Kihnu – Versuche

EInige Tage nun habe ich verschiedene Bündchen für Pullover, Handschuhe oder Jacken in estnischer Tradition studiert und gestrickt. Quellen dafür waren die Notizen aus dem Seminar bei Riina Tomberg beim letztjährigen Craft Camp in Olustvere, das Buch „Estonian Knitting 1. Traditions and Techniques„, und der estnische Museumsserver, der sein Archiv durchsuchbar zur Verfügung stellt.

Das obige Bild zeigt die Versuche, provisorisch auf Karton gezurrt und noch nicht in Form gebracht.

Das Bündchen  mit der Nummer „0“ ist das Ergebnis meines Workshop-Tages vom letzten Sommer, es gefällt mir immer noch ausnehmend gut.

Im Estnischen Nationalmuseum sind viele Musterzeichnungen und einige Kihnu-Troi aufbewahrt und man kann diese Exponate auch über die Webseite finden.
Die nebenstehende Zeichnung stammt von dort. Quellenangabe:

Troi ehk Kihnu meeste kampsun
ERM EJ 481:32
Eesti Rahva Muuseum
http://www.muis.ee/en_GB/museaalview/741364

Ich möchte jetzt gerne noch einige der Bündchen näher vorstellen.

Mir gefällt besonders die Farbkombination dieses Bündchens, die kleinen roten Punkte im oberen Part und die kleinen weißen Punkte in den links gestrickten roten Reihen beleben das Ganze deutlich.

Garn: Teksrena, 8/2, gestrickt mit 1.5er Nadeln

 

Hier habe ich verschiedene Borten / vits gestrickt, wie ich sie auch letztes Jahr bei Kristie Joeste im Craft-Camp-Workshop gelernt habe. Die Borten liegen auf dem Gestrick und wirken dadurch äußerst plastisch.

Ein „Schritt-für-Schritt“-Lehrgang für diese Borten, vits, auf der Seite der Tallina Ülikool zeigt die Arbeitsweise. Zwar in estnischer Sprache, aber die guten Photos helfen weiter.

Dieses Bündchen entstammt mit allen Teilen dem Buch „Estonian Knitting 1. Traditions and Techniques„, das ich ja schon mehrfach vorgestellt habe.

64 Maschen mit Nadeln Nr. 3 und Teksrena 8/2.

Die rotschwarzen Vits auf weißem Grund – diese Farbkombi gefiel auch schon den russischen Konstruktivisten…

Der Anschlag: der sog. Kihnu-Troi-Anschlag
das Muster: Pakud, ein Kihnu-Muster, Seite 163

Die Vorlage für das Muster im Buch entstammt jedoch dem estnischen Nationalmuseum, ein Musterblatt mit 10 verschiedenen Bündchenvarianten zeigt rechts unten auf dem Blatt die Musterzeichnung.

Quellenangabe:
Labakinnaste ja troi kirjad
ERM EJ 202:18
Eesti Rahva Muuseum
http://www.muis.ee/en_GB/museaalview/644696

Die Reihen mit dem zweifarbigen Würfelmuster vor den oberen Vits verschwinden im Gestrick… aber das lässt sich beim Waschen sicherlich in Form ziehen.

Der Kinderpullover, dessen Bild uns Riina Tomberg beim Workshop zeigte, besitzt ein Bündchen, das im Heimtali Museum zu finden ist.

Quellenangabe:

kudumikatke
ERM HM E 368
Eesti Rahva Muuseum, http://www.muis.ee/en_GB/museaalview/1183816

Und wozu das alles? Ich übe für die Fertigstellung des Kihnu Troi, den ich wie schon im letzten Blogbeitrag beschrieben, in „Rohform“ bei mir liegen habe, Vorder- und Rückseite und die Ärmel sind fertig, zusammengefügt und säuberlich zusammengenäht.
Die „offenen Stellen“, an denen die Bündchen angestrickt werden, sind mit blauen Garn „vorgestrickt“, mehrere blaue Reihen verhindern daß sich das Gestrick auflöst und ermöglicht ein leichtes Aufnehmen der Maschen.

Ich stelle hier noch eine Galerie mit Bildern des „Rohlings“ zusammen.

Kihnu-Spezialitäten

vitsad, pakud, täpid – Borten, Block- und Punktmuster von der Insel Kihnu

Die kleine estnische Insel Kihnu in der Bucht von Riga hat nicht mehr als 500 Bewohner, aber ein grosses kulturelles Erbe, das inzwischen ins immaterialle Weltkulturerbe aufgenommen wurde: Die Handarbeitskunst und die Trachten der Frauen und Männer.

Ich verbrachte, wie hier im Blog schon geschildert, im letzten Sommer einige Tage auf dieser schönen ruhigen Insel und natürlich haben wir die Exponate im Museum genau bestaunt. Diese Tage waren die Vorbereitung für einen Workshop beim Craft Camp 2017 mit der verehrten Riina Tomberg, die uns in die Besonderheiten der Strickerei von Kihnu einführte.

Riina Tomberg

Kihnu Museum auf der Insel Kihnu

Ich war letztes Jahr auf der Insel Kihnu und habe im dortigen Museum die wunderbaren Strickarbeiten bewundert.

Mir haben die vielen Varianten imponiert und ich habe mit Freude die Muster studiert und auch die Fotos, die Riina uns zur Ansicht mitbrachte.

Und ich denke, dass mein erster Versuch auch gar nicht so schlecht geworden ist, jedenfalls für den Anfang…

Mein erster Versuch

Meine erste Kihnu-Strickerei

Nachstehend eine Photogalerie

Natürlich kann man an einem Workshop-Tag nicht mehr als einen Pulswärmer stricken, wenn man solch interessante neue Techniken lernt, aber besonders der berühmte Kihnu-Troi, ein Männerpullover, ist ohne diese Bündchen und Zierstreifen nicht vorstellbar. Und das reizt mich.

Diese Pullover werden mit einem Flächenmuster gestrickt und am Hals, auf den Schultern und an den Bündchen mit farblichen Musterakzenten geschmückt. Werden sie zunächst bei feierlichen Anläßen zur Zier des Mannes und Ehre der Strickerin getragen, enden sie meistens als Arbeitspullover, sie werden jahrelang getragen.

Ich war so angetan von diesen Pullovern, daß ich mir vornahm, auch solch ein Prachtstück für meinen Heinz zu stricken. Riina aber machte mir einen interessanten Vorschlag: Heutzutage stricke niemand mehr solch einen Pullover mit der Hand, nur die Abschlüsse. Body und Ärmel sind maschinengestrickt. Ich nahm sie beim Wort und bestellte mir einen Pullover im „Roh-Format“ bei ihr. 

Ich holte mir den Pullover-Rohling dann im November in Tallinn bei Riina ab, an ihrem Stand beim Mardilaat.

Und war mir bewußt, daß ich den Pullover sicherlich nicht bis Weihnachten fertigbekäme, aber bis April werde ich es schaffen.

Heinz bekommt den Troi also zu seinem Geburtstag.

Im Archiv des estnischen Museums-Servers gibt es einige schöne und interessante Exemplare und ganz besonders hat mich gefreut, daß ich ein Stück eines Pullovers dort fand, der als Vorlage für einen Puppenpullover in Riinas Unterrichtsmaterial diente.
Nun habe ich die letzten Tage, vornehmlich die Abende, damit verbracht, die verschiedenen Strick-Techniken zu üben: Kihnu-Cast-On, vitsad, pakud, täpid. Dabei habe ich mich auch an das Standardwerk Estonian Knitting 1. Tradition and Techniques gehalten und die Anleitungen dort studiert und nachgestrickt.

So sind einige kleine Stücke entstanden und ich habe mich immer weiter vorgewagt. Zuletzt habe ich ein Bündchen gestrickt, dessen Vorlage ich bei der Suche im estnischen Museums-Server gefunden hatte, und das mir gut gefällt. Wie ich jetzt gesehen habe, ist dieses Bündchen auch auf einem Photo zu sehen, das uns Riina beim Workshop gezeigt hatte.

Ich werde morgen, wenn es wieder heller ist, den „Pullover-Rohling“ und meine Versuchsstücke fotografieren und hier vorstellen.

Estonian Knitting 1. Tradition and Techniques

a photo of the cuff of a Kihnu-Troi (doll’s size)

The knitted piece in the Heimtali Museum, from the archive of muis.ee, the estonian museum server.

In the museum’s collection:  kudumikatke, ERM HM E 368, Eesti Rahva Muuseum, http://www.muis.ee/en_GB/museaalview/1183816

Sommerreise 2017 – auf der Insel Kihnu

Nach 4 Tagen vor dem Computer, mit Testen und Ärgern verbracht, kann ich endlich wieder etwas Positives tun: nämlich die geplante Fotogalerie über die Schönheit der Insel Kihnu zusammenstellen und auch noch ein paar Links zu weiterführenden Informationen und Videos +auf die Seite zu packen.

Wir haben die Insel im Sommer bereist, aber ich würde auch ganz gerne mal im Winter über das Eis auf die Insel fahren…

Nicht alle Straßen auf der Insel sind asphaltiert, aber alle Grundstücke sind rundherum ordentlich mit dem Rasenmäher in Form gebracht. Fast gewinnt man den Eindruck, als hätten die Esten den Rasenmäher erfunden.

Einem (deutschsprachigenen) Gast oder Bewohner oder Urlauber jedoch scheint das Gemähe zu stören. Wir haben uns gewundert.

Über die Insel verstreut liegen die Höfe, viele inzwischen mit Fremdenzimmern oder kleinen Gästehäusern. Auch wenn es keine Hotels gibt, oder vielleicht gut daß es keine Hotels gibt, persönlicher und ruhiger kann man nicht unterkommen, meine ich.

Viele Menschen sieht man nicht, die Insel sind dünn besiedelt und die Tagesgäste oder Urlauber sind per Rad, zu Fuß oder mit dem Wagen unterwegs, aber das verliert sich. Eine wunderbare Ruhe habe ich wahrgenommen.

Es gibt auch Inselbewohner, die so gar nichts mit den Gästen zu tun haben möchten: die Kihnu-Schafe. Das Kihnu-Schaf ist inzwischen als eigene Rasse anerkannt worden, es gehört zu den rare breeds... Klein, hochbeinig und scheu – damit ist es wohl am besten beschrieben.

Es gibt einen interessanten, informativen Artikel über diese Schafe auf der Webseite Wovember: Estonian Native Sheep

Einmal haben wir diese Schafe gesehen, am nächsten Abend, als wir sie noch einmal sehen wollten, hatten sie sich verzogen, waren nicht zu erspähen.

 

So, das war nun mein Bericht über unseren Aufenthalt auf der estnischen Insel Kihnu in der Bucht von Riga. Nachstehend noch eine Übersicht über Weblinks, ein paar Videos… das Alles kann auf keinen Fall eine Reise nicht ersetzen.
Aber bitte nicht zu zahlreich dort hinfahren, die Insel ist klein und es wäre schön wenn ihr Charakter noch eine Weile bewahrt werden kann.

Links

Eigentlich braucht man nur „Kihnu“ in eine Suchmaschine eingeben und findet jede Menge mehr oder weniger informativer Webseiten.

Videos

Kihnu – was für eine Insel! https://www.youtube.com/watch?v=iuXQJcnSsXQ

Kihnu Culture – authentic and real:

Vision of Kihnu:

Kihnu from the air:

Estonia Kihnu Island

Sommerreise 2017 – im Kihnu Museum

Ich liebe Museen. Ich weiß daß die Museen das WIssen und die Künste für uns bewahren. Daß sie zwischen Vergangenheit und Gegenwart Brücken schlagen. Daß in ihnen Schönheit wohnt.

Dies alles trifft auch auf das Museum auf der Insel Kihnu zu.

Museum Kihnu

Beim Craft Camp der Kulturakademie Viljandi in Olustvere haben wir schon viel über die Traditionen der Insel gehört, im Museum in Tartu sind Trachten und ein Video von Kihnu Roosi zu sehen, auf dem Mardilaat-Markt in Tallinn sind die Damen von der Insel immer gut vertreten.

Beim kommenden Craft Camp 2017 habe ich den Workshop KNITTING KIHNU TROI – TRADITIONAL TECHNIQUES, COLOURS, COMPOSITION von Riina Tomberg belegt, unsere / meine Neugier auf das Museum war groß. Und nach der ersten Rundfahrt über die Insel zum Leuchtturm suchten wir das Museum auf. Und am nächsten Tag gleich noch einmal.

Eine Spezialität der Insel sind die „Kihnu Troi„, die Fischerpullover von Kihnu. Oft über Generationen getragen, immer wieder geflickt.

Ein grafisches, flächiges Muster wird von wunderhübschen Bündchen, Schulterpassen, Ausschnittverzierungen ergänzt. Heute werden die Vorder- und Rückseiten meist mit der Maschine gestrickt, die Passen und Bündchen jedoch sind Handarbeit, das kann keine Maschine.

Und natürlich habe ich solch einen Pullover auf meiner „to-knit-Liste“… darüber aber später mehr.

 

Das seit 1974 bestehende Museum hat zwei Schwerpunkte: Bedeutende Männer der Insel sowie Gegenstände und Kleidungsstücke des Insel-Alltags.

Die ausgestellten naiven Gemälde haben hauptsächlich maritime Motive.

Die Fischer auf diesem Bild tragen moderne wasserfeste Jacken und nicht den traditionellen Fischerpullover.

Vielleicht sind die Männer deshalb über Bord gegangen?

Birgit Püve ist eine international anerkannte Fotografin und neben vielen anderen Auszeichnungen zählte sie im letzten Jahr zu den 12 wichtigsten Frauen Estlands. Ihre Fotoarbeit über die Altgläubigen am Westufer des Peipus-Sees / „by the lake“ war mir bekannt, aber nun traf ich hier auf die ausdrucksstarken Porträts der Frauen, Männer und Kinder der Insel.
(Leider gibt es keinen Katalog und die Webseite der Fotografin ist auch noch mit Flash realisiert, was das Betrachten doch etwas erschwert.)

Kihnu – Poeem – Kihnu-Gedicht, was ein guter Titel für diese Arbeit!

Die Kinderbilder rühren  meine Seele…

 

Nachfolgend nun eine Galerie mit Bildern aus dem Museum.   Das Copyright für die Aufnahmen in dieser Galerie liegt bei Sue Malvern, eine meiner liebsten Reisebegleiterinnen!

(c) Sue Malvern, 2017 wie immer: für eine größere Anzeige: Klicken Sie auf die Bilder

Das Museum verfügt natürlich auch über einen „Museums-Shop“, der wieder mal zum Geldausgeben verführt. Man kann aber auch Kaffee trinken, Postkarten schreiben oder das Gesehene sich setzen lassen.

Und für die Fans von Kihnu-Roosi  noch ein Tipp: Das neuaufgelegte Buch LOOMISE VÄGI. KIHNU ROOSI KÄSITÖÖKOGU gibt es hier zu einem Vorzugspreis: 20,00€ statt 46,00€ in den Buchhandlungen.

Details:
Kärt Summatavet: Loomise Vägi
ISBN: 9789949817337
Erscheinungsjahr: 2017
Sprache: estnisch

Im nächsten Beitrag geht es, wie versprochen, um die Landschaft, das Meer, die Blumen… auf der Insel Kihnu.
Und eine weiterführende Linkliste  wird es auch noch geben.

Sommerreise 2017 – auf Kihnu

Nach einer Nacht in einer Privatunterkunft in Lindi, direkt am Wasser und sehr persönlich, brachen wir zur Überfahrt nach Kihnu auf. Und der Aufenthalt auf Kihnu war sicherlich ein weiteres Highlight auf unserer Reise!

Am baltischen Ufer
Fähre nach Kihnu

Die kleine Fähre von Munalai nach Lemsi auf Kihnu fährt jeden Tag mehrmals hin und her und nach kurzer Zeit waren wir in einer anderen Welt. Kein Hotel, kein Supermarkt, keine Werbetafeln, dafür aber Landschaft, Ufer, Blumen, Stille. Fast jeder der Bauernhöfe auf der Insel vermietet Zimmer oder kleine Ferienbungalows. Wiir hatten unsere Unterkunft in Hafennähe in Lemsi gebucht. Die Pension Sadama Öömaja, eine ehemalige Fischräucherei, war eher Hostel als Pension. Alles ist eben ein wenig einfacher als auf dem Festland..

Kihnu – das sind Natur und Volkskunst, Trachten, gestrickte Wunder, gestreifte Röcke, Motorräder mit Beiwagen, Bilder von dieser Kultur haben sich schon in unseren Köpfen festgesetzt.

Rosali Karjam ist wohl die berühmteste Bewohnerin von Kihnu, auch „Kihnu – Rosi“ genannt, ihre Sammlung der ortstypischen Handarbeiten ist in mehreren Büchern dokumentiert, ein Video im Estnischen Nationalmuseum zeigt sie in ihrem Haus, einige der inzwischen vergriffenen Bücher werden von begeisterten Strickerinnen verzweifelt gesucht ;=)

Nun habe ich auf mich im Internet verzettelt, man braucht ja nur „Kihnu Roosi“ in eine Suchmaschine einzugeben und die Treffer purzeln nur so… aber leider sind fast alle ihre Bücher vergriffen.

Zweimal waren wir im Museum und haben die Ausstellungsstücke und auch die aktuelle Fotoausstellung genossen.

Mehr dazu in einem Folgebeitrag, das würde diesen Beitrag sprengen!

Die Insel ist nicht groß, die Strände sind wild und fast unberührt, viel Wald, verstreute Bauernhöfe und eine ganz besondere Schafsrasse: die Kihnu-Schafe!

In einem weiteren Folgebeitrag stelle ich Bilderserien zu Schaf, Land, Wald und Höfen zusammen.

Kihnu-Schafe
Auf Kihnu
Kihnu Grün

Morgen also ein Bericht über die Ausstellungen im Kihnu-Museum, später dann Eindrücke von der schönen Insel und natürlich noch ein Kapitel zur ganz besonderen Spezialität: dem Kihnu-Troi.

Ich habe ja bei Riina Tomberg einiges über diesen Pullover gelernt und möchte auch gerne einmal einen Kihnu-Troi stricken. Mal sehen ob ich mich der Herausforderung stellen kann ;=)