk von A. und G. Myrdal findet man bei wikibooks..

Helmer.
Ach was, schon?... – Gehört Ihnen das Strickzeug da?

Frau Linde (nimmt es.)
Ja, danke schön. Beinahe hätte ich es vergessen.

Helmer.
Also, Sie stricken?

Frau Linde.
Ja freilich.

Helmer.
Wissen Sie was, Sie sollten lieber sticken.

Frau Linde.
So? Und weshalb?

Helmer.
Weil es viel hübscher aussieht. Sehen Sie nur: man hält die Stickerei mit der linken Hand, – so –, und mit der rechten führt man die Nadel – so – in leichtem, langgestrecktem Bogen; nicht wahr –?

Frau Linde.
Ja, das mag schon sein –

Helmer.
Das Stricken hingegen, – das kann nur unschön sein. Sehen Sie her: die zusammengeklemmten Arme, – die Stricknadeln, die auf und ab fahren, – das hat so was Chinesisches an sich. – Es war wirklich ein glänzender Champagner, den man uns vorgesetzt hat.

In dem Artikel springt mir noch eine Klassifizierung ins Auge:

 Sweden, Alva and Gunnar’s homeland of anti-knitting

Ich bin gespannt wie die aktuellen Wahlen in Schweden ausgehen, mit dem Untergang der Sozialdemokratie dort wird Stricken vielleicht noch stärker instrumentalisiert im Sinne von zurück an die Nadeln - zurück an den Herd!

Resistance against knitting. One of the books, Rett på tråden [Right on the Thread] differs from the others, not only with its slightly impudent title. In the introduction, sisters Birte and Margareth Sandvik quote the exchange of lines in A Doll’s House, where Torvald Helmer advises Mrs. Linde to set aside her knitting and take up embroidery instead, because knitting “can never be anything but ugly, “ “there’s something Chinese about it.”

Knitting has had several vocal opponents since Ibsen’s Torvald. In their book Crisis in the Population Question (1934), the married couple Alva and Gunnar Myrdal—both tone-setting Swedish social democrats, she winning the Nobel Peace Prize, he the Nobel prize for economics—were angered by the exaggerated petit bourgeois habits that had spread among the working class and minor civil servants. Family life in these classes was, according to the Myrdals, characterized by a fussy desire to entertain, an overly-ambitious interest in food and homemaking, with a penchant for public display. But it was, above all, women’s handwork that paid the price: “All this embroidery, this knitting, sewing, and lacemaking that has filled the walls and sofas, tables and shelves.”

Knitting became equated with a confined active mind and connected to married women’s having no right to work and the two-child family having become the norm.

Staying home with one or two children resulted in women’s having lots of free time—and presto, this is how Alva and Gunnar Myrdal explained the then-current knitting wave: Knitting and crochet were enterprise gone wrong. This energy should be used for something more practical for society and the individual.

At the end of the 20th and beginning of the 21st centuries, women are having even fewer children than did their grandmothers in the 1930s, and men’s and women’s lives have become almost exactly identical. The reduction in the number of childbirths is a major reason why the buxom female with broad hips and heaving breasts is no longer the ideal woman, instead the athletic, androgynous female body that exudes health and sex appeal is. The anorexic, boyish body has become the woman’s dream physiology, and she dresses accordingly.

100% Wolle? 90% vertan…

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Gegenwärtig sind, das stelle ich mal so fest, so ziemlich alle Völkerkunde- und Volkskunde-Museen in Deutschland in der Krise, permanent in Frage gestellt durch eine Gemengelage aus Poltical Correctness, Sparwut, Umwandlung in gewinnorientierte GmbHs, Ignoranz (was soll der alte Krempel) und multimigrationaler Überforderung. Da werden Museen umbenannt statt sie mit dem Notwendigen auszustatten (s. das alte wunderbare Hamburger Völkerkundemuseum) oder auseinandergerissen respektive zusammengelegt, passe was wolle.

Das Berliner Museum der Europäischen Kulturen ist aus der  Zusammenlegung der europäischen Sammlung des Museums für Völkerkunde (heute Ethnologisches Museum) mit den Beständen des Museums für [Deutsche] Volkskunde aus Ost- und Westberlin entstanden. Und selbstverständlich braucht dann ein neuer Topf auch einen neuen Deckel: man möchte gerne zu einer modernen, kulturanthropologischen und -vergleichenden Sammlungs- und Forschungstätigkeit mit europäischer Perspektive kommen.

Ob das funktioniert, kann ich nicht sagen. Ich, als Museumsbesucherin, erhalte ja immer nur einen kleinen Einblick in die Bestände und muss mich auf die Präsentation der Obekte verlassen.

Ich hatte schon einige Kritiken der gegenwärtigen Dauerausstellung "100% Wolle"  (von November 2017 bis Juni 2019!) vernommen, ließ mich aber nicht abschrecken.
Manchmal möchte ich meine Vorurteile bestätigt finden... ich will mir aber ärgern!

Nun, ich denke, soviele Vorurteile hatte ich gar nicht wie hier bestätigt wurden. Ich liste erst einmal auf, was mir beim Besuch und nach dem Besuch in den Sinn kam.

Die Außendarstellung macht auf modern: Ein Wortspiel (ja doch, Wolle kommt von Wollen)  und ein bemüht strickversuchender Hipster mit Bart und Hosenträgern. Wer ist die Zielgruppe dieser Ausstellung? Das wird nicht klar - oder anders ausgedrückt:
Allen wird zuwenig oder auch gar nichts geboten.

Aber mal dem Alter nach:

Kinder dürfen auf dem großen Schaf herumklettern, wenn sie ordentlich die Schuhe ausziehen und sich von dem grimmigen Blick des Riesentieres nicht abschrecken lassen. Aber warum sollten Kinder auf einem Schaf herumtoben?
Das hat keinen Bezug zur Lebenswelt, nicht zu der der Schafe und auch nicht zu der der Kinder.

Kinder können sich an den preiswert-lieblos aus Spanholz zusammengezimmerten Tischen im Handarbeiten üben, dazu ist das sicherlich schon vertraute Kita-Inventar (Kleinwebrahmen und Strickliesel) im Angebot, ob so spielerische Neugierde geweckt wird? Ein Pressebild zeigt Großmutter, Patchwork-Vater und zwei Jungs "irgendwas mit Wolle" machen (Mädchen sind nicht vertreten) , das ist wahrscheinlich die Umsetzung des Vorhaben "eine Plattform (zu) entwickeln, die den Besucher_innen die Möglichkeit bietet, gemeinschaftlich Kulturtechniken kennenzulernen und zu erproben."
Wie das an den Sonntagnachmittagen vor sich geht, vermag ich nicht zu sagen und zu beurteilen, ich war während der Woche da.

Der leidlich interessierte Besucher kann nach oben blicken und an einer Kleiderstange hängende Pullover oder Blusen betrachten. Er kann sich blumentopfähnliche schwarze Plastikteile ans Ohr halten und sich Geschichten erzählen lassen, so jedenfalls die Intention: die  Möglichkeit, sich der Wolle spielerisch, sinnlich, intellektuell oder nostalgisch anzunähern und damit auseinanderzusetzen - mittels der sprechenden Kleiderstange, die ich allerdings eher mit einer chemischen Reinigung oder einer Kleiderkammer assoziierte.
Der Besucher kann sich Bücher von einem Regalbrett nehmen und sich lesend vertiefend. Vorher allerdings muß er die Schuhe ausziehen, sich am Schaf vorbeidrücken und dann kommt er erst ans Regal. Was dort auf dem Regalbrett stand? Auf jeden Fall keine Fachliteratur, nichts Vertiefendes, so ein Bücherkisten-Krabbel-Angebot eben...
Oder er faßt mal in die kleinen Schälchen mit geringen Mengen Vlies, Wolle oder 3 Seidenkokons und versucht die

Ein wirklich interessierter (Fach-)Besucher jedoch muß zwangsläufig enttäuscht werden. Alle Erwartungen, die man vor einem Museumsbesuch so aufbaut, werden nicht erfüllt.  Dazu noch später...

Ein kunstinteressierter Besucher wird sich vielleicht in dem letzten Raum der Ausstellung die VIdeo-Installation betrachten und dabei auf dem "fliegenden Teppich" sitzen, welcher in China hergestellt und aus Synthetik...

Was will der Hipster sehen, was kann er wahrnehmen? Da fällt mir gar nichts ein.

wie immer: aufs Bild klicken für eine größere Ansicht

ein einziger Handschuh!

nachhaltig designt???

nachhaltig designt aber nichts Besonderes

Wenn ich aufzähle, was ich vermißt habe, wird sicherlich deutlich was meine Erwartungen so waren; als ich das erste Mal von diesem Ausstellungsvorhaben hörte freute ich mich.
Ein ethnographisches Museum das sich diesem Thema stellt, da bildet sich doch gleich von selbst eine Erwartung, ich nenne ein paar Stichworte:

  • der unglaubliche Entwicklungsschritt der Menschheit zur Haustierhaltung, der die Produktion von Nahrungsmitteln und Bekleidung ermöglichte
  • die Vielfalt der faserliefernden Haustiere, ihre geographische Verbreitung, die unterschiedlichen Lebensformen die sich aus der Haltung ergeben: Nomadentum, Seßhaftigkeit,von Weidehaltung zu landwirtschaftlicher Produktion
  • die mythische und wirtschaftliche, kulturprägende Verbindung zwischen Mensch und Tier
  • die Vielfalt der Woll-Nutzung; Wärme, Isolierung, Kleidung, Schmuck...
  • Alltagskleidung und Festtagskleidung (man denke nur an die rituellen Handschuh-Präsente im Baltikum)
  • Herstellungstechniken: von dem Vlies zur Faser, vom Groben zum Feinen, von der Manufaktur zur Fabrik
  • die Mannigfaltigkeit der Trachtenkleidung
  • die regionalen Ausprägungen der Wollnutzung in Europa - von Shetland über Skandinavien und dem Baltikum bis Südeuropa
  • ...

Viele dieser Punkte werden angerissen, aber nichts wird auch nur knapp behandelt oder im Überblick vorgestellt.
Ein paar hübsche Instrumente (Spindeln, Spinnrad usw.), keine Nadeln, in den kargen Vitrinen einige wenige Stücke vom Westbalkan bis Bulgarien, ein einziger estnischer Handschuh!!!

Bei den Techniken: Spinnrad, Webrahmen, und Kärtchen fürs Bändchenweben (eine Technik die aber vollkommen rätselhaft bleibt, nicht erklärt wird). Dabei wäre es so einfach gewesen, anhand  des Bändchenwebens mit wenigen Exponaten die Verbreitung der Technik im gesamten europäischen Raum aufzuzeigen, es werden doch sogar Kärtchen aus TIflis / Georgien gezeigt!

Daß die Stricker(innen) auch ein politisches Bewußtsein haben - nagottseidank gibt es die Pussy-Hat aus Amiland!
Und daß Designer inzwischen umweltbewußt / nachhaltig  Textilien entwerfen (und die Strickerinnen ihrer Entwürfe dann sogar persönlich kennen), da fällt doch glatt die Ananasdose in Peking oder ein Auftragsbuch bei Tines oder Sena Klets in Riga um!

Daß die gezeigten "Design-Entwürfe" auch noch ausgesprochen unelegant, wenig schön, eher armeslig ind, zeigt wieder einmal die ästhetische Unempfindlichkeit der Ausstellungsmacher... es gibt immer Schönes und Banales, man muß es nur finden!

So, nun habe ich die Dinge, die mir durch den Kopf gehen, seit ich diese Ausstellung besucht habe, aufgelistet.
Ich ärgere mich daß es so eine oberflächliche, leidenschaftslose und langweilige Ausstellung geworden ist, wo das Thema doch soviel hergeben könnte, und wo, wie ich mir habe sagen lassen, das Museum über einen großen Textilien-Bestand verfügt.

Einfach nur schade, Thema vergeigt.

Woran liegt das aber? Fehlt es an inspirierten Ausstellungsmachern, sind Wissenschaftler zu teuer, muß heute alles von Praktikanten oder Messebau-Firmen umgesetzt werden, will man nicht in die Tiefe gehen, schätzt man die Schätze, die man in den Sammlungen hat, nicht, stapelt man zu tief oder läuft man unter dem (Synthetik-)teppich?

Es ist nicht so schwierig, es gibt soviele Informationen, on- oder offline, man braucht doch nur fragen und sich umschauen.

 

knüpfen, knoten, stricken

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Wie lange wird schon gestrickt und welche Bezeichnungen gibt es für diese Tätigkeit?

Ich lese gerne in alten historischen Abhandlungen, suche Informationen zur alten Kulturlandschaft Pommern, denn ich wohne ja inzwischen in Vor-Pommern, und möchte auch gerne etwas über die Stricktraditionen hier in der Gegend erfahren.

Ganz in der Nähe, in Wolgast, der Stadt mit dem Schreibfehler, denn eigentlich sollte es ja wohl WoLLgast heißen, residierten die pommerschen Herzöge. Und eine der Herzoginnen, die 1417 verstorbene Sophia, Tochter des Markgrafen zu Mähren und Witwe des Herzogs Bogislaws des 8., hat gestrickt:

Sie sei eine sehr kluge und mäßige Matron gewesen, die auch in ihrem höchsten Alter; als ihr das Gesicht blöde und sie zum Nähen und Sticken untüchtig geworden, nie die Knütte von ihren Händen geleget, wie davon unsere Chronicken zu schreiben wissen.

So steht es im Dritten Buch des alten sächsischen Pommerlandes, von Johannes Micraellii,  in Verlegung Johann Kunckels, 1723, Stetin und Leipzig

Und dieses Buch ist bei Google Books zu finden, in allen benötigten Formaten.

Ja, was ist eine "Knütte"? 

Damit ist wohl das Strickzeug gemeint.

Auch heute noch gibt es das Wort.

Im Plattdeutschen bedeutet es "knüpfen, knoten, stricken" und das englische "to knit" kommt wohl auch vom gleichen Stamm.

Eine nette und interessante Seite findet sich bei den "Plattmakers": knütten op Plattdüütsch

knütten (/k n ʏ t ə n /, Verb, Plattdüütsch)

 

1. Bedüden:
Plattdüütsch: dör Vermaschen mit twee Nadeln en Textilgeweev herstellen
Nedderlandsch: breien
Engelsch: knit gem
Hoochdüütsch: stricken
2. Bedüden:
Plattdüütsch: Knütten maken
Hoochdüütsch: knoten gem

Ich gestehe, daß ich nicht von selbst direkt auf diese Fundstelle in der alten Schrift gekommen bin, ich habe etwas in dem gerade erschienenen Buch "Zwei rechts, zwei links - Geschichten vom Stricken" von Ebba D. Drolshagen. Das ist ein Buch mit leicht zu lesender Plauderei übers Stricken, mit einem leicht norwegischen Schwerpunkt, mit einigen interessanten Einsichten...,

Ich wundere mich, daß der Suhrkamp-Verlag dieses Buch herausgibt, ich hätte es eher bei seichteren Verlag vermutet.

Aber: es bietet anregenden Lesestoff, und ein wenig lernt man auch dabei. Wie gesagt, ich habe was über das pommersche Knütteln gelernt..

Zwei rechts, zwei links: Geschichten vom Stricken
(suhrkamp taschenbuch) | Gebundene Ausgabe | 23. Oktober 2017
von Ebba D. Drolshagen und Martina Behm (Vorwort)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3518468146
ISBN-13: 978-3518468142

Verengter Blick ;=)

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Ich ertappe mich, wie ich doch  mit sehr verengtem Blick auf Leinwände schaue..

Einer meiner bevorzugten Newsletter, Art Daily, zeigt heute ein Bild des dänischen Skagen-Malers Michael Ancher anlässlich seines Geburtstages (8. Juni 1843 - 19.09.1827).

Und was mach ich? Ich schaue  auf die Oberbekleidung..

Michael Ancher: Das Rettungsboot wird durch die Dünen getragen

Michael Ancher: Das Rettungsboot wird durch die Dünen getragen (1883)

Auf diesem Bild ist aber kein Pullover zu sehen;=)

Ich habe mir daraufhin das Werk von Michael Ancher genauer angesehen, bei einer Museumstour durch Dänemark lernte ich zum ersten Mal seine Bilder kennen und wenn ich mich recht erinnere, gab es in der Hamburger Kunsthalle auch einmal eine Ausstellung der Skagen-Maler. Nur bis Skagen selbst, in die ehemalige Künsterkolonie an der Nordsptize Dänemarks, bin ich noch nicht gekommen.

Wie zu der Zeit üblich, hat der Maler nicht nur an der freien Luft gemalt, die Küste, die Fischer, die Spaziergänger, die Kartoffelernter, er hat auch Interieurs mit strickenden Damen oder Wollknäueln und Porträts gemalt.

Eine Galerie mit Fischerpullovern reiche ich noch nach, aber das hier ist so ein schönes Bild, das muss ich jetzt hier noch präsentieren:

Michael Ancher - Tine und der blinde Kristian in den Dünen, 1880

Michael Ancher - Tine und der blinde Kristian in den Dünen, 1880

Und ein Ausschnitt: mit welcher Konzentration das Mädchen die Wolle wickelt... welche Ruhe das ausstrahlt - das ist schon sehr gelungen.

Michael Ancher: Tine in den Dünen, Ausschnitt

Michael Ancher: Tine in den Dünen, Ausschnitt

Link: Michael Ancher in der Wikipedia

Ik gihorta dat strikken,

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Da arbeitet es in meinem Kopf, ich grübele über die Begriffe traditionell und überliefert und was den Unterschied ausmacht und da kommt mir was ganz anderes in den Kopf, nämlich etwas Überliefertes: Das Hildebrandslied. Das älteste deutsche Versepos.

SmileyDer erste Vers gehört, auch wenn man den Sinn eines Althochdeutsch-Proseminars in den 70ern nicht so richtig erkannt hat, zum "Urwissen" der Germanisten. Und beschwingt durch den Frühstückskaffee gihorta Ik  dat strikken

Ik gihorta dat seggen,
dat sih urhettun ænon muotin,
Hiltibrant enti Hadubrant untar heriun tuem.
sunufatarungo iro saro rihtun.
garutun se iro gudhamun, gurtun sih iro suert ana,
helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun.

Hildebrandslied1.jpg
Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=595945

Denn strikken ist auch ein althochdeutsches Wort, auch wenn das Gestrickte nicht überliefert wurde:

Lemma: strikken* 4, stricken*

Sprachen: ahd
Deutsch: „stricken“, flechten, zusammenschnüren, zusammenbinden, verstricken / Englisch: „knit“, plait (V.)

E: germ. *strikkjan, sw. V., stricken, verknüpfen?; idg. *streig- (2), Adj., V., Sb., steif, straff, drehen, Strick (M.) (1), Pokorny 1036?; s. idg. *ster- (1), *ter- (7), *sterə-, *terə-, *strē-, *trē-, *sterh₁-, *terh₁-, Adj., Sb., V., starr, steif, Stängel, starren, stolpern, fallen, stolzieren, Pokorny 1022

W: mhd. stricken, sw. V., zusammenfügen (abs.), verknüpfen (abs.), stricken (tr.), verbinden (refl.); nhd. stricken, sw. V., stricken, eine Schlinge knüpfen, einen Knoten knüpfen, DW 19, 1574

Stricken in Armenien, armenisches Stricken, Armenian Knitting

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Nun, während ich mich auf einen Vortrag über Armenien vorbereitete und diesen am Sonnabend auch gehalten habe, während ich an einer blauen Jacke herumstrickte (will ich die wirklich noch vor meiner Reise fertig haben?) und das Buch "Mittens of Latvia" stück für stück übersetze, hat sich ein Thema eingeschlichen: Stricken in Armenien.

Wird in Armenien gestrickt? Sicherlich!
Auf eine besondere Weise? Wer weiß...

Früher hätte ich gewußt, wen ich fragen könnte. Meine liebe Freundin Irina Tigranova hatte auf alles eine Antwort. Sie war Professorin für Musik, die Witwe des Komponisten Avet Terterian, Kobold und Schelm. Sie konnte mir sagen, ob Bronski wirklich Anna Karenina liebt, mit ihr habe ich Lermontow's Gedichte rezitiert, wir haben viel Zeit in Erivan und Arivank miteinander verbracht. Aber gestrickt hat sie seit ihr Sohn groß ist wohl nicht mehr.

Irina Tigranova

Irina Tigranova

Ich kann nicht mehr anrufen und ihr fragend-lachendes "Hallo" hören.  Ich kann sie nicht mehr fragen, sie lebt nicht mehr. 

Also schaue ich in Bücher. Als ich in Armenien unterwegs war, habe ich in Museen alte Handschriften angeschaut und die Trachten bewundert, aber Gestricktes habe ich nicht wirklich gesehen. Eine Suche im Netz bringt zum Stichwort Armenian Knitting viele Treffer, aber das bedeutet nichts, da geht es immer nur um eine Technik, bei mehrfarbigem Stricken den Faden zu führen, angeblich von einer armenischen Strickerin für eine italienische Mode-Designerin entwickelt... nichts Aufregendes.

In einem Piecework-Heft aus dem Frühjahr 2013 wurden armenische Socken vorgestellt:

Armenische Socken - Piecework Jan/Feb 2013 - Priscilla Gibson-Robert

Armenische Socken - Piecework Jan/Feb 2013 - Priscilla Gibson-Robert

Aber was ist daran armenisch? Eine armenische Familie aus der Türkei kommend brachte diese Socken Ende des 19, Jahrhunderts mit in die USA, und die Autorin konstatiert: "In Turkey, it was traditional to offer socks to the groom's family. ... The sock was constructed in the classic Islamic manner as found..."

Tja, da hat die armenische Familie wohl eher einen türkischen denn einen armenischen Socken mitgebracht, Armenier sind ja wohl wirklich keine Muslims.  Aber ob das amerikanische Autoren wissen? Scheint mir nicht so.

Nun, dann schaue ich in das neue Buch von Constanze John,DuMont Reiseabenteuer Vierzig Tage Armenien: In einem alten Land im Kaukasus... Beim Blick ins Inhaltsverzeichnis finde ich den 36. Tag überschrieben mit "Stricken". Das macht mich neugierig.

Am Friedhof zu Nouratus sitzen drei alte Frauen. SIe sitzen auf den Grabsteinen, haben in Plastikbeuteln bunte Wolle dabei und stricken. Kaum sehen sie uns kommen, Satenik und mich, legen sie die Stricknadeln beiseite, nehmen jede ihren Packen fertiger Waren - Mützen, Strümpfe, Schuhe, Topflappen - und bieten sie uns an. Erst kaufe ich ein Paar gestrickte Schuhe und Topflappen, wobei mein Blick bereits über das Areal des Friedhofes schweift. Dann gehen wir weiter....

Das sind wohl die gleichen Strickerinnen, die auf dieser Webseite in einem Reisebericht über Armenien zu sehen sind:

Armenische strickende Frauen

Screenshot: Armenische strickende Frauen

Als ich in Nouratus war, habe ich keine Strickerinnen gesehen. Ein paar Jungs wollten Bonbons haben und fotografiert werden, aber niemand strickte.

Gibt es wirklich keine speziellen armenischen Strick-Traditionen? In meinen vielen Büchern über dieses Land finde ich keinen Hinweis, und meine Irina kann ich ja nicht mehr fragen...