Sie haben Rücken?

Kategorie: Wockensolle -

Als ich noch klein war, bekam ich ein wunderbares Buch von meiner Mutter geschenkt:
Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften von Irmgard Keun

Ich weiß nicht mehr, welche Ausgabe es war, beide Titelbilder kommen mir vertraut vor (und ich habe mir beide inzwischen antiquarisch besorgt)

Worauf ich hinauswill? Ich identifizierte mich mit der Hauptfigur, denn genau wie sie hatte ich immer die besten Absichten und eckte trotzdem permanent überall an.
Das Buch von Irmgard Keun hat mir den Rücken gestärkt, ich fühlte mich verstanden und nicht mehr so falsch im Leben…

An ein Detail im Buch erinnere ich mich: immer wurde mit dem Geradehalter gedroht, einem Folterinstrument, das umgeschnallt wurde um eine gerade Körperhaltung zu erzwingen und ich stellte mir dieses Teil immer als aus rosa Sanitär-Binden-Material gefertigt vor (was ein Satz…).

Daß man soetwas aber auch stricken kann, hätte ich mir nie träumen lassen.
Aber unsere amerikanischen Strick-Designer-Freunde beweisen mir das Gegenteil: Knittingdaily bietet Abhilfe! Sie müssen nur ein paar Maschen fallen lassen (und ein wenig Selbstüberwindung besitzen…)

gestrickter Geradehalter


Alter Wein in neuen (Radio-)Schläuchen

Kategorie: Wockensolle -

Ich höre ja oft Radio und da gibt es ab und an auch Sendungen über Handarbeiten. Das weckt dann meine Neugier und meine Lust an der Kritik, denn, von einem gesunden Vorurteil geleitet, unterstelle ich den jeweiligen Journalistinnen und Journalisten nur geringe Fachkenntnisse. Allzuoft wird bei diesem Thema nur dummherum geplappert.

Und mein Vorurteil schien sich zu bestätigen, als ich am Samstag die Sendung „Zeit für Bayern“ auf Bayern 2 hörte, Untertitel: „Der Bayern neue Kleider – Selbermachen liegt im Trend„. Die Ankündigung der Sendung plapperte auch wieder die alten Statements nach, um sie dann zu widerlegen, eine nur zu oft genutzte rhetorische Figur.

Selbernähen und Socken stricken – wie langweilig. Nur was für Omas. Das war bis vor ein paar Jahren der gängige Kommentar beim Thema Handarbeiten. Mittlerweile heißt es nicht mehr Handarbeiten, sondern neudeutsch „Crafting“.

 Und da merke ich, wo bei mir der Haken sitzt: Ich mag diese Wortschöpfungen nicht, ich finde sie einfach nur dümmlich. Ob nun eine Crafista oder Craftista Wolle um eine Nadel wickelt, ändert das was an den rechten oder linken Maschen? Braucht man ein solches Etikett auf der Stirn um trendy zu sein, um ja nicht zu den strickenden Omas gezählt zu werden?

Nun, in dem einstündigen Beitrag kommen dann doch ganz vernünftige Aussagen zusammen und nur die Redakteurin nutzt immer wieder diesen dümmlichen Begriff, wahrscheinlich damit das Thema bei der Redaktionskonferenz auch als zeitgemäß durchkommt… Und da beißt sich die Vorurteils-Katze eben wieder in den Schwanz.

Zum Nachhören? Entweder auf der Bayern2-Seite oder hier eingebettet:


Weihnachten? Jetzt schon? NEIN

Ich mag diese Saison-Hetzerei nicht. Und jedes Jahr so im August ärgere ich  mich, wenn die Discounter Regale voller Weihnachtsmänner und Weihnachtskram etc. füllen. Aber versuch mal am Samstag vor dem ersten Advent Kerzenstecker für den Adventskranz zu bekommen, „die sind schon längst ausverkauft, die gibts jetzt doch nicht mehr, da sind Sie aber wirklich zu spät!

Nein, bin ich nicht. Für mich ist Weihnachten Weihnachten und nicht August/September/Oktober/November/Dezember, mag der Deutsche Einzelhandel noch so sehr die Weihnachtssaison in der 35. Kalenderwoche eröffnen, also dieses Jahr am 24. August.

Die Begründungen für diesen frühen Termin sind meiner Meinung nach hanebüchen:

Gründe für den Advent im Spätsommer gibt es viele: Zum einen ist die Ware jetzt noch frisch. Zum anderen haben die Supermärkte genug Zeit, um das Gebäck überhaupt loszuwerden. So deutlich würde es der Handel selbst natürlich nicht formulieren. „Wir machen den Kunden nur ein Angebot. Das muss aber keiner annehmen, der nicht will“, sagt ein Sprecher von Rewe, das die gleichnamigen Supermärkte sowie die Toom- und Penny-Märkte betreibt. Klassisch kapitalistisches Prinzip von Angebot und Nachfrage. Auch wenn sich viele Menschen darüber aufregen: „Unsere Produkte werden vor allem zu dieser Zeit, in den ersten vier, fünf Wochen nach Verkaufsstart, sehr gut abverkauft“, sagt Schmid. Quelle: Stern

So ein Quatsch. Wenn ich später liefere, ist die Ware auch im Dezember frisch. Und das Gebäck überhaupt loswerden? Dann kauft doch weniger ein, Ihr Deppen!

Aber was hat das mit der Wockensolle zu tun? Nun, es trifft einen Nerv und ich bin bekannt dafür daß ich mich aufrege wenn mir was auf die Nerven geht. Und zur Zeit gehen mir die Amis / Woll-Amis auf den Nerv.

Christmas in JulyMerry Christmas in July! so http://www.purlbee.com/ und Craftsy nervt auch gewaltig:
Craftsy Christmas

Nicht nur die Webseiten, auch die Newsletter trommeln für das Weihnachtsgeschäft.

Das nervt! Und deshalb gehe ich jetzt Newsletter abbestellen.

Ich habe Sommer!

Ich habe Sommer!

Ihr könnt mich mal, ich habe Sommer!


Vom Faden zum Kunstwerk

Riho Toomra: Ausstellung zu Herbert Nieblings 110. GeburtstagDen letzte Sonntag in Tallinn habe ich ruhig angegangen, gelesen, Kaffee genossen und dann ein Treffen mit Lizzy. Ich kannte sie bisher nur aus Ravelry, denn sie strickt wunderschöne Dinge, reist viel im Baltikum und lebt in meiner ehemaligen Heimatstadt Hamburg… genug der Gemeinsamkeiten! Wir hatten ein angeregtes Gespräch und stellten noch viele weitere Gemeinsamkeiten fest. Und dann die Überraschung:

Lizzy schenkte mir den Katalog der Ausstellung „From Thread to Art“ zum 110. Geburtstag von Herbert Niebling, dem deutschen Meister-Kunst-Stricker. In Riga hatte ich das Plakat der Ausstellung gesehen und es bedauert, daß ich wieder einmal zu spät gekommen war!

Riho ToomraDie Decken wurden alle von Riho Toomra gestrickt, einem wahren Zauberstricker aus Estland. Solch ein Geschenk eine  Woche vor dem Geburtstag, das habe ich gleich weggepackt und für den Gabentisch aufgehoben. 

Riho Toomra, 50 Jahre, hat ein Reisebüro, Metal Travel Agency,  und organisiert Reisen zu HeavyMetal-Festivals, so z.B. nach Wacken, ein martialischer Kerl, den man sich eher mit ölverschmierten Händen denn mit einem Strickstück in der Hand vorstellt. Noch mehr erfährt man hier auf dieser Seite des Menzendorf-Museums in Riga.

Lizzy hat mir dann noch einen Link zu einem Video über ihn geschickt, das ich hier gerne einbette.


Piret Järvis story about Riho Toomra @ Pealtnägija von bigproblem11

Selbstverständlich ist Riho auch bei Ravelry und Facebook und 20 seiner Werke sind bei Ravelry zu bewundern. Und in dem Video, welches in estnischer Sprache ist, kommt dann auch Ulve Kangro, deren Atelier ich hier schon vorgestellt habe, zu Wort.

Wieder einmal durfte ich erleben, welche Verbindungen gemeinsames Interesse schaffen kann, welche Fäden sich zwischen Strickern, Designern, Liebhabern knüpfen.  Und wie bereichernd das ist!

Das Nachhausekommen nach einer solch intensiven Reise, nach so vielen Eindrücken, ist nicht so einfach, da ist das Zuhause-Sein erstmal schwierig. Mir blieb nur wenig Zeit zum Ruhen, denn Feiertage standen an. Zu meinem Geburtstag hatten sich meine Nichte samt Mann, Neffe samt Mann und Schwager und Schwiegermutter aus Madrid angekündigt. Also aufräumen, vorbereiten, hoffen, daß das Wetter hält.

Es hat gehalten. Und der Geburtstag war wunderbar. Ich war von lieben Menschen umgeben und wurde reich beschenkt:

Geburtstagstisch

Mein Geburtstagstisch

Ein Hocker, dessen Bezug an Strickmuster erinnert (obwohl er geflochtene Bänder zeigt), großartige Photo-Bände von William Eggleston, von Lizzy der Katalog zur Ausstellung von Riho Toomra (links oben) und von Frau Wollfrosch ein wunderschönes Nadelspiel-Etui mit Snoopies und Polka-Dots samt kleiner Tasche für Maschenmarkierer und weiteres Kleinteiliges. Und weitere schöne Dinge… Nun bin ich 9×7 Jahre alt und freue mich.

Danke!

Und Herbert Niebling werde ich demnächst hier auf der Wockensolle auch mal einen Beitrag widmen, einige seiner Muster sind wieder aufgelegt worden und können bestellt werden.


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