Norweger-Pullover, Fair Isle-Pullis, alle diese wunderhübschen Strickwerke stammen aus dem hohen Norden, wo es kalt ist und der Menschenschlag furchtlos und unerschrocken. Nur dort können Strickerinnen und Stricker auf die Idee kommen, ein Strickstück einfach zu zerschneiden.

Um das Stricken der mehrfarbigen Muster zu erleichtern (nur Vorder-Runden, keine Hin- und Rückreihen), stricken diese Titanninen der Wolle den ganzen Pullover oder die Jacke in einem Schlauch. Ohne Armloch, bei Jacken kommts auch erstmal nicht drauf an, daß es da ja ein linkes und ein rechtes Vorderteil braucht.

Wie wird dann aber aus dem Schlauch ein Pullover oder eine Jacke? Nun man schneidet einfach couragiert das Strickstück auf und näht dann die Ärmel in die Löcher oder strickt eine Blende zwischen die zwei Vorderteile.

So einfach ist das natürlich nicht. Aber das ist das Prinzip.
Zum ersten Mal habe ich in Hanna Jacks großer Strickschule ein solches Schnittmuster gesehen, da wird an der Stelle, wo aufgeschnitten werden wird, eine zusätzliche linke Masche gestrickt, diese wird umnäht mit Steppstichen und dann wird die linke Masche von der Rückseite aus durchgeschnitten. Die Blende der vorher stillgelegten Blendenmaschen wird an der Schnittkante hochgestrickt und sichert das dann ab.

Eine solche Arbeitsweise habe ich als vollkommen gaga eingestuft, wer geht denn mit der Schere an das mühevoll Gestrickte? Da ich aber meinen Arm schonen muß und nicht stricken sollte, surfe ich halt noch mehr im Netz herum, solange jedenfalls bis mein Tennis-Arm / Strick-Arm rekonvalesziert ist und ich stattdessen wieder einen Maus-Arm habe ;=)
So schlimm wie auf dem Gemälde „Die Genesende“  des russischen Malers Kirill Vikentevich Lemokh (Karl Lemoch) gehts mir aber nicht und das Strickzeug liegt auch nicht auf dem Boden rum.

C. Lemoch [Public domain], via Wikimedia Commons

Kirill Vikentevich Lemokh (Karl Lemoch) (1841-1910) Die Genesende (Ausschnitt)

Ja, und bei meinen Klicktouren sehe ich dann mehr und mehr Anleitungen. Steeking (= strickzeugmutwilligzerschneiden) wird da auf knitty.com beschrieben, exercisebeforeknitting.com hat auch eine ausführliche Anleitung, die famose Eunny Yang führt das Steeking in voller Härte vor, bei craftsy.com gibts Workshops zum Thema: The Top-Down Icelandic Sweater und The Fair Isle Vest, wo sogar drei verschiedene Arten des Steekens gelehrt werden.

Ganz hart zur Sache gehts aber bei zahlreichen Clips bei Youtube:

Armlöcher schneiden in einen norwegischen Pullover:

oder:  Knitting Help – Steeking, die Propagandistin gibt zu, daß das „the most scaring thing is what you can do to your knitting„… q.e.d.

Der Such-Term knitting steek bei youtube zeigt die ganze erschreckende Liste mehr oder weniger gelungener Anleitungen. Deutschsprachige Seiten dazu fand ich wenig, aber bei knittinganarchist.de (auch ein toller Domainname) gab es immerhin einen kurzen Hinweistext: Fair-Isle: Tipps und Tricks