Suiti Socken

ERM – das neue Estnische Nationalmuseum in Tartu

Ich habe immer wieder nachgedacht, warum ich mit so gemischten Gefühlen an den Besuch im Estnischen Nationalmuseum in Tartu, ERM, zurückdenke.

Ich erinnere mich ja auch an Gefühle und die Gefühle, die ich beim Besuch und später beim Zurückdenken an den Besuch, wahrnahm,  sind:

  • Enttäuschung
  • Beklemmung
  • Einengung
  • Überflutung
  • Fehl am Platz

Ich hoffte darauf, die Schätze, die im alten Museum nicht angemessen präsentiert werden konnte, sei es aus Platzmangel oder architektonischen Gründen oder Bauschäden, nun in Ruhe und gutinformiert betrachten zu können. Ich habe immer Präsentationen, wie ich sie im Shetland Museum in Lerwick erlebte, als besonders gelungen empfunden, wenn in einer Vitrine besondere Exemplare gezeigt wurden und weitere Stücke dann in Schubladen zur Verfügung lagen…

wie immer: auf die Vorschaubilder klicken!

aber so war es nicht. Der Ausstellungs-Raum im großen Haus ist eine lange Passage, in der die ständige Ausstellung „Encounters“ gezeigt wird.

Most of the exhibition space is dedicated to the permanent exhibition Encounters, expanding upon Estonian cultural history and everyday life and stretching out on a timeline from the present day to the Ice Age.

so heißt es auf der Museumswebseite. Und das wurde dann auch gezeigt, eine bunte Mischung, von Allem etwas, nichts vertieft, immer nur ein Eindruck, ein glimpse… möglichst mit einem technischen Gimmick, einem Knopf zum Drücken, einem Pedal zum Treten, ein Display zum Wischen…Und immer geht irgendwo ein Weg zur Seite in eine andere Präsentation, aus der man nicht immer zum Ausgangspunkt zurückfindet… zwischendurch ist es auch mal dunkel, dann hört man verschiedene Volkslieder, die sich übertönen, es bleibt ein Gemisch ohne Information, ein MashUp ohne Unterscheidungen, alles ist irgenwie estnisch, aber was ist es denn?

Da frage ich mich: Die Ausstellung heißt encounters, aber wer soll sich hier treffen, was soll man antreffen?  Ich fand die Abteilungen, die mich interessierten, nur nach etlichem Suchen und falschen Abbiegungen, ich musste mir die Ohren zuhalten wenn es zu laut war, oder beiseite gehen, wenn die Schulkinder sich in einer optischen Installation als Schatten auf einem Bett ablichten ließen (dies zur bürgerlichen Wohnkultur)… aber studieren, betrachten, lernen?

im Nationalmuseum von Estland: Das Videoporträt von Kihnu Roosi

Dieses Bild zeigt mich in einer Ecke, nachdem ich dann die Kostüm-Präsentation gefunden habe (Rural life and Rural Beauty), eine Videowand in einer Seitennische, die Erklärung dazu auf der Rückseite, der Ton übertönt von Besuchergruppen und anderen Audio-Quellen…

Die Ausstellungsstücke, die ich in ihrer Vielfalt sehen wollte, denn ich kenne ja die reichen Bestände des Museums aus Büchern und von Webseiten und den Seminaren an denen ich teilgenommen habe, waren spärlich verteilt. In der Mitte eines Ganges eine große Vitrine aus spiegelndem Glas, in der Puppen, mit verschiedenen Trachten bekleidet, sich verrenkten.

Rural Life and Rural Beauty

„Rural Life and Rural Beauty“

Exponate von Muhu

Exponate von Muhu

Trachten aus Muhu und Saaremaa

Trachten aus Muhu und Saaremaa

eine kleine Handschuhparade

Ganz besonders gefreut habe ich mich dann über die wenigen Handschuhe, die schlecht beleuchtet, auf dem Fussboden einer solchen Vitrine ausgestellt waren, reicht es denn die Exponate nur zu sehen? Sie aber nicht betrachten zu können?

Was ist die Aufgabe eines Nationamuseums?
Was sind die Zielgruppen eines solchen Museums? In erster Linie doch wohl die Bürger dieses Landes, und nicht irgendwelche  Besucher, die ein Treffen nötig haben, und nicht nur Schulklassen, die ihren Spaß haben aber nichts wirklich kennenlernen können..

Ich habe über meinen Besuch in diesem Museum viel nachgedacht, ich bin ja auf der Reise auch immer wieder nach meiner Einschätzung gefragt worden, zuletzt beim Abendessen mit Riina Tomberg. Ich bin ja keine Estin, es ist nicht mein Museum, aber unsere Einschätzungen stimmten überein. Riinas Resumée: Wir sind eben nicht die Zielgruppe dieses Museums…

Ist das nicht schade?

Mittelalterliche ägyptische Stricksocken

Rollenspiele und Gauklertreffen haben mich noch nie interessiert, ich fand das Leben immer schon so auch bunt genug. Menschen, die sich eine alte, pseudohistorische Identät zulegen,  blieben mir fremd, auch die Freunde, die als Liedermacher auf irischen Spuren wandelten und feuchtfröhliche Feste feierten. Ich wohnte damals im Rheingau und es gab Burgen genug für solche Spielchen, für Trinkgelage nach dem Ingelheimer Folklorefestival zum Beispiel.

Nun fand ich die Webseite von Urtatim bint ‚abd al-Karim al-hakim al-Fassi, früher auch bekannt unter dem Namen Anahita. Diese Dame ist so eine Art Zeitreisende, und wenn sie mal wieder in der Gegenwart aufschlägt, pflegt sie ihre sehr eigentümlich navigierbare Webseite und dokumentiert die historischen Socken, die sie nacharbeitete. Sie gehört der Society of Creative Anachronism an, was ja auch was für sich hat.

Palmtree Gazelle sock-thumb

Palmtree Gazelle sock-thumb

Das finde ich faszinierend. Beim SockenGipfel 2009 in Oregon wurde einer dieser Socken auch im dortigen Sockenmuseum gezeigt und seitdem auch in einem Flickr-Album gezeigt. Wenn Sie also Interesse haben, diesen alten Socken nachzustricken, der zuerst in Richard Rutts History of Handknitting dokumentiert wurde, dann finden Sie bei Urtatim bint ‚abd al-Karim al-hakim al-Fassi die genaue Anleitung dazu: Medieval Children Sock, alle ihre Modelle hat sie auf Ihrer Medieval Muslim Knitting Page aufgeführt.

Ob nun diese Dame oder andere Stricker, in den USA und wohl auch in Großbritannien  scheint das Rekonstruieren antiker Strickruinen ein beliebtes Hobby zu sein. Hier in Deutschland ist mir das noch nicht begegnet. GIbt es auch deutsche Strickerinnen, die sich auf alte Socken spezialisiert haben?

PS: Das Photo wurde von  Urtatim bint ‚abd al-Karim al-hakim al-Fassi gescannt, der Socken gehört dem Textile Museum, Washington, D.C.

Wenig Gestricktes

gibt es in der Textilsammlung des amerikanischen Cleveland Museum of Art. Durch einen Artikel in meinem abonnierten Arts Daily Newsletter, der die neue interaktive Präsentation in dem Museum vorstellte und einen Mann vor der Präsentation „Medieval Textiles“ zeigte,brachte mich auf die Idee, die online vorgestellten Bestände doch einmal zu durchsuchen.

Cleveland Museum of Art - Interaktive Präsentation

Cleveland Museum of Art – Interaktive Präsentation

Das Museum besitzt eine eindrucksvolle Sammlung von Textilien aus aller Welt und allen Zeiten, von der ägyptischen Mumienbinde (besitze ich auch) bis zu modernen Textilkreationen des 20. Jahrhunderts, insgesamt 5288 Exponate. Aber wenig Gestricktes. Eine dezidierte Suche nach gestrickten Exponaten (ich hatte inzwischen 60 Seiten zu je 30 Thumbnails durchgeblättert) brachte ein mageres Ergebnis:

Cleveland Museum of Art - Gestrickte Exponate

Suchergebnis:
Cleveland Museum of Art – Gestrickte Exponate

Gerade mal drei Exponate: Serbische Brautschuhe aus dem 20. Jahrhundert, Wollstrümpfe aus Amerikas 18. Jahrhundert und ein gestricktes Halstuch von den Philippinen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Warum gibt es so wenige gestrickte Arbeiten in der Sammlung?

  • legten die Kuratoren keinen Wert auf diese Textiltechnik? Das kann ich mir nicht vorstellen
  • keine gestrickten Grab-Beigaben? Menschen wurden ja durch die Jahrhunderte in Prachtgewändern beigesetzt.
  • Nur wenige Ausgrabungen brachten Gestricktes an den Tag, so aus dem vorderasiatischen Raum aus dem 2. und 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung
  • Gestrickte Textilien waren zumeist Alltagsbekleidung. Waren sie zerschlissen, wurden sie nicht aufgehoben. Sie sollten nützlich sein, den Körper wärmen und schützen.
  • Anscheinend hat das Museum keinen Sammel-Schwerpunkt „Europäische Trachten“, auf Stücke von den Inseln im Nordatlantik, aus Skandinavien, aus dem Alpenraum
  • Erst in der Neuzeit wurden gestrickte Textilien auch als Festbekleidung geschätzt. Bei zeremoniellen Anlässen wurde aber immer Wert auf wertvolle Stoffe und Stickerei gelegt, nicht auf kunstvolle Maschen. Können Sie sich einen Papst bei der Krönung mit einer Strickweste vorstellen?

Mit dem Aufkommen der Freizeit, seit der Entstehung des Bürgertums im 18. und 19. Jahrhundert war Stricken nicht mehr nur Technik zum Zweck, sondern auch Freizeitbeschäftigung. Erst seit dieser Zeit gibt es Kunststricken, erst seit dem 20. Jahrhundert toben wir uns mit bunten Garnen, komplexesten Mustern und dem hundertsten Schal aus …

PS: Auch bei der Suche nach gehäkelten Ausstellungsstücken werden nur drei Exponate gefunden.

PPS: Das Cleveland Museum of Arts bietet zwar Bilder von den Exponaten zum Kauf an, aber keine Online-Rechte. Deshalb habe ich es bei den Screenshots belassen.
Link: Cleveland Museum of Arts – Online Collections