Charlotte Leander, Anweisungen zur Kunststrickerei, 1843

Ich freue mich schon eine lange Zeit auf den Usedomer Lämmermarkt, der jedes Jahr im Mai in der Stadt Usedom auf der Insel Usedom stattfindet. Aber bisher kam oft etwas dazwischen und so ist ein Besuch dort eigentlich immer wieder eine Premiere für mich.
Dieses Mal nun hatte ich einen gewichtigen Grund für den Besuch:

Unser Arbeitskreis "Traditionelle Textilien" des Heimatverbandes MV  hatte sich für einen Stand angemeldet und da will ich ja wirklich nicht kneifen! Also Zeltpavillion, Tisch, Stuhl, Mützen, Roll-Up einpacken und dann vor Beginn aufbauen - das machte alles Freude.

Walliser Schwarznasenschafe auf dem Lämmermarkt in Usedom auf Usedom

Walliser Schwarznasenschafe auf dem Lämmermarkt in Usedom auf Usedom

Das Programm war gut gemischt, viele Besucher kamen an unserem Stand vorbei, Ulrike Sulk zeigte die wunderschönen Vorpommerschen Fischerteppiche, Michaela Seliga und Ines Jung bereiteten sich auf das Wettspinnen vor, alles prima.

Viel Freude machten mir die Schafe! Ja, es gab einige schöne Schafe zu sehen, Vorpommersches Rauwollschaft, Merinos und dann zu meiner Freude auch einige salisische Schwarznasenschafe!

Die sind wunderschön, mit ihren freundlichen Gesichtern und den schwarzen Nasen und Knien!

Und da sie noch nicht geschoren waren, konnte ich auch ihr fluffiges Fell bewundern!

Usedom auf Usedom

Usedom auf Usedom, so hat es Caspar David Friedrich wohl auch schon gesehen
Klicken Sie für eine größere Darstellung auf ein Bild

Und eine Premiere gab es auch an unserem Stand:

Ulrike Sulk, die Teppichknüpferin, hatte ihre Idee umgesetzt und führte die von ihr entworfene "Teppichknüpferin-Tracht" vor - bequem und auch mit maritimem Anklang, die Klöppelspitze zeigt ein Wellenmotiv!

Mir gefällt diese Kleidung sehr: das lose Mieder über einer hübschen Bluse, kleine Stickereien, Klöppelspitze und die schöne Schürze, das kommt alles gut zusammen.

Ulrike Sulk in der von ihr entworfenen kleidsamenTeppichknüpferin-Tracht

Ein Wettspinnen ist immer eine Attraktion, man kann die Spinnerinnen bewundern wie sie mit anscheinender Seelenruhe den Faden spinnen, man kann die verschiedenen Räder bewundern, wie sie vor sich hinschnurren und man kann über die Ergebnisse staunen:

285.6 Meter spann die Siegerin Angela Schießer aus 100g Wolle! Gratulation!

Weniger Freude machte uns dann die angekündigte Modenschau: wir hatten extra eigene Textilien herausgesucht und mitgebracht und bei den Veranstaltern abgegeben und dann? Wir haben nichts davon bemerkt, fand die Schau denn tatsächlich statt? Das wohl, aber vielleicht ohne große Ankündigung - wir erfuhren jedenfalls hinterher, daß die einzelnen Stücke nicht vorgestellt wurden sondern die Models sich einfach irgendwas griffen und damit ihre Tour drehten - unter Modenschau haben wir uns etwas anderes vorgestellt. Na ja.

Was also gab es also alles zu sehen, zu erleben? Also erstmal fiel mir auf, daß sehr wenig Wolle bei den Marktständen zum Verkauf stand, aber es gab gestrickte, gehäkelte  und geknüpfte Textilien (Fischerteppiche!), es gab schönes Kunsthandwerk, leckere Fischbrötchen, geräucherten vorpommerschen Schinken und andere Leckereien … und ich traf auch viele Bekannte und Freunde! Annelene Lühmann-Jesewski (Spinndönz) war an ihre alte Wirkungsstätte für den Lämmermarkt zurückgekehrt, der Greifswalder Spinnkreis war vertreten, to name a few…

aber warum gemischte Gefühle?

ja, warum habe ich diesen Beitrag so betitelt? Nun, es gab auch einige Wermutstropfen auf dieser schönen Veranstaltung, genauer gesagt: zwei sehr sehr große Wermutstropfen!

Wie schreibt die Ostseezeitung?

…Besucher waren gekommen, um Lämmer zu streicheln, dem Schafscherer bei der Arbeit zuzuschauen, Spaß zu haben und zu raten, wer wohl den längsten Faden aus Schafwolle spinnt oder wer am schnellsten die Wolle verstrickt.

tja, ich glaube die Schafe hatten keinen Spaß! Zum Einen den ganzen Tag auf nur mit einer dünnen Strohschicht bedecktem Boden zu stehen, in ungewohnter Umgebung und ohne Ruhe geschoren zu werden, mit vielen Menschen drumherum, vielleicht sogar von diesen gefüttert zu werden, dann mit zunehmendem Sonnenschein keinen Schatten zu haben und dem unerträglichen Lärm der "akustischen Bespaßung" ausgesetzt zu sein - das war für die Tiere ein Schrecken.

gestreßte Schafe auf dem Lämmermarkt

Und so drängten sich die Tiere zusammen, zitterten und blökten - schrieen ihre Qual heraus.
Hat aber niemanden gestört - der Spaß war lauter

Wie sagte Charles Darwin?

Die Tiere empfinden wie der Mensch Freude und Schmerz, Glück und Unglück

Ja, der Lärm!
Am Mittag, seit den Vorführungen der jungen Turnerinnen, war mal wieder Beschallung angesagt... Stampf-Musik mit großer Lautstärke. Das tut den Menschen nicht gut und den Tieren auch nicht.
Ich habe dann den launigen Conferencier gebeten, die Lautstärke zu drosseln und dieser Bitte wurde dann auch gefolgt - aber wie das immer so ist, nur für kurze Zeit, dann dreht man wieder auf.

Ich frage mich, wie unsensibel die Veranstalter sind, merkt niemand, daß solcher Schalldruck die Besucher vertreibt?

Am Nachmittag waren deutlich weniger Besucher auf dem Marktplatz als am Vormittag, viele äußerten den Unmut über den Krach und den Umsätzen an den Verkaufsständen hat das auch nicht gut getan.
Auch die Musikauswahl traf sicherlich nicht den Geschmack der Zielgruppe - und verhinderte viele Gespräche. Viele Gespräche mit interessierten Besuchern wurden abgebrochen, man kann ja nicht immer brüllen!

Und den Tieren, die ja eigentlich die Hauptattraktion des Tages sind und nicht nur Namensgeber, denen hat das überhaupt nicht gut getan.

Ohren zu!
Fazit: Ich für meinen Teil überlege, ob ich nächstes Jahr wieder teilnehme - nette Menschen und schöne sanfte Tiere kann ich zum Glück auch woanders treffen!

Nach den Ostertagen in der Nähe von Ettlingen reiste ich weiter ins Frankenland, in den Gottesgarten, zum Kloster Banz. Ich war zur Teilnahme an dem Seminar "Was uns anzieht: Trachten der Deutschen aus dem östlichen Europa zwischen Ästhetik, Politik und Mode" eingeladen. Am zweiten Tag stand der Vortrag „Pommersche Trachten in der  Trachtenpflege und -forschung heute: die Rekonstruktion der Vorpommerscher Pottmütze“ auf dem Programm. Den Vortrag hielt ich zusammen mit Dorota Makrutzki, der Kulturreferentin für Pommern und Ostbrandenburg beim Pommerschen Landesmuseum in Greifswald.

War unser Thema, die pommersche Pottmütze, eher auf die Auffindung und Wiederbelebung des Kleidungsstückes und dessen Verwendung im heutigen Alltag gerichtet. so überraschten mich die teilnehmenden Trachtenträger mit einer Fülle von Stoffen, Farben, Techniken... Der Einfallsreichtum der Menschen scheint grenzenlos, wenn es um Schönheit, um Festtagstracht geht. Kleidungsstücke, die mit viel Mühe hergestellt und gepflegt werden müssen - seien es die siebenfach übereinander getragenen plissierten Unterröcke oder ein herrlich bestickter Mantel, Tücher, Strümpfe. Die Trachtenträgerinnen und -träger und Expertinnen und Experten stellten Bekleidungen aus den deutschen Siedlungsgebieten im östlichen Europa vor, die entweder aus der Heimat mitgebracht oder nachgearbeitet waren. Die pommerschen Trachten (Mönchgut, Pyritz, Kaschubei) des Ihna-Ensembles waren, wie bei Tanztrachten üblich, relativ identisch für die Mitwirkenden und an das Tanzen angepaßt.

Einige der Höhepunkte des Programms:
Dr. Elsbeth Wallnöfer hielt einen kontroversen Vortrag "Die Identitätspolitische Relevanz von Kleidung für Minderheiten“, Dr. Irmgard Sedler referierte äußerst fachkundig über die Kostümgeschichte der Siebenbürger Sachsen und .Josef Balazs M.A. überraschte mit senem Vortrag über „Die Gottscheer Kleidung in Bild- und Textzeugnissen des 17. bis 21. Jahrhunderts“. (Die Gottschee war eine deutsche Sprachinsel im heutigen Slowenien, die dort rund 600 Jahre lebten.)

Trachtenseminar, ausgelegte Flyer
Im Seminarraum

78 Teilnehmer waren gekommen, Referenten, Trachtenträger, Gewand- und Trachtenbeauftragte, ein Tanz-Ensemble, Interessierte und Neugierige; und ich kann behaupten, daß dieses Seminar alle Anwesenden beeindruckte und inspirierte.

Soviel Neues, Eigenartiges, Bedenkenswertes und Staunenswertes - das kann ich nicht mit knappen Worten zusammenfassen.

Aber eine Dichterin kann das.

Und Sigrid Katharina Eismann hat die drei Tage folgendermaßen zusammengefaßt:

Katharina Sigrid Eismann

Be-Tracht_en, danke für die Einladung auf diese intensive, kreative & herzliche Veranstaltung auf Kloster Banz, mit Literaturen im Gepäck

zur Webseite von Katharina Sigrid Eismann

Modle – Mädchen, donauschwäbisch

Bagasch – Gepäck, donauschwäbisch

Sammet – Samt, donauschwäbisch

Was uns anzieht
BilanzBanz
Für die Modle
Berge auf die Hüfte
Ostwestsüdundnordbahnhof
Himmel aus Sammet
Jahreszeiten, Altersstufen
s’Kitelle & s‘Kranzele
tummeln sich im Bagasch
zum Trachten-Summit
die Gotschaerin
geräuschlos aus dem Kaiserwald
verbannt,
ihr brüchiges Hemd an der Wand
unter der Tracht sind wir nackt
auf dem Sperrholztisch witzelt
Wischauer Kragenspitz
drei Modle aus der Indigokulisse
dirigieren Spitze
nichts in trockenen Tüchern
auf die Leinwand gepinselt
die Kolonisten in Kniebundhosen
die Weibsleit im Wollrock

der Schwabenzug war nicht
urgemütlich
ein bunter Haufen Vielfalt
Über und Unterröcke
wandelnde Glocken
ein Wolkenbruch Plissees
Modle, nicht hinhocken
findige Schwaben aus der Heed
stopften das Maul der Securitate
mit Borscht & Worscht
gebockelte Fellkathedralen
perchten nach Maschendorf
Lost in Digitalisation
Kamelkilometer nach Pyritz
die Pottmütze im Meer getauft
die Waden in dynamische Strümpfe
gesteckt, Krämpfe
Ein Wolkenbruch Plissees
bitte nicht hinsetzen
wild bemustert in die Paprikalounge
zu fränkischen Fugen
das Strumpfbein stampfte durch die Spitze
Wuff

Ich habe es in meinem Jubiläumsartikel ja schon erwähnt: ich habe einen ganzen Satz Photos eines Glockenbetzels, einer Männermütze der Marburger Tracht, geschenkt bekommen und daran habe ich meine Freude. Diese Mütze fasziniert mich seit ich im Juli zum Geburtstag das großartige Buch mit den Trachtenbildern des hessischen Forschers Ferdinand Justi geschenkt bekommen habe. Und natürlich bin ich neugierig auf Männermützen, seit ich mich mit der pommerschen Pottmütze beschäftige.
Auch wenn es mir zur Zeit nicht möglich ist, wie geplant eine mehrtägige Reise nach Nordhessen zu unternehmen, um in Biedenkopf, der Marburger Gegend und im Kasseler Museum die Männerkopfbedeckungen zu studieren, sind die Mützen ja nicht aus dem Sinn. Und die Bilder, die ich gerade geschenkt bekommen habe, zeigen soviele Details, enthalten soviel Informationen dieser traditionellen Mütze - also, kurz und gut, die Neugierde bleibt angeheizt und diese Mütze stricke ich bestimmt demnächst nach.

Glockenbetzel

Das ist die Mütze in ihrer ganzen Pracht. Sie wurde, wie im oberen Teil ersichtlich, 1939 gestrickt, und zeigt die Initialien des Träges, U. E. Das Material ist dünnes Baumwollgarn, also keine Wolle, und sie ist fast "bis oben hin" gefüttert.

Die Rippe im breiten einfarbigen Streifen ist wohl die Reihe, an der Innenfutter und Außenseite zusammengestrickt wurden.

Das Innenfutter ist das gleiche Blau wie die Hauptfarbe der Mütze, es wurde also nicht wie sonst oft ein vielleicht billigeres, helles Garn verwendet. Das untere und das obere Musterband sind identisch und dadurch wirkt die Mütze so vollendet und symetrisch.

Solche Mützen sind auch in der Objektdatenbank der Kasseler Museumslandschaft zu finden, und deshalb zeige ich hier zum Abschluß des heutigen kurzen Beitrags ein Bild von Ferdinand Justi und einige der Mützen aus dem Museumsbestand.

Hinterländer Sonntagstracht aus Caldern

Hinterländer Sonntagstracht
Ferdinand Justi

Glockenbetzel Marburger Tracht

Glatt rechts flachgewirkte Mütze
Link zum Museumsobjekt

Glockenmütze aus dem Ebsdorfer Grund

Mütze aus dem Ebsdorfer Grund
Link zum Museumsobjekt

Baumwollmütze

diesmal keine blaue, sondern eine braune Mütze
Link zum Objekt im Museum

Jede dieser Mützen hat ihre Eigenheiten und die Beschreibung der Objekte irritiert mich. Die Mützen werden immer als "flachgewirkt" beschrieben:

Glatt rechts flachgewirkte Mütze, im oberen Drittel verschiedene Musterstreifen,
dazwischen eingewirkte Jahreszahl "1886" zwischen Kronen, ganz oben Stern. In 45 cm
Abstand von oben ein 12,5 cm breiter eingesetzter Musterstreifen in größerem Muster.
Mit der Hand zusammengenäht; oben Quast (Glocke).

Sie scheinen also nicht handgestrickt zu sein, sondern maschinell gefertigt? Die Wikipedia informiert:

Abgrenzung von Wirkware gegenüber Strickware, Webware und Bildwirkerei

Bei den Maschenwaren wird je eine Fadenschlinge in eine andere geschlungen, und so die miteinander verbindende Masche gebildet. Beim Stricken oder Häkeln wird eine Masche nach der anderen hergestellt, die Maschen liegen jeweils nebeneinander und der Faden verläuft horizontal entlang einer Maschenreihe; eine derart hergestellte Maschenware heißt Strickware, gleich ob manuell oder maschinell erzeugt. Bei Wirkwaren wird eine Vielzahl von Maschen in einem Schritt gebildet, indem zahlreiche Nadeln gleichzeitig den Faden vielfach ergreifen und je in Schleifen durch Schlaufen schlingen. Ein solches Verfahren wird nur maschinell durchgeführt, wobei die Nadeln und Platinen als Gesamtheit bewegt und in bestimmten Bewegungsmustern geführt werden.

Eine solche Fertigung kann ich mir nicht bei allen Museumsmützen vorstellen und die schöne Mütze aus dem Jahre 1939 ist nicht gewirkt sondern mit der Hand gestrickt.
Sind die blauen Mützen tatsächlich gewirkt? Bei der hellen Mütze kann ich das glauben, sie wird so beschrieben:

Glatt rechts flachgewirkte Mütze, im oberen Drittel grafische Musterstreifen, unterer
Rand mit Innenteil in Frotteetechnik gewirkt und grafisch gemustert, innen im oberen
Teil glatt gewirkt und von Hand beutelartig zusammengenäht; oben Quast (Glocke).

Und die Frotteetechnik ist ja nun mal eine Maschinentechnik, aber die anderen Mützen? Ich stehe noch ganz am Anfang.

Letzte Woche habe ich endlich den Weg nach Schönberg ins dortige Volkskundemuseum gefunden, um eine erste Auswahl Mecklenburger Bauernstrümpfe zu studieren. Seit dem Trachtentag im letzten Oktober hatte ich diesen Ausflug ja vor, denn der Museumsdirektor, Herr Both, hatte versichert, daß es etliche Strümpfe im Bestand des Museums gäbe.
Ich habe für den Landesteil Vorpommern die Pottmütze rekonstruiert, da ist es nur gerecht und verfassungkonform, denn wie heißt es in Artikel 16 der Verfassung von Mecklenburg-Vorpommern?

(1) Land, Gemeinden und Kreise schützen und fördern Kultur, Sport, Kunst und Wissenschaft. Dabei werden die besonderen Belange der beiden Landesteile Mecklenburg und Vorpommern berücksichtigt.

Und da sollte ich dann Mecklenburg auch nicht benachteiligen.

Volkskundemuseum Schönberg
Volkskundemuseum Schönberg

Seit 2017 ist das Museum im Kochschen Haus im Zentrum Schönbergs untergebracht: zu den Sammlungen hier im Haus und im Freilichtmuseum "Bechelsdorfer Schulzenhof" gehören rund 17.00 Objekte. Wohl 30 davon sind Strümpfe.

Die Trachtensammlung sucht ihresgleichen!

Ich habe also Strümpfe studiert. Herr Both hatte mir einige Strümpfe aus dem Fundus ausgesucht, Männerstrümpfe und Frauenstrümpfe. Bevor ich ganz genau die Details studiere, wollte ich mir erst einmal einen Überblick verschaffen. Und da mir beim Trachtentag gesagt wurde, daß ein großer Mangel an "echten Männerstrümpfen" herrsche, die Trachtenträger aus Nordwestmecklenburg zum Teil ihre weißen gestrickten Strümpfe beim Urlaub in Bayern erstehen mußten, konzentriere ich mich erst einmal auf die Männerstrümpfe.

Drei weiße Männerstrümpfe lagen in dem Korb, und jedes Exemplar hat so seine Eigenheiten. Ich stelle sie erst einmal vor.

wie immer: für eine größere Ansicht aufs Bild klicken!

Was kann man schon bei einer ersten Sichtung feststellen?

Die Männerstrümpfe sind aus Wolle gefertigt, und zwar aus Wolle in unterschiedlichen Qualitäten. Der oberste Teil eines Strumpfes ist oft aus besserem Garn als der Rest gearbeitet. Es scheint, als sei nicht ausreichend "schöne" Wolle zur Hand gewesen, denn beide Exemplare eines Modells zeigen den Wechsel zu einem anderen Garn deutlich.

Das Bild rechts zeigt einen Strumpf mit einem Rippenbündchen und einer kleinen Lochmusterblende. Darunter wird dann glatt rechts gestrickt.
Eine linke Masche bildet eine Pseudo-Naht auf der hinteren Wade.

Garnwechsel

Die beiden Strümpfe nebeneinander gelegt zeigen auch, daß Abnahmen vom Bündchen zur Wade unterschiedlich gesetzt wurden.

Das Maschenbild ab der Wade wirkt aufgerauht, ungleichmässig und flockig. Vielleicht wurden die Strümpfe in einem Stiefel getragen und scheuerten am Innenleder?

Unterschiedliche Oberteile

Alle Strümpfe, die ich betrachten konnte. zeigten die gleiche Ferse: Mit Käppchen und einem dreieckigen Fersenboden.
Die Spitzen waren als Schneckenspitzen gearbeitet, mit 6 oder 8 Abnahmen, und nicht alle gleichmässig.Alle haben kleinere Stopfstellen und auch mal ein kleines Loch.

Auch wenn die Strümpfe Schmuckelemente im oberen Bereich zeigen, so sind sie doch nicht alle akkurat gestrickt. Keine Feiertags- oder Hochzeitsstrümpfe, vielleicht eher für den Gang zum Markt oder für den sonntäglichen Kirchgang?
Das Garn ist fein und die Maschenzahl ist hoch. Beim Strumpf mit dem breiten Lochmusterbündchen zählte ich 38 Maschen auf 10 cm.

Als erstes untersuche ich den Strumpf mit der Inventarnummer 10682 genauer.
Das Bündchen beginnt ohne Rippenmuster mit einem 7cm hohen seitlich geneigtem Lochmuster, dem nach einigen wenigen Runden glattgestrickt nocheinmal eine Lochmusterreihe folgt.

Das große Lochmuster habe ich mir schon aufgezeichnetund probegestrickt, schwieriger war es ein Garn zu finden, daß auf 38 Maschen / 10 cm kommt. Wenn ich die Anleitung fertig habe, soll der Strumpf ja mit leicht erhältlichen Stricknadeln und einem handelsüblichen Sockengarn gestrickt werden können.

Die ersten Versuche mit einer 2fädigen Wolle vom Skuddenschaf schlugen fehl, das Garn ist sehr hart, selbst nach mehrmaligem Waschen mit edlem Wollwaschmittel, und außerdem nicht so einfach zu beschaffen.
Ein Versuch mit einem ungefärbten Wollgarn mit einer Lauflänge von 500m/100g war auch nicht von Erfolg gekrönt, denn das Gestrick war zu fein.
Letzendlich habe ich es mit ungefärbtem 4fachem Sockengarn von der Firma Supergarne mit einer Lauflänge von 420m/100g und der Nadelstärke 2.0 versucht und ich denke, dabei bleibt es. Handelsübliche 4fache Sockenwolle hat eine Lauflänge von 400m/100g, ist also ein wenig gröber.

Da dieser Strumpf ein durchgängiges Muster hat, kommt es später sicherlich nicht unbedingt darauf an, ob nun 112 Maschen oder 98 Maschen angeschlagen werden, mit Nadeln Nummer 2.0 oder 2.5, aber fein sollten sie schon werden!

noch ein Hinweis

In Schönberg gibt es übrigens ein schönes Geschäft, in dem man tolle Wolle und schöne Stoffe kaufen oder an Kursen teilnehmen kann. Ein kleines nettes Straßencafé bietet es auch. Und alles in einer wunderbar hergerichteten alten Apotheke, mit den Apothekerschränken, Borden und Schubladen:

Verstrickt und Zugenäht - das Wollgeschäft im Norden heißt das Geschäft. Und da ich einen mehrtägigen Studienaufenthalt im Museum plane, werde ich dort sicherlich auch immer wieder hereinschauen.
(Bei Facebook: https://www.facebook.com/verstricktundzugenaeht.schoenberg)
 

Ich hatte wieder einmal Geburtstag und dieses Mal war ich auch zuhause und nicht auf Reisen. Umsomehr bemerkte ich wie schwer es Heinz fiel, ein passendes Geburtstagsgeschenk für mich zu finden. Ich konnte ihm auch nichts einflüstern, denn mir fiel auch kein Wunsch ein.

Also hat Heinz in Hamburg bei der renommieren Kunstbuchhandlung Sauter & Lackmann das Stichwort "Tracht" gegeben und nach langer Suche fand die Verkäuferin dann ein geeignetes Buch. Das Hessische Trachtenbuch von Ferdinand Justi. Ein Volltreffer!

Ferdinand Justi - Hessisches Trachtenbuch

1899 erschien dann sein Werk, das "Hessische Trachtenbuch", dessen Reprint man heute mit Glück und ein paar Groschen noch erwerben kann. 

 

In Hessen, in Südhessen, habe ich lange gelebt und als typisches Kind der 68er-Zeit auch nicht viel von Trachten gehalten. Das war reaktionär, pfui-bäh!
Und jetzt lerne ich daß Hessen das trachtenreichste Bundesland Deutschlands ist und daß sich in Mittelhessen ganz besonders viele Trachten erhalten haben. Der Marburger Gelehrte Ferdinand Justi hat die Trachten des Marburger Landes erforscht und gemalt. 

 

 

Justi Hessisches Trachtenbuch

Ferdinand Justi: Hessisches Trachtenbuch
Hrsg. Günther Hampel, Dr. Wolfram Hitzeroth Verlag, Marburg 1989
(Nachdruck d. Ausg. Elwert Verlag, Marburg 1899–1905)

Ein langer, ausführlicher Textteil und dann 32 stattliche Bildtafeln, es ist eine Freude. Bevor ich einige Abbildungen aus dem Buch hier einbinde, noch etwas zum Autor:

Ferdinand Justi war ein deutscher Orientalist, der auch als Darsteller und Erforscher ländlich-bäuerlicher Kultur in Hessen im ausgehenden 19. Jahrhundert bekannt wurde. Er lehrte in Marburg und hat unendlich viele Bücher geschrieben, Grammatiken vieler Sprachen des Nahen Osten erarbeitet und publiziert. Die Wikipedia schreibt: 1861 habilitierte er sich in Marburg, wo er 1865 außerordentlicher und 1869 ordentlicher Professor für vergleichende Grammatik und germanistische Philologie wurde.

Da kommt doch mal wieder Vieles in meinem Leben zusammen. Ich habe Germanistik und auch einige Semester Orientalistik studiert, einer meiner Vorfahren, Herrmann Osthoff,  war Philologe und gehörte zu den Junggrammatikern (habe ich schon im Bericht über Pöltsamaa in Estland erwähnt), und jetzt beschäftige ich mich mit textilen Traditionen. Alles, was dieser Herr, vielleicht sogar ein Lehrer meines Groß-Groß-Onkels, schon vor langer Zeit  in einer Person vereinte....

Aus der Wikipedia:

Neben seiner Hochschultätigkeit studierte er [Ferdinand Justi] akribisch das Leben der hessischen Landbevölkerung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, insbesondere im näheren und weiteren Umkreis von Marburg, schrieb seine Beobachtungen auf und hielt sie in unzähligen Skizzen und Aquarellen fest. Zu seinen Hauptmotiven zählten Gebäude, Einrichtungsgegenstände, landwirtschaftliche Geräte und vor allem Hinterländer Trachten mit ihrer Farbigkeit, ihren Feinheiten und dem Zubehör.

Hinterländer Sonntagstracht aus Caldern
Sonntagstracht in weiß, Elnhausen

Was für schöne Zipfelmützen entdecke ich da! Aber diesmal keine Pottmützen, sondern hessische Schlabbekappen... Jetzt versuche ich herauszufinden ob es noch Strickanleitungen gibt... Wolle habe ich ja genug

Ausschnitt: Sonntagstracht in Caldern

Diese Trachten stammen aus dem sog. Hinterland und das Hinterlandmuseum in Biedenkopf besitzt eine stattliche Trachtensammlung (aber keine Webseite, leider).
Die Wikipedia erläutert dazu:

Im Dachgeschoss ist ein Teil der umfangreichen Sammlung Hinterländer Trachten des Museums ausgestellt. Zusammen mit Haushaltsgegenständen und Möbelstücken wird hier die historische Wohn- und Alltagskultur anschaulich dargestellt.

Da muss ich dann wohl auch mal hinfahren. Denn solch eine Mütze lasse ich mir nicht entgehen.

Der Tag der Tracht MV gestern, am 20. Oktober, war ein toller Tag! Veranstaltet vom Volkskundemuseum Schönberg (Nordwestmecklenburg) und dem Mecklenburg-Vorpommerschen Heimatverband, wurde getanzt, gestickt, getundelt - und das in einer fröhlichen Stimmung, die gut tut.

Das Schöne an der Veranstaltung war, daß es hier nicht um ein "Schaulaufen der Trachtenvereine" vor Publikum ging, sondern daß die Mitglieder der Trachtenvereine gemeinsam tanzten, sich austauschten und Freude hatten.
Und meine Pottmütze, die ja hier Premiere hatte, wurde bewundert und interessiert studiert.

Mich freute auch, daß mehrere der Damen, mit denen ich ins Gespräch kam, unser Handschuhbuch "Handschuhe aus Lettland" kannten oder besaßen!

Auch die Ostseezeitung war anwesend und berichtete über das Treffen.

Wie gesagt wenn die Götter des Netzes (Telekom et al) es erlauben, gibt es morgen viele schöne Bilder und weitere Video-Ausschnitte zu sehen!

Der Bayerische Rundfunk sendete gestern, im Themenrahmen des Oktoberfestes, die erste Folge der zweiteiligen Dokumentation "Die Tracht und die Macht" mit dem Titel Majestäten in Lederhosen.
Eine Kulturgeschichte der bayerischen Tracht, die entgegen vieler Meinungen, eben nicht schon seit Jahrhunderten tradiert wird, sondern wie (nach meiner Kenntnis fast) alle mitteleuropäischen Trachten im 19. Jahrhundert mit seinen vielen gesellschaftlichen Umschichtungen und Verwerfungen politisch gewollt entstand.

Anhand der bayerischen Tracht läßt sich das gut aufzeigen. Das bayerische Königreich der Wittelsbacher umfaßte drei Volksstämme (Bayern, Franken, Schwaben) und brauchte eine eigenständige Identität. Die wurde durch die Trachtenmode geschaffen.

Die bayerischen Royals trugen wann immer möglich Jägerhosen, wie hier Prinz Luitpold und Prinz Albrecht auf einer Postkarte von 1910. So wurde aus einem Arbeitsgewand eine Tracht.

Die Dokumentation zeigt sehr schön auf, daß es keine "festgezurrten" eindeutig lokalisierbaren Trachten gab, daß getragen wurde was zur Hand war, daß sich die Bekleidung der Stadtbevölkerung und der Landbevölkerung stark unterschieden und die Stadtbevölkerung mit Aufkommen des Alpentourismus die Tracht als Ferienmode entdeckte.

Ich möchte das nicht alles hier wiedergeben, es ist eine sehr lehrreiche, aufklärende und hochinteressante Sendung, die noch bis zum 1. Oktober 2019 in der Mediathek des BR abgerufen werden kann.

video
Ich bette die Sendung aus der Mediathek mal hier ein (Link zur Sendung in der Mediathek); wielange die Sendung zu sehen sein wird, wird sich zeigen, es ist der 1.10.19 als Verfallsdatum genannt

Die Wittelsbacher Prinzen Luitpold und Albrecht von Bayern in Lederhosen - Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für das Herkunftsland des Werks und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 oder weniger Jahren nach dem Tod des Urhebers.

Der 2. Teil der Dokumentation befaßt sich dann mit Tracht als Politikum. Im ersten Teil wurde schon gezeigt, wie nach der Niederlage des 1. Weltkrieges die reaktionären Kräfte die Tracht vereinnahmten. Die Freikorps, die die Münchener Räterepublik bekämpften, waren ausnahmslos Trachtler.
Aus der Inhaltsangabe der Sendung beim BR:

Immer wieder wird die Tracht im Laufe der Zeit instrumentalisiert: von den Bürgerwehren der frühen 20er-Jahre, die mit Gamsbart und Lederhose gegen Kommunisten ziehen, von Monarchisten, die in Weimarer Zeiten der bayerischen Eigenstaatlichkeit nachtrauern, von Nationalsozialisten, die das Gewand der Bauern für ihre Blut- und Boden-Ideologie missbrauchen und von Nachkriegspolitikern, die sich mit Janker und Dirndl ein volkstümliches Image verschaffen wollen. Gleichzeitig wird die Tracht zum wichtigen Wirtschaftsfaktor: für den Fremdenverkehr und für einheimische Schneider und Säckler.

Tja, und wie steht es heute um die Tracht? Tourismus, Chinesen im Dirndl und Dirndl im Angebot bei Aldi in Ostvorpommern... Themen für einen dritten Teil dieser Reihe wüßte ich genug!