Hypochondrie, Misogynie, Haß auf den Strickstrumpf

Ich habe seit meiner Teenager-Zeit viel geraucht, 23 Jahre lang, meistens französische Stengel (Gauloises, Gitanes), aber auch mal Pall Mall oder Kent. Nun denn, ich habs schon oft erzählt, als ich mal im Herbst die Lindenstraße sehen wollte und keine Kippen mehr hatte, es draußen aber regnete, habe ich einfach aufgehört damit. Tut mir gut.

Gestrickt habe ich seit meiner Teenager-Zeit auch. Ich kann mich aber nicht erinnern, daß ich gleichzeitig eine Zigarette und Stricknadeln einsetzte, oder beim Stricken eine Rauchpause einlegte (vielleicht auch umgekehrt: eine Strickpause beim Rauchen?) 

Magda Trott: PuckiNun, heute habe ich mal wieder ein wenig in Erinnerungen geschwelgt, mich an Bücher erinnert, die ich als Kind gelesen hatte und ich besaß die komplette Pucki-Reihe der Autorin Magda Trott. 
Heute weiß ich, daß diese Autorin eine Frauenrechtlerin war und diese Bücher, die noch das alte Frauenbild prägen sollten, Auftragsarbeiten waren.

Ich erinnere mich noch, wie sehr ich Puckis Verlobten und Ehemann gehaßt habe, was war das ein Pascha, der mit geheuchelter Güte seine Frau wie ein Kind behandelte und schuriegelte… aber genug davon, die alten Schinken sind in irgendeinem Karton auf dem Speicher untergebracht und der Kater paßt auf, daß nichts von Mäusen angefressen wird.

Wie komme ich nun zurück zur Zigarette? Nun, ich habe im Projekt Gutenberg in den dort vorhandenen Pucki-Büchern nach dem Wort „Stricken“ gesucht, aber nichts gefunden. Dafür aber einen Aufsatz eines Gerhard von Amyntor, der sich  mit Frauen, Rauchen und Stricken auf eine (heute betrachtet) originelle Weise beschäftigt. Dieser Mann, ein unbeschreiblich chauvinistischer Wichtigtuer, hat doch tatsächlich solch einen Stuß von sich gegeben:

Man hat die entsetzliche Gewohnheit des Strickens entschuldigen wollen und den Strickstrumpf die Cigarre der Damen genannt. Gegen dieses Gleichniß muß ich auf das Entschiedenste Einspruch erheben; wer es zuerst anwandte, der hat weder den Strickstrumpf noch die Cigarre verstanden.  Zum Rauchen gehört Phantasie, zum Stricken keine;  die Cigarre erregt die Nerven und erhöht das Mittheilungsbedürfniß und die geistige Empfänglichkeit; der Strickstrumpf erschlafft die Nerven, chloroformirt das Gehirn und lähmt dadurch jede geistige Kraft. Taback und Strickzeug sind Antipoden; sie haben Nichts mit einander gemein, und ein Dutzend lebender Strickstrümpfe macht die beste Cigarre erlöschen.

Was ein Unfug! Wer den ganzen Text lesen mag, hier bitte, aber nur verdeckt, ein Klick muß schon sein:

Ein gefährlicher Freund des weiblichen Geschlechts.

aus: Gerhard von Amyntor, Für und über die deutschen Frauen. Neue hypochondrische Plaudereien. Kapitel 17 (1883)

Zitat:

Die gesunde, leistungsfähige, körperlich und geistig vollathmende Frau oder Jungfrau wird aber gut thun, wenn sie das Strickzeug aus dem Gesellschaftszimmer verbannt; eine Gesellschaft, in der es Jemanden gelüstet, zu stricken, muß so wenig bieten und selbst so unempfänglich sein, daß sie gar nicht werth ist, versammelt zu werden.

Welch arme Haut! Das ist nichgt hypochondrisch, das ist misogyn.
Was treibt einen Mann an, solch eine Philippika zu verfaßen? Hat ihm seine Mutti Reißzwecken in die Strümpfe eingestrickt? Wenn solche Schwachmaten das Geistesleben prägen, bleibt den  Frauen nur Suffragette zu werden.

 

Zwei Tage in Hamburg

Nach mehr als einem halben Jahr bin ich mal wieder in meine alte Heimat Hamburg zurückgekommen, ich habe da ja noch eine Wohnung. Wenn eine gewisse Anzahl an Aufgaben, die nur in Hamburg erledigt werden können, auf der ToDo-Liste steht, ist es eben Zeit mal wieder nach Ottensen zu kommen.

Ich fühle mich immer fremder dort. Ein Besuch in meinem Buchladen am Spritzenplatz, das ist vertraut, aber ein Gang durch die Ottenser Hauptstraße, durch die Bahrenfelder Straße, nein, das wird mir immer fremder. Nur noch Schnökes-Geschäfte, und immer mehr elitäre Wichtigtuer, früher nannte man die eifrig-eitlen Jung-Spunde Yuppies… Wie viele dieser Gattung sitzen in den zahlreichen Cafés, mit eifrigem Glanz im Auge oder betont lässig, fast immer Apple-verschnürt. Ja, das lebhafte Ottensen ist mir fremd geworden. Etliche meiner früheren Anlaufstellen gibt es nicht mehr.

Aber: ich habe eine schöne Zeit verlebt. Treffen mit einem Freund, Abendessen im Katelbach (das ist irgendwie wie immer, mit sehr sehr leckerem Essen) und dann die Treffen mit meinen Strickfreundinnen Betta und Lizzy. Beide habe ich in Estland kennengelernt, Betta war letzten Sommer beim Craft Camp dabei und Lizzy im Sommer 2014, sie ist eine eifrige Baltikum-Fahrerin und wir haben uns schon 2x in Tallinn getroffen

Ein Nachmittag mit Betta im Café in Ottensen, intensive Gespräche, Herzlichkeit, das ist schön. Und am zweiten Tag dann war ich zum ersten Mal im MyLys in Eimsbüttel, wo Betta arbeitet. Das ist ein schöner Laden! Herrliche  bunte Wolle, ein sehr nettes Café mit entspannten Gästen, leckerem Essen und gutem Kaffee; wir ratschten, strickten, ich kaufte dann doch wieder Wolle und ich habe jetzt sogar ein Nadelspiel in 0.7er Größe, hauchfein für hauchfeine Strickgespinste.

wie immer: aufs Vorschaubild klicken!

Nach solchen Treffen fahre ich voller Anregungen, Pläne und Unternehmungslust wieder nach Hause und freue mich, daß ich in Hamburg jetzt so prima Freundinnen habe!

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