Dies ist der erste detaillierte Test einer Software zum Erstellen von Strickschriften. Nach KnitBird folgen dann noch Intwined und Stichmastery. Am Ende dieser kleinen Reihe werde ich dann eine Übersicht über Pros und Cons (= neudeutsch für „Vor-“ und „Nachteile“..) zusammenstellen.

KnitBird ist Kaufsoftware und basiert auf dem Adobe Air-Framework, das auf dem Rechner installiert sein muß. Diese Laufzeitumgebung macht das Programm verfügbar für WIndows (alle aktuellen Versionen) und Mac OS ab Version v10.7.
Das Programm kann in schwedischer oder englischer Sprache genutzt werden und die funktionseingeschränkte Testversion wird mit einer gültigen Lizenz freigeschaltet,

Knitbird Make it yours

Das Programm kostet nicht 59,00€, wie hier oben im Screenshot angegeben, das ist der Nettopreis. Zu den 59.00€ kommen noch 14,75€ Mehrwertsteuer hinzu, folglich ein Endverbraucherpreis von 73,75€. (Ich weiß nicht wie das in Schweden gehandhabt wird, aber in der EU gibt man in der Regel den Einzelhandelspreis, also den Endverbraucherpreis an.)

Die Webseite www.knitbird.com ist im gleichen GrauGrün gehalten wie das Programm selbst.

Damit ist KnitBird das teuerste der von mir gekauften und verglichenen Programme (Intwined: 44,00$ = 36.82€ und Stitchmastery 60GBP = 67,80€ am 23.09.2017).

Die Bildschirm-Farbgestaltung macht das Arbeiten mit dem Programm schwer. Ein helles Hintergrundgrün und hellgraue dünne Schrift – Augenpulver par excellence. Meine Vermutung. daß das Programm am Mac entwickelt wurde, denn der Mac zeigt die Farben immer dunkler an als ein PC, stimmt aber nicht, wie mir auf meine Supportanfrage hin geantwortet wurde. Es ist am PC entwickelt und der niedrige Kontrast – da wurde Besserung versprochen, ebenso wie bei der Schriftgröße, die zur Zeit immer gleichgroß bleibt, gleichgültig ob man im Vollbildmodus arbeitet oder das Programmfenster nur halb aufzieht.

Auf meinem 1920x1080er-Bildschirm ist die Button-Beschriftung fast nicht mehr lesbar.

Nachdem ich meine Augen geschärft und das Zimmer abgedunkelt habe, habe ich das Programm ausprobiert und die ersten Muster gezeichnet. Und das ist recht einfach. Das Arbeiten mit Auswahlen ist auch angenehm, man kann die Auswahl horizontal oder vertikal kippen, rotieren oder versetzen. Man kann Linien (gestrichelt, gepunktet..) zeichnen und Repeats, Musterwiederholungen markieren.
Das geht alles recht flott von der Hand.

Schwieriger wird es, wenn man Standardfunktionen sucht. Also die [F1]Taste zum Aufruf der Hilfe, da tut sich gar nichts. Und der Aufruf der Hilfe per Menü-Eintrag „Help“ zeigt ein knappes Inhaltsverzeichnis an, die Auswahl einer der hier angebotenen Themen führt den Anwender dann auf die Webseite des Programms, und ab da ist man rettungslos verloren.

Was tun, wenn man keine Internetverbindung nutzt oder nutzen möchte beim Arbeiten?

Die Online-Hilfe besteht aus Blog-Beiträgen, die nicht gerade aussagekräftig sind.

Der „The Interface“ – Menüpunkt des Submenüs und rechts in der Seitenleiste auch nochmal gelistet – hat keinerlei Informationsgehalt, wenn ich dafür den oberen Menüpunkt anklicke.

Die Auswahl in der rechten Seitenleiste hingegen lädt eine Beschreibung des Hauptmenüs und der Gittereinstellungen.

Begriffe der Arbeitsoberfläche, z.B. „Line Snap“, findet man nicht mal über die Suchfunktion auf der Online-Help-Seite.

Eine nicht konsistente Hilfe – das unterstützt nicht, das verwirrt oder desinformiert. Einfach nur chaotisch.

Dafür beschreibt die Online-Hilfe dann aber Funktionalitäten, die zumindest in der Windows-Version gar nicht existieren.

Die Grid-Settings und andere Dinge, die über das Rädchen-Symbol angeboten werden: die gibt es auf meinem Schirm gar nicht.

Die nachträgliche Größenänderung eines Charts ist schwierig, möchte man z.B. ein Chart verkleinern, geht das nur spalten- oder reihenweise (Klick auf kleines Kreuz-Symbol. Gefährlich ist dies über den Menüpunkt „View“, denn wenn man dort die Spalten- / Reihenangaben mit kleineren Werten überschreibt, werden leere Spalten und Reihen ohne Nachfrage gelöscht.

Nun aber zum Positiven!

Wenn man sich erstmal an die Bildschirmfarben gewöhnt hat und Einiges herausgefunden hat, kann man loslegen.

Mir gefällt die Möglichkeit, einzelne Muster in einer Bibliothek zu speichen und wiederzuverwenden.
Ein markierter Bereich wird über „Add to Library“ für die spätere Verwendung gespeichert und kann später in allen Projekten durch Doppelklick eingefügt werden.

Eine projektübergreifende Bibliothek ist praktisch, wie das dann mit vielen Einträgen funktioniert, wird man sehen.

Ein Feature, das es auch bei Online-Generatoren gibt, ist der Import und die Umwandlung einer Grafik in ein Chart.
Das Ergebnis hängt hier natürlich immer von der Vorlage ab. Und man muß etwas üben.

So habe ich beispielsweise einfache Grafiken in der Vorschau importieren können, bekam diese aber nicht in mein Chart geladen. Eine andere Grafik wiederum konnte ich integrieren, diesen Vorgang aber nicht rückgängig machen, UnDo funktionierte ebensowenig wie [CTRl-Z], markieren und löschen klappte aber.

Die Repeatfunktion füllt die gesamte Zeile vollständig auf, gleich ob der Bereich rechts oder links oder in der Mitte des Charts sitzt.

Man kann rechts neben dem Chart Anmerkungen setzen, Hilfstexte.

Ein Feature, das ich bei anderen Programmen vermisse.

Es ist sehr einfach, eine Farbe im Chart durch eine andere Farbe zu ersetzen, und es ist auch möglich, mehrere Farben zu einer Farbe zusammenzufassen. Dies ist besonders deshalb wichtig, weil man beim Definieren der Farben keine Hex-Werte eingeben kann, sondern aus der Farbpalette auswählt. Und da kommt es leicht vor, daß man statt einem Hellblau zwei sehr ähnliche Hellblau im Chart hat.

Das Programm bietet ein Tool für das Veröffentlichen der Charts.

Man kann hier den Namen des Charts als Überschrift festlegen, Maschenbeschreibungen vergeben, Farben / Garn-Beschreibungen eintragen und auch einen größeren Text einfügen.

Das sieht sehr verlockend aus. Hat aber ein paar Macken:

Das Symbol für rechte Maschen ist quasi nicht-existent. Jede nicht anders definierte Masche ist per se eine rechte Masche. Und deshalb, da nicht definiert, ist das Symbol für die rechte Masche in dieser Übersicht auch nicht sichtbar.

Der Text im Textfeld kann überhaupt nicht formatiert werden, Auszeichnungen (fett, kursiv, unterstrichen…) sind nicht möglich, und ganz besonders schlimm: Bei der Ausgabe der Texte werden die Zeilen gnadenlos aneinandergeklebt (concatiniert).
Ein Feature, das man so nicht gebrauchen kann.

Die Supportantwort hierzu? Es sei halt sehr simpel gehalten, aber man könne die Strickzeichnung ja exportieren und in ein Textdokument einbinden und dort dann besser beschreiben… ich halte das für eine Ausrede.  Und zwar für eine sehr ärgerliche.
Es gibt jede Menge Texteditoren, die man in Programme integrieren kann.

Man kann die Arbeiten als PDF oder als Grafik exportieren, aber was nützt mir der PDF-Export wenn der Text so armselig formatiert ist? Es bleibt nur der Grafikexport und die weitere Bearbeitung der Anleitung in einem Textprogramm. (Das ist auch bei anderen Progrmamen so, da ist das Erstellen der Strickschrift nur ein Schritt im Workflow und der Rest wird in anderen Programmen erledigt.)

Ein Standard-Zielverzeichnis für die so gestalteten Charts im PDF- oder PNG-Format  läßt sich nicht festlegen, es wird immer das „Windows-Dokumente-Verzeichnis“ geöffnet und man muss sich jedesmal zu dem Verzeichnis, in dem man die Dateien speichern möchte, durchhangeln.

Ich muß sagen, daß  mir viele Details der Anwendung gefallen, ich aber an mehr Kanten und Ecken gestoßen bin als gut tut.

Der größte Knackpunkt ist für mich die Farb-Darstellung mit dem geringen Kontrast, alle anderen Punkte sind weniger gravierend.
Wenn sich da etwas tut, wäre das schon ein großer Fortschritt.

Das Programm erscheint mir noch nicht sehr ausgereift, da kann noch Einiges verbessert werden und das haben mir die Herausgeber in der Supportantwort ja auch zugesagt, was den Farbkontrast betrifft.

Die Hilfsfunktion jedenfalls gehört gründlich überarbeitet, anders strukturiert, als Blog ohne jede Kategoriensetzung ist das unbrauchbar. Und die Antwort auf Support-Anfragen könnte etwas schneller sein.

So, das ist mein Erfahrungsbericht mit der Software KnitBird. Und nun?

Ich habe das Programm bezahlt, aber ich werde es wohl nur zu Vergleichszwecken einsetzen.
Durch die Beschäftigung damit habe ich aber doch Einiges gelernt, das ich beim Test der anderen Anwendungsprogramme berücksichtigen werde.