Rückblick in Hausschuhen

es ist ja üblich, daß man am Jahresende zurückschaut. Also auch ich.
Das letzte Jahr hat mir sehr viel gebracht, aber auch viel gefordert.

Mein Engagement im Kunst- und Kulturrat Vorpommern-Greifswald wie auch bei LEADER-Gruppen, als Gast beim Landeskulturrat MV, das hat mir viele Einblicke in die Realität des vielgenannten ländlichen Raumes gebracht, was ich wohl treffender als bewußt abgehängten Raum bezeichne, wo die Bevölkerung von Windrädern umzingelt wird (5000 weitere allein in unserem Landkreis geplant!) und die Wirtschaftskraft aus dem Tourismus und der Massentier-Quälerei stammt.

Mein Ausgleich war das Stricken, das Studieren der verschiedenen Techniken und Traditionen, die Reisen und die Begegnungen. Meine Freude war die Übersetzung des lettischen Handschuh-Buches ins Deutsche.
Ich habe viele liebenswerte und interessante Menschen kennengelernt, Freundschaften begannen oder haben sich vertieft. Dafür bin ich dankbar.

Bahlsen Weinbrandtropfen, Ende der 50er Jahre

Ab und an stöbere ich in alten Photos und  in der Weinbrandtropfen-Dose (kennt noch jemand Bahlsens Weinbrandtropfen?) , die in meiner Schreibtischschublade lagert, bin ich fündig geworden.

Züttlingen im Winter 58

Ein arrangiertes Photo aus dem Winter 1958, in Züttlingen / Hohenlohe, ich wie immer auf  Photos meines Vaters in der zweiten Reihe, aber immerhin trage ich meine so mühsam erkämpft und erquängelte Kniebund-Lederhose (warum soll nur mein Bruder solch eine praktische Hose tragen?) und wir beide tragen die von Großmutter Müller gestrickten Pullunder. Meiner ist wie immer bei Großmutter Müller bescheidener ausgefallen als der meines Bruders, denn immerhin war mein Bruder ja der Stammhalter und deshalb hatte sie ihn auch lieber… (Original-Zitat Ende)

Ich kann mich noch an die Reaktion meiner Mutter erinnern: Für ein Photo jagst du die Kinder in Hausschuhen auf den Balkon???

Mühsames zufriedenes Leben

Dieser Wettbewerbsbeitrag zum Estnischen Dokumentarfilm-Festival  in Toronto, Kanada, gewann 2015 den ersten Preis und den Publikums-Preis. Wohlverdient!

EstDocs 2015 Short Film Competition
Jaak Kilmi, Aleksandr Heifets

Der Kaufmannsbus kommt

Der Kaufmannsbus kommt

Bei uns in Gribow kommt der Kaufmannsbus auch jeden Freitag vorbei…

 

Hypochondrie, Misogynie, Haß auf den Strickstrumpf

Ich habe seit meiner Teenager-Zeit viel geraucht, 23 Jahre lang, meistens französische Stengel (Gauloises, Gitanes), aber auch mal Pall Mall oder Kent. Nun denn, ich habs schon oft erzählt, als ich mal im Herbst die Lindenstraße sehen wollte und keine Kippen mehr hatte, es draußen aber regnete, habe ich einfach aufgehört damit. Tut mir gut.

Gestrickt habe ich seit meiner Teenager-Zeit auch. Ich kann mich aber nicht erinnern, daß ich gleichzeitig eine Zigarette und Stricknadeln einsetzte, oder beim Stricken eine Rauchpause einlegte (vielleicht auch umgekehrt: eine Strickpause beim Rauchen?) 

Magda Trott: PuckiNun, heute habe ich mal wieder ein wenig in Erinnerungen geschwelgt, mich an Bücher erinnert, die ich als Kind gelesen hatte und ich besaß die komplette Pucki-Reihe der Autorin Magda Trott. 
Heute weiß ich, daß diese Autorin eine Frauenrechtlerin war und diese Bücher, die noch das alte Frauenbild prägen sollten, Auftragsarbeiten waren.

Ich erinnere mich noch, wie sehr ich Puckis Verlobten und Ehemann gehaßt habe, was war das ein Pascha, der mit geheuchelter Güte seine Frau wie ein Kind behandelte und schuriegelte… aber genug davon, die alten Schinken sind in irgendeinem Karton auf dem Speicher untergebracht und der Kater paßt auf, daß nichts von Mäusen angefressen wird.

Wie komme ich nun zurück zur Zigarette? Nun, ich habe im Projekt Gutenberg in den dort vorhandenen Pucki-Büchern nach dem Wort „Stricken“ gesucht, aber nichts gefunden. Dafür aber einen Aufsatz eines Gerhard von Amyntor, der sich  mit Frauen, Rauchen und Stricken auf eine (heute betrachtet) originelle Weise beschäftigt. Dieser Mann, ein unbeschreiblich chauvinistischer Wichtigtuer, hat doch tatsächlich solch einen Stuß von sich gegeben:

Man hat die entsetzliche Gewohnheit des Strickens entschuldigen wollen und den Strickstrumpf die Cigarre der Damen genannt. Gegen dieses Gleichniß muß ich auf das Entschiedenste Einspruch erheben; wer es zuerst anwandte, der hat weder den Strickstrumpf noch die Cigarre verstanden.  Zum Rauchen gehört Phantasie, zum Stricken keine;  die Cigarre erregt die Nerven und erhöht das Mittheilungsbedürfniß und die geistige Empfänglichkeit; der Strickstrumpf erschlafft die Nerven, chloroformirt das Gehirn und lähmt dadurch jede geistige Kraft. Taback und Strickzeug sind Antipoden; sie haben Nichts mit einander gemein, und ein Dutzend lebender Strickstrümpfe macht die beste Cigarre erlöschen.

Was ein Unfug! Wer den ganzen Text lesen mag, hier bitte, aber nur verdeckt, ein Klick muß schon sein:

Ein gefährlicher Freund des weiblichen Geschlechts.

aus: Gerhard von Amyntor, Für und über die deutschen Frauen. Neue hypochondrische Plaudereien. Kapitel 17 (1883)

Zitat:

Die gesunde, leistungsfähige, körperlich und geistig vollathmende Frau oder Jungfrau wird aber gut thun, wenn sie das Strickzeug aus dem Gesellschaftszimmer verbannt; eine Gesellschaft, in der es Jemanden gelüstet, zu stricken, muß so wenig bieten und selbst so unempfänglich sein, daß sie gar nicht werth ist, versammelt zu werden.

Welch arme Haut! Das ist nichgt hypochondrisch, das ist misogyn.
Was treibt einen Mann an, solch eine Philippika zu verfaßen? Hat ihm seine Mutti Reißzwecken in die Strümpfe eingestrickt? Wenn solche Schwachmaten das Geistesleben prägen, bleibt den  Frauen nur Suffragette zu werden.

 

Nordmark-Jakka: Schwiegervaters Jacke

1971: DIe Schwiegervater-Jacke

1971: DIe Schwiegervater-Jacke

Ich habe ja vor kurzem die schöne norwegische Strickjacke vorgestellt, die ich als junges Mädchen tragen konnte. Niemand weiß wo diese Jacke geblieben ist, mein erster Mann kann sich leider nicht erinnern.

Ich habe die Nachforschung nicht aufgegeben und Annemor Sundbø angeschrieben, das Foto und den Link zu dem Video beigefügt. Vielleicht kann sie etwas zu der Jacke sagen?

Ganz schnell bekam ich von ihr Antwort. SIe schrieb mir, daß die Jacke „Nordmark-jacka“ hieße und die Anleitung aus einer Wochenzeitung, wohl aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, stamme. SIe habe einen solchen Sweater in ihrer Sammlung, im Fundus / ragpile der Lumpenmühle und dieser sei auch dokumentiert. Zu meiner Freude sandte sie mir dann ein Foto aus ihrem Archiv:

Aus Annemor Sundbøs Archiv

Aus Annemor Sundbøs Archiv

In ihrem Flickr-Photostream ist dieser Sweater auch zu finden. Wie ich ja aus dem Buch „Everyday Knitting: Treasures from a Rag Pile“ gelernt habe, wurden die Pullover und Jacken nicht strikt nach Anleitung gestrickt, vielmehr wurde mit den Mustern experimentiert und so entspricht „meine“ Jacke auch nicht in Allem dem Exemplar aus Annemor Sundbøs Fundus.

  • JackendetailMeine Jacke hat an den Ärmeln und am Körper insgesamt 3 Musterstreifen / Bordüren / border, der Pullover nur unterhalb des „Bild-Streifens“ und oberhalb des Bündchens.
  • Die Jacke hat keine „Läuse“ im Flächenmuster, der Pullover zeigt helle Dreiecke auf dunklem Grund.
  • Die Jacke zeigt dunkles Muster auf hellem Grund, beim Pullover ist es umgekehrt
  • Der Pullover hat einen andersfarbigen Bund, wahrscheinlich reichte das Dunkelblau nicht mehr.

K002-4-1Der blaue Sweater K002-4-1,  in Annemor Sundbøs Mappe rechts neben „meinem“ Modell, zeigt die gleiche Struktur, hier  ist aber ein anderes Tiermotiv, ein Hund und kein Rentier,  von der Passe auf die Ärmel gewandert. Auch dies ein Zeichen, wie gekonnt aus dem großen Muster-Vorrat geschöpft wurde.

Was bedeutet das alles für mich?

Ich habe, seit ich mich in letzter Zeit mit der Stricktradition beschäftige, viel gelernt und erfahren. Ich habe mir die Bücher von Annemor Sundbø besorgt und diese mit viel Freude durchstöbert. Dadurch erinnerte ich mich an die Jacke aus alter Zeit und begab mich auf die Suche. Wenn ich etwas wirklich wissen möchte, dann wende ich mich oft direkt an die Autoren, von denen ich annehme, daß sie mir weiterhelfen können. Und das hat mich auch dieses Mal weitergebracht.

Ich habe nun eine direkte Verbindung zu der Jacke meines Schwiegervaters, sie spielte eine Rolle in meinem Leben. Und jetzt auch eine Verbindung zu einem Pullover aus dem Fundus / RagPile von Annemor Sundbø. Aus dem allgemeinen Interesse an diesen Pullovern und Jacken ist ein persönliches Interesse geworden. Sundbøs Leistung und Beharrlichkeit hat auch für mich  ganz persönlich Bedeutung.

Nun sollte ich eigentlich beginnen und meine ganz persönliche Jacke stricken. Vorlagen und Anleitungen habe ich ja jetzt.

Nocheinmal die Links:

Vielen Dank, daß dieses Wissen nicht vergessen ist. VIelen Dank für den Fleiß und die Beharrlichkeit, Annemor Sundbø!

Schwiegervaters Jacke aus Norwegen

Nach dem Abitur 1971 bot mir mein Vater an, mir entweder den Führerschein oder eine Reise zu finanzieren.

Ich entschied mich für eine Reise mit meinem Freund, 14 Tage auf die Insel Rab. Das war unsere erste Reise, später waren wir länger unterwegs.

Den Führerschein habe ich immer noch nicht, den Freund (und späteren Ehemann) schon lange nicht mehr ;=)

1971: DIe Schwiegervater-Jacke

1971: DIe Schwiegervater-Jacke

Auf der Rückreise von der Insel zum Festland trug ich eine Strickjacke, die seinerzeit der Vater meines Freundes aus dem Krieg mitgebracht hatte. Der Schwiegervater war als Soldat in Norwegen stationiert gewesen.  Man kann also zurückrechnen, daß damals die Jacke um die 30 Jahre alt war. Dann hätte sie heute ein Alter von 70 Jahren, ob es sie noch gibt? Ich habe mal beim Ex nachgefragt.
Diese Jacke haben wir beide lange getragen, ein wunderbares Stück aus einer sehr haltbaren Wolle.

Hier noch ein kleiner Video-Ausschnitt aus dem Super-8-Film von damals (lausige Tonqualität, aber ich kann das nicht besser).

Ich finde an der Jacke so interessant, daß sie mit solch dicker Wolle gestrickt ist. Unter den mir bekannten Anleitungen habe ich bisher noch keine solche Norwegerjacke aus solch dickem Garn entdeckt.