Erwachen heiterer Gefühle

bei der Ankunft auf dem Lande… zu meiner Freude muss ich nicht ankommen, sondern bin schon auf dem Lande, aber die Pastorale von Beethoven ist genau die Musik, die mir bei dem herrlichen blauen Himmel und dem Sonnenschein in den Kopf kommt. Was ein wunderbarer Tag heute!

Da kommen mir drei Bilder in den Sinn: ein junges Mädchen, immer wohl das gleiche Modell, sitzt in der Sonne, hält den Kopf etwas schief, strickt und schaut den Maler fragend an: William-Adolphe Bouguerau, ein Frauenmaler, hat dieses Mädchen in den Jahren 1879 bis 1884  immer wieder mit ihrem Strickzeug porträtiert. Mir hat sich vor allem das dritte Bild eingeprägt, denn es sieht meiner Studienfreundin Renate doch sehr sehr ähnlich.
Da diese Bilder wirklich sehr hübsch sind, habe ich sie in einer ordentlichen Größe hier eingebunden, ist ja Sonntag.
[imagebrowser id=10] Halt, der Link zu der Wikipedia-Seite des Malers sollte nicht fehlen! William-Adolphe Bouguereau und natürlich der Hinweis: Alle Rechte an den Bildern: William-Adolphe Bouguereau [Public domain], via Wikimedia Commons

Gestrickte Kunst = AgitStrick?

Vorbemerkung: Dieses Blog Wockensolle entsteht gerade, Themen, Schwerpunkte, Ideen – alles geht mir noch durcheinander. Ich möchte aber auch schon einige Themen anreißen, festhalten. Das ist alles noch nicht der Weisheit letzter Schluß, aber es wächst…


Rosemarie Trockel ist wohl eine der nahmhaftesten Künstlerinnen Deutschlands. Ich habe ihre Arbeiten erstmals 1997 auf der documenta X wahrgenommen, dort hatte sie einen Schweinestall eingerichtet. Dann sah ich ihre Strick- Mützen in der Hamburger Kunsthalle. Ihre Arbeiten sagten  mir nicht viel. Auch wenn ich mich viel mit Konzeptkunst beschäftigt habe, vermisste ich den Humor, die feine Ironie, die ich von den russischen Konzeptualisten kannte. Und ich fand es nie ausreichend, etwas Banales als Kunst auszugeben und es schon allein dadurch zu überhöhen. Die Emma aber sieht das anders und schreibt im Jahre 2006 über die Künstlerin:

Sie hat das Triviale zur Kunst, hat mit der weiblichsten und am meisten belächelten handwerklichen Technik international Schule gemacht.

Dem kann ich nun wirklich nicht zustimmen. Ski-Mützen oder Bankräuber-Mützen und da ein Atomkraft-Nein-Danke-Badge drauf oder irgendeine andere politische Äußerung, das ist zu dünn. Da fehlt was, da fehlt die Weiterleitung in eine andere Dimension, der ästhetische Widerhaken, das geht unter, denn heutzutage ist ja alles mit Werbung und Symbolen überklebt und überflutet.

Die Emma postuliert in dem Trockel-Artikel, daß Stricken die weiblichste und die am meisten belächelte handwerkliche Technik sei, bleibt die Beweise dafür aber schuldig. Das ist mit Verlaub dahingeplappert, dem fehlenden kulturhistorischen Wissen geschuldet.

Wer belächelt denn das Stricken?

  • Der stupide Kommentator, der unter einen Bericht über die um sich umgreifende Strickerei meint schreiben zu müssen: Ich finde Stricken einfach nur reaktionär! ?
  • Die Lohnschreiber, die in Ilustrierten in den Einleitungstexten zu Vorweihnachts-Geschenk-Sonderteilen mal was Anderes als Socken von Oma ankündigen?
  • Die Jungs, die statt in den Handarbeitsunterricht in den Werk-Unterricht gehen? Ich glaube fast, heute gibt es gar keinen Handarbeitsunterricht mehr.

Jetzt taucht das Stricken aber wieder auf. Strick-Communities im Web, Strickgeschäfte, Blogs, Zeitschriften: Stricken ist wieder in Mode. Und Mode-Erscheinungen zeitigen immer Spin-Off: StreetArt, Strick-Grafittis im öffentlichen Raum, Strick-Happenings, Spaß-Strickeria.

Wie immer, wenn etwas Neues auffällt, kommen die Theoretiker dazu. Suchen Hintergründe, Ableitungen, Ursprünge, Auswirkungen aufzuzeigen. Da wird flugs aus der Spaß-Strickeria eine Emanzipationsbewegung, da werden früher übliche Selbstverständlichkeiten zu revolutionärem Protest gehypet.1 Und wenn auch der Critical Crafting Circle in seinem Pamphlet Craftista! Handarbeit als Aktivismus meint, durch Öffentliches Stricken gesellschaftliche Umwälzungen anstoßen zu können, so sehe ich das anders.

Ok, strickt in der Öffentlichkeit! Andere rauchen in der Öffentlichkeit, kratzen sich am Ohr, küssen kleine Kinder oder werfen Papierschnipsel weg, stöpseln sich in ihre Ipods und verlustieren sich mit ihren elektronischen Gimmicks. Um den Titel der Kampfschrift aufzugreifen, ist das Handarbeit als Aktionismus.

Diese Tätigkeiten in einen emanzipatorischen Rahmen zu stellen, zeigt nur auf, wie gut es die Damen haben, wie verwöhnt sie sind, wie weit weg vom wirklichen Leben.

Kampf in IndienFrauen haben ganz andere Probleme als Stricken in der Öffentlichkeit. Frauenfeindlichkeit und Gewalt gegen Frauen, in Indien, in den Ländern des Arabischen Frühlings, Abtreibung weiblicher Föten, Unterrepräsentanz der Frauen in allen politischen Bereichen bei uns, eine Familienministerin Schröder – das sind die Probleme. Dagegen müssen wir kämpfen. Da ist unsere Solidarität und Unterstützung gefordert. Ob wir dabei stricken oder nicht, das ist pillepalle.


Fussnote: 1: die Frauen, die im Zuschauerbereich der französischen Nationalversammlung strickten und murrten, hatten sich sicherlich nicht zum Knit-In verabredet! Auch wenn dies nun heutzutage so hinargumentiert wird. Quelle: Stricken oder Achselhaare, diestandard.at

Während der Franzö‚sischen Revolution durften Frauen in der Nationalversammlung nicht reden. Die Tricoteuses (Anm.: franzö‚sische Strickerinnen) verschafften sich aber eben in dieser Versammlung ihre Präsenz, indem sie sich in den Publikumsrang setzten und strickten. Sie kommentierten also das von Männern Gesagte mit Strickereien und Zwischenrufen. Das ist eine klare Form des Widerstands.

Links: DIY-Aktivismus, Feminismus, Handarbeit und neue Häuslichkeit und das Buch dazu: Craftista!