Astern

Wunderschöne indische Handschuhe.. eine lange Geschichte

Angharad Thomas habe ich beim Craft Camp in Olustvere kennengelernt, wo wir beide an den Strickworkshops von Kristi Jõeste und Riina Tomberg teilgenommen haben. Angharad ist Mitglied der Knitting and Crochet Guild of the UK und schreibt in ihrem Blog "Knitting Gloves / Hand knitting British GLoves".  Und dort hat sie nun Erfolg gemeldet: sie hat einen der Muhu-Pulswärmer fertiggestrickt. (Mein Gestrick ist noch im gleichen Larvenstadium wie nach dem Workshop). Applaus!

Viel und wenig

Viel und wenig

Es lohnt sich wirklich, mal auf ihrer Webseite zu stöbern und die wunderschönen Handschuhe zu bewundern, die sie in den letzten Jahren gestrickt hat. Ihre Beschäftigung mit historischen Mustern und vor allem mit den Handschuhen aus Sanquar ist bewundernswert.
Da ich eine eifrige Leserin der "Knitting Traditions"- oder "Piecework"-Zeitschriften  bin, habe ich schon einige ihrer Werke bewundert, z.B. die Polarforscher-Handschuhe und nun bin ich ihr persönlich begegnet.

Bei der "Shameless-Selfpromotion" des Craft Camps stellte Angharad ihre Webseite und die Seite der Knitting and Crochet Guild vor.

Dr. Angharad Thomas

Dr. Angharad Thomas und die Webseite der "Knitting and Crochet Guild of the UK"

Ja, wenn eine so engagierte Strickerin auf andere Webseiten verlinkt, dann gehe ich davon aus, daß diese Seiten auch etwas Besonderes sind. Und so ist es.  Neben den Seiten von Franklin Habit und Tom Of Holland, die ich ab und an lese, hat mich diese Seite besonders fasziniert: Click'n'Knit.

Ich habe zwar nicht herausgefunden, wer diese Seite betreibt und seit Februar ist dort auch nichts mehr erschienen, aber das was es dort zu schauen und zu lesen gibt, ist beachtlich. Die Verfasserin (oder der Verfasser, ich gehe aber aus kultureller Gewohnheit davon aus, daß es eine Frau ist) ist geradezu besessen von einem Projekt:

Im Dezember 2014 beginnt sie, sich mit den Warren Hastings Gloves aus dem Ashmolean Museum in Oxford zu beschäftigen. Sie möchte diese Handschuhe nachstricken und experimentiert monatelang mit den verschiedensten feinen Fasern und Nadeln und kommt auch zu erstaunlichen Ergebnissen, ihre Projektseite bei Ravelry zeugt davon:

clicknknit bei ravelry

Warren Hastings Handschuhe / clicknknit bei ravelry

Sie kommt auf eine Maschenprobe von 100 Stichen pro 10cm und hat sich vorgenommen, 104 Stiche / 10cm zu erreichen.

Mit einem feinen Kashmir-Garn (28/2 !) und 0.7mm - feinen Nadeln errrechnet sie, daß sie 180 Maschen / 15 Motive stricken werden wird, während die Vorlage 204 Stiche und 18 Motiv-Wiederholungen mitbringt

Wieder einmal sehe ich, wie sehr man sich in eine Sache, ein Vorhaben, ein Projekt vertiefen kann. Und ich werde mich jetzt ein wenig in die Geschichte der Warren-Hastings-Handschuhe vertiefen und hier demnächst mehr über diese wunderbaren Strickarbeit schreiben. Das Ashmolean Museum geht sehr strickt mit den Bildrechten der Ausstellungsstücke um und so habe ich ersteinmal um eine Wiedergabe-Erlaubnis angefragt, wird auch einen kleinen Betrag kosten.

Also wieder ein Thema, das mich noch eine Weile beschäftigen wird.

Als Kostprobe aber ein Paar Handschuhe aus der Sammlung Arts of the Islamic World des Brooklyn Museums. Diese ähneln den Warren Hastings Handschuhen sehr und stammen wohl aus der gleichen Zeit.

Brooklyn Museum: Männerhandschuhe

Pair of Man’s Gloves. Knitted purl stitch wool, 4 5/16 x 6 5/16 in. (11 x 16 cm). Brooklyn Museum, Brooklyn Museum Collection, 34.5759. Creative Commons-BY

Brooklyn Museum: Männerhandschuhe

Pair of Man’s Gloves. Knitted purl stitch wool, 4 5/16 x 6 5/16 in. (11 x 16 cm). Brooklyn Museum, Brooklyn Museum Collection, 34.5759. Creative Commons-BY

Und noch mehr Museums-Socken:

Beim Blättern durch das schon vorgestellte Buch Folk Socks: The History & Techniques of Handknitted Footwear von Nancy Bush sind mir natürlich auch die schönen litauischen Bernsteinsocken aufgefallen. Irgendwie kamen mir diese bekannt vor:

Nancy Bush: Lithuanian Amber Socks

Nancy Bush: Litauische Bernsteinsocken

Tja, sie schreibt ja auch:

This sock design comes directly from a photograph of an undated pair of socks in the National Museum of Lithuania in Vilnius.

Und genau diese grauen Socken mit dunklem Muster habe ich letzten Herbst in Vilnius in der schrecklich beleuchteten, stark reflektierenden Vitrine gesehen:

Socken im litauischen Nationalmuseum, Vilnius

Socken im litauischen Nationalmuseum, Vilnius

Interessant ist, daß die Fersenpartie samt Sohle und die Spitze geflickt sind: neuere Stücke wurden eingefügt:

Litauische Socken, Nationamuseum Vilnius

Geflickte Litauische Socken, Nationamuseum Vilnius

Mal sehen, wann ich diese Socken stricke, das Muster ist ja sehr eingängig. Und Sockenwolle habe ich genug im Stash…

Museales, hier und dort und auf den Nadeln

Ein Zwischendurch-Projekt stand an, das ich mitnehmen könnte über das Ostern-Wochenende und so habe ich mich nach einigem Stöbern für die ägyptischen Socken aus  Nancy Bush's Folk Socks: The History & Techniques of Handknitted Footwear entschieden.

Meine Socke, nach dem Fund aus Unterägypten

Meine Socke, nach dem Fund aus Unterägypten, nicht ganz richtig auf die Schablone aufgezogen, die Ferse müsste höher...

Dabei ist mir aufgefallen, daß, geschäftstüchtig wie die amerikanischen Strickdamen nun einmal sind, diese Anleitung mehrfach herausgegeben wurde:

Nancy Bush: Folk Socks, Erstauflage 1994

Nancy Bush: Folk Socks, Erstauflage 1994

1994, in der Erstauflage des Buches “Folk Socks,” hießen die Socken noch Mameluk Socks, was historisch nicht ganz so hinkommt, denn die Herrschaft der Mamelucken über Ägypten dauerte von 1250 bis 1517 und die Angaben über das Alter dieser Socken differieren doch sehr. 

Nancy Bush datiert die Socken auf das 15. und 16. Jahrhundert, während Ellen Perlman (s.u.) das 11. bis 14. Jahrhundert schätzt.

Nancy Bush: Folk Socks, updated edition

Nancy Bush: Folk Socks, updated edition

2011 heißen diese Socken dann “Egyptian Socks“.

Nancy Bush begründet den Namenswechsel nicht so sehr, sie findet diese Bezeichnung einfach angebrachter. Und sie hat, vielleicht infolge der 9/11-Hysterie in den USA, den Streifen mit der Kufi-Schrift entfernt.

Seit 2012 ist diese Anleitung auch bei Ravelry gelistet.

Musterstreifen, Variante 1

Musterstreifen, Variante 1

Musterstreifen, Variante 2

Musterstreifen, Variante 2

Piecework 2012, July-August

Piecework 2012, July-August

Und dann erschien die Anleitung auch noch in der der Farbe Blau gewidmeten Ausgabe des amerikanischen Magazins Piecework, Ausgabe Juli-August 2012:

Knit Nancy Bush’s Egyptian Socks

Mittelalterliche muslimische ägyptische Strümpfe

Mittelalterliche muslimische ägyptische Strümpfe

Wesentlich ausführlicher widmet sich Ellen Perlman, aka  Lilinah biti-Anat oder auch Urtatim, diesen Strümpfen. Auch sie hat die Abbildung aus dem Washingtoner Textilmuseum als Anreiz genommen und die Socken rekonstruiert. Darüber habe ich hier schon einmal geschrieben.

Lilinah biti-Anat hat sich allerdings mehr an die Vorlage gehalten, denn ihre Anleitung enthält auch das Band mit dem Schriftzug ‘Allah’. Sie zeigt aber auch Alternativen für diesen Schriftzug.

Noch ein Unterschied: Ihre  Anleitung beginnt an der Sockenspitze, Nancy Bush’s Socken werden vom Bündchen abwärts gestrickt. Aber das ist zweitrangig.

Link zu ihrer etwas eigenartig zu navigierende Strickseite:  Dar Anahita Medieval Muslim Knitting

Sie ist auch bei Ravelry zu finden und noch besser:  eine sehr schöne Anleitung für diese Socken bietet sie zum kostenfreien Download  im PDF-Format an.

Noch einmal: Freut Euch, ladet Euch die Datei herunter und aber: unterstützt!

Die badische Lehrfrau schreibt zur siebten Auflage Ihrer "Alte deutsche Lochmuster aus Strick-Musterstreifen in der Schule":

Ermutigt durch die freundliche Aufnahme, welche dieses Strickbüchlein bisher allerorts gefunden,  sende ich es nun in seiner siebenten neu durchgesehenen Auflage hinaus zu den fleißigen jugendlichen Strickerinnen, damit es denselben bei ihren Strickarbeiten behilflich sei und sie zu neuem freudigen Eifer anrege. Gewiß darf ich dann hoffen, durch dieses Werkchen den verehrten  Lehrerinnen einige Erleichterung in ihrer mühevollen Aufgabe geboten zu haben.

Damit ist die schöne Überarbeitung, die  Martine in ihrem Strickloft so fleissig durchgearbeitet und präsentiert hat, die 8. Auflage dieses Werkes!

Strickloft Button

Strickloft Button

Heute nun hat Martine die PDF-Zusammenfassung zum Download bereitgestellt und wie schon in meinem ersten Beitrag über ihre tolle Arbeit möchte ich auch jetzt wieder bitten, die Stricknadeln erstmal beiseite zu legen, zum Strickloft zu wechseln und dort den PayPal-Button zu klicken.

Danach kann man dann voller Vorfreude auf den Link zu "Alte deutsche Lochmuster aus “Strick-Musterstreifen in der Schule” klicken und die Datei herunterladen.

Ich werde die Muster, die ich im Blog immer wieder gerne gesehen habe, mir heute in Ruhe anschauen und das eine wiederfinden, das ich so wunderschön fand und das ich unbedingt für einen Pullover nutzen möchte.

Also denn, merci für die Arbeit!

Breischede

breien bedeutet stricken in der niederländischen Sprache. Und breischede entspricht dem englischen Wort knitting sheat. Bei meinem Stöbern nach knitting sticks tauchte auch das Wort breischede in den Ergebnislisten von Bing und Google auf. Nun haben die Strick-Stöcke ja schon eine lange Tradition und das Stricken war in vergangenen Zeiten nicht nur Broterwerb, besser gestellte Damen strickten durchaus zum Zeitvertreib. Und weil die Strickstöcke auch den Liebsten als Liebesgabe überreicht wurden, konnte es ja nicht ausbleiben, daß nicht nur einfache Holz-Modelle, sondern auch luxuriös verzierte knit sticks hergestellt und verschenkt wurden.

Im Photostream, den ich letztens vorstellte, sah ich auch eine holländische Zeitungsseite zum Thema und so suchte ich nach dem holländischen Begriff. Und wurde fündig:

Die Webseite Het Geheugen van Nederland (Der Speicher der Niederlande) zeigt gleich neun Exemplare, die dem Friesischen Schiffahrtsmuseum gehören. Dieses Museum zeigt neben Schiffahrt und Schiffsbau auch die Wohn- und Lebenskultur der Händler und Schiffer aus dem südwestlichen Friesland. Und da die Händler und Reeder reich und stolz waren, waren auch Gegenstände des täglichen Gebrauchs aus bestem Material und schön verziert.

Neben einem mit Kerbmuster verzierten Breischede aus Holz sind alle weiteren Werkstücke aus Silber, reich verziert. Sie werden auch zusammen mit Stick- oder Näh-Scheren gezeigt, was wohl belegt, daß diese Stücke für ein ganzes Leben gefertigt und das ganze Leben lang genutzt und in Ehren gehalten wurden.

Silbernes Werkzeug

Screenshot: Friesisches Schiffahrtsmuseum: Silbernes Werkzeug

Diese Garnitur aus dem Jahre 1911 ist besonders hübsch: Nadelkissen, Nähschere und Breischede, befestigt an einem silbernen Clip.

Über Wolle im Allgemeinen und über die englischen Vließe insbesondere

An essay on wool: containing a particular account of the English fleece : with hints for its improvement, adressed to the grower, dealer, and manufacturer

$ 5. Wollpflege steht mit den Künsten und der allgemeinen Biildung in Verbindung.

Gewiß ist es übrigens, daß die Verbesserungn der Heerden allezeit mit den Fortschritten der Künste und der Civilisation eng verbunden gewesen ist, denn in Gegenden, wo diese geblüht haben, finden wir einstimmig eine Race Schafe, die Wolle von vorzüglicher Güte tragen, als in der ganzen Umgegend anzutreffen ist. Wo die höchsten Wohlthaten des gesellschaftlichen Lebens nur wenig gekannt und geachtet sind, treffen wir bisweilen auf den harten und scheuen Argali, der vor den Jögern in die Schlupfwinkel entflieht, die nie ein menschlicher Fuß  betreten hat, Wo aber der  landwirtschaftliche Karst den Boden kehret, drängen sich die Ziege und das ihr verwandte Schaf, die in ihrer Gestalt oder in ihrem Vließ nur wenig unterschieden sind, um das Zelt des Hirten und forden die Wartung, die zu ihrem Bestehen notwendig ist. Solch grobes Vieh wie das, was noch jetzt auf den Ebenen des alten Scythiens herumstreift, ist der strengste Beweiß, daß es sich nie der belebenden Strahlen der Wissenschaft erfreut hat. In anderen Gegenden aber, jenseits der Alpen zum Beispiel, erkennen wir die Abkömmlnge einer Race, die in den bessern Tagen Roms geblüht hat. In der Türkei entdecken wiir noch selbst unter dem gegenwärtigen Geistesdruck, die Spuren von Heerden, die einst, über die Ebenen Arkadiens verbreitet, das Ergötzen ihres Schäftes un der Gegenstand seiines Gesanges waren. In Syrien und Persien ist in der Vorzüglichkeit der Vließe, die von ihren Heerden genommen werden, der Einfluß der alten Manufacturen noch immer sichtbar. Nichtweniger ist dsa ehemalige Lybische Wohlleben an der Afrikanischen Küste bemerkbar, wo wir Vließe antreffen, auf die ein Europäer mit Recht neidisch seyn könnte. Vielleicht möchte auch die Vermuthung nicht unbegründet sein, daß der anerkannte Vorzug der Taurischen Wolle von der frühern Niederlassung der Griechischen Colonien, und von der aufmunternden Sorgfald der in spätern Zeiten von Venedig und Genau ausgesonderten Colonnien herrühre, welche auch in dieser anmuthigen Gegend Wohlstand und Wohlleben verbreiteten. Spaniens Berge können sich auch nicht eher ihrer verfeinerten Wolle rühmen, als nachdem in dem Kande Kenntnisse und Unternehmungsgeist erwacht waren, und wir haben keinen Grund zu glauben, daß seit der Zeit, wo Spanien seine Künstler quälte und ihre Geschäft verachtete, die Wolle verbessert worden sei. De glücklichsten Tage Großbritanniens werden sicherlich dann erst kommen, wenn der Scharfsinn und der Geist, den es entfaltet, die Verbesserug seiner Heerden vollendet haben wird, die vor fast sieben Jahrhunderten begonnen worden, und die in Hischt auf eine Classe seiner Vließe, ihm lange Zeit einen Vorzug über seine Nebenbuhler gegeben hat. Ein Wechsel in dem Sitze der Manufacturen, eine Veränderung in den Moden, die Störung der gewöhnlichen Handeslwege, und die unpolitischen Gesetze, die zur Sicherung des Handels erlassen wurden, haben eine Zeitlang Englands Fortschritt gehemmt und seine Landwirte muthlos gemacht. Glücklicherweise aber ist ihr Geist  wieder erwacht und verbreitet sich mit vermehrter Kraft über die lange Wolle so wie über die kurze. Laßt nicht die Erinnerung an frühere Widerwärtigkeit euern Eifer dämpfen und laßt nicht die reicheren Ebenen, die ihr in Pflege nehmt, von einem wolllleeren Schafe abweiden,oder gar von einem, das für den Boden zu geringe ist. Die Manufacturen müssen Euch zuletzt alles ersetzen. Laßt beiden Arten von Wolle die nöthige Arbeit angedeihen und schreitet mmit gleichem und festen Schritt der höchsten Vollkommenheit entgegen!

John Luccock, Wollhändler zu Leeds, über Wolle im Allgemeinen und über die englischen Vließe insbesondere. | Erster Theil
Aus dem Englischen mit Anmerkungen von Martin Heinrich Schilling.
Leipzig 1821, in der Baumgärthnerschen Buchhandlung, 312 Seiten
Kaiserlich-Königliche Hof-Bibliothek Wien.
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