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Was ein Monolith ist, weiß ich schon lange. Aber was ein Otholith ist, das habe ich erst jetzt auf unangenehme Weise erfahren: Otholithen sind Ohrensteine, bestehen aus Kalziumkarbonat und halten sich ab und an dort auf, wo sie nicht hingehören: vom Gleichgewichtsorgan hinter dem Ohr rutschen sie in die Bogengänge und verursachen uangenehmen Schwindel bei Bewegungen, aber auch beim Ruhen.

Schon die medizinische Bezeichnung für dieses Phänomen klingt unsympathisch: "Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel".
Tja, und dieser Schwindel hat mich erwischt, als ob der permanente Tinnitus nicht genügte...

Tagelang im Bett liegen oder im Sessel hrumhängen, abgedunkelt und bewacht von zärtlichen Katzen, die sogar wieder auf Selbstversorgung umwechseln und sich Mäuse besorgen, wenn es nichts aus der Dose gibt, das füllt auf die Dauer nicht aus.

Weshalb diese lange Vorrede? Zum Einen um das längere Schweigen hier zu erklären zum Anderen um zu einem leichtgängigen Buch überzuleiten, das mir die Zeit verkürzte. Ein Buch, das aus etlichen Ingredienzen zusammengewürftelt ist und dabei einige meiner Vorlieben streift:

Birigt Vanderbeke - Der Sommer der Wildschweine

Birigt Vanderbekes "Der Sommer der Wildschweine" spielt im Languedoc der trügerischen Idyllen mit vor Fracking flüchtenden Wildschweinen - eine vom sog. demographischen Wandel und Tourismus entkernte Landschaft. Ein Zufluchts- und Ferienort digitaler Kleinstunternehmer samt deren Abhängigkeit vom Internet, das Verschwinden und das Wiederaufleben alter Fertigkeiten und Traditionen - ja und da sind wir schon beim Thema:

Die Tochter der Erzählerin ist in der Knitting Scene in NY unterwegs, zündet gerne Yarnbombs, die Erzählerin ihrerseits  verdient ihr Geld mit einer Contentagentur "text und textil" , verkauft ab und an auch ein paar Strickanleitungen ("Einer für Alle") und alles trifft sich bei Ravelry. Zum Schluß wird in einer brandgestifteten alten Spinnerei, deren englische Besitzerin anscheinend spurlos aber nicht folgenlos verschwunden ist, denn immerhin hat sich eine Gemeinschaft verschworener Hüterinnen der geliebten Wolle in den Hinterräumen einer alten Mercerie zusammengefunden, noch mehr authentisches Garn vermutet, so leicht wie oder sogar noch leichter und flaumiger als Moschusochsenquiviut... es geschieht allerhand, nicht alles hält was es verspricht, der Boden schwankt aber alle halten sich über Wasser.

Das alles, lakonisch - manchmal in endlos langen Schlangensätzen erzählt, vertreibt die Zeit auf angemessene Weise.

 

Verlag: Piper Taschenbuch, 2015 | 160 Seiten | ISBN-10: 3492305598 | ISBN-13: 978-3492305594

 

Und da ich gerade beim Buchvorstellen bin, hier noch ein Schwenk auf das Buch von Ebba Drolshagen, mit einem Vorwort von Martina Behm und dem wirklich einfallsreichen Titel "Zwei rechts, zwei links",

erstaunlicherweise erschienen beim suhrkamp verlag.

Erschienen: 23.10.2017
suhrkamp taschenbuch 4814,
Steifbroschur, 251 Seiten
ISBN: 978-3-518-46814-2

18,00€ kostet solch ein Taschenbuch inzwischen, auch das hat mich erstaunt.

agsdi-wpgears

Ignorant oder dumm?

Die erste Kulturgeschichte des Strickens: lehrreich, unterhaltsam, anekdotenreich

Wie unbedarft wir (oder nur die Verlagslektoren?) doch hier in Deutschland vor uns hinstricken, zeigt sich in dieser wahrhaft anmaßenden Aussage auf der Verlagsseite des früher mal sehr von mir geschätzten suhrkamp verlages.

Die erste Kulturgeschichte des Strickens? Tatsächlich? Das ist eine grundfalsche Behauptung.

Eine schnelle Liste, kurz zusammengesucht, mit Klassikern und aktuelleren Titeln, mal so eben aus dem Regal geholt:

  • Rutt: A History of Hand Knitting
  • Hampel: Stricken und Wirken bis zum Jahre 1700
  • Maren Bredereck: Warum treffen sich Menschen zum gemeinschaftlichen Handarbeiten?: Stricken zwischen Individualisierung und Social Support
    Warum ist Stricken zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder angesagt? Dieser Fragestellung geht die Kulturwissenschaftlerin Maren Bredereck in dem vorliegenden Fachbuch nach. Damit sie diese beantworten kann, hat sich die Verfasserin mit der Kulturgeschichte des Strickens beschäftigt. Dazu hat sie eine Online-Umfrage durchgeführt und ausgewertet. Des Weiteren hat die Autorin Strickerinnen verschiedener Altersgruppen zu ihrem Hobby befragt und dazu, warum sie sich mit anderen Strickbegeisterten treffen, um dieser Tätigkeit innerhalb einer Gruppe nachzugehen: Die sogenannten problemzentrierten Interviews sind unter der Hypothese ausgewertet worden, dass das gemeinsame Stricken von einer gegenläufigen Tendenz zur Individualisierung zeugt und/oder dem Individuum als Social Support dient. Im Anhang des Buches befinden sich Abbildungen zur Kulturgeschichte des Strickens, Fakten zur Online-Befragung sowie die Interviewtranskriptionen.
  • Maren Bredereck: Stricken im 21. Jahrhundert. Eine Untersuchung zur Handarbeit in Gruppen

    Abstract: The thesis “Knitting in the 21st Century. An Investigation of Needlework in Groups” is concerned with the current (media) phenomenon of knitting in public. On the one hand, its aim is to show who belongs to knitting circles. On the other hand, its focus is to discuss whether knitting in groups is an oppositional tendency towards individualisation and/or serves as social support for the individual. Therefore theoretical concepts by authors who concentrate their research on individualisation and everyday conduct of life are taken into consideration. The discussion itself is based on methodical results that are examined via an online survey and problem-centred interviews.

  • Sylvia Greiner: Kulturphänomen Stricken

    Stricken. Fast jeder von uns hat es gelernt oder wenigstens versucht - zuhause oder in der Schule. Doch wie und wann diese Technik entstand, wer was warum strickte, darüber machen sich heute die Wenigsten Gedanken. Dabei sind die Hintergründe ebenso vielschichtig wie unterhaltsam. Zunftgebundenes Handwerk, mühselige Heimarbeit, Bestandteil der Kindeserziehung, aber auch scheinbar nutzloser Zeitvertreib sind nur einige Facetten des 'Kulturphänomens Stricken'.
    Kenntnisreich und anschaulich beschreibt die Freiburger Volkskundlerin Sylvia Greiner die allmähliche Entwicklung dieser Kunst vom Lebensunterhalt zum unterhaltenden Hobby. Zahlreiche Zitate beleben das Werk und lassen die Strickenden selbst zu Wort kommen.

  • Joanne Turney: The CULTURE of KNITTING
  • Heinz Edgar Kiewe: The sacred History of Knitting

Und noch einmal der Verlag: "Die Regale in den Buchhandlungen sind voll von Büchern mit Strickanleitungen. Und es werden immer mehr. Was es bisher nicht gibt, ist ein Buch über das Stricken. Hier ist es. Es erzählt von den Menschen, Frauen wie Männern, die das Handstricken Masche für Masche zu dem gemacht haben, was es heute ist."

Auch ohne diese falschen Behauptungen wäre das Buch von E. Drolshagen  ja ganz nett. Aber es braucht halt wohl immer Superlative, und seien sie noch so sehr aus der Luft gegriffen. Das ist zwar keine wissenschaftliche Redlichkeit, hat aber Erfolg, immerhin ist auch die EMMA auf dieses Bändchen aufmerksam geworden und widmet sich ihm nach einer langen Vorrede.

Und dann ist da auch noch eine freifliegende Hexe namens Kabra Craft, die eine vermeintliche Not beschwört, der aber nun, der Craft seis gedankt, abgeholfen sei:
"Stricken ist in. Wenn man mit der Bahn fährt oder im Café sitzt, so findet sich immer eine, denn meistens ist es eine Frau, die ihr Strickzeug aus der Tasche nimmt und strickt. Was liegt also näher, als ein Buch über das Stricken zu schreiben? Und warum gibt es zwar massig Anleitungsbücher und Plattformen zum Thema, aber keine Kulturgeschichte des Strickens, beginnt man sich da zu fragen. Nun, diese Not hat ein Ende, denn Ebba D. Drolshagen hat sich der Sache eingenommen und dieses Buch geschrieben."

Da bin ich ja beruhigt und kann mich wieder aufs Sofa legen.Solange nun nicht jeder, der jemandem im Bus beim Nasebohren erwischt, auch darüber eine erste Kulturgeschichte verfaßt...

Aber Eins noch zum Schluss, um den Kreis zu schließen:

Was zeigt die nebenstehende Abbildung: Otholithen, die kleinen Ohrsteinchen?

Oder ist das eine erst kürzlich entdeckt und ausgegrabene historische Rundpasse von der Insel Grönland?