Ik gihorta dat strikken,

Da arbeitet es in meinem Kopf, ich grübele über die Begriffe traditionell und überliefert und was den Unterschied ausmacht und da kommt mir was ganz anderes in den Kopf, nämlich etwas Überliefertes: Das Hildebrandslied. Das älteste deutsche Versepos.

SmileyDer erste Vers gehört, auch wenn man den Sinn eines Althochdeutsch-Proseminars in den 70ern nicht so richtig erkannt hat, zum „Urwissen“ der Germanisten. Und beschwingt durch den Frühstückskaffee gihorta Ik  dat strikken

Ik gihorta dat seggen,
dat sih urhettun ænon muotin,
Hiltibrant enti Hadubrant untar heriun tuem.
sunufatarungo iro saro rihtun.
garutun se iro gudhamun, gurtun sih iro suert ana,
helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun.

Hildebrandslied1.jpg
Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=595945

Denn strikken ist auch ein althochdeutsches Wort, auch wenn das Gestrickte nicht überliefert wurde:

Lemma: strikken* 4, stricken*

Sprachen: ahd
Deutsch: „stricken“, flechten, zusammenschnüren, zusammenbinden, verstricken / Englisch: „knit“, plait (V.)

E: germ. *strikkjan, sw. V., stricken, verknüpfen?; idg. *streig- (2), Adj., V., Sb., steif, straff, drehen, Strick (M.) (1), Pokorny 1036?; s. idg. *ster- (1), *ter- (7), *sterə-, *terə-, *strē-, *trē-, *sterh₁-, *terh₁-, Adj., Sb., V., starr, steif, Stängel, starren, stolpern, fallen, stolzieren, Pokorny 1022

W: mhd. stricken, sw. V., zusammenfügen (abs.), verknüpfen (abs.), stricken (tr.), verbinden (refl.); nhd. stricken, sw. V., stricken, eine Schlinge knüpfen, einen Knoten knüpfen, DW 19, 1574

Hypochondrie, Misogynie, Haß auf den Strickstrumpf

Ich habe seit meiner Teenager-Zeit viel geraucht, 23 Jahre lang, meistens französische Stengel (Gauloises, Gitanes), aber auch mal Pall Mall oder Kent. Nun denn, ich habs schon oft erzählt, als ich mal im Herbst die Lindenstraße sehen wollte und keine Kippen mehr hatte, es draußen aber regnete, habe ich einfach aufgehört damit. Tut mir gut.

Gestrickt habe ich seit meiner Teenager-Zeit auch. Ich kann mich aber nicht erinnern, daß ich gleichzeitig eine Zigarette und Stricknadeln einsetzte, oder beim Stricken eine Rauchpause einlegte (vielleicht auch umgekehrt: eine Strickpause beim Rauchen?) 

Magda Trott: PuckiNun, heute habe ich mal wieder ein wenig in Erinnerungen geschwelgt, mich an Bücher erinnert, die ich als Kind gelesen hatte und ich besaß die komplette Pucki-Reihe der Autorin Magda Trott. 
Heute weiß ich, daß diese Autorin eine Frauenrechtlerin war und diese Bücher, die noch das alte Frauenbild prägen sollten, Auftragsarbeiten waren.

Ich erinnere mich noch, wie sehr ich Puckis Verlobten und Ehemann gehaßt habe, was war das ein Pascha, der mit geheuchelter Güte seine Frau wie ein Kind behandelte und schuriegelte… aber genug davon, die alten Schinken sind in irgendeinem Karton auf dem Speicher untergebracht und der Kater paßt auf, daß nichts von Mäusen angefressen wird.

Wie komme ich nun zurück zur Zigarette? Nun, ich habe im Projekt Gutenberg in den dort vorhandenen Pucki-Büchern nach dem Wort „Stricken“ gesucht, aber nichts gefunden. Dafür aber einen Aufsatz eines Gerhard von Amyntor, der sich  mit Frauen, Rauchen und Stricken auf eine (heute betrachtet) originelle Weise beschäftigt. Dieser Mann, ein unbeschreiblich chauvinistischer Wichtigtuer, hat doch tatsächlich solch einen Stuß von sich gegeben:

Man hat die entsetzliche Gewohnheit des Strickens entschuldigen wollen und den Strickstrumpf die Cigarre der Damen genannt. Gegen dieses Gleichniß muß ich auf das Entschiedenste Einspruch erheben; wer es zuerst anwandte, der hat weder den Strickstrumpf noch die Cigarre verstanden.  Zum Rauchen gehört Phantasie, zum Stricken keine;  die Cigarre erregt die Nerven und erhöht das Mittheilungsbedürfniß und die geistige Empfänglichkeit; der Strickstrumpf erschlafft die Nerven, chloroformirt das Gehirn und lähmt dadurch jede geistige Kraft. Taback und Strickzeug sind Antipoden; sie haben Nichts mit einander gemein, und ein Dutzend lebender Strickstrümpfe macht die beste Cigarre erlöschen.

Was ein Unfug! Wer den ganzen Text lesen mag, hier bitte, aber nur verdeckt, ein Klick muß schon sein:

Ein gefährlicher Freund des weiblichen Geschlechts.

aus: Gerhard von Amyntor, Für und über die deutschen Frauen. Neue hypochondrische Plaudereien. Kapitel 17 (1883)

Zitat:

Die gesunde, leistungsfähige, körperlich und geistig vollathmende Frau oder Jungfrau wird aber gut thun, wenn sie das Strickzeug aus dem Gesellschaftszimmer verbannt; eine Gesellschaft, in der es Jemanden gelüstet, zu stricken, muß so wenig bieten und selbst so unempfänglich sein, daß sie gar nicht werth ist, versammelt zu werden.

Welch arme Haut! Das ist nichgt hypochondrisch, das ist misogyn.
Was treibt einen Mann an, solch eine Philippika zu verfaßen? Hat ihm seine Mutti Reißzwecken in die Strümpfe eingestrickt? Wenn solche Schwachmaten das Geistesleben prägen, bleibt den  Frauen nur Suffragette zu werden.

 

Emily Dickinson: Untitled

Als kleine Zwischenpause:

Autumn—overlooked my Knitting—
Dyes—said He—have I—
Could disparage a Flamingo—
Show Me them—said I—

Cochineal—I chose—for deeming
It resemble Thee—
And the little Border—Dusker—
For resembling Me—

Emily Dickinson,  10.12.1830 – 15.05.1886, amerikanische Dichterin

Elias Canetti: Die Stimmen von Marrakesch

Es ist erstaunlich, wieviel Würde diese Gegenstände so bekommen, die der Mensch gemacht hat. Sie sind nicht immer schön, mehr und mehr Gesindel von zweideutiger Herkunft schleicht sich ein, von Maschinen erzeugt, aus den Ländern des Nordens eingeführt. Aber die Art, wie sie sich präsentieren, ist immer noch die alte. Neben den Läden, wo nur verkauft wird, gibt es viele, vor denen man zusehen kann, wie die Gegenstände erzeugt werden. So ist man von Anfang an dabei. Und das stimmt den Betrachter heiter. Denn zur Verödung unseres modernen Lebens gehört es, daß wir alles fix und fertig ins Haus und zum Gebrauch bekommen, wie aus häßlichen Zauberapparaten. Hier aber kann man den Seiler eifrig bei seiner Arbeit sehen und neben ihm hängt der Vorrat fertiger Seile. In winzigen Gelassen drechseln Scharen von kleinen Jungen, sechs oder sieben von ihnen zugleich, an Holz herum, und junge Männer fügen aus den Teilen, die ihnen von den Knaben hergestellt werden, niedrige Tischchen zusammen. Die Wolle, deren leuchtende Farben man bewundert, wird vor einem selbst gefärbt und allerorts sitzen Knaben herum, die Mützen in hübschen und bunten Mustern stricken.

wie immer: für die Anzeige auf die Vorschaubilder klicken!

Es ist eine offene Tätigkeit, und was geschieht, zeigt sich, wie der fertige Gegenstand. In einer Gesellschaft, die so viel Verborgenes hat, die das Innere ihrer Häuser, Gestalt und Gesicht ihrer Frauen und selbst ihre Gotteshäuser vor Fremden eifersüchtig verbirgt, ist diese gesteigerte Offenheit dessen, was erzeugt und verkauft wird, doppelt anziehend.

Da möchte ich Herrn Canetti verzeihen, daß er die Technik, mit der die bunten Mützen hergestellt werden, falsch benennt.

Elias Canetti
Die Stimmen von Marrakesch | Aufzeichnungen nach einer Reise
Hanser 1967

Mördermässiges Stricken…

Dyer Consequences

Maggie Sefton: Dyer Consequences

das war ja abzusehen, daß die Strickwelle sich mit der Krimi-Welle kreuzt, überlappt, vermengt…

Es gibt 3 Haupt-Genres in der Literatur (im Film genauso), die ich nicht mag und immer meide: Krimis + Science Fiction + Western.

Und jetzt gibt es auch noch jede Menge Strick-Krimis. Nun denn, die Queen of Knitting-Mysteries ist wohl Maggie Sefton, hier eine Titel-Auswahl (alle in englisch, nichts übersetzt bisher, aber das kommt sicher noch):

  • Unraveled
  • Dyer Consequences (Hallo, Frau Wollfrosch!)
  • Skein of the Crime
  • Cast on, Kill off
  • Knit one, Kill two
  • Double Knit Murders
  • Needled to Death
  • Dropped Dead Stitch
  • Killer Stitch
  • Fleece Navidad
  • A deadly Yarn

Allein die Titelwahl ist schon gelungen und dann gibt es zu den Färb-Konsequenzen auch noch ein leckeres Rezept und eine Strickanleitung, wie stehts, die Damen? Stricken und Lesen? Hier der Link zu einem ihrer Bücher : (DYER CONSEQUENCES ) von Maggie Sefton, 06/2009.

Und ein paar Ihrer Bücher sind auch als Kindle-Ausgabe zu haben, dieses zum Beispiel: für 4,32 € gibt’s z.B.  Knit One, Kill Two: Knitting Mystery Series, Book 1,
alle Kindle-Ausgaben

Die Autorenseite mit allen ihren verstrickten Werken: Maggie Seftons Autorenseite

Dostojewski: Arme Leute

Dostojewski: Arme Leute

Dostojewski: Arme Leute

Die Wohnung war, wissen Sie, ganz klein und gemütlich. Ich hatte ein Zimmerchen für mich. Die Wände waren … ach nun, was soll man da reden! — Die Wände waren wie alle Wände sind, nicht um die Wände handelt es sich, aber die Erinnerungen an all das Frühere, die machen mich etwas wehmütig … Sonderbar — sie bedrücken, aber dennoch ist es, als wären sie angenehm, als dächte man selbst doch gern an all das Alte zurück. Sogar das Unangenehme, worüber ich mich bisweilen geärgert habe, sogar das erscheint jetzt in der Erinnerung wie von allem Schlechten gesäubert und ich sehe es im Geiste nur noch als etwas Trautes, Gutes. Wir lebten ganz still und friedlich, Warinka, ich und meine Wirtin, die selige Alte. Ja, auch an die Gute denke ich jetzt mit traurigen Gefühlen zurück. Sie war eine brave Frau und nahm nicht viel für das Zimmerchen. Sie strickte immer aus alten Zeugstücken, die sie in schmale Bänder zerschnitt, mit ellenlangen Stricknadeln Bettdecken, damit allein beschäftigte sie sich. Das Licht benutzten wir gemeinschaftlich, deshalb arbeiteten wir abends an demselben Tisch.

 

Fjodor M. Dostojewski: Arme Leute, Бедные люди, 1845
Im Projekt Gutenberg