Am 4. Tag unserer Woche „Let’s knit in Kurzeme!“ blieben wir wieder in Liepaja oder, wie es auf deutsch hieß, in Libau. Auf dem Programm standen Workshops und Werkstattbesuche.

Im Kunsthandwerkerhaus fand die Einführung in die Besonderheiten kurländischer Handschuhe und auch der erste Workshop statt, mittags stand ein Besuch im Kunsthandwerks-Zentrum ‘’Dārza iela” auf dem Programm.

Unsere Workshops?

  • doppelt-gestrickte Handschuhe
  • Techniken für Fingerhandschuhe
  • Strickschriften entziffern

In einem Raum, in dem sonst eine Folklore-Gruppe probt, bog sich der lange Tisch unter den vielen Handschuhen, waren kunstvoll arrangierte Handschuhe auf Räder geflochten, sahen wir auf einem Tisch eine Kollektion von Strickbüchern zum Thema.

Und wieder überwältigte uns die Detailvielfalt:

Bündchen in den unterschiedlichsten Techniken

  • Entrelac-Bündchen
  • geschweifte Bündchen
  • schräge Rippenmuster

und wunderschön gemusterte Innenseiten der doppeltgestrickten Fausthandschuhe.

Ilma Rubene

Ilma Rubene zeigte uns besonders interessante Exemplare und erklärte die Besonderheiten. Und sie verwies auf die Bücher, in denen Informationen dazu zu finden sind.

Auffällig ist, daß sich unter den Handschuhen keine Kinderhandschuhe finden, dafür aber solche exotische Exemplare wie Jägerhandschuhe! Diese haben nicht nur einen separaten Daumen, auch der Zeigefinger wird separat gestrickt, damit der Jäger immer schnell schießen kann, die Waffe immer schußbereit in der Hand halten kann.

Wir sind immer umgeben von Strickern, und ich schreibe explizit „Strickern“ und nicht „Strickerinnen“, denn Ansis Grasmane wurde auch vom Strickfieber angesteckt und übte sich mit Nadelspiel und Faden, Ich werde nächste Woche in Riga  mal nachfragen, wie weit er gekommen ist ;=)

Ich genieße diese konzentrierte Athmosphäre immer sehr. Es tut gut.

Jeder dieser historischen Handschuhe hat seine eigene Geschichte, nicht alle wurden in Aussteuertruhen vergessen, einige wurden auch in Kornspeichern oder Scheunen gefunden.

So wie dieses wunderbare Handschuhpaar mit dem ungewöhnlichen Muster, zwei einanderzugewandten Hähnen, das ganz beiläufig in den Bestand kam, noch nirgends dokumentiert ist und auf geschätzte 150 Jahre kommt!

Auf dem Weg zum Kunsthanderwerkerzentrum kam ich an einer ganz besonderen Gedenkstätte vorbei:

Alles ist gut!

stand auf dem Metallband und der Mann im Gehrock hält eine Kerze – die Kerze der Urtheilskraft!
Denn dieses Denkmal erinnert an das 1790 erstmals in Berlin und eben in Libau / Liepaja herausgegebene dritte Hauptwerk des großen Denkers Immanuel Kant, die „Kritik der Urtheilskraft„. Das ist doch mal eine Überraschung!

Wer nun nachlesen möchte: heute gibt es das Werk Immanuel Kants, Kritik der Urtheilskraft,  und auch die anderen Werke des großen Denkers in jeder gepflegten Online-Bibliothek.

Nach einem Imbiß im Hof ging es zum Kunsthandwerkerzentrum, wo wir Werkstätten und Verkaufsräume besichtigten.
Stricker, Weber, Bernsteinschleifer … viele Handwerke sind hier vertreten. und ich bekam meinen vielgetragenen Bernsteinring wunderbar repariert – voller Herzlichkeit und gratis; immer wieder erstaunt mich die Freigebigkeit und Freundlichkeit der Menschen hier.

Ich liebe Bernstein. Ich trage viel Bernsteinschmuck und ich werde auch irgendwann einmal Bernsteingarn verstricken oder Bernsteinstückchen statt Perlen verarbeiten, aber hier in Liepaja gibt es soviel Bernstein wie ich mir nie vorstellen konnte.
Zum 750. Stadtjubiläum Liepajas2003  trug die Bevölkerung mehr als 50 Liter Bernstein zusammen. mit denen die große Sand- , besser Bernstein-Uhr an der Promenade gefüllt wurde.
Andere Stücke aus dieser Sammlung wurden aufgefädelt und sind nun im Kunsthandwerkerzentrum zu bewundern.

123 Meter lang ist die Bernsteinkette, mehr als 17.000 Stücke wurden verarbeitet, oder sogar 27.000?

Alles war vorbereitet für die Unterweisung im Fingerhandschuh-Stricken, für jeden Arbeitsschritt gab es einen kleinen Sampler. Ich habe dabei viel gelernt (und notiert).

Durch die Formeln für das Errechnen der Maschenzahl / Finger (nur ein Beispiel) fühle ich mich sicherer, ich muss nun nicht mehr stur den Anleitungen folgen und mich hinterher wundern warum die Finger so schief sitzen oder ziehen…

Eine Seite aus dem 1994 in Riga erschienenen Buch mit 350 Mustern samt Strickschriften. Aber Achtung:  nicht alle der verwendeten Symbole sind in dem Buch erklärt oder allgemein bekannt.

Baiba gab uns eine schwere Nuß zu knacken, hatte aber alle diese Muster schon einmal gestrickt und die samples mitgebracht.
… diese  Aufgabe machte viel Spaß und ich habe es tatsächlich geschafft, das Muster #106 zu stricken!

Dieser Tag fand einen schönen Ausklang: Überraschend kamen Maruta Grasmane und Ansis Grasmane vorbei! Das war bis dato ein streng gehütetes Geheimnis gewesen!
Eine Show-Einlage des Folklore-Ensembles brachte uns herzlich zum Lachen, waren doch alle Beteiligte Schauspielerinnen am Theater in Liepaja gewesen und verfügten über ausgeprägte komödiantische Eigenschaften.
Der Tag klang aus auf dem Hof des Zentrums, in der Abendsonne ließen wir uns Erdbeeren und Prosecco schmecken und erhielten unsere Teilnahme-Bescheinigungen.

Maruta Grasmane und Jeannie Giberson


Es gäbe noch soviel zu erzählen, aber: am Besten ist es, dies selbst zu erleben! Und deshalb lade ich alle, die diesen langen Beitrag gelesen und genossen haben, ein, sich für den nächsten Workshop zu registrieren! Im September findet wieder ein „Let’s Knit..“ statt! Alle Infos hier: www.senaklets.lv/en