Charlotte Leander, Anweisungen zur Kunststrickerei, 1843

Es ist ja nun wirklich kein Geheimnis mehr daß ich Zipfelmützen sammele, und zwar Mützen aus den Ländern rund um Nord- und Ostsee (mit ein paar Ausrutschern, so z.B. nach Hessen oder ins Appenzellerland). Es macht mir Freude, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen überkommenen Kopfbedeckungen zu untersuchen und zu erkennen. Und ich stricke diese Mützen auch gerne.
So habe ich inzwischen eine Mütze aus dem hessischen Hinterland, der deutschen Insel Rügen, Mützen aus dem Appenzellerland, von Fair Isle, Island, Schweden und Estland studiert und gestrickt, teils nach Vorlagen,  teils als Replik nach Museumsstücken. Und ich wurde und werde immer noch fündig in diversen Büchern, seien es alte Bücher über Kleidungstraditionen und Trachten oder neue Strickbücher.

Einige Rätsel habe ich noch nicht lösen können, vielleicht gelingt es mir, vielleicht nicht. So zum Beispiel die Frage, weshalb es in Lettland keinerlei überkommene Zipfelmützen gibt (abgesehen von den Schlafmützen), und auch aus Polen habe ich noch keine gefunden. Aber das wird vielleicht noch...

Im Blog der norwegischen Zeitschrift Bunad hatte ich bereits vor einiger Zeit eine schöne rote Zipfelmütze gesehen: Strikk lua til mannsbunaden fra Sunnmøre (Stricken Sie eine Männer-Mütze  aus Sunnmøre) und nun fand ich eine weitere Anleitung für diese stolze Kopfbedeckung in dem wunderbaren Buch "Fishermen's Knits from the Coast of Norway", ein Buch, das nicht nur Modelle zeigt und Anleitungen enthält, sondern handfeste historische Informationen über die Kleidung der norwegischen Küstenbewohner enthält.
Eine geglückte Kombination!

Also habe ich auch diese Mütze gestrickt. Mit einer Wolle, die dem Maschenbild im Buch doch sehr nahe kommt, ich habe kein Rauma Finull Garn verstrickt, da habe ich keine Vorräte, sondern wieder mal Teksrena aus Litauen.

Eine Besonderheit dieser Mütze ist der mit Schlingen verstärkte Saum, nicht nur daß der Saum doppelt gestrickt ist (also ca. 5cm liegen doppelt), nein, es werden auch noch Schlingen auf der Außenseite angebracht. Dass eine solche Mütze dann sehr warm ist und den Kopf gut schützt, liegt auf der Hand. Da musste ich erst einmal üben... die nachstehende Galerie zeigt meine "Anstrengungen" (nein, wirklich nicht, das macht Spaß!)

Fishermen's Knits from the Cost of Norway - Buchtitel Collage

Fishermen's Knits from the Coast of Norway
A History of a Life at Sea and Over 20 New Designs Inspired by Traditional Scandinavian Patterns
Line Iversen, Margareth Sandvik
Herausgeber ‏ : ‎ Trafalgar Square (13. Dezember 2022) Sprache ‏ : ‎ Englisch
Gebundene Ausgabe ‏ 172 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 1646011651 | SBN-13 ‏ : ‎ 978-1646011650

 

Die Schlaufen werden mit einer Stopfnadel auf der Mütze aufgebracht, ein kleines Rundholz (oder ein Bleistift) sorgen dafür daß alle Schlaufen gleich lang sind.
Eigentlich wollte ich die Mütze erst waschen, bevor ich mich an die Stichelei wage, aber eine Nachfrage bei den Autorinnen hielt mich davon ab. Ich solle erst die Schlaufen anbringen und dann, falls notwendig, die Mütze waschen, sonst wird das Maschenbild zu unterschiedlich.
Deshalb sieht die Mütze auf dem Bild noch recht ungleichmässig aus...
Ich habe erstmal mit einem kleinen Sampler etliche Wollreste verbraucht, bis ich diese Technik "in den Fingern hatte", und dann habe ich ein Paar Stulpen gestrickt, wo ich diese Kante dann einfarbig gearbeitet habe. Die große Mütze wird demnächst fertig!
Diese Art der Schlaufen-Rand-Bildung ist allerdings eine recht grobe Variante dieser Technik, die es in mehreren nordeuropäischen Ländern gibt: da werden richtige Plüschkanten gearbeitet, mit Mustern  - eine Technik, die ich bisher nur bewundert habe, aber hoffentlich bald lernen kann - in einem Workshop beim Nordic Knitting Symposium 2023!

Jetzt folgt aber noch ein Ausflug in die norwegische Literatur! ich kenne mich in der norwegischen Literatur nicht gut aus, nun gut die Klassiker schon (Henrik Ibsen, Sigrid Undset, Knut Hamsun sind mir bekannt, schon seit Schulzeiten), aber Gegewartsautoren? Da musste ich bisher passen, denn der allseits gelobte Herr Karl Ove Knausgård ist mir doch zu testosteron-beschwert und egozentrisch, ich muss das Ego eines Einzelnen nicht tausende von Seiten lang wahrnehmen), Ingvar Ambjørnsen's "Elling" hat mich gut amüsiert, aber sonst?
Da fällt immer wieder der Name Jon Fosse - er wird gelobt und in den Himmel gepriesen.

Die Prosa des Norwegers Jon Fosse ist wahrhaft betörend. Sie gleicht den gregorianischen Gesängen des Stundengebets, sie schwingt sich psalmodierend empor, um dann wieder zu ihrem Grundton zurückzukehren, und dies in ständiger Wiederholung, bis der Leser wie von selber mitschwingt.

Er schreibt ohne Punkt, ohne Satzanfang und Satzende, ein strömender innerer Erzählfluss, der ersteinmal das Lesen erschwerte, mich dann aber in den Sog zog. Ich habe mich auf ihn eingelassen, eine erste Novelle "Das ist Alise" hat mich eingeführt in seinen Erzählstrom...

Mehrfach geschichtete Erzählebenen, immer wieder repetierte "sagte er...", "sagte sie...", daran gewöhnte ich mich, das waren die Anker in der Erzählung... wer spricht gerade, denkt gerade..

Und dann, auf Seite 40, das hier:

Jon Fosse - Das ist Alise (Novelle)
Herausgeber ‏: ‎ Rowohlt Taschenbuch (1. März 2005)
Sprache ‏: ‎ Deutsch
Taschenbuch‏ : ‎116 Seiten
ISBN-10 ‏: ‎3499238748 | ISBN-13 ‏: ‎978-3499238741

John Fosse - Das ist Alise

.. Und es sieht warm und gemütlich aus, denn es ist ziemlich kalt, denkt er, es ist so kalt geworden, dass er weitergehen muss, er kann nicht stillstehen, dafür ist es zu kalt, denkt er und er geht weiter und er friert und es ist so kalt, dass er so schnell geht, wie er nur kann, und er weiß gar nicht mehr, wann es im Herbst zuletzt so kalt gewesen ist, denkt er, das muss irgendwann in seiner Kindheit gewesen sein, denn damals, so erinnert er sich jedenfalls, war es fast immer kalt und der Fjord war voll Eis und viel Schnee lag auf den Hängen, auf den Straßen, Eis und Schnee und Kälte, in den letzten Jahren dagegen ist es im Herbst eher mild gewesen, aber jetzt, dieses Jahr, hat die Kälte wieder zugepackt, denkt er, und er hatte gar keine Mütze mehr zum Aufsetzen, die alten roten Zipfelmützen mit dem Bommel dran, die er als Junge getragen hatte, die waren natürlich nirgends mehr zu finden, egal, wo sie nun hingeraten waren, denn wo kommen Mützen wohl hin?, denkt er, sie verschwinden einfach, die Jahre vergehen und irgendwo kommen die Jahre und die roten Mützen hin, denkt er, aber dann, denkt er, hat er ja eine Mütze gefunden, groß genug und gemütlich ist die, gelb und weiß, sicher eine von den Mützen, die noch von seiner Großmutter dalagen, die mit dem alten Olav, seinem Großvater verheiratet gewesen war, Opa Olav, der gestorben ist, als er selber noch so klein war, dass er sich nicht an ihn erinnern kann, an Opa Olav, aber erinnert sich dran, denkt er, dass die Oma so eine Mütze aufhatte, das hat sich ihm eingeprägt, so wie er sich so manches einprägt, natürlich weiß er noch, wie die Oma so eine Mütze aufhatte und er erinnert sich auch an den blauen Mantel, den sie anhatte, und in der Hand hatte sie einen Stock, denkt er, denn es ist glatt auf der Landstraße, über die Oma herankommt, darum hat sie einen Stock in der Hand, um sich zu stützen und auf den Beinen zu halten und nicht hinzufallen und sich die Gräten zu brechen, wie sie sagte, denkt er, und in der anderen Hand hat sie ihre Einkaufstasche, eine rote Tasche, und auf dem Kopf sitzt die gelbweiße Wollmütze, die er jetzt selber immer aufhat, an diesen kalten Tagen.

Ich denke, ich habe einen neuen Autor gefunden, den ich mir jetzt vornehme, ich möchte noch mehr von ihm lesen und dabei sein Schreiben erfahren... besser kennenlernen ... es lohnt sich sicherlich.

Ich beschäftige mich ja nun seit einiger Zeit mit den vielfältigsten Zipfelmützen und fast immer stammten diese aus dem Norden Europas - bis jetzt habe ich Mützen von der Insel island, den Shetlandinseln, aus Norwegen, Estland, Pommern und Schweden gestrickt. Mit zwei Abweichungen in den Süden Europas, zumindest in den nicht-mehr nördlichen Teil...

Eine Mütze ist schon längere Zeit fertig gestrickt - und es fehlt noch die Anleitung, die Dokumentation; irgendwie prokrastiniere ich bei dem hessischen Gloggebetzel .. der Zipfelmütze aus der hessischen Region Hinterland.
Und eine Mütze stammt aus der Schweiz - die Appenzeller Zipfelchappe... und die stelle ich hier in diesem Beitrag nun vor.

Bei einer Stromerei im Netz nach mir noch unbekannten Zipfelmützen stieß ich auf die Ankündigung einer Neu-Erscheinung:

Die Appenzeller Zipfelchappe - von Karin Antilli Frick.

Das machte mich neugierung und ich bestellte das Buch natürlich sofort. Es hat sich gelohnt.
In dem kleinen Büchlein mit Spiralheftung finden sich liebenswerte Photos von zipfelbechappten Menschen, ein kleiner historischer Diskurs, etliche Tipps und Tricks (von denen ich Einige gelernt habe) und dann eine Sammlung der bei der Mütze genutzten Muster und Anleitungen für verschiedene Größen.

Aber was ist nun eine Appenzeller Zipfelchappe?

 

Appenzeller Zipfelchappe
Appenzeller Zipfelchappe

Karin Antilli Frick - Die Appenzeller Zipfelchappe

Die Appenzeller Zipfelchappe
Autor: Karin Antilli Frick
Herausgeber ‏ : ‎ Appenzeller Verlag; 1. Edition (5. September 2022)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Spiralbindung ‏ : ‎ 40 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 385882867X
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3858828675

Die Zipfelchappe wird heute immer noch viel getragen, von Frauen, Männern, Kindern.
Die Mütze besitzt eine glatt gestrickte Innenseite, und die Außenseite der Mütze ist im Normalfall in einer immer gleichen Relation gearbeitet: ein Drittel der Länge für die Musterborte (samt Innenteil), ein Drittel glatt gestrickt und ein Drittel für die Spitze und  sie wird von einerm Zottel (= Quaste) an einer Kordel gekrönt. Die Kordel ist entweder gedüntelt (geflochten) oder gedreht. Für beide Varianten gibt es Schritt-für-Schritt-Anleitungen am Ende des Büchleins.

Was ich besonders pfiffig finde ist die Anregung, die Kordel etwas länger als eigentlich nötig zu machen und dann eine Schleife hineinzuknoten? Wozu das nützlich ist? Man kann die Mütze gut an einem Garderobehaken aufhängen und verliert sie nicht so leicht..
Und noch ein Tipp: Da die Männer meistens schwarze Chappen tragen werden sie, trotz unterschiedlichem Muster, leicht verwechselt. In die Innenseite eingearbeitete Initialien (ob eingestrickt oder aufgestickt) machen die Mütze zu einem leicht identifizierbaren, nicht verwechselbaren Einzelstück.

Ich habe natürlich gleich die Anleitung nachgearbeitet. Die Mütze ist wirklich nicht schwierig zu stricken. Die Autorin hat 24 Börtchenmuster und 11 Chappengrößen beschrieben. Das reicht vom kleinen Säuglingskopf bis zu einem mächtigen Dickkopf 😊
Die Anleitungen sind wie ein Baukasten erstellt, man kann sich eine passende Größe aussuchen und dazu einen passenden Muster-Rapport wählen. Diese Musterrapporte gehen über 4 bis 10 Maschen; es ist wirklich leicht, auch abweichende Größen zu stricken und ein für die errechnete Maschenzahl passendes Muster auswählen.

Im Buch werden Merinogarne von LangYarns und Lana Grossa vorgeschlagen und das war für mich ein ungewohntes Stricken, ich bin solche glatten, super-washed Fäden nicht gewohnt. Und da diese Mütze ja nicht gerade vom Himmel gefallen ist sondern schon länger gestrickt wird, gibt / gab es sicherlich auch Mützen aus unbehandelter Schafwolle. Ich jedenfalls habe auch lettisches Garn verstrickt, denn davon habe ich wirklich viele Meter / Knäuel / Stränge in meiner Wollkammer.

ein Klick aufs Bild öffnet es in größerer Ansicht

DIe Autorin, Karin Antilli Frick, hat mir viele Fragen zu dieser Kappe beantwortet,
Und nun ist das Buch auch bei Ravelry in der Datenbank eingebunden.

Schal aus ElbwolleUnd eine persönliche kleine Geschichte noch zum Schluß: Mein Mann liebt rote Schals, verliert diese aber auch immer wieder und ich habe absolut keine Lust immer lange, endlos lange langweilige Schals zu stricken. Da kam mir das Crowdfunding-Projekt der neuen Labels Vauno / Elbwolle gerade recht: zur Finanzierung der Wollwerkstatt konnte man einen Unterstützungsbeitrag leisten und je nach Summe gab es ein Dankeschön. Ich habe also meinen Beitrag geleistet und einen wunderschönen kranichroten Schal bestellt. Und eine Zipfelchappe für ihn mit roter lettischer Wolle gestrickt.
Und der Hammer? Die Mütze und der Schal sind fast farbgleich! Bis auf eine winzige Nuance, die man wirklich nicht bemerkt, scheinen sie aus dem gleichen Farbtopf gesprungen zu sein...

Ich habe es in meinem Jubiläumsartikel ja schon erwähnt: ich habe einen ganzen Satz Photos eines Glockenbetzels, einer Männermütze der Marburger Tracht, geschenkt bekommen und daran habe ich meine Freude. Diese Mütze fasziniert mich seit ich im Juli zum Geburtstag das großartige Buch mit den Trachtenbildern des hessischen Forschers Ferdinand Justi geschenkt bekommen habe. Und natürlich bin ich neugierig auf Männermützen, seit ich mich mit der pommerschen Pottmütze beschäftige.
Auch wenn es mir zur Zeit nicht möglich ist, wie geplant eine mehrtägige Reise nach Nordhessen zu unternehmen, um in Biedenkopf, der Marburger Gegend und im Kasseler Museum die Männerkopfbedeckungen zu studieren, sind die Mützen ja nicht aus dem Sinn. Und die Bilder, die ich gerade geschenkt bekommen habe, zeigen soviele Details, enthalten soviel Informationen dieser traditionellen Mütze - also, kurz und gut, die Neugierde bleibt angeheizt und diese Mütze stricke ich bestimmt demnächst nach.

Glockenbetzel

Das ist die Mütze in ihrer ganzen Pracht. Sie wurde, wie im oberen Teil ersichtlich, 1939 gestrickt, und zeigt die Initialien des Träges, U. E. Das Material ist dünnes Baumwollgarn, also keine Wolle, und sie ist fast "bis oben hin" gefüttert.

Die Rippe im breiten einfarbigen Streifen ist wohl die Reihe, an der Innenfutter und Außenseite zusammengestrickt wurden.

Das Innenfutter ist das gleiche Blau wie die Hauptfarbe der Mütze, es wurde also nicht wie sonst oft ein vielleicht billigeres, helles Garn verwendet. Das untere und das obere Musterband sind identisch und dadurch wirkt die Mütze so vollendet und symetrisch.

Solche Mützen sind auch in der Objektdatenbank der Kasseler Museumslandschaft zu finden, und deshalb zeige ich hier zum Abschluß des heutigen kurzen Beitrags ein Bild von Ferdinand Justi und einige der Mützen aus dem Museumsbestand.

Hinterländer Sonntagstracht aus Caldern

Hinterländer Sonntagstracht
Ferdinand Justi

Glockenbetzel Marburger Tracht

Glatt rechts flachgewirkte Mütze
Link zum Museumsobjekt

Glockenmütze aus dem Ebsdorfer Grund

Mütze aus dem Ebsdorfer Grund
Link zum Museumsobjekt

Baumwollmütze

diesmal keine blaue, sondern eine braune Mütze
Link zum Objekt im Museum

Jede dieser Mützen hat ihre Eigenheiten und die Beschreibung der Objekte irritiert mich. Die Mützen werden immer als "flachgewirkt" beschrieben:

Glatt rechts flachgewirkte Mütze, im oberen Drittel verschiedene Musterstreifen,
dazwischen eingewirkte Jahreszahl "1886" zwischen Kronen, ganz oben Stern. In 45 cm
Abstand von oben ein 12,5 cm breiter eingesetzter Musterstreifen in größerem Muster.
Mit der Hand zusammengenäht; oben Quast (Glocke).

Sie scheinen also nicht handgestrickt zu sein, sondern maschinell gefertigt? Die Wikipedia informiert:

Abgrenzung von Wirkware gegenüber Strickware, Webware und Bildwirkerei

Bei den Maschenwaren wird je eine Fadenschlinge in eine andere geschlungen, und so die miteinander verbindende Masche gebildet. Beim Stricken oder Häkeln wird eine Masche nach der anderen hergestellt, die Maschen liegen jeweils nebeneinander und der Faden verläuft horizontal entlang einer Maschenreihe; eine derart hergestellte Maschenware heißt Strickware, gleich ob manuell oder maschinell erzeugt. Bei Wirkwaren wird eine Vielzahl von Maschen in einem Schritt gebildet, indem zahlreiche Nadeln gleichzeitig den Faden vielfach ergreifen und je in Schleifen durch Schlaufen schlingen. Ein solches Verfahren wird nur maschinell durchgeführt, wobei die Nadeln und Platinen als Gesamtheit bewegt und in bestimmten Bewegungsmustern geführt werden.

Eine solche Fertigung kann ich mir nicht bei allen Museumsmützen vorstellen und die schöne Mütze aus dem Jahre 1939 ist nicht gewirkt sondern mit der Hand gestrickt.
Sind die blauen Mützen tatsächlich gewirkt? Bei der hellen Mütze kann ich das glauben, sie wird so beschrieben:

Glatt rechts flachgewirkte Mütze, im oberen Drittel grafische Musterstreifen, unterer
Rand mit Innenteil in Frotteetechnik gewirkt und grafisch gemustert, innen im oberen
Teil glatt gewirkt und von Hand beutelartig zusammengenäht; oben Quast (Glocke).

Und die Frotteetechnik ist ja nun mal eine Maschinentechnik, aber die anderen Mützen? Ich stehe noch ganz am Anfang.

Ich hatte wieder einmal Geburtstag und dieses Mal war ich auch zuhause und nicht auf Reisen. Umsomehr bemerkte ich wie schwer es Heinz fiel, ein passendes Geburtstagsgeschenk für mich zu finden. Ich konnte ihm auch nichts einflüstern, denn mir fiel auch kein Wunsch ein.

Also hat Heinz in Hamburg bei der renommieren Kunstbuchhandlung Sauter & Lackmann das Stichwort "Tracht" gegeben und nach langer Suche fand die Verkäuferin dann ein geeignetes Buch. Das Hessische Trachtenbuch von Ferdinand Justi. Ein Volltreffer!

Ferdinand Justi - Hessisches Trachtenbuch

1899 erschien dann sein Werk, das "Hessische Trachtenbuch", dessen Reprint man heute mit Glück und ein paar Groschen noch erwerben kann. 

 

In Hessen, in Südhessen, habe ich lange gelebt und als typisches Kind der 68er-Zeit auch nicht viel von Trachten gehalten. Das war reaktionär, pfui-bäh!
Und jetzt lerne ich daß Hessen das trachtenreichste Bundesland Deutschlands ist und daß sich in Mittelhessen ganz besonders viele Trachten erhalten haben. Der Marburger Gelehrte Ferdinand Justi hat die Trachten des Marburger Landes erforscht und gemalt. 

 

 

Justi Hessisches Trachtenbuch

Ferdinand Justi: Hessisches Trachtenbuch
Hrsg. Günther Hampel, Dr. Wolfram Hitzeroth Verlag, Marburg 1989
(Nachdruck d. Ausg. Elwert Verlag, Marburg 1899–1905)

Ein langer, ausführlicher Textteil und dann 32 stattliche Bildtafeln, es ist eine Freude. Bevor ich einige Abbildungen aus dem Buch hier einbinde, noch etwas zum Autor:

Ferdinand Justi war ein deutscher Orientalist, der auch als Darsteller und Erforscher ländlich-bäuerlicher Kultur in Hessen im ausgehenden 19. Jahrhundert bekannt wurde. Er lehrte in Marburg und hat unendlich viele Bücher geschrieben, Grammatiken vieler Sprachen des Nahen Osten erarbeitet und publiziert. Die Wikipedia schreibt: 1861 habilitierte er sich in Marburg, wo er 1865 außerordentlicher und 1869 ordentlicher Professor für vergleichende Grammatik und germanistische Philologie wurde.

Da kommt doch mal wieder Vieles in meinem Leben zusammen. Ich habe Germanistik und auch einige Semester Orientalistik studiert, einer meiner Vorfahren, Herrmann Osthoff,  war Philologe und gehörte zu den Junggrammatikern (habe ich schon im Bericht über Pöltsamaa in Estland erwähnt), und jetzt beschäftige ich mich mit textilen Traditionen. Alles, was dieser Herr, vielleicht sogar ein Lehrer meines Groß-Groß-Onkels, schon vor langer Zeit  in einer Person vereinte....

Aus der Wikipedia:

Neben seiner Hochschultätigkeit studierte er [Ferdinand Justi] akribisch das Leben der hessischen Landbevölkerung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, insbesondere im näheren und weiteren Umkreis von Marburg, schrieb seine Beobachtungen auf und hielt sie in unzähligen Skizzen und Aquarellen fest. Zu seinen Hauptmotiven zählten Gebäude, Einrichtungsgegenstände, landwirtschaftliche Geräte und vor allem Hinterländer Trachten mit ihrer Farbigkeit, ihren Feinheiten und dem Zubehör.

Hinterländer Sonntagstracht aus Caldern
Sonntagstracht in weiß, Elnhausen

Was für schöne Zipfelmützen entdecke ich da! Aber diesmal keine Pottmützen, sondern hessische Schlabbekappen... Jetzt versuche ich herauszufinden ob es noch Strickanleitungen gibt... Wolle habe ich ja genug

Ausschnitt: Sonntagstracht in Caldern

Diese Trachten stammen aus dem sog. Hinterland und das Hinterlandmuseum in Biedenkopf besitzt eine stattliche Trachtensammlung (aber keine Webseite, leider).
Die Wikipedia erläutert dazu:

Im Dachgeschoss ist ein Teil der umfangreichen Sammlung Hinterländer Trachten des Museums ausgestellt. Zusammen mit Haushaltsgegenständen und Möbelstücken wird hier die historische Wohn- und Alltagskultur anschaulich dargestellt.

Da muss ich dann wohl auch mal hinfahren. Denn solch eine Mütze lasse ich mir nicht entgehen.