Suiti Socken

Verengter Blick ;=)

Ich ertappe mich, wie ich doch  mit sehr verengtem Blick auf Leinwände schaue..

Einer meiner bevorzugten Newsletter, Art Daily, zeigt heute ein Bild des dänischen Skagen-Malers Michael Ancher anlässlich seines Geburtstages (8. Juni 1843 – 19.09.1827).

Und was mach ich? Ich schaue  auf die Oberbekleidung..

Michael Ancher: Das Rettungsboot wird durch die Dünen getragen

Michael Ancher: Das Rettungsboot wird durch die Dünen getragen (1883)

Auf diesem Bild ist aber kein Pullover zu sehen;=)

Ich habe mir daraufhin das Werk von Michael Ancher genauer angesehen, bei einer Museumstour durch Dänemark lernte ich zum ersten Mal seine Bilder kennen und wenn ich mich recht erinnere, gab es in der Hamburger Kunsthalle auch einmal eine Ausstellung der Skagen-Maler. Nur bis Skagen selbst, in die ehemalige Künsterkolonie an der Nordsptize Dänemarks, bin ich noch nicht gekommen.

Wie zu der Zeit üblich, hat der Maler nicht nur an der freien Luft gemalt, die Küste, die Fischer, die Spaziergänger, die Kartoffelernter, er hat auch Interieurs mit strickenden Damen oder Wollknäueln und Porträts gemalt.

Eine Galerie mit Fischerpullovern reiche ich noch nach, aber das hier ist so ein schönes Bild, das muss ich jetzt hier noch präsentieren:

Michael Ancher - Tine und der blinde Kristian in den Dünen, 1880

Michael Ancher – Tine und der blinde Kristian in den Dünen, 1880

Und ein Ausschnitt: mit welcher Konzentration das Mädchen die Wolle wickelt… welche Ruhe das ausstrahlt – das ist schon sehr gelungen.

Michael Ancher: Tine in den Dünen, Ausschnitt

Michael Ancher: Tine in den Dünen, Ausschnitt

Link: Michael Ancher in der Wikipedia

Ik gihorta dat strikken,

Da arbeitet es in meinem Kopf, ich grübele über die Begriffe traditionell und überliefert und was den Unterschied ausmacht und da kommt mir was ganz anderes in den Kopf, nämlich etwas Überliefertes: Das Hildebrandslied. Das älteste deutsche Versepos.

SmileyDer erste Vers gehört, auch wenn man den Sinn eines Althochdeutsch-Proseminars in den 70ern nicht so richtig erkannt hat, zum „Urwissen“ der Germanisten. Und beschwingt durch den Frühstückskaffee gihorta Ik  dat strikken

Ik gihorta dat seggen,
dat sih urhettun ænon muotin,
Hiltibrant enti Hadubrant untar heriun tuem.
sunufatarungo iro saro rihtun.
garutun se iro gudhamun, gurtun sih iro suert ana,
helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun.

Hildebrandslied1.jpg
Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=595945

Denn strikken ist auch ein althochdeutsches Wort, auch wenn das Gestrickte nicht überliefert wurde:

Lemma: strikken* 4, stricken*

Sprachen: ahd
Deutsch: „stricken“, flechten, zusammenschnüren, zusammenbinden, verstricken / Englisch: „knit“, plait (V.)

E: germ. *strikkjan, sw. V., stricken, verknüpfen?; idg. *streig- (2), Adj., V., Sb., steif, straff, drehen, Strick (M.) (1), Pokorny 1036?; s. idg. *ster- (1), *ter- (7), *sterə-, *terə-, *strē-, *trē-, *sterh₁-, *terh₁-, Adj., Sb., V., starr, steif, Stängel, starren, stolpern, fallen, stolzieren, Pokorny 1022

W: mhd. stricken, sw. V., zusammenfügen (abs.), verknüpfen (abs.), stricken (tr.), verbinden (refl.); nhd. stricken, sw. V., stricken, eine Schlinge knüpfen, einen Knoten knüpfen, DW 19, 1574

Stricken in Armenien, armenisches Stricken, Armenian Knitting

Nun, während ich mich auf einen Vortrag über Armenien vorbereitete und diesen am Sonnabend auch gehalten habe, während ich an einer blauen Jacke herumstrickte (will ich die wirklich noch vor meiner Reise fertig haben?) und das Buch „Mittens of Latvia“ stück für stück übersetze, hat sich ein Thema eingeschlichen: Stricken in Armenien.

Wird in Armenien gestrickt? Sicherlich!
Auf eine besondere Weise? Wer weiß…

Früher hätte ich gewußt, wen ich fragen könnte. Meine liebe Freundin Irina Tigranova hatte auf alles eine Antwort. Sie war Professorin für Musik, die Witwe des Komponisten Avet Terterian, Kobold und Schelm. Sie konnte mir sagen, ob Bronski wirklich Anna Karenina liebt, mit ihr habe ich Lermontow’s Gedichte rezitiert, wir haben viel Zeit in Erivan und Arivank miteinander verbracht. Aber gestrickt hat sie seit ihr Sohn groß ist wohl nicht mehr.

Irina Tigranova

Irina Tigranova

Ich kann nicht mehr anrufen und ihr fragend-lachendes „Hallo“ hören.  Ich kann sie nicht mehr fragen, sie lebt nicht mehr. 

Also schaue ich in Bücher. Als ich in Armenien unterwegs war, habe ich in Museen alte Handschriften angeschaut und die Trachten bewundert, aber Gestricktes habe ich nicht wirklich gesehen. Eine Suche im Netz bringt zum Stichwort Armenian Knitting viele Treffer, aber das bedeutet nichts, da geht es immer nur um eine Technik, bei mehrfarbigem Stricken den Faden zu führen, angeblich von einer armenischen Strickerin für eine italienische Mode-Designerin entwickelt… nichts Aufregendes.

In einem Piecework-Heft aus dem Frühjahr 2013 wurden armenische Socken vorgestellt:

Armenische Socken - Piecework Jan/Feb 2013 - Priscilla Gibson-Robert

Armenische Socken – Piecework Jan/Feb 2013 – Priscilla Gibson-Robert

Aber was ist daran armenisch? Eine armenische Familie aus der Türkei kommend brachte diese Socken Ende des 19, Jahrhunderts mit in die USA, und die Autorin konstatiert: „In Turkey, it was traditional to offer socks to the groom’s family. … The sock was constructed in the classic Islamic manner as found…“

Tja, da hat die armenische Familie wohl eher einen türkischen denn einen armenischen Socken mitgebracht, Armenier sind ja wohl wirklich keine Muslims.  Aber ob das amerikanische Autoren wissen? Scheint mir nicht so.

Nun, dann schaue ich in das neue Buch von Constanze John,DuMont Reiseabenteuer Vierzig Tage Armenien: In einem alten Land im Kaukasus… Beim Blick ins Inhaltsverzeichnis finde ich den 36. Tag überschrieben mit „Stricken“. Das macht mich neugierig.

Am Friedhof zu Nouratus sitzen drei alte Frauen. SIe sitzen auf den Grabsteinen, haben in Plastikbeuteln bunte Wolle dabei und stricken. Kaum sehen sie uns kommen, Satenik und mich, legen sie die Stricknadeln beiseite, nehmen jede ihren Packen fertiger Waren – Mützen, Strümpfe, Schuhe, Topflappen – und bieten sie uns an. Erst kaufe ich ein Paar gestrickte Schuhe und Topflappen, wobei mein Blick bereits über das Areal des Friedhofes schweift. Dann gehen wir weiter….

Das sind wohl die gleichen Strickerinnen, die auf dieser Webseite in einem Reisebericht über Armenien zu sehen sind:

Armenische strickende Frauen

Screenshot: Armenische strickende Frauen

Als ich in Nouratus war, habe ich keine Strickerinnen gesehen. Ein paar Jungs wollten Bonbons haben und fotografiert werden, aber niemand strickte.

Gibt es wirklich keine speziellen armenischen Strick-Traditionen? In meinen vielen Büchern über dieses Land finde ich keinen Hinweis, und meine Irina kann ich ja nicht mehr fragen…

Rijksmuseum Amsterdam: stricken, breien

Es ist Karfreitag, das Wetter ist unangenehm, der Blick ins Land getrübt, zu diesig draußen. Da bin ich mal wieder auf Museumsseiten unterwegs und auf eine Stippvisite nach Amsterdam gekommen.

Die Ausstellung Breien im Fries Museum in Leuwarden ist ja noch bis zum 28. August dieses Jahres ingange, im Rijksmuseum in Amsterdam sind die Türen immer geöffnet. Auch online.

Und da habe ich mal ein paar Suchbegriffe eingegeben, jedoch wenig Treffer erzielt. Es ist ein Museum für Bildende Kunst, kein ethnographisches Museum. Mit geringem Fasergehalt.

  • Breien  – diese Suche bringt einige Gemälde und Zeichnungen ans Tageslicht
  • Breiwerk – jedoch bringt Tausende von Treffern, dies aber nur weil der Suchbegriff in Wortstämme zerlegt wird
  • Die Verfeinerung der Suche bringt dann zwar Textiles, aber nichts davon ist online verfügbar
  • Unmoralische Frauen – das ist dann zwar interessant, jedoch eher offtopic, mich verwunderts aber schon, warum diese Frau als unmoralisch klassifiziert wird..  es ist halt wieder das alte Schema: Die Verführte ist unmoralisch, nicht der Verführer

Dieses Bild spricht mich heute an:

mand met boek en breiwerk, Pieter de Goeje, 1789 - 1859

mand met boek en breiwerk, Pieter de Goeje, 1789 – 1859, Rijksmuseum Amsterdam

Aber was ist das für ein Gegenstand neben dem Korb? Ein Riechfläschchen? Ein Flachmann?

Hypochondrie, Misogynie, Haß auf den Strickstrumpf

Ich habe seit meiner Teenager-Zeit viel geraucht, 23 Jahre lang, meistens französische Stengel (Gauloises, Gitanes), aber auch mal Pall Mall oder Kent. Nun denn, ich habs schon oft erzählt, als ich mal im Herbst die Lindenstraße sehen wollte und keine Kippen mehr hatte, es draußen aber regnete, habe ich einfach aufgehört damit. Tut mir gut.

Gestrickt habe ich seit meiner Teenager-Zeit auch. Ich kann mich aber nicht erinnern, daß ich gleichzeitig eine Zigarette und Stricknadeln einsetzte, oder beim Stricken eine Rauchpause einlegte (vielleicht auch umgekehrt: eine Strickpause beim Rauchen?) 

Magda Trott: PuckiNun, heute habe ich mal wieder ein wenig in Erinnerungen geschwelgt, mich an Bücher erinnert, die ich als Kind gelesen hatte und ich besaß die komplette Pucki-Reihe der Autorin Magda Trott. 
Heute weiß ich, daß diese Autorin eine Frauenrechtlerin war und diese Bücher, die noch das alte Frauenbild prägen sollten, Auftragsarbeiten waren.

Ich erinnere mich noch, wie sehr ich Puckis Verlobten und Ehemann gehaßt habe, was war das ein Pascha, der mit geheuchelter Güte seine Frau wie ein Kind behandelte und schuriegelte… aber genug davon, die alten Schinken sind in irgendeinem Karton auf dem Speicher untergebracht und der Kater paßt auf, daß nichts von Mäusen angefressen wird.

Wie komme ich nun zurück zur Zigarette? Nun, ich habe im Projekt Gutenberg in den dort vorhandenen Pucki-Büchern nach dem Wort „Stricken“ gesucht, aber nichts gefunden. Dafür aber einen Aufsatz eines Gerhard von Amyntor, der sich  mit Frauen, Rauchen und Stricken auf eine (heute betrachtet) originelle Weise beschäftigt. Dieser Mann, ein unbeschreiblich chauvinistischer Wichtigtuer, hat doch tatsächlich solch einen Stuß von sich gegeben:

Man hat die entsetzliche Gewohnheit des Strickens entschuldigen wollen und den Strickstrumpf die Cigarre der Damen genannt. Gegen dieses Gleichniß muß ich auf das Entschiedenste Einspruch erheben; wer es zuerst anwandte, der hat weder den Strickstrumpf noch die Cigarre verstanden.  Zum Rauchen gehört Phantasie, zum Stricken keine;  die Cigarre erregt die Nerven und erhöht das Mittheilungsbedürfniß und die geistige Empfänglichkeit; der Strickstrumpf erschlafft die Nerven, chloroformirt das Gehirn und lähmt dadurch jede geistige Kraft. Taback und Strickzeug sind Antipoden; sie haben Nichts mit einander gemein, und ein Dutzend lebender Strickstrümpfe macht die beste Cigarre erlöschen.

Was ein Unfug! Wer den ganzen Text lesen mag, hier bitte, aber nur verdeckt, ein Klick muß schon sein:

Ein gefährlicher Freund des weiblichen Geschlechts.

aus: Gerhard von Amyntor, Für und über die deutschen Frauen. Neue hypochondrische Plaudereien. Kapitel 17 (1883)

Zitat:

Die gesunde, leistungsfähige, körperlich und geistig vollathmende Frau oder Jungfrau wird aber gut thun, wenn sie das Strickzeug aus dem Gesellschaftszimmer verbannt; eine Gesellschaft, in der es Jemanden gelüstet, zu stricken, muß so wenig bieten und selbst so unempfänglich sein, daß sie gar nicht werth ist, versammelt zu werden.

Welch arme Haut! Das ist nichgt hypochondrisch, das ist misogyn.
Was treibt einen Mann an, solch eine Philippika zu verfaßen? Hat ihm seine Mutti Reißzwecken in die Strümpfe eingestrickt? Wenn solche Schwachmaten das Geistesleben prägen, bleibt den  Frauen nur Suffragette zu werden.

 

Seite 1 von 1112345...10...»»