Rückblick in Hausschuhen

es ist ja üblich, daß man am Jahresende zurückschaut. Also auch ich.
Das letzte Jahr hat mir sehr viel gebracht, aber auch viel gefordert.

Mein Engagement im Kunst- und Kulturrat Vorpommern-Greifswald wie auch bei LEADER-Gruppen, als Gast beim Landeskulturrat MV, das hat mir viele Einblicke in die Realität des vielgenannten ländlichen Raumes gebracht, was ich wohl treffender als bewußt abgehängten Raum bezeichne, wo die Bevölkerung von Windrädern umzingelt wird (5000 weitere allein in unserem Landkreis geplant!) und die Wirtschaftskraft aus dem Tourismus und der Massentier-Quälerei stammt.

Mein Ausgleich war das Stricken, das Studieren der verschiedenen Techniken und Traditionen, die Reisen und die Begegnungen. Meine Freude war die Übersetzung des lettischen Handschuh-Buches ins Deutsche.
Ich habe viele liebenswerte und interessante Menschen kennengelernt, Freundschaften begannen oder haben sich vertieft. Dafür bin ich dankbar.

Bahlsen Weinbrandtropfen, Ende der 50er Jahre

Ab und an stöbere ich in alten Photos und  in der Weinbrandtropfen-Dose (kennt noch jemand Bahlsens Weinbrandtropfen?) , die in meiner Schreibtischschublade lagert, bin ich fündig geworden.

Züttlingen im Winter 58

Ein arrangiertes Photo aus dem Winter 1958, in Züttlingen / Hohenlohe, ich wie immer auf  Photos meines Vaters in der zweiten Reihe, aber immerhin trage ich meine so mühsam erkämpft und erquängelte Kniebund-Lederhose (warum soll nur mein Bruder solch eine praktische Hose tragen?) und wir beide tragen die von Großmutter Müller gestrickten Pullunder. Meiner ist wie immer bei Großmutter Müller bescheidener ausgefallen als der meines Bruders, denn immerhin war mein Bruder ja der Stammhalter und deshalb hatte sie ihn auch lieber… (Original-Zitat Ende)

Ich kann mich noch an die Reaktion meiner Mutter erinnern: Für ein Photo jagst du die Kinder in Hausschuhen auf den Balkon???

ERM – das neue Estnische Nationalmuseum in Tartu

Ich habe immer wieder nachgedacht, warum ich mit so gemischten Gefühlen an den Besuch im Estnischen Nationalmuseum in Tartu, ERM, zurückdenke.

Ich erinnere mich ja auch an Gefühle und die Gefühle, die ich beim Besuch und später beim Zurückdenken an den Besuch, wahrnahm,  sind:

  • Enttäuschung
  • Beklemmung
  • Einengung
  • Überflutung
  • Fehl am Platz

Ich hoffte darauf, die Schätze, die im alten Museum nicht angemessen präsentiert werden konnte, sei es aus Platzmangel oder architektonischen Gründen oder Bauschäden, nun in Ruhe und gutinformiert betrachten zu können. Ich habe immer Präsentationen, wie ich sie im Shetland Museum in Lerwick erlebte, als besonders gelungen empfunden, wenn in einer Vitrine besondere Exemplare gezeigt wurden und weitere Stücke dann in Schubladen zur Verfügung lagen…

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aber so war es nicht. Der Ausstellungs-Raum im großen Haus ist eine lange Passage, in der die ständige Ausstellung „Encounters“ gezeigt wird.

Most of the exhibition space is dedicated to the permanent exhibition Encounters, expanding upon Estonian cultural history and everyday life and stretching out on a timeline from the present day to the Ice Age.

so heißt es auf der Museumswebseite. Und das wurde dann auch gezeigt, eine bunte Mischung, von Allem etwas, nichts vertieft, immer nur ein Eindruck, ein glimpse… möglichst mit einem technischen Gimmick, einem Knopf zum Drücken, einem Pedal zum Treten, ein Display zum Wischen…Und immer geht irgendwo ein Weg zur Seite in eine andere Präsentation, aus der man nicht immer zum Ausgangspunkt zurückfindet… zwischendurch ist es auch mal dunkel, dann hört man verschiedene Volkslieder, die sich übertönen, es bleibt ein Gemisch ohne Information, ein MashUp ohne Unterscheidungen, alles ist irgenwie estnisch, aber was ist es denn?

Da frage ich mich: Die Ausstellung heißt encounters, aber wer soll sich hier treffen, was soll man antreffen?  Ich fand die Abteilungen, die mich interessierten, nur nach etlichem Suchen und falschen Abbiegungen, ich musste mir die Ohren zuhalten wenn es zu laut war, oder beiseite gehen, wenn die Schulkinder sich in einer optischen Installation als Schatten auf einem Bett ablichten ließen (dies zur bürgerlichen Wohnkultur)… aber studieren, betrachten, lernen?

im Nationalmuseum von Estland: Das Videoporträt von Kihnu Roosi

Dieses Bild zeigt mich in einer Ecke, nachdem ich dann die Kostüm-Präsentation gefunden habe (Rural life and Rural Beauty), eine Videowand in einer Seitennische, die Erklärung dazu auf der Rückseite, der Ton übertönt von Besuchergruppen und anderen Audio-Quellen…

Die Ausstellungsstücke, die ich in ihrer Vielfalt sehen wollte, denn ich kenne ja die reichen Bestände des Museums aus Büchern und von Webseiten und den Seminaren an denen ich teilgenommen habe, waren spärlich verteilt. In der Mitte eines Ganges eine große Vitrine aus spiegelndem Glas, in der Puppen, mit verschiedenen Trachten bekleidet, sich verrenkten.

Rural Life and Rural Beauty

„Rural Life and Rural Beauty“

Exponate von Muhu

Exponate von Muhu

Trachten aus Muhu und Saaremaa

Trachten aus Muhu und Saaremaa

eine kleine Handschuhparade

Ganz besonders gefreut habe ich mich dann über die wenigen Handschuhe, die schlecht beleuchtet, auf dem Fussboden einer solchen Vitrine ausgestellt waren, reicht es denn die Exponate nur zu sehen? Sie aber nicht betrachten zu können?

Was ist die Aufgabe eines Nationamuseums?
Was sind die Zielgruppen eines solchen Museums? In erster Linie doch wohl die Bürger dieses Landes, und nicht irgendwelche  Besucher, die ein Treffen nötig haben, und nicht nur Schulklassen, die ihren Spaß haben aber nichts wirklich kennenlernen können..

Ich habe über meinen Besuch in diesem Museum viel nachgedacht, ich bin ja auf der Reise auch immer wieder nach meiner Einschätzung gefragt worden, zuletzt beim Abendessen mit Riina Tomberg. Ich bin ja keine Estin, es ist nicht mein Museum, aber unsere Einschätzungen stimmten überein. Riinas Resumée: Wir sind eben nicht die Zielgruppe dieses Museums…

Ist das nicht schade?

Frohe Tage, merry christmas, Häid jõule and Priecigus Ziemassvetkus!

Kategorie: Wockensolle -

Nein, ich mag nichts zu den schlimmen Dingen sagen, die gerade überall geschehen, und auch nicht wieder naive Hoffnungen formulieren, wo ich doch schon so lange auf die Wiederkehr der Vernunft und der Aufklärung warte, ich wünsche einfach erstmal nur ruhige Tage und Freude mit den Lieben!

Und immer ein ruhiges Plätzchen zum Stricken und viel Wolle auf den Nadeln!

 

Eesti Valge – estnisches Weiß, eine Ausstellung in Tallinn

Ich hatte das Glück, die Ausstellung „Eesti Valge“ im Estnischen Handarbeitshaus, Pikk 22, in Tallinn, die vom 1.11. bis 21.11.2016 gezeigt wurde, sehen zu können.

WInterfenster in Tallinn

Vorbei an heutiger Winterkleidung und schönen Cafés kommt man in der Altstadt  zum EESTI KÄSITÖÖ MAJA, auch kurz Pikk 22 genannt, nach der Strassenadresse.

Eesti Valge - PlakatDie Ausstellung von Anu Pink und Siiri Reimann zeigt die Bedeutung der Farbe Weiß in den überlieferten Trachten, seien es die filigranen Finger-Handschuhe mit travelling stitches gestaltet, lange Kniestrümpfe, zarte Schals aus Haapsalu oder der schöne Rosa Vamsa, ein Wams in weiß und blau…

DiesAusstellung zeigt einen wunderschönen Querschnitt durch die vielfältigen Moden und Trachten, sehr ästhetisch gestaltet mit einer Idee, die mich faszinierte:

Die Exponate werden auf Rahmen präsentiert, als Einzel-Objekt oder in einer Gruppe, diese Rahmen aber sind verbunden durch Bretter, welche mit weißem Gestrick in den typischen Mustern bezogen sind. Ein Bild erklärt das besser:

Ein Trenner mit Ruhnu-Muster

Wenn Sie mehr über diese Trachten und Traditionen wissen möchten, dann sollten Sie sich dieses Buch besorgen:

Estonian Knitting

Estonian knitting 1.
Traditions and techniques
Authors: Anu Pink, Siiri Reimann, Kristi Jõeste

300 Seiten umfaßt dieses wunderbare Buch.

Es ist im Verlag Saara Kirjastus erschienen, und  oh Wunder!, zwei der Autorinnen haben diese wunderschöne Ausstellung gestaltet: Anu Pink und Siiri Reimann!

Auf der Verlagsseite kann man auch ein wenig im Buch stöbern.

Ich bin mir sicher, Sie sind ebenso fasziniert wie ich!

Viel um die Ohren und der Wunsch nach Wenig-Müssen

Ich kann wieder eine Reihe Aufgaben abhaken, die ich nun abgearbeitet habe, aber es tun sich immer wieder neue Aufgaben auf oder vergessene Einträge der verinnerlichten To-Do-Liste kommen ans Tageslicht… ich habe eine Mitgliederversammlung mitvorbereitet und durchgeführt, vorher noch versucht die Beiträge einzutreiben, eine Schulungsanleitung geschrieben, eine Schulung gehalten und ein Konzert im Atelier Pamitz versäumt weil ich einfach zu müde war und fror… 

Aber ich habe die verlorenen Ordner mit den Bildern der Novemberreise auf der Festplatte mit einigem Aufwand rekonstruieren können und kann nun die nächsten Beiträge planen. Oder auch mit einem besseren Gefühl auf dem Sofa sitzen und stricken…

Und weil wir in der Weihnachtszeit ja ein Mäulchen für Leckereien haben und Handarbeiten natürlich ganz oben auf der Geschenkeliste stehen, ein Geschenkvorschlag, den ich in der Bonifatius-Gild in Viljandi fotografiert habe:

Garn-Marmelade

Garn-Marmelade aus Viljandi / Estland

Wer also noch ein Geschenk sucht…

Und wer in der Nähe von Wien oder in WIen  weilt, der sollte sich im MAK, dem Österreichischen Museum für Angewandte Kunst / Gegenwartskunst,  die Ausstellung  handWERK /Tradiertes Können in der digitalen Welt ansehen.

Handwerk ist ein wesentlicher Bestandteil der materiellen Kultur und der kulturellen Identität – das ist die Arbeitsaussage dieser Ausstellung, wobei ich  mit dem überstrapazierten Begriff der Identität wieder mal schwer tue, der wird neuerdings aus zu vielen Ecken posaunt…

Ich finde das Ausstellungsthema äußerst interessant – geht es hier doch auch um Marketingstrategien und Digitalisierung der Produktion; ich fand es immer schon erstaunlich daß gerade die Bastler, die mit einem 3D-Drucker arbeiten und diese Maschine etwas produzieren lassen, sich Maker nennen… aber vielleicht bezieht sich das dann auf das Gehype das sie um ihre Produktion machen ;=)

Aktuell werden die Begriffe „Handwerk“ und „handmade“ in der Werbung und in Lifestyle-Medien inflationär verwendet. Das „Maker Movement“ und die Do-it-yourself-Bewegung sind enorm erfolgreich und schaffen einen weltweiten Hype, global agierende Luxus-Labels setzen das Handwerk gezielt als Qualitätsmerkmal ein. Demgegenüber steht die Realität lokal agierender HandwerkerInnen, die um Anerkennung und eine gerechte Bezahlung kämpfen.

heißt es im Vorstellungstext auf der Museumsseite, und das ist für mich der wichtigste Aspekt.

Die Themen der Ausstellung sind Geschichte & Gegenwart“, Perspektiven“ Material & Werkzeug“  und eine Live-Werkstatt“, dann noch „Qualität & Exzellenz“ und  „Nachhaltigkeit“. Dazu natürlich Veranstaltungen und ein Woll-Café.

Ich sollte doch auch mal nach Wien reisen…

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Die Bilder entstammen dem Presse-Material der Ausstellung

handWERK Tradiertes Können in der digitalen Welt
Mi, 14.12.2016 – So, 09.04.2017
MAK-Ausstellungshalle
Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst
Stubenring 5, 1010 Wien

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