Suiti Socken

Die Menschheit besteht zur Hälfte aus Frauen und zur Hälfte aus Männern. Jeder Mensch hat einen Körper. Also gibt es zur Hälfte weibliche und zur Hälfte männliche Körper.
Eine Gesellschaft vereinbart, welche Körperteile zu welchem Zwecke gezeigt werden und welche verhüllt bleiben. Die meisten Zeige-Tabus bestehen für den weiblichen Körper:

Gesicht, Hals, Busen, Oberkörper, Unterkörper – diese Körperpartien werden je nach kultureller oder sozialer (oder anderer) Prägung oder wirtschaftlichem Interesse (Sex sells) gezeigt oder verhüllt. Ein weiblicher Körperteil jedoch wird immer verhüllt, derjenige, dem wir Menschen, die wir hier auf Erden sind, unser „Auf die Welt Kommen“ verdanken: die Vagina.

Immer wieder wird die Vagina jedoch zum Objekt künstlerischer Provokation. Gustave Courbets Ursprung der Welt  erregte und provozierte, wurde heftig geschmäht und angefeindet.
Origin-of-the-World

„Der Ursprung der Welt“ als Bildbezeichnung verweist auf die Doppelnatur des weiblichen Geschlechtsorgans: einerseits als Objekt der sexuellen Begierde und Eingang der Vereinigung, andererseits als Ausgang der Geburt, von wo aus jedes Kind zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt. Insofern ist der Unterleib der Frau der Ursprungsort des Menschen, der jegliche Welterfahrung erst möglich macht. In diesem übertragenen Sinn stellt das Bild den „Ursprung“ alles Existierens, Wahrnehmens und Gestaltens der menschlichen Welt dar. 

So bringt die Wikipedia  Bild und Titel in Relation. Das Bild zeigt nicht den Kopf der Frau, und deshalb wird es auch als pornographisch bezeichnet (denn Pornographie ignoriere Persönlichkeit und Charakter, reduziert allein auf den Körper oder Körperteile). Viele Künstler bezogen und beziehen sich  mit ihren Werken auf dieses Bild, auf Enthüllung und Verhüllung, auf Provokation.

Feministinnen bekämpfen seit jeher die Reduzierung der weiblichen Vagina auf ihre Funktion als Lustobjekt, In meiner Jugend, in den Jahren zwischen 1965 und 1975, untersuchten „wir“ in Frauengruppen unsere Körper, suchten  „wir“ uraltes Vagina-Wissen wieder zu finden (die Petersilie erlebte eine ungeahnte Renaissance!), provozierten Yoko Ono oder Marina Abramovic.

in heutiger Zeit verfolgt Jamie McCartney mit seiner Arbeit „400 Vaginas on the Wall“ auch aufklärerische Ziele: er macht die Scheinheiligkeit deutlich (auf der einen Seite wird die Zwangsbeschneidung in meistens islamischen Ländern angeprangert, auf der anderen Seite gehört die Schamlippen-Verkleinerung zum Portfolio der westlichen Schönheitschirurgen) und er möchte das Selbstbewußtsein von Frauen allen Alters, jeder Herkunft stärken.

So. Das war ein langer Vorspann. Was hat das mit Stricken zu tun?

EIne Menge, nicht nur daß „wir“ in den damaligen Frauengruppen auch strickten, nein heute schwappt wieder einer Welle von Kunstprovokationen durchs Land, durch die Zeitungen und über die Bildschirme.  Und auch heute wieder provoziert die künstlerische, performative Darstellung der Weiblichkeit, und so ist es kein Wunder, daß Textilien als künstlerisches Material genutzt werden, daß Stricken zum Ausdrucksmittel der Craftivists gehört, die traditionelle Handarbeitstechniken für politische oder sozial-aktivistische Zwecke einsetzen, auch wenn in unseren Breiten trotz einiger politischer Aktionen eher die harmlos-ehrpusselige Variante vertreten ist: hilflose Bäume oder verträumte Poller in ätzend-farbiges Acryl zu wickeln regt nicht auf, macht aber angeblich fröhlich.

Nun, da geht Casey Jenkins aus Australien doch entschlossener und kontroverser vor. Ähnlich wie Carolee Schneemann, die in den 70ern Papierrollen aus ihrer Vagina zog und den daraufstehenden Text vorlas, setzt Casey Jenkins ihren Unterleib als Speicher, als Ursprung ein, aus dem sie 28 Tage lang Wolle hervorholt, mit der sie dann strickt. Jeden Tag ein kleines Knäuel hineinstecken und dieses dann abstricken, 28 Tage lang, einen ganzen weiblichen Zyklus umspannend, auch die Tage der Menstruation.  Und gerade damit provoziert sie.

Nicht nur, daß feuchte Wolle schlecht zu verstricken sei, Menstruationsblut ist ein starkes Tabu und dieses Tabu bricht Casey Jenkins mit ihrer Arbeit „Casting Off My Womb“,  „Casting off shame through vagina knitting“ nennt das Emma Rees in der  Online-Zeitung „The Conversation“:  „die Scham mittels vaginal-Stricken abketten“…

Eine solche Aktion wird wahrgenommen, wirft zum Teil auch nicht so relevante Fragen auf („tut das weh?„) und wird umfassendst kommentiert, auf allen intellektuellen Ebenen und rund um die Welt, dank viraler Medien, dank Internet.

Ich habe natürlich auch so meine Gedanken dazu:

– auf solch eine Idee muß man erstmal kommen – Selbstverständliches in nicht-selbstverständlichem Kontext irritiert und bekommt Aufmerksamkeit – ich war nie so stark um mich derart zu exponieren und bin stolz daß die jungen Frauen (in den verschiedenen Generationen) so stark sind – diese Aktion bringt mich zum Nachdenken und macht Zusammenhänge deutlich, die mir vorher nicht bewußt waren- beim Stöbern im Netz habe ich wieder einmal erlebt, wieviel Interessantes es gibt und wieviel ich lernen kann.

Hier noch ein paar Links: