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Die Reise geht zu Ende und ein Highlight bleibt noch: ich möchte so gerne die Insel Muhu besuchen. Eine Insel, die für die farbenfrohe Stickerei und Strickerei bekannt ist, deren grellbunte Farben (gelb, lila, pink) mich erst abgeschreckt haben, die ich aber inzwischen in diesem Zusammenhang sehr gerne mag.

In Haapsalu kommen wir auf unserer Fahrt nach Virtsu am Bahnhof von Haapsalu vorbei und ich bin fasziniert. Dieser Bahnhof wurde gebaut für die russischen Sommerfrischler aus St. Petersburg im 19. Jahrhundert und ist einer der ersten russischen Bahnhöfe (nein, nicht der erste, der ist in Zarskoje Selo / Puschkin bei St. Petersburg!). Der Bahnhof ist wunderbar erhalten / renoviert und einige herrliche alte Lokomotiven stehen dort. Das fasziniert mich, denn ich habe einmal auf der Fahrt von Moskau nach Vilnius in Minsk einen riesengroßen "Sammelbahnhof" für alte Lokomotiven gesehen, und halte seither nach solchen Maschinen Ausschau.

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Auf die Insel Muhu reist man mit einer Fähre, fast stündlich gibt es Verbindungen und alles geht reibungslos vor sich.

Fähre in Virtsu

Fähre in Virtsu

Nach kurzer Fahrt ist man auf der Insel und das ist eine große Freude für mich. Ich habe schon soviel bunte Stoffe / Trachten / Stricksachen gesehen, es gibt so schöne Bücher, und nun bin ich endlich hier! Als Erstes möchte ich zum Muhu-Museum im Ort Koguva, am anderen Ende der Insel.

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Hier sehe ich auch zum ersten Mal in Estland Schafe, sie gehören zur Farm Vanatoa, wo man auch sehr schön Urlaub machen kann. Die Schafe sind zwar neugierig aber nicht zutraulich. In Estland gibt es so gut wie keine Schafe mehr, nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch in den 90ern und seit der Unabhängigkeit wurde Landwirtschaft nicht mehr gefördert und war nicht mehr rentabel. Das Land, das seine Zukunft eher virtuell sieht (immerhin ist Estland IT-Weltmeister) hat kein sonderlich großes Interesse an der Landwirtschaft und erst seit dem Eintritt in die EU gibt es Fördermittel und Subventionen. Ich habe hier ja schon das KnowSheep-Projekt vorgestellt, das zur Wiederbelebung der Schafzucht in Estland angestoßen und von der EU im Rahmen der LEADER-Projekte finanziert wurde, eines der Zentren dieses Projekts ist auf der Nachbarinsel Saaremaa.

Weiter geht es und ein Wegweiser mit dem inzwischen bekannten Lockwort Käsitöö lockt zur Männiku Käsitöötuba, einem Handarbeitszentrum. Wir fahren aber weiter zum Museum.

Das Dorf Koguva ist ein richtiges Dorf, nicht nur eine Streusiedlung mit einem Bauernhof mal hier und mal dort. Hier lebten Fischer und Bauern und sie haben reiche Häuser, zwischen alten Obstbäumen versteckt, hinter moosgrünen Steinmauern. Sehr romantisch und anheimelnd. Altes Boot in Koguva

Bei einem Rundgang kommen wir bei diesem imposanten Herren samt Krähe vorbei und genießen in seiner Gesellschaft den Ausblick auf das Meer und die Nachbarinsel.

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Juhan Smuul ist in Koguva geboren und lebte hier, er war ein anerkannter Schriftsteller der Sowjetunion und seine Bücher, in denen er entweder seine Reisen oder eben das Leben auf Muhu beschreibt, wurden zu DDR-Zeiten auch in die deutsche Sprache übersetzt. Heute ist der Hof seiner Familien das Zentrum des Muhu-Museums und im Wohnhaus gibt es auch eine Ausstellung seiner Bücher.

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Im Museum besitzt eine interessante Textilsammlung, aber die stelle ich in einem separaten Artikel vor. Ich unterhalte mich lange mit Eda Maripuu, der wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Museums und erwerbe auch das Recht, Photos in der Sammlung zu machen und diese zu veröffentlichen, wie gesagt, in einem separaten Artikel.
Dass die heutigen Trachten heute noch getragen werden, zeigt dieses Photo von einer Veranstaltung auf Muhu.

Solche wunderschönen Strümpfe sind auch im Museum zu sehen und ich muß sie im kommenden Winter unbedingt nachstricken!

Ich frage natürlich auch, wo ich auf der Insel denn Wolle kaufen könne und Eda  Maripuu gibt mir den Tip, in Piiri im Handarbeitsgeschäft nachzuschauen. Das sei wohl auch um diese Jahreszeit geöffnet.  Also schauen wir da vorbei, aber erst einmal schauen wir uns noch weiter auf der Insel um und fahren auf dem Damm, der Muhu mit Saremaa verbindet, auch zur Nachbarinsel. Für diese Insel reicht unsere Zeit aber nun wirklich nicht, zuviel gibt es dort zu sehen und ich bin ja auch nicht zum letzten Mal in Estland!

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Die Orientierung auf der Insel fällt leicht, mehrere dieser pittoresken Informationstafel sehen wir, alle schön muhu-mäßig gestaltet, und auch die Supermärkte machen Eindruck mit dem Muster-Band um das Gebäude.

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Pirii erscheint mir gar nicht als richtiger Ort, die  meisten Gebäude sind in einem schlechten Zustand, eine aufgegebene LPG eher. Der riesige Getreidespeicher und die alten ausgedienten Feuerwehrfahrzeuge wirken in dem Herbstlicht malerisch, aber eigentlich ist es traurig.
In dem kleinen Häuschen mit der Aufschrift Käsitöö jedoch ist es freundlich und anheimelnd, der Ofen bollert und die alte Dame legt ihr Strickzeug beiseite und zeigt mir das Angebot. Ich frage sie auf russisch nach Wolle, шерсть ?, und sie zeigt auf die Strickwaren, все из шерсти, alles aus Wolle! Нет, я хочу, чтобы вязать себя, nein ich möchte selbst stricken!  Da holt sie eine kleine Schale mit lauter kleinen bunten Knäueln in den Farben von Muhu hervor und ich freue mich. Wieder ein Vorrat, der gestrickt werden will!

Am Arbeitsplatz

Sie hat gerade ein paar Pulswärmer angeschlagen und wie man sieht, einige Berechnungen dazu gemacht, warum aber hat sie beide Seiten gleichzeitig begonnen? Meine Frage erstaunt sie, es sei doch viel einfacher so zu stricken, da braucht man nicht die Reihen zählen und aufschreiben und die Stücke werden wirklich gegengleich!

Ich verabschiede mich von der alten Dame, die gleich wieder zum Strickzeug greift und wünsche ihr einen guten Winter. Diesen Besuch werde ich sicherlich nicht so schnell vergessen, welch kleines Juwel, welch zäher Wille in dieser doch recht traurigen Umgebung!

In Liiva, dem nächsten Ort mit dem schon bekannten Supermarkt, ist in der alten Molkerei eine Tourismusinformation untergebracht, eine Weberei und ein Handarbeitsladen. Jetzt, im November ist es recht ruhig hier und die Werkstätten scheinen geschlossen. Im Café aber, das auch als Tourismusinformation dient, gibt es Bücher zum Schmökern, Prospekte, Schnitzereien aus Wacholderholz und wie fast überall in Estland, sehr leckeren Kuchen. Und ich entdecke in einer Steige große Brote mit einer muhu-lilafarbenen Banderole:

Brot aus Muhu

Brot aus Muhu

Handschuh aus Muhu

Handschuh aus Muhu

Brot heißt auf estnisch leib, das ist also ein Leib-Laib!

Auf der Banderole sind typische Muhu-Muster gezeichnet, die ich doch schon auf Handschuhen im Museum gesehen hatte!

Dort hatte ich auch gelernt, daß mit dem Aufkommen der synthetischen Wollfarben sich auch die Muster änderten, hin von den tradierten Symbolen zu Tier- und Pflanzenmustern und hier eben zu Katzen.

Ich habe ja nun ausreichend bunter Wolle in den typischen Farben dieser Insel, da werde ich demnächst auch so etwas schönes anfertigen.

Das Brot selbst wurde zum Mitbringsel für meine Neffen in Berlin, ich habe mir die Banderole gesichert.

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So, das war mein erster Ausflug auf die Insel Muhu, ein Tag voller Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen.

Die Ethno-Socken im Supermarkt fand ich jedenfalls bei weitem nicht so schön wie die handgestrickten traditionellen Strümpfe hier.

Links:
Das Muhu-Museum || Knowsheep-Projekt || Vanatoa-Farm || Stickereien aus Muhu ||