Mecklenburger Strumpfbund

Nordic Knitting Conference, Seattle, USA

Das Nordic Heritage Museum in Seattle hat unter Strickerinnen einen guten Ruf. Es widmet sich der Kulturgeschichte der Immigranten aus den skandinavischen Ländern, die im Laufe der Zeit in die USA eingewandert sind, und pflegt das kulturelle Erbe dieser Region, vielleicht manchmal liebevoller und pflegsamer als in den Ursprungsländern selbst.

Nordic Knit and Spin CaféDie Sammlung des Museums umfaßt Haushaltsgegenstände, Werkzeuge, Möbel, Bekleidung, Textilien, Kunst und Kunsthandwerk, sowie Archivmaterial. Das Museum archiviert wichtige und einzigartige Objekte als Teil der "Dimensionalen Objekt-Sammlung", so z.B. ein dänisches gestricktes Nachthemd  und andere Raritäten. Da ist es kein Wunder, daß es auch ein Strick- und Spinn-Café gibt, Unterricht in den nordischen Strickkünsten und sogar eine eigene Ravelry-Gruppe: Nordic Heritage Museum Knitters (For those who hold dear the traditional and contemporary fiber arts of the Nordic/Baltic countries)

Jeden ersten Sonntag im Monat von 13:00 Uhr bis 16:00 Uhr findet das Nordic Knit and Spin Café es statt. Both new and experienced knitters are encouraged to bring their knitting and spinning projects and find kindred spirits at Nordic Knit and Spin Cafe.

You don’t have to be Nordic to knit Nordic! ist die Botschaft, also wer an einem dieser Sonntag in Seattle ist, sollte mal hingehen.

Eine Reise wert ist die alle zwei Jahre stattfindende Nordic Knitting Conferenc, dieses Jahr am 3. bis 5. Oktober. Nationale und Internationale Stricker, Spinner und Textilkünstler tragen vor, stellen aus und halten Workshops. 

Diese Namen sagen sicherlich vielen Strickern etwas:

  • Susanna Hansson
  • Judith MacKenzie
  • Mary Jane Mucklestone
  • Cirlia Rose und
  • Diana Walla

Ich kenne Mary Jane Mucklestone, da ich einige ihrer Bücher habe und genieße, und fühle mich verführt, mich für diese Konferenz anzumelden. Aber das diesjährige Highlight der Konferenz bringt mich auf den Teppich zurück:  wegen Arne & Carlos und ihren gestrickten Ostereiern und Weihnachtskugeln fliege ich nicht über den großen Teich.

Die beiden verleihen einer solchen Veranstaltung sicherlich Marketing-Glanz, aber ihre Konferenzbeiträge sind nun gar nicht mein Ding:

  • LECTURE: Finding Inspiration for Design with Arne & Carlos
  • LECTURE: Using Old Knitting To Inspire the New with Arne & Carlos
  • Knitted Dolls with Arne & Carlos
  • Crochet (1/2 day) with Arne & Carlos (Hallo Tina!)
  • Two-Color Christmas Balls with Arne & Carlos
  • Crochet (1/2 day) with Arne & Carlos

Diese Konferenzthemen leiten ganz sacht über zu meinem vorigen Beitrag, hihi...

Das gesamte Konferenzprogramm kann man  jetzt schon auf der Museumseite  einsehen, wer sich für die Konferenz interessiert, kann auch der Ravelry-Group Nordic Knitting Conference 2014 beitreten, um immer auf dem Laufenden zu sein.

Zur Teilnahme registrieren kann man sich ab Montag, den 2.  Juni 2014, 10:00 Uhr Pacific Daylight Time.  Per Mail an diese Adresse kann man sich auch in den Newsletter eintragen: 

Kitchen StoriesUnd noch ein  Tipp:

am 11. März wird dort in der Reihe "Soup & Cinema" einer meiner Lieblingsfilme gezeigt: Kitchen Stories.

Dieses Museum lohnt sich also immer!

Kreta: In der Krise

In Vori in der Messara-Ebene, im Süden Kretas, gibt es seit 1982 ein renommiertes ethnologisches Museum, das Mousio Kritikis Ethnologias (Museum für kretische Ethnologie),  welches von manchen Reiseführern auch als bestes Museum dieser Art auf Kreta gelobt wird. Die Ausstellungsbereiche umfassen lt. Reisehandbuch auch Textilherstellung und Textilarbeiten.

Nun hegte ich also Hoffnung, hier doch noch etwas zur Strickgeschichte Kretas erfahren zu können. An der Hauptstraße von Phaestos kommend gibt es noch Hinweisschilder, dann keinen Hinweis mehr.  Durch enge Gäßchen zwängend, lernten wir den hübschen kleinen Ort mit vielen, leider auch verfallenden Häusern, noch aus dem 19. Jahrhundert und älter, kennen. Aber das Museum am Ortsrand fanden wir nur mit Zufall und Beharrlichkeit.Mousio Kritikis Ethnologias

Es ist geschlossen. Niemand vor Ort. Wir konnten zwar durch das offene To auf das Gelände, aber mehr war nicht möglich.vori_01

Das Gebäude verrottet. Putz bröckelt, Lampen sind zerstört. Hoffentlich sind die Bestände gesichert.Mousio Kritikis Ethnologias In Phaestos, an der alten minoischen Ausgrabung dann dieses Transparent: Die allhellenische Vereinigung der Museums-Beschäftigten wehrt sich gegen Personalkürzungen. Die junge Dame an der Kasse rückt dann mit Wahrheit heraus: Das Ethnologische Museum in Vori ist nicht wegen Reparatur temporär geschlossen, sondern wohl auf längere Zeit, wegen der Krise. Bei den Ausgrabungsstätten sind die Öffnungszeiten an Feier- und Sonntagen eingeschränkt, um 15:00 Uhr wird geschlossen, da das Kultusministerium die Personalkosten kürzt und keine zusätzlicheb Kräfte für Feier- und Sonntage bezahlt.

Es ist ein Trauerspiel. Von den "Hilfen" für Griechenland kommt nichts bei den Menschen an und die größten Verdiener des Landes, die Reeder, sind per Gefälligkeits-Gesetz von Steuerzahlungen befreit. Da muß man ansetzen, nicht bei der Mittelschicht, nicht bei der Kultur!

Link: Museum für kretische Ethnologie, Vori (ab und an ist auch die Webseite nicht erreichbar)

Kretische Wolle

Nun bin ich ohne Stricktips für Kreta losgeflogen, weiß nicht ob ich irgendwo schöne Wolle finde, aber auch nicht, ob ich Zeit zum Stricken haben werde.

In Rethmynon, wo ich von einer Überraschung in die andere fiel, denn alles war ganz anders als bei meinem letzten Besuch vor 34 Jahren, , außer den Gebäuden in der Altstadt ist nichts gleichgeblieben, besuchten wir das Volkskunst-Museum.

In dem wunderschönen venezianischen Bau werden im 2. Stock Artifakte aus der Töpferei, der Landwirtschaft, dem Haushalt gezeigt. Textile Arbeiten in Hülle und Fülle, Webereien, Wandteppiche, Spitzen, wunderschön.
Keine Strickexponate.

Die nette Dame, die uns begleitete und durch die Räume führte, erklärte uns die verschiedenen Handarbeitstechniken. Strickstücke gäbe es nur wenig, keine in der Ausstellung. Der Grund? Die Landbevölkerung strickte, wenn eine Jacke oder Pullover "durch" war, aus der aufgeribbelten Wolle Neues, bis die Wolle gar nicht mehr taugte. Und die städtische Bevölkerung trug eher feine Stoffe, Pelz, Leder.

Sie zeigte und erklärte uns Gerätschhaften zum Flachsbrechen (Leinen wird auch fast nicht mehr hergestellt, Flachs nicht mehr angebaut), einen großen Webstuhl (an solchen wurden die großen, meist rot und schwarz gehaltenen Wandteppiche hergestellt, die zu besonderen Anläßen erstellt wurden und oft auch Ereignisse aus der Geschichte zeigten), und ein Rassotrivi, eine schlau erdachte mechanische, vorindustrielle Vorrichtung zum Walken von Ziegenwolle.

Wir rätselten über eine Handarbeitstechnik, die Spitze war nicht gehäkelt, nicht geklöppelt, sondern mit einem kleinen Schiffchen und ganz feinen Faden erstellt. Beiden fiel uns der Name dieser Technik nicht ein, auch nicht als die nette Dame mir ein Web-Schiffchen zeigte, όπως εδώ, μόνο πολύ πολύ μικρότερη ..., "so wie dieses hier, nur viel viel kleiner..." Wir versicherten uns noch, daß das gesuchte Wort uns ganz bestimmt 10 Minuten nachdem wir gegangen seien, einfiele, vielleicht sogar schon nach 5 Minuten.kreta_rethymnon_05

Tja, hat ein wenig länger gedauert, wegen der Hitze vielleicht, es handelt sich um Occhi-Technik, auch als Frivolité oder Schiffchenarbeit bekannt.

Nun denn hier noch der Link zu dem schönen Museum in Rethymnon:
The Folk Art Museum of Rethymnon
ein Museum für Zeitgenössische Kunst gibt es auch noch in Rethymnon, die aktuelle Photoausstellung mit Arbeiten von Christophoros Doulgeris lohnt einen Besuch in dem Bau nahe der alten Festung.

Die Geschichte vom Daumenlutscher

oder: Knit a work of art from a free pattern

Heinrich Hoffmann: Struwwelpeter

Die Geschichte vom Daumenlutscher, aus: Heinrich Hoffmann: Struwwelpeter.
Die ganze Geschichte: Projekt Gutenberg

»Konrad,« sprach die Frau Mama,
»ich geh aus und du bleibst da.
Sei hübsch ordentlich und fromm,
bis nach Haus ich wieder komm.
Und vor allem, Konrad, hör!
lutsche nicht am Daumen mehr;
denn der Schneider mit der Scher
kommt sonst ganz geschwind daher,
und die Daumen schneidet er
ab, als ob Papier es wär.«

Fort geht nun die Mutter und
wupp! den Daumen in den Mund.

Bauz! da geht die Türe auf,
und herein in schnellem Lauf
springt der Schneider in die Stub
zu dem Daumen-Lutscher-Bub.
Weh! jetzt geht es klipp und klapp
mit der Scher die Daumen ab,
mit der großen, scharfen Scher!
Hei! da schreit der Konrad sehr.

Als die Mutter kommt nach Haus,
sieht der Konrad traurig aus.
Ohne Daumen steht er dort,
die sind alle beide fort.

Ja so geht es, wenn man nicht hören will. Wer abgestumpft ist durch tägliche Tatort-Wiederholungen und den Schmerz durch bloße Lektüre nicht nachempfinden kann, dem kann jetzt geholfen werden. Freddie Robbins hat wirklich empathische Handschuhe gestrickt und die Anleitung dazu frei ins Netz gestellt. Das Pattern ist auf der tollen Stricken-Seite des Victoria and Albert Museums in London zu finden.

Freddie Robins: Knit a work of art!A

Die Conrad-Handschuhe von Freddie Robins, Screenshot von der Museums-Seite

Do I fit in? Freddie Robbins
Freddie Robins
hat auch das übergrosse Etikett "DO I FIT IN" gearbeitet, das im Ausstellungsprojekt Naughty Knitting gezeigt und hier auch schon vorgestellt wurde. Sie bezeichnet sich als "anarchic knitter", als eine Strickerin, die Dinge abseits von Mode oder Funktion herstellt.


Der Struwwelpeter beim Project Gutenberg. | Freddie Robins Webseite | Interview mit Freddie Robins | Die Anleitung Knit a Work of Art from a Free Pattern | Stricken auf der Seite des Victoria - Albert Museums London

Als Gruß an mich sehe ich diese ihre Arbeit:

Freddie Robins: Connie

Freddie Robins: Connie
Screenshot

Verstrickungen – vom alten Handwerk zum Kunstobjekt

Das ist der Titel einer Ausstellung, die vor zwei Jahren im Textilwerk Bocholt, einem der 8 Standorte des Westfälischen Landesmuseums für Industriekultur, stattfand. Ein halbes Jahr lang gab es neben den Ausstellungsführungen auch Workshops zu den verschiedensten Handarbeitstechniken, Margarte Dolff führte auch in komplexe Themen wie "Entrelac-Technik" oder "Gansey-Pullover" ein.

Aus der Ankündigung:
In Kooperation mit zwei leidenschaftlichen Strickerinnen, der Hamburger Redakteurin Anne Alter und der Bocholter Wolldesignerin Margarete Dolff, werden alte und neue Dimensionen der Maschenware in Szene gesetzt. Zahlreiche historische und zeitgenössische Exponate, Strickgeschichten von den Shetlands sowie ein spannendes Begleitprogramm veranschaulichen in der  Bocholter Ausstellung Geschichte und Trends des Handstrickens.

Bocholt: Ausstellung: Verstrickungen

Textilwerk Bocholt: Blick in die Ausstellung "Verstrickungen - vom alten Handwerk zum Kunstobjekt"

Alle Besucher konnten an dem "Ausstellungsschal" mitstricken, der am Ende der Ausstellung zu caritativen Zwecken versteigert werden sollte. Ob das was gebracht hat, habe ich nicht erfahren.

Das ist leider keine Dauerausstellung und einen Veranstaltungskatalog fand ich nirgends auf der schönen Web-Seite des Museums. Das Ausstellungsprogramm des Museums ist aber so vielfältig, daß sich der Besuch dort allemal lohnt. Und die Workshops wurden ob der großen Nachfrage bis Ende 2011 weiterhin angeboten. Im Jahr 2013 steht mehr das Thema "Spinnen" auf dem Museumsprogramm.

Ein Video über diese Ausstellung habe ich gefunden, recht informativ fand ich es, zumindest die ersten 10 Minuten des Videos geben einen schönen Einblick in die Ausstellung. Dann aber nimmt der Reporter die Nadeln in die Hand und die restlichen 9 Minuten bieten ein Musterbeispiel für GenderStudies: Der Reporter kokettiert mit seiner Hilflosigkeit und seinen Erfolgen und auch der Ausstellungsleiter verstrickt sich heftig.

Auch dies ein Beleg für den kulturellen Wandel: Von der Bedarfsdeckung zur Freizeitgestaltung.
Stricken ist wieder in ist, und jeder Amateur kann in 5 Minuten zum Profi mutieren (ja, das ist nicht nur bei der Computerei so...)...Der Strumpfstricker, der in der Ausstellung gezeigt wird, hat sicherlich nicht so auf den Putz gehauen ;=)

Textilwerk Bocholt: Strumpfstricker

Textilwerk Bocholt: Strumpfstricker

Achten Sie auf die Wollhalterung am Gürtel!


Pressemitteilung des Museums: Ausstellung "Verstrickungen - vom alten Handwerk zum Kunstobjekt"

Alle Photos: Pressedienst des LWL

Margarete Dolff: MAZ-Wolldesign, (stricken kann sie auf jeden Fall besser als bloggen... die Seite krankt an vielen Ecken leider)

Anne Alter, knitting Anarchist, schreibt über ihre Mitarbeit an der Ausstellung in ihrem Blog

Ich gehe wieder ins Museum,

diesmal in das Craft and Folk Art Museum, nach Los Angeles. Ein so berühmtes Museum, dass es eine Ortsangabe fast nicht zu finden ist, aber mit einer Lupe sieht man dann unten auf der Website, daß es in Los Angeles angesiedelt ist.

Dort läuft gerade das Projekt Social Fabric, an exhibition of seven contemporary artists who confront the problems of mass production and consumption through fiber-based art that incorporates social engagement and public interaction. Also eine Auseinandersetzung mit Massenproduktion, Massenkonsum durch textile Kunst. Da gibt es viel zu sehen, zu lernen und zu erfahren. Eine Frau Fiber wird eine Suffragettenbluse nähen,  Lindsay Degen gibt zum internationalen Frauentag (ja der ist in 3 Tagen!) eine Strickperformance und Stephanie Syjuco ist mit ihrem Counterfeit Crochet Project dabei. Counterfeit CrochetCritique of a political economy ist das Motto und so werden Konsum-Ikonen mit Alltagstechniken nachgearbeitet. An diesem Projekt kann man mitmachen, wenn man eine Häkelnadel halten kann:

  1. eines der zur "Übersetzung" vorgestellten Modelle aussuchen,
  2. es nacharbeiten,
  3. den Arbeitsgang fotografieren
  4. sich mit dem Werk fotografieren lassen
  5. diese Dokumentation einsenden.

Ob es ein Burberry Ipod Case wird oder eine Prada Tasche,  auf jeden Fall wird die Warenwelt ironisiert und hinterfragt. Ausgerechnet in den Ländern mit der ausgeprägtesten Produktpiraterei wurde eine Ausstellung mit diesen Arbeiten gezeigt: in China (Peking), der Türkei (Istanbul), den Philippinen (Manila). Autonome Fertigungszone (autonomous manufacturing zone) nennt Frau Syjuco ihr Blog. Ihre Webseite listet ihre vielfältigen Arbeiten auf und alle haben einen aktuellen Bezug: Copyright, OpenSource, Freie Texte, zu allem hat sie ihre eigene Handschrift.

Kapitalismus auf den Kopf gestellt: die Produzenten behalten ihre Arbeiten und Frau Syjuco profitiert davon nicht. Das ist das Prinzip. (Häkel-)Hut ab!

Wie immer fand ich Hinweise auf diese Ausstellung bei artdaily.org.