Ein Auszug aus dem Puppenheim

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Mit Auszug meine ich nicht den Exodus, sondern einen Text-Ausschnitt und ich bin gerade, angeregt durch einen Artikel im Norwegian Textile Letter, auf Henrik Ibsens Nora oder Ein Puppenheim gestossen. Ein interessantes Statement des Advokaten Helmer, das ich hier wiedergeben möchte:

So eingestreut zwischen Banalitäten, die die eigentliche Tragik verdecken, gibt der Herr des Hauses seine Meinung von sich. Diese Meinung überrascht uns nicht, ist er doch ein Chauvinist ersten Grades, aber das Chinesische, das verwundert schon..

Nun, dies zur Einführung in den Artikel Between Knit and Purl von Espen Søbye, im Norwegian Textile Letter, den ich ja schon einmal zitiert habe hier auf der Wockensolle und der immer sehr lesenswert ist.

Die Autorin bespricht den aktuellen Hype der Strickbücher (Klompelompe, Arne und Carlos und und und) und steltl dabei auch ein Buch vor, welches sich gegen das Stricken ausspricht und die gesellschaftliche Rolle des Strickens untersucht (im Gegensatz zu den anderen Büchern, in denen das perfekte Befolgen detailliertester Anweisungen als Kreativität verherrlicht wird),
Dieser Abschnitt steckt voller Denkanstöße und deshalb zitiere ich ihn hier. Und was das verehrte Paar Alva und Gunnar Myrdal da postuliert, sollten wir alle überdenken. Stimmt das?

Knitting and crochet were enterprise gone wrong. This energy should be used for something more practical for society and the individual.

Nachstehend der Auszug aus dem Artikel und Informationen zu dem Werk von A. und G. Myrdal findet man bei wikibooks..

Helmer.
Ach was, schon?... – Gehört Ihnen das Strickzeug da?

Frau Linde (nimmt es.)
Ja, danke schön. Beinahe hätte ich es vergessen.

Helmer.
Also, Sie stricken?

Frau Linde.
Ja freilich.

Helmer.
Wissen Sie was, Sie sollten lieber sticken.

Frau Linde.
So? Und weshalb?

Helmer.
Weil es viel hübscher aussieht. Sehen Sie nur: man hält die Stickerei mit der linken Hand, – so –, und mit der rechten führt man die Nadel – so – in leichtem, langgestrecktem Bogen; nicht wahr –?

Frau Linde.
Ja, das mag schon sein –

Helmer.
Das Stricken hingegen, – das kann nur unschön sein. Sehen Sie her: die zusammengeklemmten Arme, – die Stricknadeln, die auf und ab fahren, – das hat so was Chinesisches an sich. – Es war wirklich ein glänzender Champagner, den man uns vorgesetzt hat.

In dem Artikel springt mir noch eine Klassifizierung ins Auge:

 Sweden, Alva and Gunnar’s homeland of anti-knitting

Ich bin gespannt wie die aktuellen Wahlen in Schweden ausgehen, mit dem Untergang der Sozialdemokratie dort wird Stricken vielleicht noch stärker instrumentalisiert im Sinne von zurück an die Nadeln - zurück an den Herd!

Resistance against knitting. One of the books, Rett på tråden [Right on the Thread] differs from the others, not only with its slightly impudent title. In the introduction, sisters Birte and Margareth Sandvik quote the exchange of lines in A Doll’s House, where Torvald Helmer advises Mrs. Linde to set aside her knitting and take up embroidery instead, because knitting “can never be anything but ugly, “ “there’s something Chinese about it.”

Knitting has had several vocal opponents since Ibsen’s Torvald. In their book Crisis in the Population Question (1934), the married couple Alva and Gunnar Myrdal—both tone-setting Swedish social democrats, she winning the Nobel Peace Prize, he the Nobel prize for economics—were angered by the exaggerated petit bourgeois habits that had spread among the working class and minor civil servants. Family life in these classes was, according to the Myrdals, characterized by a fussy desire to entertain, an overly-ambitious interest in food and homemaking, with a penchant for public display. But it was, above all, women’s handwork that paid the price: “All this embroidery, this knitting, sewing, and lacemaking that has filled the walls and sofas, tables and shelves.”

Knitting became equated with a confined active mind and connected to married women’s having no right to work and the two-child family having become the norm.

Staying home with one or two children resulted in women’s having lots of free time—and presto, this is how Alva and Gunnar Myrdal explained the then-current knitting wave: Knitting and crochet were enterprise gone wrong. This energy should be used for something more practical for society and the individual.

At the end of the 20th and beginning of the 21st centuries, women are having even fewer children than did their grandmothers in the 1930s, and men’s and women’s lives have become almost exactly identical. The reduction in the number of childbirths is a major reason why the buxom female with broad hips and heaving breasts is no longer the ideal woman, instead the athletic, androgynous female body that exudes health and sex appeal is. The anorexic, boyish body has become the woman’s dream physiology, and she dresses accordingly.

knüpfen, knoten, stricken

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Wie lange wird schon gestrickt und welche Bezeichnungen gibt es für diese Tätigkeit?

Ich lese gerne in alten historischen Abhandlungen, suche Informationen zur alten Kulturlandschaft Pommern, denn ich wohne ja inzwischen in Vor-Pommern, und möchte auch gerne etwas über die Stricktraditionen hier in der Gegend erfahren.

Ganz in der Nähe, in Wolgast, der Stadt mit dem Schreibfehler, denn eigentlich sollte es ja wohl WoLLgast heißen, residierten die pommerschen Herzöge. Und eine der Herzoginnen, die 1417 verstorbene Sophia, Tochter des Markgrafen zu Mähren und Witwe des Herzogs Bogislaws des 8., hat gestrickt:

Sie sei eine sehr kluge und mäßige Matron gewesen, die auch in ihrem höchsten Alter; als ihr das Gesicht blöde und sie zum Nähen und Sticken untüchtig geworden, nie die Knütte von ihren Händen geleget, wie davon unsere Chronicken zu schreiben wissen.

So steht es im Dritten Buch des alten sächsischen Pommerlandes, von Johannes Micraellii,  in Verlegung Johann Kunckels, 1723, Stetin und Leipzig

Und dieses Buch ist bei Google Books zu finden, in allen benötigten Formaten.

Ja, was ist eine "Knütte"? 

Damit ist wohl das Strickzeug gemeint.

Auch heute noch gibt es das Wort.

Im Plattdeutschen bedeutet es "knüpfen, knoten, stricken" und das englische "to knit" kommt wohl auch vom gleichen Stamm.

Eine nette und interessante Seite findet sich bei den "Plattmakers": knütten op Plattdüütsch

knütten (/k n ʏ t ə n /, Verb, Plattdüütsch)

 

1. Bedüden:
Plattdüütsch: dör Vermaschen mit twee Nadeln en Textilgeweev herstellen
Nedderlandsch: breien
Engelsch: knit gem
Hoochdüütsch: stricken
2. Bedüden:
Plattdüütsch: Knütten maken
Hoochdüütsch: knoten gem

Ich gestehe, daß ich nicht von selbst direkt auf diese Fundstelle in der alten Schrift gekommen bin, ich habe etwas in dem gerade erschienenen Buch "Zwei rechts, zwei links - Geschichten vom Stricken" von Ebba D. Drolshagen. Das ist ein Buch mit leicht zu lesender Plauderei übers Stricken, mit einem leicht norwegischen Schwerpunkt, mit einigen interessanten Einsichten...,

Ich wundere mich, daß der Suhrkamp-Verlag dieses Buch herausgibt, ich hätte es eher bei seichteren Verlag vermutet.

Aber: es bietet anregenden Lesestoff, und ein wenig lernt man auch dabei. Wie gesagt, ich habe was über das pommersche Knütteln gelernt..

Zwei rechts, zwei links: Geschichten vom Stricken
(suhrkamp taschenbuch) | Gebundene Ausgabe | 23. Oktober 2017
von Ebba D. Drolshagen und Martina Behm (Vorwort)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3518468146
ISBN-13: 978-3518468142

Ik gihorta dat strikken,

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Da arbeitet es in meinem Kopf, ich grübele über die Begriffe traditionell und überliefert und was den Unterschied ausmacht und da kommt mir was ganz anderes in den Kopf, nämlich etwas Überliefertes: Das Hildebrandslied. Das älteste deutsche Versepos.

SmileyDer erste Vers gehört, auch wenn man den Sinn eines Althochdeutsch-Proseminars in den 70ern nicht so richtig erkannt hat, zum "Urwissen" der Germanisten. Und beschwingt durch den Frühstückskaffee gihorta Ik  dat strikken

Ik gihorta dat seggen,
dat sih urhettun ænon muotin,
Hiltibrant enti Hadubrant untar heriun tuem.
sunufatarungo iro saro rihtun.
garutun se iro gudhamun, gurtun sih iro suert ana,
helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun.

Hildebrandslied1.jpg
Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=595945

Denn strikken ist auch ein althochdeutsches Wort, auch wenn das Gestrickte nicht überliefert wurde:

Lemma: strikken* 4, stricken*

Sprachen: ahd
Deutsch: „stricken“, flechten, zusammenschnüren, zusammenbinden, verstricken / Englisch: „knit“, plait (V.)

E: germ. *strikkjan, sw. V., stricken, verknüpfen?; idg. *streig- (2), Adj., V., Sb., steif, straff, drehen, Strick (M.) (1), Pokorny 1036?; s. idg. *ster- (1), *ter- (7), *sterə-, *terə-, *strē-, *trē-, *sterh₁-, *terh₁-, Adj., Sb., V., starr, steif, Stängel, starren, stolpern, fallen, stolzieren, Pokorny 1022

W: mhd. stricken, sw. V., zusammenfügen (abs.), verknüpfen (abs.), stricken (tr.), verbinden (refl.); nhd. stricken, sw. V., stricken, eine Schlinge knüpfen, einen Knoten knüpfen, DW 19, 1574

Hypochondrie, Misogynie, Haß auf den Strickstrumpf

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Ich habe seit meiner Teenager-Zeit viel geraucht, 23 Jahre lang, meistens französische Stengel (Gauloises, Gitanes), aber auch mal Pall Mall oder Kent. Nun denn, ich habs schon oft erzählt, als ich mal im Herbst die Lindenstraße sehen wollte und keine Kippen mehr hatte, es draußen aber regnete, habe ich einfach aufgehört damit. Tut mir gut.

Gestrickt habe ich seit meiner Teenager-Zeit auch. Ich kann mich aber nicht erinnern, daß ich gleichzeitig eine Zigarette und Stricknadeln einsetzte, oder beim Stricken eine Rauchpause einlegte (vielleicht auch umgekehrt: eine Strickpause beim Rauchen?) 

Magda Trott: PuckiNun, heute habe ich mal wieder ein wenig in Erinnerungen geschwelgt, mich an Bücher erinnert, die ich als Kind gelesen hatte und ich besaß die komplette Pucki-Reihe der Autorin Magda Trott. 
Heute weiß ich, daß diese Autorin eine Frauenrechtlerin war und diese Bücher, die noch das alte Frauenbild prägen sollten, Auftragsarbeiten waren.

Ich erinnere mich noch, wie sehr ich Puckis Verlobten und Ehemann gehaßt habe, was war das ein Pascha, der mit geheuchelter Güte seine Frau wie ein Kind behandelte und schuriegelte... aber genug davon, die alten Schinken sind in irgendeinem Karton auf dem Speicher untergebracht und der Kater paßt auf, daß nichts von Mäusen angefressen wird.

Wie komme ich nun zurück zur Zigarette? Nun, ich habe im Projekt Gutenberg in den dort vorhandenen Pucki-Büchern nach dem Wort "Stricken" gesucht, aber nichts gefunden. Dafür aber einen Aufsatz eines Gerhard von Amyntor, der sich  mit Frauen, Rauchen und Stricken auf eine (heute betrachtet) originelle Weise beschäftigt. Dieser Mann, ein unbeschreiblich chauvinistischer Wichtigtuer, hat doch tatsächlich solch einen Stuß von sich gegeben:

Man hat die entsetzliche Gewohnheit des Strickens entschuldigen wollen und den Strickstrumpf die Cigarre der Damen genannt. Gegen dieses Gleichniß muß ich auf das Entschiedenste Einspruch erheben; wer es zuerst anwandte, der hat weder den Strickstrumpf noch die Cigarre verstanden.  Zum Rauchen gehört Phantasie, zum Stricken keine;  die Cigarre erregt die Nerven und erhöht das Mittheilungsbedürfniß und die geistige Empfänglichkeit; der Strickstrumpf erschlafft die Nerven, chloroformirt das Gehirn und lähmt dadurch jede geistige Kraft. Taback und Strickzeug sind Antipoden; sie haben Nichts mit einander gemein, und ein Dutzend lebender Strickstrümpfe macht die beste Cigarre erlöschen.

Was ein Unfug! Wer den ganzen Text lesen mag, hier bitte, aber nur verdeckt, ein Klick muß schon sein:

Ein gefährlicher Freund des weiblichen Geschlechts.
Unsere Frauen und Jungfrauen pflegen noch vielfach innigsten Verkehr mit einem scheinbar gutartigen und friedfertigen Wesen, das sie schweigend anlächelt und ihnen gemüthlich lauscht, wenn sie seufzen, singen oder halblaut mit sich selbst sprechen, und das dennoch ein heimtückischer, geistaustrocknender, seelenmörderischer Gesell ist, vor dem sich besonders das jüngere weibliche Geschlecht gar nicht genug in Acht nehmen kann. Ich bin vorbereitet, hier und da auf lebhaften Widerspruch zu stoßen, wenn ich diesen gefährlichen Freund namhaft mache, und dennoch glaube ich, seine Natur so scharf und erschöpfend beobachtet zu haben, daß der Steckbrief, den ich hierdurch gegen den unangenehmen Gesellen erlasse, nur allzu gerechtfertigt ist.

Wenn mich Jemand an einer menschenwürdigen, fruchtbaren, bildenden und wirthschaftlich fördernden Ausnutzung meiner Zeit grundsätzlich hindert und dabei die heuchlerische Miene annimmt, als ob der Verkehr mit ihm noch besondern Vortheil brächte; wenn mir Jemand selbst die geistigen Genüsse des Lesens, der Plauderei oder der stillen Beobachtung schmälert, sich überall naseweis dazwischen drängt und meine Aufmerksamkeit ununterbrochen von jeder edleren Beschäftigung ablenkt und zersplittert, so habe ich ein Recht, diesen Jemand als einen heillosen Störenfried und hassenswerthen Pharisäer zu bezeichnen und jede Dame vor einem solchen Hausfreunde zu warnen. Und damit ich die Geduld meiner liebenswürdigen Leserinnen nicht unnöthig auf eine zu harte Probe stelle, will ich diesen Jemand hiermit namhaft machen und gegen den unleidlichen Burschen die Anklage erheben: ich meine den Strickstrumpf.

Der Strickstrumpf ist heutzutage ein Zeitirrthum, ein fast komisch wirkendes Merkmal aus einer untergegangenen Culturperiode. Hat es in der That heute, im Jahre des Heils 1889, noch irgend welche wirthschaftliche Bedeutung, einen Strumpf, den uns die Strickmaschine billig und tadellos liefert, mit eigener Hand durch das öde und langweilige Geklapper mit den fünf Nadeln herzustellen? Noch giebt es Damen in kleinen und allerkleinsten Provinzialstädten und Dörfern, die uns mit einem gewissen Stolz versichern, daß sie jeden Strumpf, den ihre kleinen Füßchen tragen, selbst gestrickt haben, und ich ziehe vor diesen fleißigen und sparsamen Strickkünstlerinnen voll Ehrfurcht und Bewunderung den Hut; nur die Bemerkung kann ich nicht ganz unterdrücken, daß diese Damen einer vergangenen Zeit angehören und mit dem Fortschritt unserer Tage nicht gleichen Schritt und Tritt gehalten haben dürften. Es giebt ja wunderbare Passionen, und über den Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten. Ich finde es sehr achtungswerth, wenn eine Frau sich grundsätzlich alle Kleider selbst anfertigt; steht diese Frau einem größeren Haushalte vor, hat sie mehrere Kinder und beschäftigt sie sich mit der Erziehung derselben, dann wird ihr kaum die Zeit übrig bleiben, alle Modenarrheiten gewissenhaft mitzumachen und sie wird schon froh und dankbar sein müssen, wenn ihr nur die anständige und saubere Herstellung einfacher, anspruchsloser und deshalb gerade vornehmer Anzüge gelingt. Wenn aber diese Frau noch weiter geht und es sich in den Kopf setzt, auch solche Toilettengegenstände selbst zu fertigen, die sie billiger und besser im Laden kaufen kann, wenn sie z. B. ihre Strohhüte eigenhändig flechten oder die Nadeln, die ihren natürlichen Hauptschmuck zusammenhalten, am Feuer fabriciren wollte, so würde ich gegen solche Richtung schon einige Bedenken haben, wenngleich es ja möglich wäre, daß eine Frau auch bei solchem Unternehmen ausnahmsweise einen gewissen Erfolg hätte. Aber diese chronischen Stricknadel-Kranken denken gewöhnlich gar nicht daran, sich mit so gewagten Beschäftigungen abzugeben; sie kaufen den Hut bei der Putzmacherin, das Kleid bei der Schneiderin, die Haarnadel beim Krämer; nur den Strumpf selber anzufertigen, erscheint ihnen als das der Jungfrau und der Mutter würdigste Unternehmen. Eine fast rührende Unkenntniß von den wahren Werthen von Zeit und Arbeit liegt solcher Schätzung zu Grunde. Man sagt mir, daß die gewandteste Strickerin zur Vollendung eines Paares mittlerer Damenstrümpfe durchschnittlich einen und einen halben Arbeitstag gebraucht, das sind achtzehn Arbeitsstunden; nehmen wir an, daß dasselbe Paar Strümpfe aus der Strickmaschine für ungefähr 50 Pfennige hergestellt wird (die Strickerin erhält vom Maschinenbesitzer kaum zehn Pfennige Arbeitslohn), so verwerthet die Handstrickerin die Arbeitsstunde für nicht ganz drei Pfennige. Diese drei Pfennige verdient oder erspart nun aber die strickende Dame nicht mehrere Male am Tage, denn sie ist ja keine erwerbsmäßige Strickerin; nur gelegentlich wird das Strickzeug hervorgesucht; oft vergehen mehrere Wochen, bevor ein Paar Strümpfe fertig wird, und selbst die sparsamste und anspruchsloseste Frau wird zugeben müssen, daß eine derartige materielle Ausnutzung ihrer Zeit geradezu jämmerlich und der Vorwand der Sparsamkeit beim Stricken entschieden hinfällig ist. Läßt sich aber der Strickstrumpf nicht mehr vom Standpunkte der Wirthschaftlichkeit aus vertheidigen, so ist er überhaupt nicht mehr zu retten, denn die habituelle Strickerin setzt ihn obenein da nur in Scene, wo er Andere am meisten stört und ihr selbst den empfindlichsten Nachtheil bereitet.

Verfiele eine Dame auf die sonderbare Idee, mehrere Stunden ihrer Nachtruhe zu opfern, um durch einsames Stricken sich stündlich drei Pfennige zu erwerben, so würde man sie möglicherweise immer noch auf ihre Zurechnungsfähigkeit zu prüfen haben, sie würde aber durch solches Thun wenigstens nicht Anderen zur Last fallen; die Gewohnheitsstrickerin denkt aber gar nicht daran, die Nacht um ihr Recht zu bringen; gerade bei den aktivsten Bethätigungen des Lebens; in geselligen Vereinigungen, beim Vorlesen und Lesen-Hören, sucht sie den Strickstrumpf hervor und beginnt das krampfartige Spiel mit den fünf Nadeln. Ich bin Zeuge sogenannter »Shakespeare-Abende« gewesen, an denen der unsterbliche Brite in vertheilten Rollen verarbeitet wurde, und mußte es erleben, daß die Julia, Lady Macbeth, Cleopatra oder Desdemona den Vortrag ihrer Partie unterbrach, um eine am Strickstrumpf verlorene Masche zu suchen und dann gelassen in der Lesung fortzufahren. Großer William! sicher hast du dich in deiner Stratforder Gruft vor Grimm oder Gelächter um- und umgedreht; aber du wirst mich freisprechen von jedem Antheil an der Versündigung gegen dich, denn du weißt es, daß ich an jenem stricknadelklappernden Kultus Deines Genius nicht theilgenommen und immer Heiserkeit oder Kopfschmerz vorgeschützt habe, um nicht mitlesen zu müssen! – Schon bei der bloßen Plauderei mit einer Dame ist mir der Strickstrumpf ein unerträglicher Zeuge; – wie kann ich mit Jemanden geistigen Fangball spielen, der mir nur die Hälfte seiner Aufmerksamkeit schenkt, die andere Hälfte aber dem »Abnehmen« an einer Fußlänge widmet?

In einer Theegesellschaft fragte mich eine strickende Dame, die mit den Grundbegriffen der Physik auf dem gespanntesten Fuße lebte, nach der Art und Weise, wie elektrisches Licht hergestellt würde; sie fragte dies so unbefangen, als ob es die einfachste Sache von der Welt wäre, einem unmathematischen Kopfe z. B. die Bewegung der Himmelskörper zu erklären. Ich war so gutmüthig, mich der wirklich nicht geringen Mühe zu unterziehen und der wißbegierigen Fragerin ein Gebäude der Belehrung zu errichten, zu welchem so gut wie alle nöthigen Grundlagen fehlten; einen Augenblick hörte sie mir in der That aufmerksam zu; dann fing sie an, die Lippen zu bewegen und unausgesetzt auf ihre Strickerei zu blicken, und ich begriff, daß der Strumpf bis unter die Waden gediehen und der Moment des »Abnehmens« gekommen war. Nur aus Selbstachtung setzte ich meine Erklärung fort und führte sie zu einem schnellen Ende. Ein Säugling hätte mich verstanden; der fragenden Dame war ich unverständlich geblieben; das Strickzeug hatte alle ihre geistige Fassungskraft verschlungen und dem Strumpfe zu Liebe hatte ich tauben Ohren gepredigt. »Also, es wird thatsächlich gar kein Gas zur elektrischen Beleuchtung gebraucht?« Diese Frage von schönen Lippen war die Quittung über den Empfang meiner Auseinandersetzung, und sie belehrte mich über den Grad von Aufmerksamkeit, den ein strickendes Fräulein oder Frauchen gelegentlich dem plaudernden Nachbar gönnt.

Man hat die entsetzliche Gewohnheit des Strickens entschuldigen wollen und den Strickstrumpf die Cigarre der Damen genannt. Gegen dieses Gleichniß muß ich auf das Entschiedenste Einspruch erheben; wer es zuerst anwandte, der hat weder den Strickstrumpf noch die Cigarre verstanden. Zum Rauchen gehört Phantasie, zum Stricken keine; die Cigarre erregt die Nerven und erhöht das Mittheilungsbedürfniß und die geistige Empfänglichkeit; der Strickstrumpf erschlafft die Nerven, chloroformirt das Gehirn und lähmt dadurch jede geistige Kraft. Taback und Strickzeug sind Antipoden; sie haben Nichts mit einander gemein, und ein Dutzend lebender Strickstrümpfe macht die beste Cigarre erlöschen.

Nicht möchte ich in den Verdacht gerathen, als ob ich grundsätzlich und ausnahmslos über jede Strickerin den Stab bräche; es giebt genug Frauen, die sich in jenen Lebensjahren befinden, welche uns nach des Psalmisten Ausspruch nicht gefallen; Kummer und Krankheit hat ihnen die geistige und leibliche Frische ausgezehrt, Schwerhörigkeit verbietet ihnen die Unterhaltung mit ihren Lieben, die schwindende Sehkraft erschwert das Lesen, – was bleibt für die armen und verlassenen Geschöpfe anderes übrig, als einen Strickstrumpf in die zitternde Hand zu nehmen und auf das wollene oder baumwollene Garn, das sich zu Maschen verschlingt, die Gedankenperlen aufzureihen, die das rückwärtsschauende Auge des Geistes im Ocean der Vergangenheit entdeckt? Solche Strickerinnen haben ein Recht auf ihre Arbeit, und zu jeder Masche wünsche ich ihnen Gottes Segen; sie wollen weder Geld ersparen noch verdienen, ihr Strickzeug stört keine Unterhaltung mehr, es macht mit seinen vielfach heruntergeglittenen Maschen und in seiner verschiedenen Dichtigkeit kaum den Anspruch auf einstige praktische Verwerthung, es ist vielmehr ein Symbol, ein rührendes Wahrzeichen, daß die runzelnbedeckten, alten Hände, die Zeitlebens so treu und sorgend gearbeitet haben, auch jetzt noch nicht feiern wollen, und daß die strickende Greisin sich bis zum letzten Athemzuge nützlich machen möchte. Ich besitze ein Paar so entstandene Strümpfe, nie habe ich es getragen, es ruht wie eine Reliquie im Schrein, der meine Leibwäsche birgt, aber wenn es einmal zufällig in meine Hand geräth, dann blicke ich mit Wehmuth auf die unregelmäßigen Maschen und erinnere mich der besten aller alten Mütterlein, die sich, fast staarblind, noch für das Wohl ihrer Lieben bemüht hat.

Doch nicht nur dem Alter, auch der Jugend sei das gelegentliche Anrecht auf den Strickstrumpf gelassen. Ich schlenderte neulich durch den sommerlich träumenden Wald, plötzlich hörte ich ein Knicken und Brechen im trockenen Gezweig des Weges, ich erwartete ein Reh oder ein anderes scheues Gethier des Waldes, da kam um eine Biegung des Fußpfades eine dralle Dorfdirne, die auf ihrem Haupte den lastenden Korb nach dem Markte zur Stadt trug, und während des marschähnlichen Schreitens an einem langen und weiten blauen Strumpfe gewissenhaft strickte. Das Antlitz der Strickerin war roth und gesund, und zeichnete sich durch die Abwesenheit jedes charakteristischen Ausdrucks aus; als sie ihre Augen aufschlug, nach mir herüberzublicken, und mir für einen Moment die wasserblauen, gedankenleeren Seelenspiegel zuwandte, da sagte ich mir: diese Dorfschöne strickt von Rechts wegen; selbst in dem poetischen Labyrinth des Waldes würden ihre Gedanken zu keinen Ausflügen verlockt werden, da sie keine Gedanken hat; ein Wesen, das mit dem Haupte materielle Lasten trägt, ist für das Strickzeug prädisponirt, und man muß jedes Geschöpf seiner Naturanlage gemäß leben lassen.

Man wird mich nach alledem keines Vorurtheils, keiner sogenannten Idiosynkrasie gegen das Strickzeug beschuldigen; wer sich für dasselbe geboren fühlt, der stricke in Gottes Namen ruhig weiter, und wer in seinen alten und vereinsamten Tagen nach dem Strickstrumpfe greift, um ein paar Touren herunter zu haspeln, wie man wohl in der Verzweiflung einer aufgedrungenen Unthätigkeit eine Karten-Patience legt, dem wünsche ich besten Erfolg und Freude an seinem Schaffen. Die gesunde, leistungsfähige, körperlich und geistig vollathmende Frau oder Jungfrau wird aber gut thun, wenn sie das Strickzeug aus dem Gesellschaftszimmer verbannt; eine Gesellschaft, in der es Jemanden gelüstet, zu stricken, muß so wenig bieten und selbst so unempfänglich sein, daß sie gar nicht werth ist, versammelt zu werden. Besonders aber lasse die gebildete Frau bei Kunstgenüssen aller Art das Strickzeug unberührt in der Tasche; wer einem Vorleser oder Deklamator oder Sänger lauscht und dabei – stricken kann, der stellt entweder den Vorleser, Deklamator, Sänger, oder sich selbst sehr tief; wer dem Vortrage eines Geigers, Pianisten oder Orgelspielers folgt und gleichzeitig mit Stricknadeln klappert, auf dessen Stirn haben die Musen keinen Kuß gedrückt, und wer bei den Seelenergüssen einer edlen Geselligkeit Maschen zählt, der stellt sich selbst das Zeugniß aus, daß er für diese Geselligkeit nicht paßt und inmitten zahlungsfähiger Geister insolvent ist. Besser als der Strickstrumpf ist noch eine geschmackvolle Stickerei; aber auch diese gehört in das Wohnzimmer und nicht in den Gesellschaftssaal, und auch vor der gefährlichen Sucht, die edle und so schnell dahin fliehende Zeit mit der Tändelei des Stickens zu vergeuden, können gebildete Damen nicht eindringlich genug gewarnt werden, auch die Stickerei ist nur ein Lückenbüßer für kränkelnde, zu einer gewissen Passivität genöthigte Frauen; die normale Frau wird sich höhere Ziele des Strebens stecken, denn das Feld, auf welchem die leistungsfähige Gattin und Mutter unausgesetzt schafft und ringt und kämpft und schließlich, wenn ihr Gott Gnade giebt, den Heldentod stirbt, ist das Haus und die Familie. Erhaltung einer gedeihlichen Ordnung im Hause, Sicherstellung gesunder Kost, Verbreitung eines schönen Scheins auch über die geringfügigsten Dinge einerseits, und andererseits Sorgfalt und Opferfreudigkeit bei der Erziehung von Kindern und Gesinde, mustergültige eigene Lebensführung, unermüdliche Aussaat des Edlen in die Geister und Herzen der Umgebung und jene innige Verschmelzung von Glauben und Vernunft, wie sie gerade in der schönen Weiblichkeit zur herrlichsten Darstellung gelangt, das sind die Aufgaben, welche die an Leib und Seele gesunde Frau so ausschließlich in Anspruch nehmen, daß für den beschäftigten Müßiggang des Strickens und Stickens niemals viel Zeit und Stimmung übrig bleiben wird.

Ob der Same, den diese Charakteristik des Strickstrumpfes birgt, hier und da auf fruchtbaren Boden fallen wird, die Götter allein wissen es; wer dem Autor beistimmt, der ist wohl schon von Hause aus kein Freund der fünf Nadeln, und wer entrüstet den Kopf schüttelt, der wird trotz dieses Steckbriefes ruhig weiter stricken; möge es der Strickerin wohl bekommen, ich werde kein Arg daran haben. Sollte aber das Auge einer Lehrerin des weiblichen Geschlechtes auf diese Zeilen fallen, so dürfte vielleicht dennoch meinem geringen Bemühen eine schöne und dankenswerthe Frucht reifen. Es giebt Töchterschulen, Pensionate, Erziehungs-Institute, in denen schon die sieben- und achtjährigen Mädchen mit Unterricht in weiblichen Handarbeiten gemißhandelt werden; ja, ich habe Schulen kennen gelernt, in denen wöchentlich an vier Nachmittagen den Kindern das Strickzeug in die widerstrebende Hand gezwängt wurde, damit die kleinen unruhigen, nach Luft und Freiheit dürstenden Geschöpfe still sitzen und stricken lernten. Das ist ein himmelschreiendes Unrecht an dem heranwachsenden, schon durch allerlei geistige Dressur und babylonischen Sprachwust bedrohten Geschlechte. Als ob die Aufgabe und das Heil einer Jungfrau im Strümpfestricken bestände! Weg mit dem entsetzlichen, gesundheitmordenden Strickstrumpfe aus den Schulen! Die so gewonnene Zeit mögen die kleinen Geschöpfe beim Ballspiel und Turnen besser verwerthen! Nicht daß ich den Werth nicht begriffe, den die Fähigkeit, einen zerrissenen Strumpf anstricken zu können, unter gewissen Verhältnissen für eine tüchtige Hausfrau haben kann, aber diese Fähigkeit läßt sich von den anstelligen Mädchen neben her erwerben, und wenn sie nur durch Schulzwang, stundenlanges Stillsitzen und körperliche Pein erkauft werden kann, dann wollen wir sie lieber preisgeben, und statt dessen gesunde, rothwangige Töchter mit klaren Augen und kräftig pulsirender Blutwelle erziehen. Das »Ewig-Weibliche« liegt nicht im Strickzeuge; der Strickstrumpf sichert weder das Glück des Hauses, noch das Heil der heranwachsenden Jugend.

 

Es war im zweiten Sommer nach dem Erscheinen dieses Büchleins, als mir ein Brief von zarter Damenhand zuging. Die Aufschrift enthielt nur meinen Schriftstellernamen, aber der findige Bote Stephans hatte den Adressaten richtig ermittelt. Mit dem bangen Vorgefühl, man möchte mich um ein Autogramm oder um Beurtheilung eines Romans aus weiblicher Feder bitten, öffnete ich das Schreiben, aber ich wurde aufs angenehmste enttäuscht, als ich die nachfolgenden Zeilen las, deren getreue Wiedergabe mir die liebenswürdige Schreiberin großmüthig verzeihen wird, da ich ja ihren Namen verschweige.

»Geehrter Herr Verfasser!

Mit lebhaftem Interesse lese ich Ihr »Für und über die deutschen Frauen«, komme jetzt aber an ein Kapitel, in dem Sie einem guten alten Freund von mir bitteres Unrecht thun. Sie wünschen ausdrücklich, daß Erzieherinnen die Stelle lesen. Darf eine solche auch darauf antworten? Sie sprechen von dem Strickstrumpf als einem »Zeitirrthum«. Er ist es gewiß, wenn jemand, der Besseres thun könnte, strickt, um zu sparen. Und lästig ist das Klappern der Stricknadeln, das übrigens gar nicht nöthig ist, da man mit vier Elfenbeinnadeln vollkommen geräuschlos stricken kann. Aber den Garaus dürfen Sie dem Strickstrumpf gewiß nicht machen. Glauben Sie mir, manche Frau wäre liebenswürdiger und tüchtiger, wenn der Strickstrumpf eine größere Rolle bei ihrer Erziehung gespielt hätte.

Die Kunstgewerbemuseen zeigen uns, zu welcher künstlerischen Vollendung in der Handarbeit die deutschen Frauen es gebracht haben; in den Heldensagen wird uns erzählt, wie sie mit leichter, sanfter Hand die Wunden verbanden; aber diese Hände hatten sich früh geübt; fünf- bis sechsjährige Mädchen lehrte man die Händchen geschickt gebrauchen, wohl wissend, daß nur durch frühe Uebung die Meisterschaft in aller Handarbeit erlangt werden kann. Das Stricken ist eine der leichtesten Arbeiten und entschieden die, welche die Augen am wenigsten angreift, und darum eine vorzügliche Uebung, um die plumpen Fingerchen zu gehorsamen und geschickten Unterthanen zu machen.

Haben Sie je beobachtet, mit welchem freudigen Stolz ein kleines Mädchen den ersten allein fertig gebrachten Strumpf betrachtet, und denken Sie nicht, daß mit dieser Freude am selbstständigen Schaffen viel für den Charakter gewonnen ist? Denn natürlich wird sich die Schaffenslust in dem Verhältniß, wie die geistige und körperliche Kraft wächst, auch immer höhere Ziele stecken. Verlangt man von einem kleinen Mädchen, daß sie täglich eine bestimmte Aufgabe im Stricken fertig bringt, so lernt sie sehr bald, um ihre Spielzeit möglichst auszudehnen, die sogenannten »verlorenen Minuten« benutzen und dadurch das große Geheimniß, viel in einem kurzen Tage fertig zu bringen. Keine Arbeit kann so leicht wie der Strickstrumpf, ohne verdorben zu werden, hergenommen und wieder fortgelegt werden und darum keine ihn ersetzen.

Gerührt hat es mich oft zu sehen, wie unermüdlich sich die kleinen Hände mit den Stricknadeln regen, wenn die Weihnachtszeit heran kommt. Die Puppen und der Schlitten draußen sehen sehr verlockend aus, aber die Kleine denkt an die Freude, die sie dem lieben Vater bereiten will, an seine Ueberraschung, wenn auf dem Weihnachtstisch eine Arbeit liegt, die sein fleißiges Töchterchen allein fertig gebracht hat, und entschlossen strickt sie eine nach der andern der Tausende von Maschen ab, die einen Strumpf bilden. Und je schwerer der Sieg über die Lust zum Spielen wird, desto herrlicher blühen im Herzen die Wunderblumen auf, die der schönste Schmuck eines Weibes sind: die opferfreudige Liebe und die Geduld.

>Meine Schülerin muß fleißig stricken und sie ist noch dazu eine Prinzessin, nicht um später selbstverfertigte Strümpfe zu tragen, sondern hauptsächlich, um die Zeit auskaufen zu lernen, damit sie neben den vielen geselligen Verpflichtungen, die ihre Stellung ihr auferlegt, Zeit findet, sich ihren Gaben entsprechend an den Bestrebungen in Kunst und Wissenschaft, für die, wills Gott, ihr Kopf und Herz stets weit offen sind, zu betheiligen und um sich zu gewöhnen, für die Armen, für die sie meistens strickt, nicht allein das zu geben, was sie nicht entbehrt, sondern wirkliche Opfer an Zeit und Mühe zu bringen.

Und nun noch eins: warum wollen Sie die Handarbeit ganz aus dem Salon verbannen? Wer Maschen zählt, statt auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung zu hören, der hat überhaupt weder das Interesse noch den Wunsch, sich weiter zu bilden und ist mit oder ohne Strickstrumpf ein hoffnungsloser Fall in dieser Beziehung. Aber als Lückenbüßerin scheint mir die Handarbeit eine wahre Wohlthat im Salon zu sein. Es plaudert sich weit gemüthlicher mit ihr, und nimmt die Unterhaltung eine ernstere Wendung, so daß die ganze Aufmerksamkeit und geistige Kraft in Anspruch genommen wird, dann hört man schon von selbst zu arbeiten auf.

Kennen Sie nicht das Gefühl der Verzweiflung über die nie wiederkehrende verlorene Zeit, das man hat, wenn man gezwungen ist, sich Stunden und Stunden mit Menschen zu unterhalten, mit denen man gar keine geistigen Berührungspunkte hat, und da wollen Sie uns noch den letzten Trost, die Handarbeit nehmen?

Verzeihen Sie, daß ich Sie noch dazu mit einer so langen Epistel bemühe; aber ich meine, man darf nicht zusehen, wenn einem alten Freunde Unrecht geschieht, sondern soll wenigstens versuchen, ihn zu vertheidigen. Und der Strickstrumpf ist ein sehr guter Freund von mir wie auch jede andere Art weiblicher Arbeit.

Mit vorzüglicher Hochachtung

N. N.«

Ich gestehe, dieser allerliebste Brief von der Hand einer wahrscheinlich ebenso allerliebsten Schreiberin machte lebhaften Eindruck auf mich. Ich las ihn noch einmal und ein drittes Mal, und faßte dann kurz den Entschluß, die Schreiberin selbst aufzusuchen und mich mit ihr über den Angeklagten, nämlich den Strickstrumpf, zu verständigen.

Schon am anderen Tage fuhr ich nach dem betreffenden Schlosse, in dem ich die mir noch Unbekannte zu suchen hatte. Ich fand eine liebenswürdige und intelligente junge Dame, die bei meinem Empfange ein wenig verlegen wurde, da sie sich, wie sie mir gestand, nun erst der ganzen Kühnheit ihres schriftlichen Vorgehens bewußt wurde. Ich beruhigte sie vollkommen und drückte ihr mit meinem Dank für die Freude, die mir ihr Schreiben gewährt hatte, meine Bereitwilligkeit aus, mich eines Besseren über den Strickstrumpf belehren zu lassen, vorausgesetzt, daß sie meinen Angriff desselben wirklich entkräften könnte. Nachdem wir nun längere Zeit unsere Ansichten ausgetauscht und gegenseitig zu berichtigen versucht hatten, kamen wir überein, daß meine, im vorliegenden Kapitel gegebene Charakteristik des Strickstrumpfes im Allgemeinen Gültigkeit behalten, aber in besonderen Fällen dem Strickstrumpf als Erziehungshelfer und als Lückenbüßer im geselligen Verkehr mit geistig öden Menschen seine Daseinsberechtigung nicht bestritten werden dürfte.

Gewissenhaft bringe ich dies Ergebniß den verehrungswürdigen Damen hier zur Kenntniß, und erweitert sich demnach das Gebiet, auf dem wir den Strickstrumpf leben lassen wollen, um ein Beträchtliches. Nicht nur in der Hand kleiner Mädchen, die Geduld und Fingerfertigkeit lernen sollen, nicht nur als Freund der Kranken oder Greisin, die sonst nichts Rechtes mehr beginnen kann, auch als Tröster der Frauen und Jungfrauen wollen wir ihn zu Zeiten und ausnahmsweise gelten lassen, wenn diese Frauen und Jungfrauen, angewidert oder ermüdet durch das substanzlose Geschwätz eitler Salongecken, ihre Langweile oder Ungeduld hinter der Beschäftigung mit den fünf langen Nadeln zu verbergen trachten. In allen übrigen Fällen aber bleibt der Strickstrumpf ein gefährlicher Freund des höher veranlagten Theiles des weiblichen Geschlechtes und wird nur in den Händen der niederen Weiblichkeit, die ohnehin kein geistiges Interesse hat, wesentlichen Schaden anzurichten nicht vermögen.

aus: Gerhard von Amyntor, Für und über die deutschen Frauen. Neue hypochondrische Plaudereien. Kapitel 17 (1883)

Zitat:

Die gesunde, leistungsfähige, körperlich und geistig vollathmende Frau oder Jungfrau wird aber gut thun, wenn sie das Strickzeug aus dem Gesellschaftszimmer verbannt; eine Gesellschaft, in der es Jemanden gelüstet, zu stricken, muß so wenig bieten und selbst so unempfänglich sein, daß sie gar nicht werth ist, versammelt zu werden.

Welch arme Haut! Das ist nichgt hypochondrisch, das ist misogyn.
Was treibt einen Mann an, solch eine Philippika zu verfaßen? Hat ihm seine Mutti Reißzwecken in die Strümpfe eingestrickt? Wenn solche Schwachmaten das Geistesleben prägen, bleibt den  Frauen nur Suffragette zu werden.

 

Emily Dickinson: Untitled

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Als kleine Zwischenpause:

Autumn—overlooked my Knitting—
Dyes—said He—have I—
Could disparage a Flamingo—
Show Me them—said I—

Cochineal—I chose—for deeming
It resemble Thee—
And the little Border—Dusker—
For resembling Me—

Emily Dickinson,  10.12.1830 – 15.05.1886, amerikanische Dichterin

Elias Canetti: Die Stimmen von Marrakesch

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Es ist erstaunlich, wieviel Würde diese Gegenstände so bekommen, die der Mensch gemacht hat. Sie sind nicht immer schön, mehr und mehr Gesindel von zweideutiger Herkunft schleicht sich ein, von Maschinen erzeugt, aus den Ländern des Nordens eingeführt. Aber die Art, wie sie sich präsentieren, ist immer noch die alte. Neben den Läden, wo nur verkauft wird, gibt es viele, vor denen man zusehen kann, wie die Gegenstände erzeugt werden. So ist man von Anfang an dabei. Und das stimmt den Betrachter heiter. Denn zur Verödung unseres modernen Lebens gehört es, daß wir alles fix und fertig ins Haus und zum Gebrauch bekommen, wie aus häßlichen Zauberapparaten. Hier aber kann man den Seiler eifrig bei seiner Arbeit sehen und neben ihm hängt der Vorrat fertiger Seile. In winzigen Gelassen drechseln Scharen von kleinen Jungen, sechs oder sieben von ihnen zugleich, an Holz herum, und junge Männer fügen aus den Teilen, die ihnen von den Knaben hergestellt werden, niedrige Tischchen zusammen. Die Wolle, deren leuchtende Farben man bewundert, wird vor einem selbst gefärbt und allerorts sitzen Knaben herum, die Mützen in hübschen und bunten Mustern stricken.

wie immer: für die Anzeige auf die Vorschaubilder klicken!

Es ist eine offene Tätigkeit, und was geschieht, zeigt sich, wie der fertige Gegenstand. In einer Gesellschaft, die so viel Verborgenes hat, die das Innere ihrer Häuser, Gestalt und Gesicht ihrer Frauen und selbst ihre Gotteshäuser vor Fremden eifersüchtig verbirgt, ist diese gesteigerte Offenheit dessen, was erzeugt und verkauft wird, doppelt anziehend.

Da möchte ich Herrn Canetti verzeihen, daß er die Technik, mit der die bunten Mützen hergestellt werden, falsch benennt.

Elias Canetti
Die Stimmen von Marrakesch | Aufzeichnungen nach einer Reise
Hanser 1967