Angharad Thomas und die estnischen Handschuhe

Angharad Thomas habe ich beim Craft Camp in Estland kennengelernt. Sie ist Handschuhspezialistin (wenn ich so sagen darf), denn sie strickt wunderschöne Sanquhar-Gloves, und hat eine tolle Ausstellung darüber zusammengestellt:

Sanquhar Gloves – a living Scottish Tradition.

beim Craft Camp 2015

Angharad ist eine unglaublich fröhliche und aktive Frau, ich fühle mich in ihrer Gegenwart immer sehr wohl, sie ist schlagfertig und witzig. Und sie gibt ihr Wissen gerne weiter.

Das beweist dieses Video:

Estonian Gloves – an introductory talk by Dr. Angharad Thomas

 

Auli – Winteraustreibung

Mich begeistert dieses Video, ein Bündel Energie, Lebensfreude, Kraft und Schönheit!

Die archaische Dudelsack- und Trommelmusik weckt die Lebensgeister und vertreibt den Winter!

Unbedingt im Fullscreen-Modus anschauen!

AuliEthnotranss - Info

Falschmützer!

Kategorie: Historisches -

Ja, da habe ich vor meiner Reise nach Estland doch noch über den Herrn Huber berichtet, der auf dem Roten Sofa beim NDR saß und eine polnische Mütze hervorzauberte… was ja zu meiner Suche nach polnischer Strickerei passt…

Aber geglaubt habe ich ihm schon damals nicht.  Er erzählt im Video, welches im obig verlinkten Beitrag auch eingebunden ist, daß diese Mütze aus einem untergegangenem polnischen Schiff stamme und erweckt den Eindruck er sei an der Bergund und Erforschung derselbenbeteiligt gewesen.

Die Mütze ist vor 200 Jahren von einem polnischen Segler getragen worden, der mit seinem Schiff untergegangen ist, und das sind die Funde, die wir machen“

Und dann lese ich in der neuen Ausgabe der Zeitschrift „The Knitter (107)“ den Artikel von Penelope Hemingway, einer renommierten Textilhistorikerin, über die Arbeit mit historischen Strickstücken:

Bringing the Past to Life – Penelope Hemingway explains how she uses ‚reverse engineering“ to recreate historical knits found in photographs or museums.

The Knitter 1007, February 2017, p. 30ff

Und was sehe ich da?

Screenshot aus The Knitter 107: The General Carlton Hat

The General Carlton Hat, a 1780s‘ knitted hat, was found in a shipwreck off Gdansk. In 2010, it was loaned to the Captain Cook Museum in Whitby, and I went to document it. I did my best given the limitations of its (understandable) location in a dark corner, but it wasn’t until a US researcher, Caro Kocian, sent me photos another researcher had taken of the hat – including some of it inside out – that I was able to fully reconstruct it. From the inside-out photos, I could see the two-color-sections were simply stranded, and the hat’s decreases were worked in a way previously thought unknown in the 18th century. We rely on the generosity of curators, museum staff, and friendly fellow researchers, all the time.

Also kann ich nunmehr zusammenfassen:

  • Die Mütze stammt aus dem 18. Jahrhundert, vom Wrack des englischen Schiffes General Carlton, welches am 27.09. 1785 vor Danzig / Gdansk sank. Die Mütze befindet sich in der Collection of the Polish Maritime Museum, Gda´nsk, Poland. (CMM-HZ-2719).
  • Penelope Hemingway schreibt über reverse engineering als Forschungsmethode und erwähnt dabei diese Mütze
  • Auf ihrer Webseite www.theknittinggenie.com berichtet sie über diese Mütze (The General Carlton Hat), das Wrack und die Kopfbedeckungen der damaligen Zeit.
  • Das National Maritime Museum in Gdansk veröffentlichte einen Beitrag über das Wrack auf seiner Webseite.
  • Die Strickanleitung für diese Mütze ist in dem Buch 10 Best Pattern from Piecework’s Historical Collection enthalten und kann dort auch als Einzelanleitung heruntergeladen werden.
  • Tja, und dann wieder mal ein Beleg für mein löcheriges Gedächtnis: Ein ausführlicher Bericht über diese Mütze samt Strickanleitung erschien bereits 2014 im Januar  /Februar-Heft der Zeitschrift Piecework, und die habe ich ja abonniert!  Hier der Link zum Download des Chart auf der Interweave-Seite: http://www.interweave.com/wp-content/uploads/CarltonCap.pdf

Warum erweckt der Herr Huber den Eindruck, er habe bei der Bergung dieses Schiffes mitgearbeitet, warum gibt er eine falsche Provenienz an und schmückt sich mit falschen Fäden (ehem… Federn)?
Ich nenne sowas Falschmützerei!

Vorbei – die WinterAcademy ist jetzt schon Vergangenheit

Intensive Tage gingen gestern zu Ende, Tage voller Vorträge, Aktivitäten, gutem Essen, guter Luft.. 15km außerhalb von Viljandi waren wir in Männiku Metsatalu untergebracht, mitten im Wald, an einem kleinen See, mit Wohnhaus, Seminarhaus, Rauchsaune und und und…

Männiku Metsatalu

Wir waren eine kleine Gruppe: 15 Teilnehmer, bunt gemischt, aus Estland, Finnland, USA, Deutschland, vom indischen Subkontinent, aus Südafrika, aus Zypern  – auch altersmässig: rund 55 Jahre betrug wohl der größte Altersunterschied,  die meisten Teilnehmer waren Studierende der Universität Tartu, aber auch Neugierig-Interessierte wie ich oder Stelios aus Zypern. Fröhlichkeit, Neugierde und gegenseitiger Respekt – auf diesen Nenner kann ich unser Zusammensein wohl bringen.

Das Seminarzentrum Männiku, ruhig im Wald gelegen, bot alle Annehmlichkeiten

Wir haben einen Überblick über Estlands Geschichte erhalten, Einblicke in die estnischen musikalischen Traditionen, lernten die estnischen heritage landscapes kennen, die Tänze von der Insel Vormsi, die Geheimnisse der Sauerkrautsuppe und der Nachspeise (viel viel Sahne!) lernten wir und nach einem Vortrag über das Programm und die Aktivitäten der Kulturakademie Viljandi durften wir in Handschuhen schwelgen, Blockprinting und Zopfflechten üben. Abends ging es in die estnische Rauchsauna und ganz Mutige tauchten auch im See in das Eisloch…

Nach der Sauna: einmal untertauchen!

wie immer: für die Anzeige auf die Vorschaubilder klicken!

Zurück in Viljandi besichtigten wir noch die Einrichtungen der Kulturakademie und es ist ja wohl klar, dass mich neben dem Raum mit den wunderbaren Webstühlen die neue Wollfabrik ganz besonders interessierte: hier wird gelernt, geforscht, experimentiert, Wolle von verschiedenen Züchtern wird verarbeitet, Techniken werden erprobt.
14 Webstühle habe ich gezählt, alte und topaktuelle, computer-gesteuerte Webstühle..

Wie man sieht, wird auch die Wolle von Anu Raud verarbeitet:

frisch gesponnene Wolle

2fädig, in verlockenden Naturfarben

Das Programm der Winterakademie war vielfältig, ich habe viele Anreize für weitere Studien erhalten und vor allem: Ich reise ab, müde aber sehr glücklich, erfüllt von den intensiven Kontakten, der gegenseitigen Freude und vor auch: einige der Kontakte werden sicherlich bleiben.

Vielen Dank an alle, die diese Winteracademy ermöglicht haben und vielen Dank an uns, die Teilnehmer!

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