Zwickeldetail
Ludwig August Most: Weizackertracht

Ich interessiere mich für die textile Alltagskultur rund um den Ostseeraum, das ist nichts Neues. Und seitdem ich im letzten Herbst die pommerschen Strümpfe aus dem Nachlass von Lina Bahlmann im Pommerschen Landesmuseum zu sehen bekam, war ich fasziniert. Fasziniert von der wunderschönen Stickerei, auf dem roten Strumpf vielfarbig, auf dem blauen Strumpf einfarbig... Und Dorota Makrutzki versuchte zusammen mit mir mehr über den Strumpf herauszufinden.

Nun ist dieser bestickte Zwickelstrumpf nicht gar so unbekannt, es gibt einige Exemplare in den Museen, im Stettiner Nationalmuseum, im Pommerschen Landesmuseum, in der Sammlung "Oskar Kling" im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg.
In Volkskundebüchern finden sich alte Fotografien, in der Online-Publikation des BKGE (Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa)  "Die pommersche Weizackertracht in Deutschland und Polen", herausgegeben von Kurt Dröge, wird die Tracht, ihre Geschichte und Interpretation  ausführlich beschrieben. Weizacker ist der alte Name für die Region Pyritz in Polen,

Aber die zwei Strumpfpaare aus der Schenkung an das Pommersche Landesmuseum, sind etwas ganz Besonderes: ein dunkelblaues Paar mit heller Stickerei und ein rotes Paar mit bunter Stickerei, ausgezeichnet erhalten, das faszinierte so sehr, daß daß wir beschlossen, den Strumpf nachzuarbeiten und einen Workshop dazu durchzuführen. Da kam ein Haufen Arbeit auf  mich zu!

Wir entschieden uns für den roten Strumpf. Wenn schon, denn schon!

Also ausmessen, passende Wolle finden, Prototyp stricken, Anleitung schreiben, Schulung vorbereiten! Zum Glück gibt es wunderbarer Stickerinnen, Agnieszka Kaczmarska aus Stettin, kümmerte sich um die Strickerei, zeichnete das Stickbild für den oberen Teil, die "Tulpe" und Dorota Makrutzki erarbeitete einen Vortrag über die politische Vereinnahmung dieser Tracht durch den Nationalsozialismus.

Dorota Makrutzki veröffentlichte dazu  im Januar den Artikel "Textilkunst aus der Region Pyritz"

Anu Pink von Saara.ee, dem Verlag und Wollhandel aus Estland, empfahl uns "Rauma Gammelserie", ein norwegisches Garn, und konnte uns auch die benötigte Menge besorgen; Stricknadeln der Stärke 2,00mm und 2,25mm hatte ich noch ausreichend vorrätig und bunte Wolle zum Besticken ebenfalls, rund 120 kleine Knäuel wickelte ich, und dann strickte ich auch noch 18 Probelappen für die Stickerei, wusch und blockte sie ...

Strumpfpaare aus der Schenkung Lina Bahlmann, (c) Pommersches Landesmuseum Greifswald

Strumpfpaare aus der Schenkung Lina Bahlmann, (c) Pommersches Landesmuseum Greifswald 2025

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Das war einer der wunderbarsten, erfüllendsten Workshops, die ich bisher mitgemacht habe: ein sehr interessantes und verlockendes Thema, wunderbare Teilnehmer!!, eine gute Organisation, tolle Zusammenarbeit bei der Vorbereitung und Durchführung!
Danke an die Teilnehmer und an Dorota und das Team vom Kulturreferat für Pommern und östliches Brandenburg im Pommerschen Landesmuseum Greifswald!

Aber damit ist das Kapitel "Weizackerstrumpf" noch lange nicht abgehakt. Das Kulturreferat plant Postkarten mit dem Motiv, die Strickanleitung werden wir als Flyer veröffentlichen, wir forschen weiter.

Und haben inzwischen viele weitere schöne bestickte Zwickelstrümpfe aus verschiedenen europäischen Regionen gefunden, denn wie getitelt: Ein roter Strumpf kommt nie allein

Am vergangenen Sonnabend nahm ich am Pommerntreff in Anklam teil, der zum ersten Mal nach der Corona-Zeit wieder veranstaltet werden konnte. Mich trieb die Neugier an, denn eine 40köpfige Folklore-Truppe aus Pyrzyce in der polnischen Woiwodschaft Westpommern war eingeladen. Der Weizacker (Pyrzyce) ist ein Trachtengebiet mit einer reichen und vielfältigen Tracht, denn hier lebten wohlhabende Bauern.

Die Tracht der Bauern aus dem Gebiet des Pyritzer Weizackers ist die bekannteste Volkstracht Pommerns. In der Region, die im 13. Jahrhundert zum Siedlungsraum des Klosters Kolbatz gehörte, bildete sich ein eigenständiges bäuerliches Kulturgebiet. Der Wohlstand der Bauern, die die sehr fruchtbaren Böden dieser Landschaft bewirtschafteten, spiegelte sich besonders in ihrer Festtagskleidung wider. So wurde der Reichtum eines Bauern durch die Zahl der Röcke, die seine Frau übereinander trug, die Üppigkeit der Stickereien auf ihrer Kleidung und durch den Wert des Tuches aus dem die Kleidung geschneidert wurde angezeigt. Die Frauen trugen die Tracht bis in die 1920er Jahre, die Männer seit den 1880er Jahren nur noch an Festtagen.s

schreibt die WIkipedia.

Ich habe viele Bücher studiert, in denen diese Tracht dargestellt wird, aber ich habe bisher nur wenige Objekte gesehen. Ich weiß, ich muß einfach mal ins Germanische Nationalmuseum nach Nürnberg und in das Nationalmuseum nach Stettin fahren!
Mich interessieren besonders die roten reichbestickten Strümpfe der Frauen. Ein Exemplar habe ich im Rahmen der Ausstellung "Pommern im 20. Jahrhundert" im Pommerschen Landesmuseum Greifswald gesehen. Und wenn eine Volkstanz- und Trachtengruppe aus Pyritz auftritt, da werden ja sicherlich ein paar schöne Strümpfe zu sehen sein, das war  mein Gedanke.

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Wie ich im Gespräch erfuhr, wurde nach langer Entscheidungszeit im Jahr 2006 diese Tracht als Pyritzer Volkstanz-Tracht bestätigt. Und auch wenn sich der Reichtum der Pyritzer Bauernfamilien in der Zahl der übereinander getragenen Röcke der Bauernfrauen manifestierte, zum Tanzen trägt man einen Rock aus leichtem Stoff, lange weiße Strümpfe und darüber die handgestrickten roten bestickten Strümpfe, mit einer ganz besonderen Sohlenform: eben ohne Sohle, breite Gummibänder halten die Strümpfe beim Tanzen und dadurch sind die Strümpfe wohl etwas bequemer.

Tracht aus Rzeszów: Blaue Weste, weißer Kittel, blaue Hose

Die Gruppe führte aber nicht nur Pyritzer / Weizacker-Tänze und Lieder vor, der zweite Teil ihres Auftritts zeigte traditionelle Tänze aus Rzeszów.

Die Männer tragen eine schöne blaue Weste über einem weißen Kittel und blauer Hose und die Westenknöpfe sind wirklich sehr besonders!

Halb-Pompoms aus bunten Wollfäden --- eine schöne Idee.

Westenknöpfe der Männertracht aus Rzeszów

Ich spürte die Freude der doch recht alten Teilnehmer aus der ersten und zweiten Generation der Vertriebenen aus Pommern, sich wieder treffen und begegnen zu können, in offenem Gespräch und auch mit gutem Essen! Als ich die Halle verließ und vor dem Haus in der Sonne saß, kam eine Dame auf mich zu und meinte "War das nicht ein schöner Tag heute?" Ja, das war wirklich ein besonderer Tag.

Ich traf Dorota Makrutzki vom Kulturreferat für Pommern und Ostbrandenburg und wir besprachen während der Mittagspause im frühlingshaften Park unsere Teilnahme am Trachtenseminar "Deutsche Trachten aus dem östlichen Europa" im April, das vom 11. bis 13. April im Kloster Banz stattfinden wird.  Und das ist schon das nächste Thema dieses Beitrags.

 

Was uns anzieht - Trachten der Deutschen aus dem östlichen Europa zwischen Ästhetik, Politik und Mode

Das ist der Titel des Seminars, zu dem ich von Dorota Makrutzki, der Kulturreferentin für Pommern im Pommerschen Landesmuseum eingeladen wurde.

„Der Tracht heute ihre Legitimität abzusprechen, wäre eine unangebrachte neue Form der Ideologisierung. Das heißt jedoch nicht, dass man sich nicht der Trachtengeschichte, ihren Facetten, auch mit dem Belastenden und dem Verdrängten stellen sollte.“ (Reinhard Bodner) Mit dem Anspruch, möglichst alle Seiten zu beleuchten, wird sich das Seminar „Was uns anzieht: Trachten der Deutschen aus dem östlichen Europa zwischen Ästhetik, Politik und Mode“ im April 2023 den vielfältigen Aspekten des Themas Tracht widmen.

Wir beide werden am zweiten Tag des Seminars einen Vortrag halten, in dem wieder einmal die Pottmütze eine Rolle spielt:  „Pommersche Trachten in der Trachtenpflege und -forschung heute: die Rekonstruktion der Vorpommerscher Pottmütze"
Ich bin sehr gespannt und freue mich auch sehr darauf.

Das Programm des Seminars können sie hier downloaden:

  Tagungsprogramm Trachtenseminar

und weitere Informationen finden Sie unter anderem auf dieser Webseite.

Pottmützen

Ja, und  noch diese Woche, am Freitag, den 31. März, findet das Auftakttreffens des Arbeitskreises "Traditionelle Textilien" des Heimatverbandes Mecklenburg-Vorpommern statt.
Zusammen mit Claudia Krischer habe ich diesen Arbeitskreis ja schon lange geplant und nun legen wir los!
Ich bin gespannt.

Mehr über unser Vorhanden können Sie auf der Webseite des Heimatverbandes nachlesen. Und eine kurzfristige Anmeldung ist auch noch möglich, am besten an die Adresse Geschäftsstelle des Heimatverbands MV.