Mecklenburger Strumpfbund

Geflechtsbericht

Geflechtsbereit

 

Das Hin und Her um den bestrickten Panzer war ja schon Thema hier  hier bei der Wockensolle.

Nun gibt es einen Film zu diesem Dresdner Projekt:

Der Geflechtsbericht wird  am Dienstag, den 14.05. um 18:30 Uhr im Programmkino Thalia (Görlitzer Strasse 6, 01099 Dresden) vorgeführt.

 

Die Initiatiatorinnen:
Liebe Projektteilnehmende und -teilnahmslose,

Für die, die am Panzer mitgestrickt haben und jene, die nicht dabei sein konnten oder wollten; für die, die sich über das Projekt gefreut haben und jene, die sich darüber aufgeregt haben: es gibt eine Dokumentation des Projekts in Ton und Bild.

Alle sind herzlich eingeladen zu gucken, zu diskutieren und nachzudenken über Krieg und Frieden, Waffen und Handarbeit, gefallene Soldaten und gefallene Maschen.

Wir freuen uns auf Euch!

Also: wer in Dresden ist, nicht versäumen!

Käptn Blaubär ist ein Sozi…

er hat nämlich einen roten Pullover an!

Die Bundestagswahl 2013 entwickelt sich zur Nachfolge-Veranstaltung des Großen Wollwettkampfs von Wuppertal anno dunnemals.

Wie ich darauf komme? Schauen Sie sich die  virale Kampagne "Stricken für den Wechsel" mal genauer an:

Bisher dachte ich, Wechsel bedeute beim Stricken z.B. Übergang vom Sockenschaft zum Fersenblatt oder  Übergang vom blauen Ringelstreifen zum gelben Ringelstreifen, aber nein, dank der ungebremsten Kommunikativität einiger (oder eines?) Jungspunde(s)  steht Wechsel beim Stricken jetzt für (in meinen Worten) ..."sinnfreie, lustige, virale, multi-channel-Bespaßerei sympathischer Sozis durch des Strickens mächtige Adepten wie Babette, Ina, Diana, Anna, Saskia, Frank, Heidi und Annett."

Wie das?

Julian Jonas  aus Seevetal kann Webseiten mit Tabellen gestalten, betreibt eine grammatikalisch unkorrekte Agentur für Werbestrategien "Mücke zum Elefant", ist kein Sozi, aber freiwillig, unabhängig und verdammt motiviert! und hat herausgefunden, daß es nette Sozis gibt, denen man gerade zeitläuftig angesagte Mützen aufsetzen kann.
Und hat daraufhin eine "Rote-Socken-Kampagne" gestartet und einen niedlichen Trailer gezeichnet.
Er hat ein Päckchen Aufnäh-Etiketten mit dem Text "Sozi" bestellt und verschickt diese auf Anfrage an politisch engagierte Mützenstricker. Dazu brauchts dann noch  eine Facebook-Seite, einen Twitter-Account, einen Pinterest-Account, einen Youtube-Channel, man stellt Videos bei Youtube ein und ab geht die virale Luzie.

Das Motivations-Video mit Abturner-Mucke:

oder auch: Viele Sozis und Unterstützer leisten Großes!

Dann knackt er die 200er-Marke, freut sich tierisch, und bittet um Vorschläge für weiteres Gestricke, denn:
"der Winter ist hoffentlich bald vorbei, bei uns im Norden liegt noch ne Menge Schnee, da sind warme Mützen meistens nicht mehr so gut, von daher...."

Und inzwischen erweitert er die Kampgane: Ja,auch Häkeln ist erlaubt. Ihr könnt nicht nur Mützen, sondern auch andere Dinge machen, z.B. Schals, Armbänder, Handysocken,... was Euch einfällt.

Die erste Luzie ist Andrea Nahles, umtriebige machtbewußte SPD-Funktionärin: Hatte sie bisher Stricken nur mit Dolchstoßlegenden in Zusammenhang gebracht und kann sie auch Etikett nicht von Schild unterscheiden, so setzt sie sich doch die Mütze auf:

Weitere Lucies sind nur mit dem Vornamen genannte Sozis: Saskia, Jasmina, Dennis und auch Mathilde. Die tragen jetzt Mützen und sind ganz doll begeistert und lieb. So schaffen die Sozisvielleicht nicht den Wechsel auf die Regierungsbank, aber in die Heute-Show des ZDFs hat JJ es schon geschafft.

Fazit?

Einfallsreich, aber inhaltsleer. Wohlfühl-Kampagne für eine art gebeutelte Spezies Mensch, die heutigen Sozis.

Mein Großvater, Anton Müller, 1890 - 1978, bis zu seinem Lebensende SPD-Mitglied, jedenfalls hätte sich so eine Mütze nicht aufgesetzt.

Die Heute-Show vom 19.04.2013 brachte mich auf diese Aktion:

Und damit laß ichs jetzt auch gut sein.


Sozi:
Sozi ist die Kurzform für einen Anhänger der Sozialdemokratie bzw. des Sozialismus. Heute in Deutschland oftmals auch allgemein als Kurzform für Anhänger der SPD oder allgemein für Anhänger der politischen Linke gebraucht, teils durchaus in bekennender Form von den Anhängern selbst (vergleiche etwa WebSozis), teils jedoch auch als eine pauschale Herabsetzung oder gar als Schimpfwort (insbesondere der fehlerhafte Plural 'Sozen'). Gebräuchlich ist aber auch der Plural 'Sozis', der gelegentlich auch abwertend eingesetzt wird.
(aus wie üblich der Wikipedia)

Zitate von Julian Jonas:
Wir sind nicht über die Partei organisiert, sondern freiwillig, unabhängig und verdammt motiviert! Da kannst du die Partei nicht für belangen ;)

Wir packen den Wechsel! Danke für eure Hilfe. Steht Andrea natürlich sehr gut!

Rote Socken:
Der Begriff Rote Socke ist eine meist abwertend gemeinte Bezeichnung für eine politisch eher links stehende Person und ist umso abwertender zu verstehen, je weiter „rechts“ der Sprecher steht. Umgekehrt ist der Begriff bei politisch nahestehenden Personen oder solchen, die sich womöglich sogar selbst als „Rote Socken“ bezeichnen würden, im freundschaftlich-ironischen Sinne gemeint. (aus wie üblich der Wikipedia)

Betont witzig im Öffentlich-Rechtlichen

Auch wenn das Abendprogramm der ARD grundsätzlich werbefrei sein soll, hält das die Werbeplaner und die Werbewirtschaft natürlich nicht davon ab, irgendwie doch Werbung ins Programm zu schmuggeln. Dann sponsorn Versicherungen eben den nunmehr als eigenständigen Programmpunkt laufenden Wetterbericht, ob sie sich damit Freunde machen, sei mal dahingestellt.

Warm anziehen - Riesenstrick

Warm anziehen - Riesenstrick

Die in solchen Spots meistens genutzte Kunstform des Pantomischen Pseudo-Unfugs wird auf diese Weise etabliert und auch zu anderen Zeiten und Zwecken genutzt.
In der Weihnachtszeit füllte (und füllt heute noch) die ARD mit lustigen, subliminalen Filmchen die Übergänge zwischen Tatort und Wort zum Sonntag oder zwischen Vorabendkrimi und Werbung. Bemüht und angestrengt kam das rüber. Aus der Serie "warm anziehen" blieb das Motiv "Riesenstrick" sogar über die Weihnachtszeit hinaus übrig, denn die zuständigen Sendeplaner haben wohl erkannt, wie trendy Stricken mittlerweile ist und bieten diese Motive auch noch als Download für Smartphone, Tablett, Notebook und Riesen-PC an, merke: die Trendsetter von heute sind responsive-mobil und haben ein Herz für Guerilla-Knitting. (Ob sie allerdings fernseh gucken, sei dahingestellt..., Chillen geht anders!) Das liest sich dann so: Erstens, hihi...

Das Weihnachtsprogramm des Erstens läuft in diesem Jahr unter dem Motto "warm anziehen"! Und das gilt nicht nur für die Zuschauer, sondern für alle und für alles. Mit den von der Guerilla-Knitting-Bewegung inspirierten Stricksachen können Sie hier ihren Desktop schmücken.

Nun denn, nachdem wir die Warnung, die in diesem Text enthalten ist, verstanden haben und wir Zuschauer uns warm anziehen, können wir alle und alles uns ja mal anschauen.

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Ist doch witzig, oder?

Soldaten können nun mal nicht stricken

oder Stricken von Häkeln unterscheiden, auch wenn Sie einen ganzen Artikel über den bestrickten Panzer schreiben;=) Burkhard Schmidke ist der zuständige Redakteuer für den umgarnten Panzer auf der Seite der Bundeswehr. Gleich zwei Artikel hat er geschrieben.

Nennt er das Modell in seinem ersten Bericht am 25.01.2013 noch "den umgarnten Panzer", was fachlich ja richtig ist, so wird das Monstrum im Bericht vom 13.02.2013 in der Vergrößerungsansicht zum Häkelpanzer.

umgarnter Panzer

umgarnter Panzer

Das ist aber nur ein kleiner Fehler, keine Mißinterpretation oder ueber-politisch-korrekte Argumentation (davon gabs im Vorfeld des Projektes ja einige...).

Viele, viele Blätter berichteten über das Ereignis, vom Boulevard über Lokalblatt bis Überregionale, auch das Fernsehen ... Dann hoffe ich mal, daß es außer zu Erstaunen auch zum Nachdenken kommt, das beteiligte Museum der Bundeswehr jedenfalls zeigt sich Denkanstößen gegenüber offener als ich erwartet hatte.

Der Museumssprecher Georgi meinte: Unser Haus fördert die kritische Auseinandersetzung mit der Kulturgeschichte der Gewalt», erklärt Georgi. Dazu gehörten eben auch Kunstprojekte, die zum Nachdenken anregen. Erst kürzlich wurde vor dem Museum der Bundeswehr, das Ende 2011 wiedereröffnet wurde, ein Origami-Panzer aus Papier in Originalgröße aufgestellt.  

Da bin ich gespannt. Und vielleicht gibt es ja auf der Seite www.geflechtsbereit.de bald eine Bildergalerie, wo man sich das Werk mal so richtig ansehen kann.

Geflechtsbereite Panzer

Geflechtsbereit

Geflechtsbereit

da entsteht in Dresden ein interessantes Projekt: Geflechtsbereit. des Louisen Kombi Naht. Seit dem Herbst stricken Unermüdliche an einer Hülle für einen Panzer. Dieser solcherart entmilitarisiere Panzer soll am 13. Februar, dem Gedenktag an die Bombardierung Dresdens, enthüllt werden. Der Werdegang der Hülle war begleitet von Stricktreffen und öffentlichen Diskussions-Veranstaltungen:  Erinnerungskultur, Kunst im Öffentlichen Raum, Verdrängung .. wurde thematisiert, Kriegserlebnisse und Erfahrungen im Umgang mit der Weitergabe traumatischer Erlebnisse. Das Programm der Aktion können Sie hier auf der Webseite www.geflechtsbereit.de nachlesen.

Schärfe gewann dieses Vorhaben durch die Kritik an der Auswahl des Panzers (ein sowjetischer T-34) durch libertäre Freigeister "Bündnis gegen Verstrickungen"  (ich halte die eher für überkorrekte politische Besserwisser), die meinten die historischen Dimensionen würden nicht ausreichend gewürdigt und überhaupt sei alles falsch. Danach wurde vom T-34 abgesehen und das Militärhistorische Museum in Leipzig  stellt einen Leopard zur Verfügung.

eflechtsbericht

eflechtsbericht

Haben die Kritiker recht? Verhöhnt das Bestricken eines T-34 die Opfer der Naziherrschaft? Verunglimpft ein bestrickter T-34 die Befreier?  Ist ein Leopard besser geeignet (vielleicht als Diskussionsanstoß über den Export von Kriegsgerät? Immerhin ist die BRD der zweit- oder drittgrößte Waffenexporteur der Welt!).?

Ich finde die Aktion wichtig, sie hat viel bewegt und schon jetzt viele Resultate gezeigt. Die Diskussionsveranstaltungen haben viele Menschen angeregt, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, miteinander zu reden. Die Strickerei mischt die übliche Gedenkkultur mit neuen Ideen auf. Ein Schritt heraus aus der Harmlosigkeit des guerilla-knitting. Denn nun geht es um politische und historische Inhalte und nicht nur mehr um Spaß-Guerilla (zu der ich auch einmal gehört habe, Lalü! vor dreißig Jahren in Wiesbaden). Auch wenn leider in Deutschland politischer Diskurs immer mehr zu Rechthaberei und Streit um den allein-richtigen Weg, zu Besserwisserei und selbst-deklarierte political correctness mutiert.

Albert Anker [Public domain], via Wikimedia Commons

Kurz und gut: Ich finde das Projekt gut und wichtig. Es weckt auf, polarisiert und regt an und auf. Auf jeden Fall ist es anregender als Rosemarie Trockels Strick-Mützen. Und daß Ankers kleines strickendes Mädchen bei Ihnen auch zuhause ist, ist auch gut!

Und auf der documenta wäre es auch nicht fehl am Platz!

Weiterlesen hier:

Und es gibt auch ein Forum auf der geflechtsbereiten Seite, dieser Diskussionsvorschlag zeigt, daß die Damen zum Einen die politischen Dimensionen des Strickens erkannt haben, aber auch über jede Menge Humor verfügen (der ihnen hoffentlich inzwischen nicht vergangen ist):

Über die Schwierigkeit vor sich und dem restlichen Handarbeitskreis moralisch integer zu bleiben, wenn Du vorne glatt links strickst und hinten dann doch immer nur rechte Maschen dabei rauskommen

Berlinale: Kino ist gerade wieder akut

und da steht z.B. heute  in der FAZ:

Kinofilme gehören auf die große Leinwand. Zum Filmeschauen gehört die Erfahrung von Öffentlichkeit, ein Saal voller anderer Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, um denselben Film zur selben Zeit zu schauen. Das Kino ist ein sozialer Ort.

Das erinnerte mich an einen Blogbeitrag auf Knitting to Stay Sane (wo man anscheinend um seine seelische Gesundheit strickt). Glenna schreibt dort, wo sie überall strickt und daß sie nicht nur beim Fernsehen sondern auch im Kino strickt. Nun, das ist auch wieder eine Mode (viele kommentierende Damen stimmten ihr zu und zählten ihre manischen Strick-Orte auf), die aus den USA oder Kanada noch nicht bis zu uns geschwappt ist. Oder haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, schon mal im Kino gestrickt? Oder jemanden stricken sehen, nicht im Film, im Publikum, wohlgemerkt?

Auf meine Frage, ob denn das Klicken der Nadeln nicht die anderen Zuschauer störe, erhielt ich die Antwort, Kino sei eh so laut, da würden die plastikbeschichteten Nadeln eher im allgemeinen Geräuschpegel untergehen.

Das ist genau der Grund, warum ich seit Jahren nicht mehr ins Kino gehe. Es ist zu mir zu laut. Und deshalb stricke ich auch nicht im Kino.
Quelle: Wenn im Kino das Licht ausgeht, FAZ vom 7.02.2013, Seite 25

P.S:: in immer mehr Kommentaren wird der Autorin beigepflichtet, alle sind eifrig dabei aufzulisten wo sie stricken und daß sie gerne multi-tasking-stricken.

Ein interessantes Argument: Stricken im Bus ist genauso wirkungsvoll wie Bibel-Lesen im Bus, man vermeidet damit Sitznachbaren! und die Kino- oder sogar Theater-Stricker (!!) rechtfertigen sich damit, daß sie doch leiser seien als die anderen Zuschauer, sind sich also doch bewußt daß das Stricken in einer solchen Umgebung ein gewisses Stör-Potential mit sich bringe...