In Riga und im Nationalen Kunstmuseum

Als ich die Reise plante, den Flug und Hotel buchte, hatte ich gar kein festes Programm für diese Tage in Riga im Kopf. Nur eine Liste was ich tun möchte, sehen möchte, speisen möchte, lesen möchte… und wie immer: ein Tag fügt sich an den anderen und jeder Tag bringt interessante Begegnungen, intensive Gespräche und Erlebnisse.

Über die Anreise brauche ich nicht viel zu sagen, der kleine Leihwagen stand bereit und nach etlichem Rätseln und Blättern in der nur lettisch-sprachigen Betriebsanleitung des nagelneuen Klein-Japaners fand ich dann doch heraus, wie ein Automatik-Gefährt zu starten ist. Meine Lettisch-Kenntnisse sind limitiert, mehr passiv als aktiv, aber Bremze verstand ich und die entsprechenden Comic-Zeichnungen dazu auch.. Also ging es los.

Immer schon hatte ich vorgehabt, das Lettische Nationale Kunstmuseum zu besuchen, viel hatte ich gehört, wie schön es sei nach der grundlegenden Renovierung 2016, wie interessant die Ausstellungen dort, und an einem grauen Sonntagmorgen ist ja ein Museumsbesuch immer geraten..

wie immer: auf die Bilder klicken

Das Nationale Kunstmuseum in einem prachtvollen Bau zeigt Kunst vom 19. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts und spiegelt in seinen Sammlungen die lettische Geschichte, nicht nur die Kunstgeschichte: die baltisch-deutschen Maler, die Italiensehnsucht, die Maler der Petersburger Schule, der Akademismus, klassische Moderne, Russische Avantgarde, sozialistischer Realismus und Dissidenz … das sind nur Stichworte, die respektable Sammlung mit rund 500 Werken ist eindrucksvoll und zeigt wie sehr Lettland sich immer im Strom der Zeit befand, wie europäisch geprägt der Lettische Kulturelle Kanon ist.

Das Museum ist auch virtuell erreichbar: das Google Cultural Institute präsentiert 360 Werke aus dem Bestand des Museums online und stellt sie damit der Welt zur Verfügung.

Die temporäre Ausstellung über Künstler-Schmuck, „Von Picasso bis Koons“, wurde im Kuppelsaal auf originelle Weise präsentiert. Wertvollste Schmuckstücke, mit Packpapier und Gurtstraffern umgeben.

Meine Favoriten? Werke aus verschiedenen Epochen: von Janis Rozentāls, Miervaldis Polis und Janis Tidemans, die ich nachstehend hier einbinde.

Janis Rozentals: Ganu meitas dziesma | Lied der Schäferin, 1898
das einzige Gemälde im Museum, auf dem eine Strickerin zu sehen ist.

Janis Tidemanis: Meitene tautas tērpā | Mädchen in Tracht, 1930

Miervaldis Polis: Sapņojums | Tagtraum, 1982

Polis gilt als einer der wichtigen Vertreter des Photorealismus und hier hat er auf altmeisterliche Art ein Porträt gestaltet, welches auf verblüffende Weise der estnischen Textildesignerin Kristie Joeste ähnelt…

Die Berichte über den Ausflug an die Küste, den Besuch im Ritums-Zentrum und die Fahrt nach Cesis folgen in den nächsten Tagen!

Und noch einmal nach Riga (und Cesis)

Die wirklich letzte Reise dieses Jahr, wenn ich von dem geplanten Aufenthalt in Hamburg kurz vor Weihnachten absehe, geht noch einmal nach Riga.

Ich habe dies als Ferienreise geplant, also Museen besuchen, herumstromern, im Café sitzen, Treffen mit Freunden, auch ein Gang über den Weihnachtsmarkt… und dann konkretisiert sich auf einmal das Programm.

Endlich das Nationale Kunstmuseum besuchen, im Zentrum Ritums die aktuelle Ausstellung „Svetki“  bewundern (gerade mal 10 Schritte von Sena Klets entfernt, an der nächsten Ecke), nach Büchern stöbern, und an einem Tag fahren wir auch nach VIdzeme, nach Cesis, und treffen dort Jana, die gute Seele von Klintawolle.

Das alles dient der Freude und der Vorbereitung einer Veranstaltungsreihe, über die ich noch nichts verlauten lasse.

 

Und noch was:

Die Anmeldung zum Craft Camp 2018 in Olustvere  / Estland ist nun möglich (und empfehlenswert, denn Frühbucher können etwas sparen).

Die Anmeldung geht in 2 Schritten voran, die Links dazu sind etwas versteckt unten auf der „About“-Seite zu finden;

in Step 1 gibt man seine persönlichen Daten ein, mit Step 2 trifft man die Auswahl für Workshops und Ausflug,

Verschlungene Wege

Eesti rahvapärane taimornament tikandis

Das Pflanzenornament in der estnischen volkstümlichen Stickerei

Elle Vunder
Tallinna Raamatutrükikoda, Tellimise nr. 230
© „Kunst“ 1991
ISBN: 5899200170
Seiten: 160

Dieses Buch ist mir „zugeflogen“, Susanne, eine Leserin der Wockensolle und auch bei Ravelry, hat dieses Buch auf einem Flohmarkt gefunden und konnte es nicht liegenlassen.

Dann hat sie sich aber entschieden, sich doch auf Strickbücher zu konzentrieren und hatte eine wunderbare Idee: sie fragte mich ob ich das Buch haben wolle…

Natürlich!

Und so kam dieses schöne alte Buch bei mir an, noch dazu mit einem Paar dünner Stricknadeln, die Susanne nicht brauchte.

Nachstehend eine Galerie zu diesem Buch:

Und wie immer: Auf die Vorschaubilder klicken, um die Galerie zu laden!

Dieses Buch stammt aus dem Jahre 1991 und zu dieser Zeit war es noch üblich, daß volkskundliche, also wissenschaftliche Bücher, eine Zusammenfassung in deutscher und in russischer Sprache enthielten. Leider ist das heute wohl oft zu teuer geworden…

Aus der Zusammenfassung im Anhang des Buches:

Die farbenfrohe Pflanzenornamentstickerei bildet in der estnischen Volkskunst einen Abschnitt für sich. Auf die ethnische Herkunft hinweisend, widerspiegelt das Ornament besonders deutlich sowohl die Beständigkeit als auch die Wandelbarkeit der Volkskunst, deren Entwicklungsstufen, Kulturbeziehungen, lokale Vielfältigkeit, Geschmack und Können der Meister. Das verhältnismäßig spätere Auftauchen vom Pflanzenornament (verglichen mit dem eine scheinbar statische und stärker traditionsbetonte Struktur enthaltenden geometrischen Ornament) und seine deutliche Verbindung mit den professionellen Kunststilen heben insbesondere die zeitliche Labilität dieses Ornaments und dessen Modifizierungsfähigkeit hervor. Dies seinerseits ermöglicht es wieder, die Gesetzmäßigkeiten und Schaffensprozesse bei der Gestaltung des volkstümlichen Ornaments zu verfolgen. Eben unter allen diesen Aspekten werden im vorliegenden Buch die Pflanzenorrıamentstickereien auf estnischen volkstümlichen Trachten, Teppichen und lnterieurtextilien betrachtet. Hinsichtlichdessen hat die Autorin alle interessebietende ethnographische Gegenstände in den Museumssammlungen ganz Estlands, im Ethnographiemuseum der Völker der UdSSR, im St. Petersburger Staatlichen Russischen Museum analysiert. Viel Material wurde in Museumsarchiven und während der ländlichen Expeditionen in Estland gewonnen. Bei der Arbeit wurde im großen Umfang vergleichendes kunstgeschichtliches und die Volkskunst der Nachbarvölker behandelndes Material hinzugezogen. In diesem vergleichend-geschichtlichen und gebrauchsgegenstandforschenden Werk werden Volkskunstgegenstände als Gegenstände der angewandten Kunst betrachtet, deren geschichtliche Entwicklung sowohl mit den allgemeinen Kunststilen als auch lokalen Ethnokulturprozessen eng verbunden ist.

Ich freue mich sehr über dieses Buch, genieße die Schönheit der vorgestellten Arbeiten und habe natürlich auch eine kleine Gegen-Gabe für Susanne aus Tallinn mitgebracht.

Danke!

Strickmuster und tanzende Schönheiten

In den letzten Tagen war ich immer noch mit den Gedanken in Tallinn und genoß die Erinnerungen  an die vielen schönen Treffen dort.
Ich habe aber auch ein Versprechen eingelöst, das ich beim „Let’s Knit Muhu„-Knitalong bei Ravelry gegeben hatte: nämlich die Preise für die Gewinnerinnen zusammenzustellen und zu versenden.

Ich hatte ja einige schöne Dinge zusammentragen können: allerdünnste Stricknadeln, Projektbeutel, Wörterbücher… ich denke die Gewinnerinnen werden sich freuen. Jetzt habe ich noch ein kleines Wollpaket zu versenden, aber das ist eine andere / nächste Geschichte,

In den letzten Wochen habe ich einige der Strickmuster, die wir beim „Let’s Knit in Kurzeme“-Workshop lernen konnten, in Strickschriften umgesetzt, dazu habe ich ja das tolle Programm „Knitting Chart Editor“. Das ist eine gute Übung für mich.

Aber ein Muster hat nicht nur mich verdutzt: Rucava Nested Brioche war eine der Aufgaben, aber so richtig verstanden hat es wohl niemand. Also habe ich mich etwas vertieft und es zusammen mit Lizzy als „Twocoloured Honeycomb-Brioche knitted in the round“ / „rundgestricktes zweifarbiges Netzpatent“  identifiziert. Brioche ist ja das neue Patent… könnte ich in Abwandlung eines gern wiederholten Slogans sagen, und Patent und Halbpatent habe ich in der Schule gelernt, aber nicht dieses Netzpatent.

Langsam habe ich mich herangetastet an das Neuland, habe erstmal einfarbig flach, dann einfarbig in der Runde gestrickt und dann die ersten Versuche mit 2 Farben. Und da beginnt die Rätselei. Der erste Versuch, mit 2 Farben in der Runde zu stricken hat zwar funktioniert, es entsteht aber ein gestreiftes Strickstück und keines, bei dem auf einem dunklen Hintergrund eine hellere Vordergrundfarbe sitzt.

Nancy Marchant, die Queen of Brioche, hat auf ihrer Webseite ein flachgestricktes zweifarbiges Muster erklärt, nun werde ich dieses heute mal stricken und dann schauen wie ich es rundmache

Rucava Honeycomb Brioche

Und als Einleitung ins Wochenende hier noch ein Schlußtänzchen nach überstandenem Mardilaat:

Annika und Liina von Etnowerk tanzen, das Video ist auf ihrer Facebook-Seite zu sehen. Ja, sie haben wirklich Energie und Freude!

Zurück aus Tallinn, glücklich, müde

Ausgefüllte Tage waren das, donnerstag nach Tallinn geflogen, am Freitag auf dem Mardilaat und im Rahva Raamat – Buchladen, am Samstag bei Karnaluks und wieder auf dem Mardilaat und am Sonntag gemächlich zurückgeflogen – aber müde macht es schon! Wir haben viele Freunde getroffen, und viel erlebt.

Das fing gleich mit einem Komplett-Stromausfall bei unserer Ankunft im Hotel an, mit einem Abendessen im Dunkeln, naja, es gab nur kalte Küche – Schinken-Käse- und Zimtschnecken… aber da Simone auch im Economy-Hotel abgestiegen war, ging uns der Gesprächsstoff und Spaß nicht aus. Am Morgen dann trafen wir Maja und ihren Mann beim Frühstück, und auf der Messe war es nur noch ein einziges Hallo! Aus Lettland, aus Litauen, aus der Schweiz, aus Estland, Teilnehmerinnen und Lehrerinnen der Knitting Camps in Lettland und dem Craft Camp…  diese Kunsthandwerksmesse ist schon etwas ganz Besonderes.

 

Ich habe mich schon vor der Reise auf den Seiten der estnischen Buchhandlungen umgeschaut und eine Bestellung bei Rahva Raamat aufgegeben, die Filiale dieser größten Buchhandelskette Estlands im EInkaufszentrum Rocca al Mare hatte dann auch alle meine bestellten Bücher für mich bereitgelegt. Ich will noch nicht zuviel verraten, aber ich hatte nicht nur für mich Bücher bestellt…

Ganz besonders ersehnt und erwartet und deshalb habe ich es auch für eine Freundin mitgebracht: die Neuauflage des Klassikers „Kihnu Roosi Kindakirjad. Mitten Patterns From Kihnu Island„,  dieses Buch war ja nicht mehr zu bekommen.

Und noch ein tolles neues Buch: Das grosse Buch der estnischen Kopfbedeckungen,  „Suur Mütsiraamat. Eesti Kihelkondade Peakatted„, Lustigerweise übersetzt der Google-Translator diesen Titel mit „Großes Jagdbuch. Sitz der estnischen Pfarreien

Ein gemeinsames Abendessen mit lieben Freunden ist inzwischen eine von mir gepflegte Tradition bei solchen Ereignissen und in Tallinn lade ich dann gerne in das Restaurant „F-Hoone“ ein. So auch diesmal. Ein langer Tisch war nötig, und es wurde auf englisch, lettisch und estnisch parliert.

Eine ganz besondere Freude war, daß Kaidi-Kätlyn und Nele Laos dabei waren, Nele, die die ersten Craft Camps der Cultural Academy organisiert hatte und Kaidi-Kätlyn, die beim Kurzeme-Knitting-Camp dabei war und mich immer wieder mit Geschenken überrascht. Lieben Dank, Kaidi!

Am Samstagmorgen stand der Besuch bei Karnaluks, dem riesigen Kurzwarenmagazin, auf dem Programm und ich war baff. Ein Reisebus stand vor dem Haus und geschätzte hundert Finninnen standen Schlange an der Kasse! Wieder einmal die Bestätigung, daß schon allein dieses Geschäft eine Reise nach Tallinn lohnt. Aber ich habe mich diesmal zurückgehalten, kein Kaufrausch, nur ein paar Stricknadeln..

Zum Schluß dieses Beitrags noch einige Bilder, mehr von meiner Reise in den nächsten Beiträgen!

Auf zum Mardilaat / Martinsmarkt!

Und morgen geht es zum Mardilaat-Markt nach Tallinn! Zum ersten Mal sogar mit einem Direktflug von Berlin, es wird also immer bequemer..

Wir reisen zwar nur für kurze 3 Tage, aber davon verbringen wir 2 Tage auf der Messe, dann hole ich vorbestellte Bücher im Buchladen von RahvaRaamat ab, schaue vielleicht wieder bei Karnaluks vorbei und am Freitagabend  gibt es ein großes Treffen im Restaurant F-Hoone, mit Strickerinnen aus Estland, Lettland, der Schweiz… und ein wenig Arbeit wird es neben dem großen Vergnügen auch, denn ich werde einige Vorbesprechungen führen für ein großes Projekt im nächsten April.. aber davon verrate ich jetzt noch nichts.

Ich wollte noch ein paar Handschuhe vor der Reise fertigstricken, das habe ich aber nicht ganz geschafft, ich habe zu kleine Nadeln genommen und die Handschuhe wurden zu eng (so geschieht es halt mal, wenn man partout eine Anleitung in Größe „S“ für Hände in Größe „M“ strickt), Aber das macht nichts, so habe ich nocheinmal über die Farben nachgedacht und statt „Rot auf Weiß“  wird es jetzt „Purpur auf Weiß“, purpur ist sowieso im Moment meine Lieblingsfarbe.

Also fahre ich nicht mit den neuen Handschuhen nach Tallinn, aber ich nehme auf jeden Fall meine Muhu-Mütze mit und vielleicht spaziere ich damit auch in den Muhu-Brotladen im Markt am Baltischen Bahnhof…

Vorfreude!