Elias Canetti: Die Stimmen von Marrakesch

Es ist erstaunlich, wieviel Würde diese Gegenstände so bekommen, die der Mensch gemacht hat. Sie sind nicht immer schön, mehr und mehr Gesindel von zweideutiger Herkunft schleicht sich ein, von Maschinen erzeugt, aus den Ländern des Nordens eingeführt. Aber die Art, wie sie sich präsentieren, ist immer noch die alte. Neben den Läden, wo nur verkauft wird, gibt es viele, vor denen man zusehen kann, wie die Gegenstände erzeugt werden. So ist man von Anfang an dabei. Und das stimmt den Betrachter heiter. Denn zur Verödung unseres modernen Lebens gehört es, daß wir alles fix und fertig ins Haus und zum Gebrauch bekommen, wie aus häßlichen Zauberapparaten. Hier aber kann man den Seiler eifrig bei seiner Arbeit sehen und neben ihm hängt der Vorrat fertiger Seile. In winzigen Gelassen drechseln Scharen von kleinen Jungen, sechs oder sieben von ihnen zugleich, an Holz herum, und junge Männer fügen aus den Teilen, die ihnen von den Knaben hergestellt werden, niedrige Tischchen zusammen. Die Wolle, deren leuchtende Farben man bewundert, wird vor einem selbst gefärbt und allerorts sitzen Knaben herum, die Mützen in hübschen und bunten Mustern stricken.

wie immer: für die Anzeige auf die Vorschaubilder klicken!

Es ist eine offene Tätigkeit, und was geschieht, zeigt sich, wie der fertige Gegenstand. In einer Gesellschaft, die so viel Verborgenes hat, die das Innere ihrer Häuser, Gestalt und Gesicht ihrer Frauen und selbst ihre Gotteshäuser vor Fremden eifersüchtig verbirgt, ist diese gesteigerte Offenheit dessen, was erzeugt und verkauft wird, doppelt anziehend.

Da möchte ich Herrn Canetti verzeihen, daß er die Technik, mit der die bunten Mützen hergestellt werden, falsch benennt.

Elias Canetti
Die Stimmen von Marrakesch | Aufzeichnungen nach einer Reise
Hanser 1967

Mördermässiges Stricken…

Dyer Consequences

Maggie Sefton: Dyer Consequences

das war ja abzusehen, daß die Strickwelle sich mit der Krimi-Welle kreuzt, überlappt, vermengt...

Es gibt 3 Haupt-Genres in der Literatur (im Film genauso), die ich nicht mag und immer meide: Krimis + Science Fiction + Western.

Und jetzt gibt es auch noch jede Menge Strick-Krimis. Nun denn, die Queen of Knitting-Mysteries ist wohl Maggie Sefton, hier eine Titel-Auswahl (alle in englisch, nichts übersetzt bisher, aber das kommt sicher noch):

  • Unraveled
  • Dyer Consequences (Hallo, Frau Wollfrosch!)
  • Skein of the Crime
  • Cast on, Kill off
  • Knit one, Kill two
  • Double Knit Murders
  • Needled to Death
  • Dropped Dead Stitch
  • Killer Stitch
  • Fleece Navidad
  • A deadly Yarn

Allein die Titelwahl ist schon gelungen und dann gibt es zu den Färb-Konsequenzen auch noch ein leckeres Rezept und eine Strickanleitung, wie stehts, die Damen? Stricken und Lesen? Hier der Link zu einem ihrer Bücher : (DYER CONSEQUENCES ) von Maggie Sefton, 06/2009.

Und ein paar Ihrer Bücher sind auch als Kindle-Ausgabe zu haben, dieses zum Beispiel: für 4,32 € gibt's z.B.  Knit One, Kill Two: Knitting Mystery Series, Book 1,
alle Kindle-Ausgaben

Die Autorenseite mit allen ihren verstrickten Werken: Maggie Seftons Autorenseite

Dostojewski: Arme Leute

Dostojewski: Arme Leute

Dostojewski: Arme Leute

Die Wohnung war, wissen Sie, ganz klein und gemütlich. Ich hatte ein Zimmerchen für mich. Die Wände waren ... ach nun, was soll man da reden! -- Die Wände waren wie alle Wände sind, nicht um die Wände handelt es sich, aber die Erinnerungen an all das Frühere, die machen mich etwas wehmütig ... Sonderbar -- sie bedrücken, aber dennoch ist es, als wären sie angenehm, als dächte man selbst doch gern an all das Alte zurück. Sogar das Unangenehme, worüber ich mich bisweilen geärgert habe, sogar das erscheint jetzt in der Erinnerung wie von allem Schlechten gesäubert und ich sehe es im Geiste nur noch als etwas Trautes, Gutes. Wir lebten ganz still und friedlich, Warinka, ich und meine Wirtin, die selige Alte. Ja, auch an die Gute denke ich jetzt mit traurigen Gefühlen zurück. Sie war eine brave Frau und nahm nicht viel für das Zimmerchen. Sie strickte immer aus alten Zeugstücken, die sie in schmale Bänder zerschnitt, mit ellenlangen Stricknadeln Bettdecken, damit allein beschäftigte sie sich. Das Licht benutzten wir gemeinschaftlich, deshalb arbeiteten wir abends an demselben Tisch.

 

Fjodor M. Dostojewski: Arme Leute, Бедные люди, 1845
Im Projekt Gutenberg

Gerstaecker: Die Colonie. Brasilianische Lebensbilder

Das Gespräch drehte sich endlich wieder anderen Gegenständen zu, und Jeremias reichte zum zweiten Mal den Thee zwischen die Frau Pastorin und Madame Rohrland hinein, die eben tief in wirthschaftliche Dinge verwickelt waren.

»Ja,« entgegnete die Frau Pastorin auf eine Äußerung der andern Dame bezüglich des Strickens, indem sie Jeremias die wieder gefüllte Tasse abnahm und sich Zucker und Milch nahm -- »das ist gar Nichts -- denken Sie nur, was ich für Füße zu versorgen habe, die Strümpfe verlangen. Ich muß für meinen Mann und mich, für meine fünf Kinder und auch noch für den Schwager von meinem Mann, also für acht Personen, stricken.«

»Alle Wetter!« sagte Jeremias erstaunt -- »für zweiunddreißig Beine!«

Die Frau Pastorin warf ihm einen wüthenden Blick zu und Jeremias ging weiter, wo Herr von Pulteleben neben Helenen und dem Director stand.

Friedrich Gerstäcker:
Die Colonie. Dritter Band
Brasilianisches Lebensbild
Leipzig, 1864
Projekt Gutenberg

Goethe: Die Geschwister

FABRICE. Ich begreife Sie nicht.

MARIANNE. Es ist nun so.--Wenn ich aufwache, horch' ich, ob der Bruder schon auf ist; rührt sich nichts, hui bin ich aus dem Bette in der Küche, mache Feuer an, daß das Wasser über und über kocht, bis die Magd aufsteht und er seinen Kaffee hat, wie er die Augen auftut.

FABRICE. Hausmütterchen.

MARIANNE. Und dann setze ich mich hin und stricke Strümpfe für meinen Bruder, und hab' eine Wirtschaft, und messe sie ihm zehnmal an, ob sie auch lang genug sind, ob die Wade recht sitzt, ob der Fuß nicht zu kurz ist, daß er manchmal ungeduldig wird. Es ist mir auch nicht ums Messen, es ist mir nur, daß ich was um ihn zu tun habe, daß er mich einmal ansehen muß, wenn er ein paar Stunden geschrieben hat, und er mir nicht Hypochonder wird. Denn es tut ihm doch wohl, wenn er mich ansieht; ich seh's ihm an den Augen ab, wenn er mir's gleich sonst nicht will merken lassen. Ich lache manchmal heimlich, daß er tut, als wenn er ernst wäre oder böse. Er tut wohl; ich peinigte ihn sonst den ganzen Tag.

FABRICE. Er ist glücklich.

MARIANNE. Nein, ich bin's. Wenn ich ihn nicht hätte, wüßt' ich nicht, was ich in der Welt anfangen sollte. Ich tue doch auch alles für mich, und mir ist, als wenn ich alles für ihn täte, weil ich auch bei dem, was ich für mich tue, immer an ihn denke.

FABRICE. Und wenn Sie nun das alles für einen Gatten täten, wie ganz glücklich würde er sein! Wie dankbar würde er sein, und welch ein häuslich Leben würde das werden!

MARIANNE. Manchmal stell' ich mir's auch vor und kann mir ein langes Märchen erzählen, wenn ich so sitze und stricke oder nähe, wie alles gehen könnte und gehen möchte. Komm' ich aber hernach aufs Wahre zurück, so will's immer nicht werden.

FABRICE. Warum?

MARIANNE. Wo wollt' ich einen Gatten finden, der zufrieden wäre, wenn ich sagte: "Ich will Euch liebhaben", und müßte gleich dazusetzen: "Lieber als meinen Bruder kann ich Euch nicht haben, für den muß ich alles tun dürfen, wie bisher."--Ach, Sie sehen, daß das nicht geht!

FABRICE. Sie würden nachher einen Teil für den Mann tun, Sie würden die Liebe auf ihn übertragen.--

Die Geschwister
Johann Wolfgang von Goethe
Goethe Werke - Hamburger Ausgabe
Band 4: Dramatische Dichtungen II
15. Auflage 2008. 686 S.
C.H.BECK ISBN 978-3-406-34261-5

Goethe: Die Aufgeregten

Erster Auftritt
(Ein gemeines Wohnzimmer, an der Wand zwei Bilder, eines bürgerlichen Mannes und seiner Frau, in der Tracht, wie Sie vor fünfzig oder sechzig Jahren zu sein pflegte. Nacht.)

Luise, an einem Tisch, worauf ein Licht steht, strickend. Karoline, in einem Großvatersessel gegenüber, schlafend.

Luise (einen eben vollendeten gestrickten Strumpf in die Höhe haltend).
Wieder ein Strumpf! Nun wollt' ich, der Onkel käme nach Hause; denn ich habe nicht Lust, einen andern anzufangen. (Sie steht auf und geht ans Fenster.) Er bleibt heut' ungewöhnlich lange weg, sonst kommt er doch gegen elf Uhr, und es ist jetzt schon Mitternacht. (Sie tritt wieder an den Tisch.) Was die französische Revolution Gutes oder Böses stiftet, kann ich nicht beurteilen; so viel weiß ich, dass sie mir diesen Winter einige Paar Strümpfe mehr einbringt. Die Stunden, die ich jetzt wachen und warten muss, bis Herr Breme nach Hause kommt, hätt' ich verschlafen, wie ich sie jetzt verstricke, und er verplaudert sie, wie er sie sonst verschlief.

Karoline (im Schlaf redend).
Nein, nein! Mein Vater!

Luise (sich dem Sessel nähernd).
Was gibt's, liebe Muhme?--Sie antwortet nicht!--Was nur dem guten Mädchen sein mag! Sie ist still und unruhig; des Nachts schläft sie nicht, und jetzt, da sie vor Müdigkeit eingeschlafen ist, spricht sie im Traum. Sollte meine Vermutung gegründet sein? Sollte der Baron in diesen wenigen Tagen einen solchen Eindruck auf die gemacht haben, so schnell und so stark? (Hervortretend.) Wunderst du dich, Luise, und hast du nicht selbst erfahren, wie die Liebe wirkt, wie schnell und wie stark!

Johann Wolfgang von Goethe:
Die Aufgeregten
Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden.
Band 5, Hamburg 1948 ff, S. 168.
Begonnen 1793, unvollendet.
Erstdruck in: Werke, Stuttgart u. Tübingen (Cotta) 1817.