Falschmützer!

Ja, da habe ich vor meiner Reise nach Estland doch noch über den Herrn Huber berichtet, der auf dem Roten Sofa beim NDR saß und eine polnische Mütze hervorzauberte… was ja zu meiner Suche nach polnischer Strickerei passt…

Aber geglaubt habe ich ihm schon damals nicht.  Er erzählt im Video, welches im obig verlinkten Beitrag auch eingebunden ist, daß diese Mütze aus einem untergegangenem polnischen Schiff stamme und erweckt den Eindruck er sei an der Bergund und Erforschung derselbenbeteiligt gewesen.

Die Mütze ist vor 200 Jahren von einem polnischen Segler getragen worden, der mit seinem Schiff untergegangen ist, und das sind die Funde, die wir machen“

Und dann lese ich in der neuen Ausgabe der Zeitschrift „The Knitter (107)“ den Artikel von Penelope Hemingway, einer renommierten Textilhistorikerin, über die Arbeit mit historischen Strickstücken:

Bringing the Past to Life – Penelope Hemingway explains how she uses ‚reverse engineering“ to recreate historical knits found in photographs or museums.

The Knitter 1007, February 2017, p. 30ff

Und was sehe ich da?

Screenshot aus The Knitter 107: The General Carlton Hat

The General Carlton Hat, a 1780s‘ knitted hat, was found in a shipwreck off Gdansk. In 2010, it was loaned to the Captain Cook Museum in Whitby, and I went to document it. I did my best given the limitations of its (understandable) location in a dark corner, but it wasn’t until a US researcher, Caro Kocian, sent me photos another researcher had taken of the hat – including some of it inside out – that I was able to fully reconstruct it. From the inside-out photos, I could see the two-color-sections were simply stranded, and the hat’s decreases were worked in a way previously thought unknown in the 18th century. We rely on the generosity of curators, museum staff, and friendly fellow researchers, all the time.

Also kann ich nunmehr zusammenfassen:

  • Die Mütze stammt aus dem 18. Jahrhundert, vom Wrack des englischen Schiffes General Carlton, welches am 27.09. 1785 vor Danzig / Gdansk sank. Die Mütze befindet sich in der Collection of the Polish Maritime Museum, Gda´nsk, Poland. (CMM-HZ-2719).
  • Penelope Hemingway schreibt über reverse engineering als Forschungsmethode und erwähnt dabei diese Mütze
  • Auf ihrer Webseite www.theknittinggenie.com berichtet sie über diese Mütze (The General Carlton Hat), das Wrack und die Kopfbedeckungen der damaligen Zeit.
  • Das National Maritime Museum in Gdansk veröffentlichte einen Beitrag über das Wrack auf seiner Webseite.
  • Die Strickanleitung für diese Mütze ist in dem Buch 10 Best Pattern from Piecework’s Historical Collection enthalten und kann dort auch als Einzelanleitung heruntergeladen werden.
  • Tja, und dann wieder mal ein Beleg für mein löcheriges Gedächtnis: Ein ausführlicher Bericht über diese Mütze samt Strickanleitung erschien bereits 2014 im Januar  /Februar-Heft der Zeitschrift Piecework, und die habe ich ja abonniert!  Hier der Link zum Download des Chart auf der Interweave-Seite: http://www.interweave.com/wp-content/uploads/CarltonCap.pdf

Warum erweckt der Herr Huber den Eindruck, er habe bei der Bergung dieses Schiffes mitgearbeitet, warum gibt er eine falsche Provenienz an und schmückt sich mit falschen Fäden (ehem… Federn)?
Ich nenne sowas Falschmützerei!

Bevor ich losfahre…

Ja, in 2 Tagen geht es los, erst nach Berlin, treffe mich mit meinen Neffen und der Strickfreundin Regina, und dann von dort aus ein kurzer Hopser nach Riga. Nach zwei Tagen in Riga dann nach Strazde in Kurzeme (Kurland), wo ich an einem dreitätigen Strick-Workshop teilnehmen werde. Strazde ist ein kleiner Ort mit einem renovierten Gutshaus, vielen Feldsteinhäusern, flacher weiter Landschaft -kein großer Kulissenwechsel von Vorpommern nach Kurzeme also.

In Riga gibt es dann noch ein Ravelry-Familien-Treffen: In Sena Klets (inzwischen auch ein bekannter Ort hier) treffen sich baltisch-infizierte Strickerinnen aus den USA und Deutschland mit Maruta und Monta Grasmane und alle gehen gemeinsam schmausen. So rückt die Welt zusammen!

Wwie es aussieht, werden es wohl rund Teilnehmer(innen) werden, aus Deutschland, USA, Estland und den Niederlanden. Ich bin gespannt und werde berichten.

Aber vorher habe ich noch einen Lesetipp:
Dass ich Annemor Sundbø sehr schätze und viel von ihr gelernt habe, ist kein Geheimnis. Ich habe sie schon einige Male in meinen Beiträgen auf der Wockensolle vorgegestellt und erwähnt. Jetzt habe ich durch einen Hinweis bei Ravelry ein Interview im Norwegian Textile Letter mit ihr gefunden, das ich hier gerne verlinken möchte: A Rag Pile, my Lot in Life, ein Exkurs über Schicksalsgöttinen, Mythologie, Textiltechnik und weitergeben von Traditionen.

 

Annemor Sundbø, ein Screenshot von http://lokalkulturen.fvn.no

Annemor Sundbø, ein Screenshot von http://lokalkulturen.fvn.no

Und wie es so geht, habe ich mich auf der Webseite des Norwegian Textile Letters umgeschaut und eine interessante Diskussion entdeckt, den norwegischen Strick-Krieg. Aber das ist eine andere Geschichte, für nach dem Strick-Camp..

Die deutsch-russischen Ostseeprovinzen…

Google Books ist wohl eines der meist-unterschätzten Angebote des Daten-Riesens.  In der heutigen Kostenlos-Kultur wurde es natürlich falsch eingeschätzt und deshalb auch oft mies bewertet oder kommentiert, aber es ist eben kein Billig-Lesestoff-Schmonzetten-Dienst und auch keine Plattform für Self-Publisher die zurecht keinen Verleger finden; Google Books bietet den Zugriff auf Bibliotheksbestände zur Forschung und Belehrung…

Johann Georg Kohl, Die deutsch-russischen Ostseeprovinzen, Band 2Wie sonst könnte ich hier in Gribow auf dem platten Lande in Vorpommern Bücher des Johann Georg Kohl finden, der im 19. Jahrhundert im Deutschbaltikum herumreiste und 1841 das mehrbändige Werk „Die deutsch-russischen Ostseeprovinzen: oder Natur- und Völkerleben in Kur-, Liv- und Esthland“ veröffentlichte?
Die Uni-Bibliothek in Greifswald ist mit öffentlichem Nahverkehr nicht zu erreichen.

Und warum ich nach diesem Buch suchte?

Maruta Grasmane: Mittens of Latvia

Nun, im Beitrag „The Symbolism of Mittens in Latvian Folklore“ von Prof. Janina Kursite in dem wunderbaren Buch „Mittens of Latvia“ von Maruta Grasmane wird Johann Georg Kohl zititert. Ich habe gerade mit der Übersetzung ins Deutsche begonnen und da wurde meine Neugier natürlich geweckt.

Also habe ich gestöbert, gesucht und gefunden. Die Bände sind bei Google Books zu finden, zum Lesen online oder zum Download im PDF-Format. Prima.

Eine höchst merkwürdige Stelle behaupten unter den lettischen Kleidungsstücken die Handschuhe, deren wohl bei keiner Nation so viele verbraucht werden wie bei den Letten. Sie scheinen die Bekleidung der Hand für eben so nöthig zu halten als die des Fußes oder der Beine. Man sieht sie daher fast nie ohne Handschuhe. Die Hüterjungen, welche hinter den Ochsen und Pferden herlaufen, haben Handschuhe an. Die Holzhauer im Walde hauen die Bäume ohne Handschuhe so wenig um als ohne Beil; ja sogar die Knechte, welche ausmisten, fassen die Mistgabel nur mit Handschuhen an, als thäten sie es der Reinlichkeit wegen. Wo sich daher ein Lette einem anderen verdingt, da wird auch immer als ein stehender Artikel die Anzahl der zu liefernden Handschuhe ausgemacht, dem Gänsejungen drei bis vier Paar, dem Knechte acht bis zehn Paar des Jahres. Die Handschuhe sind bei den Letten auch ein gewöhnliches Geschenk, das sie sich bei allerlei kleinen Gelegenheiten eben so unter einander machen, wie wir es mit anderen Kleinigkeiten thun. Namentlich werden bei den Hochzeiten viele Handschuhe an alle Gäste verschenkt. Eine Braut hält daher deren immer eine außerordentliche Quantität fertig, drei- bis fünfhundert Paare, um am Hochzeitstage nicht in Verlegenheit zu gerathen. Sie verfertigen sie selbst aus weißer Wolle mit Einwebung von rothen Sternchen, Blümche und Schnörkeln nach tausenderlei Mustern, in deren Erfindung sich ihre Phantasie erschöpft.

aus:

Die deutsch – russischen Ostsee-Provinzen oder Natur- und Völkerleben in Kur-, Liv- und Esthland,
von Johann Georg Kohl, correspondierendem Mitgliede der kurländischeu Gesellschaft für Literatur und Kunst,´II. Theil
Kapitel 8, „Kleidung“, Seite 69f

Warren Hastings Handschuhe

Das ging blitzschnell: gestern füllte ich das Antrags-Formular aus, um die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Bilder vom Ashmolean-Museum in Oxford zu erhalten und fast mailwendend erhielt ich die Erlaubnis. Das finde ich großartig, danke dafür!

Und hier nun das Prunkstück:

Warren Hastings, Lange, gestrickte Handschuhe

EAX.2479.a Long knitted glove; pashmina wool, dyed and knitted, India, late 18th century © Ashmolean Museum, University of Oxford. [Aufs Bild klicken für größere Ansicht!]

 

Ist das nicht ein wunderschönes Exemplar?

Warren Hastings by Joshua ReynoldsDie Handschuhe stammen aus dem Besitz von Warren Hastings, dem ersten Generalgouverneur von Ostindien. Über ihn mag ich hier nicht weiter berichten; wie in der Kolonialgeschichte üblich, war er tyrannisch, herrschsüchtig und raffgierig. Mehr dazu in der Wikipedia.

Die Handschuhe sind aus gefärbter Pashmina-Wolle gestrickt, mit einer Fadenstärke von 240 Maschen / 10cm, wie siouxian herausgefunden hat und ich im vorhergehenden Beitrag beschrieb.

Diese Handschuhe aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden vermutlich in Kaschmir gefertigt, und ich vermute fast, daß sie von Kindern oder Jugendlichen gestrickt wurden, welcher Erwachsene  hat so feine Finger?

Detail der Warren Hastings Handschuhe

EAX.2479.a  © Ashmolean Museum, University of Oxford.

© Victoria and Albert Museum, London.

© Victoria and Albert Museum, London.

© Victoria and Albert Museum, London.

© Victoria and Albert Museum, London.

Solche Muster findet man nicht nur auf diesen Handschuhen, sondern sehr viel öfter auf Teppichen oder Keramik oder gewebten Stoffen.

EAX.2479.a Long knitted glove; pashmina wool, dyed and knitted, India, late 18th century
© Ashmolean Museum, University of Oxford.

 

Ich bin sehr erfüllt von der Schönheit dieser Handschuhe und habe nun etliche Stunden mit dem Studium der islamisch-indischen Kunst verbracht, einige Bücher aus meiner Studienzeit (ja, ich habe mal islamische Kunstgeschichte studiert, vor langer langer Zeit) hervorgekramt und im Web gestöbert.  Ich liebe es, mich einem Thema hinzugeben und zu stöbern…

Wunderschöne indische Handschuhe.. eine lange Geschichte

Angharad Thomas habe ich beim Craft Camp in Olustvere kennengelernt, wo wir beide an den Strickworkshops von Kristi Jõeste und Riina Tomberg teilgenommen haben. Angharad ist Mitglied der Knitting and Crochet Guild of the UK und schreibt in ihrem Blog „Knitting Gloves / Hand knitting British GLoves„.  Und dort hat sie nun Erfolg gemeldet: sie hat einen der Muhu-Pulswärmer fertiggestrickt. (Mein Gestrick ist noch im gleichen Larvenstadium wie nach dem Workshop). Applaus!

Viel und wenig

Viel und wenig

Es lohnt sich wirklich, mal auf ihrer Webseite zu stöbern und die wunderschönen Handschuhe zu bewundern, die sie in den letzten Jahren gestrickt hat. Ihre Beschäftigung mit historischen Mustern und vor allem mit den Handschuhen aus Sanquar ist bewundernswert.
Da ich eine eifrige Leserin der „Knitting Traditions„- oder „Piecework„-Zeitschriften  bin, habe ich schon einige ihrer Werke bewundert, z.B. die Polarforscher-Handschuhe und nun bin ich ihr persönlich begegnet.

Bei der „Shameless-Selfpromotion“ des Craft Camps stellte Angharad ihre Webseite und die Seite der Knitting and Crochet Guild vor.

Dr. Angharad Thomas

Dr. Angharad Thomas und die Webseite der „Knitting and Crochet Guild of the UK“

Ja, wenn eine so engagierte Strickerin auf andere Webseiten verlinkt, dann gehe ich davon aus, daß diese Seiten auch etwas Besonderes sind. Und so ist es.  Neben den Seiten von Franklin Habit und Tom Of Holland, die ich ab und an lese, hat mich diese Seite besonders fasziniert: Click’n’Knit.

Ich habe zwar nicht herausgefunden, wer diese Seite betreibt und seit Februar ist dort auch nichts mehr erschienen, aber das was es dort zu schauen und zu lesen gibt, ist beachtlich. Die Verfasserin (oder der Verfasser, ich gehe aber aus kultureller Gewohnheit davon aus, daß es eine Frau ist) ist geradezu besessen von einem Projekt:

Im Dezember 2014 beginnt sie, sich mit den Warren Hastings Gloves aus dem Ashmolean Museum in Oxford zu beschäftigen. Sie möchte diese Handschuhe nachstricken und experimentiert monatelang mit den verschiedensten feinen Fasern und Nadeln und kommt auch zu erstaunlichen Ergebnissen, ihre Projektseite bei Ravelry zeugt davon:

clicknknit bei ravelry

Warren Hastings Handschuhe / clicknknit bei ravelry

Sie kommt auf eine Maschenprobe von 100 Stichen pro 10cm und hat sich vorgenommen, 104 Stiche / 10cm zu erreichen.

Mit einem feinen Kashmir-Garn (28/2 !) und 0.7mm – feinen Nadeln errrechnet sie, daß sie 180 Maschen / 15 Motive stricken werden wird, während die Vorlage 204 Stiche und 18 Motiv-Wiederholungen mitbringt

Wieder einmal sehe ich, wie sehr man sich in eine Sache, ein Vorhaben, ein Projekt vertiefen kann. Und ich werde mich jetzt ein wenig in die Geschichte der Warren-Hastings-Handschuhe vertiefen und hier demnächst mehr über diese wunderbaren Strickarbeit schreiben. Das Ashmolean Museum geht sehr strickt mit den Bildrechten der Ausstellungsstücke um und so habe ich ersteinmal um eine Wiedergabe-Erlaubnis angefragt, wird auch einen kleinen Betrag kosten.

Also wieder ein Thema, das mich noch eine Weile beschäftigen wird.

Als Kostprobe aber ein Paar Handschuhe aus der Sammlung Arts of the Islamic World des Brooklyn Museums. Diese ähneln den Warren Hastings Handschuhen sehr und stammen wohl aus der gleichen Zeit.

Brooklyn Museum: Männerhandschuhe

Pair of Man’s Gloves. Knitted purl stitch wool, 4 5/16 x 6 5/16 in. (11 x 16 cm). Brooklyn Museum, Brooklyn Museum Collection, 34.5759. Creative Commons-BY

Brooklyn Museum: Männerhandschuhe

Pair of Man’s Gloves. Knitted purl stitch wool, 4 5/16 x 6 5/16 in. (11 x 16 cm). Brooklyn Museum, Brooklyn Museum Collection, 34.5759. Creative Commons-BY

Und noch mehr Museums-Socken:

Beim Blättern durch das schon vorgestellte Buch Folk Socks: The History & Techniques of Handknitted Footwear von Nancy Bush sind mir natürlich auch die schönen litauischen Bernsteinsocken aufgefallen. Irgendwie kamen mir diese bekannt vor:

Nancy Bush: Lithuanian Amber Socks

Nancy Bush: Litauische Bernsteinsocken

Tja, sie schreibt ja auch:

This sock design comes directly from a photograph of an undated pair of socks in the National Museum of Lithuania in Vilnius.

Und genau diese grauen Socken mit dunklem Muster habe ich letzten Herbst in Vilnius in der schrecklich beleuchteten, stark reflektierenden Vitrine gesehen:

Socken im litauischen Nationalmuseum, Vilnius

Socken im litauischen Nationalmuseum, Vilnius

Interessant ist, daß die Fersenpartie samt Sohle und die Spitze geflickt sind: neuere Stücke wurden eingefügt:

Litauische Socken, Nationamuseum Vilnius

Geflickte Litauische Socken, Nationamuseum Vilnius

Mal sehen, wann ich diese Socken stricke, das Muster ist ja sehr eingängig. Und Sockenwolle habe ich genug im Stash…